Don´t Breathe

10. Oktober 2016 at 21:46

 

 

© Screen Gems Stage Films

 

 

 

„There is nothing a man cannot do once he accepts the fact that there is no god.“

 

 

 

Die drei jugendlichen Kleinkriminellen Rocky, Alex und Money halten sich mit Einbrüchen und kleineren Diebstählen über Wasser und träumen davon, so bald wie möglich Detroit und ihre kaputten Elternhäuser hinter sich lassen zu können. Da kommt ihnen der Tipp eines Hehlers gerade recht, der von einem blinden Kriegsveteranen berichtet, welcher allein wohnt und auf einem Haufen Geld sitzen soll. Genug Geld für alle drei, um endlich abhauen zu können. nach einer kurzen Planungsphase steigen die drei also in das Haus des alten Mannes ein und ahnen noch nicht, was für eine alptraumhafte Nacht ihnen bevorstehen wird.

 

Bereits 2013 konnte Fede Alvarez mit seiner Regie des Remakes von Evil Dead eindrucksvoll zeigen, dass er vermutlich mehr als nur eine Eintagsfliege im Bereich Horror sein würde. Diese Wahrnehmung seinerseits weiß er nun mit seinem Folgefilm Don´t Breathe eindeutig zu festigen und erschafft einen dreckigen wie minimalistischen und in seinem Spannungsaufbau lange sehr effektiven Beitrag zum Home Invasion-Thriller, der geschickt dessen festes und starres Regelwerk unterläuft und aus den Angeln hebt, indem er einfach die Perspektive umkehrt. In Don´t Breathe kommt die Bedrohung nämlich nicht von außen, sondern von innen und war im Grunde immer schon da. Nicht von den drei jugendlichen Einbrecher geht die Gefahr aus, ganz im Gegenteil, sind es doch sie, die schnell zum Opfer werden, wenn die Lage erst einmal eskaliert. Vielmehr ist es nämlich der vermeintlich wehrlose, blinde Veteran, der zur Bedrohung wird und seinen Heimvorteil nutzt, um die drei Einbrecher auf sein Niveau der Wahrnehmung zu ziehen. Alvarez verkehrt die Regeln des Home Invasion-Thriller und lässt mit ziemlich einfachen Kniffen und feinen Justierungen die Eindringlinge erst zum Opfer und im späteren Verlauf beinahe schon wieder klassisch dem Genre-Muster folgend zu wehrhaften  Ausbrechern werden. In knapp neunzig Minuten Laufzeit demonstriert Fede Alvarez eindrucksvoll, wie wenig Raum, Personal und Mittel es für effektiven Schrecken und unnachgiebige Intensität braucht. Dabei beschränkt sich der uruguayische Regisseur in der Exposition auf das Nötigste, gewährt einen knappen wie ausreichenden, mit wenigen Bildern auskommenden Blick in seine Protagonisten, und schickt sie dann direkt in ein Vorhaben, das sich im Verlauf als echter Höllentrip erweisen soll. Der Gewaltpegel bleibt im moderaten Bereich und ist absolut kein Vergleich zu den Hektolitern an Kunstblut, die noch in Evil Dead Verwendung fanden, die Spannungschraube aber hingegen zieht gnadenlos immer mehr an. So sehr auf das nötigste entschlackt und effektiv das Drehbuch daherkommt, so unglaublich gut und wichtig ist die Arbeit von Kameramann Pedro Luque. Schon relativ zu Beginn des Einbruchs gleitet die Kamera elegant durch die Räumlichkeiten des Hauses, erforscht das Setting, zeigt dessen Struktur und Aufbau und macht den Zuschauer damit vertraut. Die Kamera bleibt nah an den drei Einbrechern, folgt ihnen durch Räume und Gänge und entwirft eine Topologie des Hauses, macht den Grundriss greifbar, liefert auch schon kleine Verweise auf potentiell mögliche Szenarien und entfesselt unmittelbar die enorm klaustrophobische Wirkung des Settings. Und diese nutzt der Film auch wirklich lange und effektiv und Fede Alvarez verwendet geschickt verschiedenste Techniken, um das Spannungsniveau konstant hoch zu halten. Die Klaviatur des Terrors beherrscht er erstaunlich gut, wenn der Film Leisetreterei zum Überlebensprinzip erhebt und jedes noch so kleine Geräusch den Tod bedeuten kann. In so mancher Szene macht Don´t Breathe seinem Namen wirklich alle Ehre. Umso bedauerlicher ist es dann, dass der Film dieses Niveau nicht immer und vor allem im letzten Drittel kaum noch halten kann. Ab einem gewissen Punkt verlässt Alvarez sein bisher stark funktionierendes Terrain der Klaustrophobie und setzt eine Wendung, die zumindest mich aus dem Film geworfen hat, arg konstruiert wirkt und seinem Werk nicht gut bekommt. Von da an bleiben auch Logik und konsequente Inszenierung auf der Strecke und das vorher so sorgsam wie gelungen aufgebaute Szenario wird zerstört.

 

Somit bietet Don´t Breathe zwei sehr starke, effektive und enorm klaustrophobische Drittel, beschreitet aber im letzten Drittel völlig andere, nicht mehr wirklich nachvollziehbare Wege, welche die bis dahin schnörkellose und knackige Handlung ad absurdum führen. Das ist sehr, sehr schade, denn dadurch vergeudet Fede Alvarez unglaublich viel Potential und nimmt seinem Film die zuvor so schön etablierte und ausgearbeitete Spannung. Dennoch beweist er für mich immer noch, dass er enorm talentiert ist und durchaus ein Hoffnungsträger für das Genre Horror bleibt, denn Don´t Breathe ist eben auch lange Zeit erfrischend geradliniges Genre-Kino und ein wunderbar reduzierter Thriller, der seine Home Invasion-Prämisse herrlich einfach wie eindrucksvoll umkehrt und damit spielt.

 

6,5 von 10 rostigen Heckenscheren