The Sacrament (2013)

8. September 2018 at 15:22

 

 

© Magnolia Pictures/Quelle: IMDb

 

 

We were doing something great down here. We were gonna change the world. This was only the beginning. Why couldn’t you leave us alone? What harm were we doing down here?“

 

 

Als der Fotograf Patrick per Brief eine Einladung seiner Schwester Caroline erhält, sie doch in der religiösen Kommune namens Eden Parish zu besuchen, in welcher sie nun lebt, da macht er sich mit einem kleinen Kamerateam auf den Weg, um diese Reise zu dokumentieren. Die Menschen dort scheinen auch zufrieden und glücklich zu sein mit ihrem einfachen Leben unter der Führung des von allen nur Vater genannten Oberhauptes, doch nach und nach beschleicht die Reporter das Gefühl, dass vielleicht jedes Mitglied der Kommune auch unbedingt freiwillig dort ist.

 

The Sacrament von Ti West hab ich nun lange vor mir hergeschoben, weil ich mit dem ganzen Found-Footage-Kram herzlich wenig anfangen kann. Aber um den vollständig zu ignorieren, dafür ist West zu gut in dem, was er tut. Und letztlich ist The Sacrament dann auch höchstens im weitesten Sinne Found-Footage, denn die Kamera ist hier deutlich weniger erzählerisches Gimmick und vielmehr gewöhnliche Requisite, deren Anwesenheit allein durch den erzählerischen Kontext erfordert wird. Das macht tatsächlich zur Abwechslung mal richtig Sinn, zu mal Ti West das wesentlich weniger in den Fokus rückt als vielleicht manch anderer Regisseur und sich The Sacrament über weite Strecken als „normaler“ Film entfaltet. Die kleinen Unterschiede im Umgang mit dieser spezifischen Ästhetik fangen schon damit an, dass der Film nicht vorgibt, ein Amateurvideo zu sein, sondern eine Reportage für das Vice-Magazin. Im Gegensatz zu verwandten Filmen, die mit unscharfen und verwackelten Bildern ständig ihre vermeintliche Authentizität versichern zu versuchen, hat man es hier eben nicht nur mit professionelleren Kameras zu tun, sondern auch mit Leuten, die etwas von dieser Arbeit verstehen.

 

Auch wenn The Sacrament also nach genre-üblichen Regeln der Authentifizierung zumindest so tut, als schildere er ein reales Ereignis, so bezieht er sich doch relativ eindeutig auf das nun mehr beinahe vierzig Jahre zurückliegende Jonestown-Massaker – einem Massensuizid bei dem im Nordwesten Guyanas 1978 über 900 Menschen ums Leben kamen. West jedoch verlegt alles in die Gegenwart, verzichtet auf das eine oder andere Element der wahren Geschichte und hält sich dennoch ziemlich eng an die damaligen Ereignisse. So mutet The Sacrament dann auch vielmehr einem nüchternen Protokoll jener schrecklichen Ereignisse an, als deren reißerischem Ausschlachten. Und seine Wirkung verfehlt West nun wahrlich nicht. Da ist etwas in seiner Darstellung der Vorgänge innerhalb der Sektenkolonie namens Eden Parish, in der Zeichnung des von allen nur Vater genannten Charles Anderson Reed und vor allem in dieser zwar allgegenwärtigen, aber niemals so ganz greifbaren, seltsam unwirklichen und doch unterschwellig bedrohlichen Atmosphäre an diesem Ort, das mir unweigerlich unter die Haut kroch und fortwährend für Gänsehaut sorgte.

 

Am Ende bleibt dieses schreckliche Mysterium bestehen und The Sacrament ist kaum mehr als das, was wir sehen und dennoch nicht begreifen können: da bringen sich hunderte Menschen ohne erkennbare Not in blinder Bereitschaft und Ergebenheit einfach nur deswegen um, weil sie den Worten ihres Führers ungebrochenen Glauben schenken. Ein Mann, der keine teuflischen Ziele verfolgt, sondern ebenfalls an all das zutiefst glaubt. Und diese Ungeheuerlichkeit steht in Ti Wests Film einfach so da, ganz ohne Antworten, ganz ohne große Erklärung, nüchtern, erschreckend, unbegreiflich. Der wirkungsvollste Horror ist oftmals der, welcher vordergründig banal erscheint und dennoch tiefste, schwärzeste Abgründe zu offenbaren vermag. Zurück bleiben hunderte von Toten, alt und jung, schwarz und weiß, die am Vorabend noch zu Gospelmusik gesungen und getanzt haben, jetzt liegen sie mit Schaum vorm Mund unter strahlend blauem Himmel, weil ihr Vater es ihnen befohlen hat. Einfach so.

 

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