Green Room

9. Oktober 2016 at 20:55

 

 

© A42

 

 

 

„Now. Whatever you saw or did. Is no longer my concern. But let’s be clear. It won’t end well.“

 

 

 

Die junge Punkband The Ain´t Rights tourt durch das amerikanische Hinterland und hangelt sich mehr schlecht als recht von Auftritt zu Auftritt. Als ihnen endgültig das Geld ausgeht, kommt ihnen ein Angebot für einen Auftritt wohl oder übel gelegen, denn er findet in einer ranzigen Spelunke voller Skinheads und Nazis statt. Das Konzert dann auch mit einem Cover des Songs Nazi Punks Fuck Off von den Dead Kennedys zu beginnen, ist wohl nicht die aller beste Idee, dennoch können The Ain´t Rights das Konzert zu Ende bringen und ihre Gage einstreichen. Ein vergessenes Handy jedoch wird schnell zum Problem, als die Band es aus dem Backstageraum holen will und unfreiwillig Zeuge eines Mordes wird.

 

Jeremy Saulnier ist zweifellos einer der aktuell größten Hoffnungsträger des amerikanischen Genre-Kinos und hat schon 2013 mit seinem hervorragenden  Blue Ruin einen enorm spannenden und unkonventionellen Thriller rund um Rache und Vergebung gedreht, der nicht nur mich zu begeistern wusste. Und auch mit Green Room liefert er einen mehr als nur gelungenen Beitrag zum Genre der Belagerungsfilme, der schnörkellos und ausgesprochen effektiv daher kommt und einen glänzenden Spannungsbogen vorzuweisen hat. In seiner ganzen Ästhetik und Inszenierung atmet der Film den Geist der ganz klassischen Exploitationfilme und erinnert an John Carpenters Meilenstein Assault on Precinct 13 ohne diesen jedoch zu kopieren. Schon sehr früh im Film entsteht ein enormes Gefühl des Unwohlseins beim Zuschauer, doch Regisseur Saulnier kostet diese angespannte Atmosphäre lange genüsslich aus und lässt die Situation erst auf ihrem Höhepunkt dann völlig eskalieren. Gewalt in Kinofilmen verkommt immer öfter zu einem bloß noch auf seinen Selbstzweck ausgerichteten Mechanismus, zu mit schwarzem Humor und Augenzwinkern aufgebauschte Übertriebenheit, leicht konsumierbar aufbereitet für das Publikum. Es gibt nur sehr wenige Regisseure, die so mit Gewalt in ihren Filmen umgehen wie Jeremy Saulnier, eben nicht selbstzweckhaft und im Vordergrund inszeniert, sondern sehr dosiert, gleichzeitig aber auch roh und brachial, erschreckend realistisch und immer verbunden mit deutlich spürbaren Konsequenzen für seine Charaktere wie auch für den Zuschauer. Seine Inszenierung der Gewalt bahnt sich nicht an und wird nicht künstlich hochgespielt, sondern bricht vielmehr explosiv und schlagartig über Figuren wie Zuschauer herein, unvorbereitet und mit voller Wucht trifft sie dort, wo es weh tut, und ist dann auch genauso schnell wieder vorbei. Bei Saulnier wird Gewalt nicht einfach nur stumpf ausgestellt, sie ist dreckig und unangenehm, bringt spürbare Folgen für alle Beteiligten mit sich und entwirft eine Art Negativbild zu dem für Hollywood so typischen Heroismus. In Green Room wie auch in Blue Ruin ist niemand sicher und eine Überlebensgarantie gibt es nicht, was ich als enorm erfrischend empfinde im Vergleich zu vielen ähnlich gelagerten Vertretern der Genres Horror und Thriller. Saulnier benötigt kein Gemetzel, keine hunderte Liter Kunstblut, keine riesigen Leichenberge, denn er arbeitet viel effektiver mit begrenzten Mitteln und erzielt eine viel stärkere Wirkung als jede Splatter-Sause es jemals könnte. Insgesamt ist Green Room auf der inszenatorischen Ebene sehr stark, kann aber auf der Ebene der Figuren nicht immer ganz so punkten. Das Drehbuch ist in seiner dramaturgischen Konzeption stärker als in seiner Figurenzeichnung und in den Dialogen und der brachiale wie grausame Kampf ums nackte Überleben begeistert mehr mit seinen handwerklich formidablen Aspekten als mit seinen emotionalen Aspekten, weil die Ain´t Rights unterm Strich zu blass und eindimensional ausfallen. Das ist vor allem schade, weil Green Room genaus das nämlich auf der Gegenseite richtig gut macht und seinen Skinheads und Nazis mehr Profil gibt. So verachtenswert sie handeln und ihre Gesinnung auch sein mag, das Drehbuch erliegt hier nicht dem Fehler stumpfer schwarz/weiß-Malerei und zeichnet sie keineswegs als hirnlose Horde zurückgebliebener Hinterwäldler voller Muskeln und Waffen. Ganz im Gegenteil, tritt erst einmal der von Patrick Stewart hervorragend eindringlich verkörperte Darcy auf den Plan, dann wird es noch einmal richtig spannend. Der Anführer und Besitzer der Skinhead-Kneipe ist ruhig und kontrolliert, wirkt enorm abgeklärt, agiert geradezu freundlich und zuvorkommend, ist dennoch bestimmend, vermittelt zu jeder Sekunde das Gefühl, die Situation vollkommen im Griff zu haben und ist gerade deswegen absolut furchterregend und von unfassbarer Präsenz.

 

Wie schon mit Blue Ruin liefert Jeremy Saulnier einen weiteren starken Beitrag zum amerikanischen Genre-Kino und dürfte nun wohl aus der Nische des Geheimtipps langsam aber sicher hinaus wachsen. Green Room ist straff und schnörkellos inszeniert, dreckig und brachial, sehr spannend und er nutzt gekonnt sein begrenztes Setting. Seine sparsamen, aber dafür umso intensiveren Gewaltspitzen gehen abermals durch Mark und Bein, brechen vollkommen unberechenbar über die Figuren des Filmes hinein und verschwinden so schnell wie sie passieren. Leider ist die Zeichnung der Protagonisten nicht mehr so ganz gelungen wie noch in Blue Ruin, aber die der Antagonisten umso besser. Letztlich ist Green Room ein fieser kleiner Bastard im Genre der Belagerungsthriller und ich bin jetzt schon gespannt, was Jeremy Saulnier als nächstes machen wird. Seine beiden letzten Filme waren wirklich gutes Genre-Kino abseits ausgetretener Pfade und sehr mutig in ihrer Inszenierung und von derartigen Filmen kann es nicht genug geben. Ein deutlicher Mittelfinger in Richtung der glattpolierten, weichgezeichneten Filmindustrie ohne Ecken, Kanten und Mut zu Experimenten. Danke dafür!

 

7 von 10 zweckentfremdeten Teppichmessern