No Time to Die (2021)

26. Oktober 2021 at 18:18

 

© MGM/Universal Pictures

 

 

 

The function of man is to live, not to exist. I shall not waste my days in trying to prolong them. I shall use my time.

 

So also endet die Ära Daniel Craig. Laut, mit einem Knall, aber dennoch seltsam kraftlos. Die übergeordnete erzählerische Struktur, der aufgezwungene rote Faden, das hat für mich bei Spectre und Blofeld schon nicht funktioniert. Plötzlich soll alles miteinander verflochten sein, koste es, was es wolle. Bloß ergibt sich einfach kein rundes Gesamtbild und stattdessen hakt es an allen Ecken und Enden. Irgendwie will hier nichts für mich so richtig zusammen passen. Dabei finde ich Bonds Entwicklung vom stumpfen Killer im Auftrag seiner Regierung angefangen mit dem bis heute grandiosen und wegweisenden Casino Royal bis hin zu etwas emotionaler Tiefe und psychologischem Gespür für die Figur vor allem in Skyfall überaus spannend.

 

Mit einer Laufzeit von rund 163 Minuten ist No Time to Die allerdings zu lang geraten und ist vor allem im Mittelteil erstaunlich ereignislos. Überhaupt ist hier Action eher rar gesät und Daniel Craig wirkt müde. Die großen Actionszenen kennt man mehr oder weniger aus den Trailern, ansonsten mangelt es nicht selten an Zug und Druck und vieles wirkt generisch. Allein die etwa 20 minütige Sequenz auf Kuba rund um Ana de Armas vermag wirklich zu unterhalten. Dazu bietet das Drehbuch, das durch viele Hände ging, den einen oder anderen Nebenplot ohne nennenswerte Relevanz für die eigentliche Story. Gleiches gilt für so manche Nebenfigur, deren Handlungen zu nichts beitragen und ohne Konsequenzen bleiben. Außer so manchem Fanservice-Moment bleibt da nicht viel. Hier stellt sich mir auch die Frage, warum man Phoebe Waller-Bridge (Fleabag, Killing Eve) unbedingt noch hinzuziehen wollte, merkt man von ihren bisherigen Arbeiten im fertigen Film letzten Endes gar nichts.

 

Überhaupt wird in No Time to Die auf der erzählerischen Ebene vieles nur behauptet und nicht wirklich glaubwürdig ausgespielt. Die Beziehung zwischen Bond und Swann? Konnte mich emotional so gar nicht abholen. Alles nur Behauptung, da ist nichts unterfüttert. Da wirkt der finale Akt mit all seinen Wendungen aus dem Nichts und seiner aufgesetzten Gravitas beinahe schon komisch. Handwerklich ist das alles erwartungsgemäß Spitzenklasse, aber inhaltlich, erzählerisch und vor allem auf der emotionalen Ebene ist mir das alles viel zu dünn. Nicht so unerträglich wie Quantum of Solace, aber auch weit weg von Skyfall und besonders von Casino Royale.

 

5/10

 

 

Beasts of No Nation

22. Oktober 2015 at 19:19

 

 

 

Beasts of No Nation (2015)
Beasts of No Nation poster Rating: 6.8/10 (947 votes)
Director: Cary Joji Fukunaga
Writer: Cary Joji Fukunaga (screenplay), Uzodinma Iweala (based on the novel by)
Stars: Abraham Attah, Emmanuel Affadzi, Ricky Adelayitor, Andrew Adote
Runtime: 137 min
Rated: N/A
Genre: Drama, War
Released: 16 Oct 2015
Plot: A drama based on the experiences of Agu, a child soldier fighting in the civil war of an unnamed African country.

 

 

 

„Bullet is just eating everything, leaves, trees, ground, person. Eating them. Just making person to bleed everywhere. We are just like wild animals now, with no place to be going. Sun, why are you shining at this world? I am wanting to catch you in my hands, to squeeze you until you can not shine no more. That way, everything is always dark and nobody’s ever having to see all the terrible things that are happening here.“

 

 

 

Beasts of No Nation erzählt die Geschichte des kleinen Agu, dessen Familie in einem nicht näher benannten Land irgendwo in Afrika von Soldaten der Regierung ermordet wird. Ihm gelingt zwar die Flucht, jedoch gerät er in die Fänge der Rebellenarmee und wird zu einem von vielen Kindersoldaten ausgebildet, um fortan für diese in einen gnadenlosen Krieg zu ziehen…

 

Das also ist der erste von Netflix selbst produzierte Spielfilm. Ist das von Bedeutung? Vielleicht, das wird sich im Laufe der Zeit noch zeigen. Die Sehgewohnheiten in puncto Fernsehunterhaltung zumindest hat der Streaming-Dienst mit seinen selbst produzierten Serien wie House of Cards, Orange is the New Black und neuerdings auch Marvel´s Daredevil und Narcos bereits revolutioniert und jetzt wird das Kino ins Visier genommen. Ob das gut ist? Nun, das gehört an anderer Stelle diskutiert, aber unabhängig davon ist es in jedem Fall ein wichtiges Thema und Beasts of No Nation ein wichtiger Film, der so manches grundlegend ändern könnte. Ganz nebenbei ist es sogar ein sehr guter Film geworden. Hinter der Kamera nimmt Cary Fukunaga Platz, der ja bereits die großartige erste Staffel der HBO-Serie True Detective überragend zu inszenieren wusste, und für eine tragende Rolle konnte der Brite Idris Elba gewonnen werden, der hier enorm einnehmend spielt und bereits sein erster Auftritt ist von großer Präsenz geprägt, was in zur Idealbesetzung des Kommandanten macht. Der eigentliche Star aber ist der etwa 14 Jahre alte Abraham Attah aus Ghana in seiner Rolle als Kindersoldat Agu. Dieser Junge hat vorher noch nie in seinem Leben eine Kamera gesehen und liefert eine Leistung, die einfach nur atemberaubend ist und erschütternd, so viel Glaubwürdigkeit versprüht der Ghanaer.

 

 

 

„Do not forget you are a soldier. Your most important duty is obedience. Your first duty is obedience. Your second duty is obedience. Your third duty is obedience. Everything is obedience. Without obedience, you have nothing!“

 

 

 

Fukunaga nimmt sich zunächst viel Zeit und führt den Zuschauer ganz behutsam in die Welt des kleinen Agu, zeigt uns sein Leben im Dorf, seine Familie, seine Freunde, zeigt ihn in der Schule, in der Kirche, beim Spielen. Bis sich die Ereignisse überschlagen und Agu seine Familie verliert, vergeht einiges an Zeit, und das ist gut so und wichtig, um diese Welt zu verstehen, in welcher der Junge lebt, und was er verliert, wenn die Soldaten sein Dorf einnehmen und er fliehen muss. Überschlagen sich die Ereignisse erst einmal, gewinnt der Handlungsbogen auch ordentlich an Tempo, und Fukunaga gelingt das Kunststück, einen schonungslosen und bisweilen geradezu radikalen Film zu inszenieren, obwohl er seinen Blick oft vom Geschehen abwendet. Seine Bilder sind niemals plakativ, niemals biedern sie sich an und allzu explizite Gewalt sucht man hier vergebens, was Beasts of No Nation aber keineswegs weniger erschütternd wirken lässt. Ganz im Gegenteil, gerade weil die Kamera nicht alles zeigt, aber dennoch immer ganz nah an den Ereignissen verharrt, fällt es schwer Distanz aufzubauen. Zudem ist der Film zu keiner Sekunde moralisierend oder gar belehrend, er fällt kein Urteil, sondern zeigt lieber ganz konsequent nur eine Seite auf und fokussiert sich völlig auf die Kindersoldaten. Dem Sog der Ereignisse kann sich der Zuschauer nur ebenso schwer entziehen wie Agu selbst, es scheint kein Entkommen zu geben, schlimmer noch: es stellt sich nach anfänglichem Schrecken gar nicht mehr das Verlangen danach ein, so mitreißend ist seine neue Familie, so groß der Halt, den sie ihm gibt. Seine kindlichen Kameraden sind seine Brüder, der Kommandant ihr Vater und manchmal sogar noch mehr als das.

 

Beasts of No Nation ist ein starker Film geworden und ein wichtiger dazu, der zwar manchmal seine Längen hat, welche die packende und gelegentlich erdrückende Atmosphäre sowie die exzellenten Leistungen der beiden Hauptdarsteller aber mühelos überstrahlen. Ein fesselndes Drama über verlorene Unschuld und Kinder, die viel zu schnell erwachsen werden müssen, über Missbrauch und Ohnmacht, eines, das den mahnenden Zeigefinger dort lässt, wo er hingehört. Sich diesem Thema in seinem ersten selbst produzierten Spielfilm anzunehmen, ist durchaus als mutig anzusehen von Netflix, eine sichere Bank ist ein solch moralisch ambivalentes und komplexes Thema sicher nicht. Zwar ist das Ende ein klein wenig versöhnlich und zeigt zumindest einen Hauch von Hoffnung, aber dennoch ist völlig klar, dass Agu nie wieder unbeschwert, nie wieder Kind wird sein können. Wer kann, der sollte Beasts of No Nation unbedingt auf Englisch schauen, idealerweise mit deutschem Untertitel, denn durch die Synchronisation geht doch viel der eindringlichen Atmosphäre verloren.

 

8 von 10 verlorenen Seelen