Us (2019)

19. April 2019 at 21:48

 

 

© Universal Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

You know how sometimes things line up? Coincidences. Since we’ve been up here they’ve been happening more and more. It’s like there’s this black cloud hanging over us.“

 

 

 

Ein erholsamer Ausflug an den Strand von Santa Cruz sollte es für die vierköpfige Familie Wilson werden, doch als nachts plötzlich vier merkwürdige Gestalten in ihrer Auffahrt stehen, da beginnt ein gnadenloser Albtraum.

 

Amerika als Horror-Trope: nach dem überaus smarten Get Out (2017) arbeitet Regisseur Jordan Peele weiter an seiner Genre-Reflexion über gesellschaftliche Strukturen, erweitert seinen Fokus nun aber um gleich mehrere Ebenen. Dadurch gerät Us diffuser als Get Out, weniger klar umrissen, aber auch offener für Deutungsversuche. Hier spielt die Hautfarbe eine bloß noch untergeordnete Rolle, wenn Peele kaum Zweifel daran aufkommen lässt, dass es ihm nun mehr um größer gedachte Missstände und Schieflagen geht. Us pendelt irgendwo zwischen körperlichem und sozialem Horror und Peele bastelt sich nach und nach mit zahllosen Bruchstücken der Popkultur und jeder Menge soziokulturellen Elementen das Bild eines Landes der vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten, im welchem das Versprechen von Gleichheit und Freiheit eben doch nicht für jeden gilt.

 

Die allererste Szene bietet auch gleich zwei der wichtigsten Schlüssel zum inhaltlichen Verständnis von Us und wer hier genau aufpasst, dem sollte schnell klar werden, wohin der Hase läuft. Aufmerksamkeit lohnt sich also durchaus. Und Peele legt auch schnell ordentlich vor, wenn das erste Drittel nahezu perfekt und inszenatorisch geradezu makellos geraten ist und eine unfassbar dichte, zugleich vertraute und doch seltsam fremdartige Atmosphäre erschafft. Steht jedoch die andere Familie erst einmal in der Auffahrt der Wilsons, dann schlägt Us vertraute Pfade des Home Invasion-Thrillers ein, ohne diesen jedoch abseits seiner zugegeben befremdlichen Prämisse nennenswerte Erneuerungen abringen zu können. Hier verlässt sich Peele zu sehr auf bekannte wie ausgediente Genre-Mechanismen, vermag die unterschwellige Anspannung des ersten Drittels nicht mehr zu erreichen und driftet in Richtung Finale trudelnd zusehends ins Beliebige.

 

Zwar gibt es immer wieder wahnsinnig starke Einzelsequenzen und kluge Einfälle zu bestaunen, doch als großes Ganzes funktioniert Us nie so richtig. Ärgerlich wird es dann sogar ein wenig, wenn Peele gegen Ende den großen Erklärbar auspackt und inszenatorisch einfallslos alles zu erklären beginnt, was eigentlich gar keine Erklärung benötigt, weil sein Film bisher durchaus für sich selbst sprechen konnte. Und wo stattdessen Bedarf dafür gewesen wäre, da bleibt Us seltsam vage und bruchstückhaft. Letztlich traut Peele augenscheinlich seinem Publikum nicht so recht zu, dass es seine Ideen und die Motivation dahinter auch von sich aus erkennen kann. Statt auf die Stärken seines Drehbuches zu vertrauen, nimmt er dem Zuschauer aus Angst zu überfordern das Denken ab. Auf der darstellerischen Ebene jedoch ist Us streckenweise großartig und besonders Lupita Nyong´o als Adelaide/Red und Shahadi Wright Joseph als deren Tochter Zora/Umbrae bestechen in doppelter Hinsicht durch eine eindrucksvolle wie erinnerungswürdige Performance. Der Score aus der Feder von Michael Abels versteht es gekonnt, all das zu akzentuieren, und die famose Kamera von Mike Gioulakis fängt das Geschehen immer wieder in teils wundervollen Bildern ein.

 

So bleibt letztlich ein handwerklich über jeden Zweifel erhabener wie munterer Ritt durch die Popkultur irgendwo zwischen Home Invasion-Thriller, Twilight Zone, Zombie-Szenario und Gesellschaftskritik, der wirklich gnadenlos gut beginnt, dieses Niveau aber auch nicht zu halten vermag und zusehends abbaut. Schade, dass Peele nach seinem starken Debüt dem Publikum nun doch scheinbar eher wenig zutraut und dem Irrglauben erliegt, sein Anliegen ausformulieren zu müssen. Zwar vermag er nicht an die Qualitäten von Get Out anzuknüpfen und will vielleicht etwas zu viel auf einmal, doch seinen Ruf als spannenden Genre-Regisseur bestätigt Us trotzdem.

 

6,5 von 10 Scherenschnitt-Figuren