Gone Girl

23. Juli 2015 at 16:32

 

 

 

Gone Girl (2014)
Gone Girl poster Rating: 8.2/10 (420917 votes)
Director: David Fincher
Writer: Gillian Flynn (screenplay), Gillian Flynn (novel)
Stars: Ben Affleck, Rosamund Pike, Neil Patrick Harris, Tyler Perry
Runtime: 149 min
Rated: R
Genre: Drama, Mystery, Thriller
Released: 3 Oct 2014
Plot: With his wife's disappearance having become the focus of an intense media circus, a man sees the spotlight turned on him when it's suspected that he may not be innocent.

 

 

 

„When I think of my wife, I always think of the back of her head. I picture cracking her lovely skull, unspooling her brain, trying to get answers. The primal questions of a marriage: What are you thinking? How are you feeling? What have we done to each other? What will we do?”

 

 

 

Nick und Amy Dunne scheinen eine harmonische Ehe zu führen, er ein ehemaliger Schriftsteller, der inzwischen unterrichtet, und sie eine erfolgreiche Journalistin, die inzwischen aber arbeitslos ist und von ihren Ersparnissen lebt. Nachdem Amy an ihrem fünften Hochzeitstag spurlos verschwindet, setzt sich nicht nur der übliche Polizeiapparat gewohnt schwerfällig in Bewegung, sondern auch die Medien erscheinen postwendend auf der Bildfläche. Als dann auch noch eine Affäre von Nick ans Tageslicht kommt, wird er nicht nur plötzlich des Mordes an seiner Frau verdächtigt, es beginnt auch eine mediale Hetzjagd sondergleichen….

 

Regisseur David Fincher betont immer wieder, dass Thriller als solches ihn gar nicht unbedingt so sehr interessieren, vielmehr sei es der Kontrollverlust seiner Figuren und deren Ohnmacht gegenüber den Umständen, die ihn so reizen. Insofern könnte Gone Girl kaum mehr Fincher sein, unter diesem Gesichtspunkt wirkt der Film wie die Quintessenz seines bisherigen Schaffens. Was vordergründig als Suspense-Thriller daher kommt, erweist sich doch sehr schnell als deutlich vielschichtiger und komplexer, denn Gone Girl funktioniert dazu noch ebenso als zynische Dekonstruktion des Lebensmodells Ehe wie als bitterböse Abrechnung mit der etablierten Medienlandschaft. Gerade das Bild des Ehelebens, das hier gezeichnet wird, hat es in sich. Der Bund fürs Leben als fortwährender Albtraum, entlarvt als morsches Gerüst aus Lügen und Täuschung. Szenen eine Ehe aus dem Hause Fincher, da ist keine Romantik mehr und schon gar keine Liebe, nur noch ätzender Zynismus, eiskalte Berechnung, ekelerregende Abscheu und grenzenlose Verachtung. Präzise wie mit einem Skalpell legt er all die hässlichen, hinter der polierten Fassade gärenden Dinge offen, die sich zwei Menschen einander antun können, manchmal drastisch zugespitzt als regelrechte Satire, aber nie vordergründig grotesk oder komödiantisch.

 

David Fincher ist ein Meister verschachtelter Erzähstrukturen, der es kaum wie sonst jemand beherrscht den Zuschauer permanent an der Nase herumzuführen. Er manipuliert sein Publikum ebenso gekonnt wie beinahe jede Figur im Film selbst ihr Umfeld, nie kann man sicher sein, dass das, was man gerade sieht, was man gerade denkt, auch wirklich der Wahrheit entspricht. Wenn es eine solche denn überhaupt gibt, letztlich spielen wir alle irgendwie auch immer nur bestimmte Rollen. So ist auch die Handlung von Gone Girl eigentlich nichts besonderes und keineswegs das tragende Element, die große Stärke des Films ist nicht, was erzählt wird, sondern wie es erzählt wird. Wie diese im Grunde eher belanglose Geschichte präsentiert wird, wie sie sich langsam aber sicher Stück für Stück entblättert und doch nur immer wieder neue Lügen parat hält, voller elegant gelegter falscher Fährten, Fallstricke und Stolpersteine. Wie zunächst die Figuren nahezu völlig undurchsichtig bleiben und erst nach und nach zumindest ein Eindruck davon entsteht, wo sie in diesem Spiel stehen könnten. Ständig rücken andere Personen ins Fadenkreuz des Verdachts, indem Fincher sanft und beinahe unmerklich die Erzählstruktur verschiebt und so Sympathie und Antipathie nach Belieben schürt. Erwartungshaltungen werden im Minutentakt unter Beschuss genommen, ins Wanken gebracht und aufgebrochen, Gone Girl spielt permanent mit ihnen und dem Zuschauer.

 

 

 

„Fuck. You’re delusional. I mean, you’re insane, why would you even want this? Yes, I loved you and then all we did was resent each other, try to control each other. We caused each other pain.”

 

„That’s marriage.”

 

 

 

Die erste Hälfte ist dann einfach auch ganz großes Kino, ein exzellent erzählter Suspense-Thriller, wendungsreich und spannend, dazu noch erstaunlich vielschichtig. Doch dann macht der Film in meinen Augen einen folgenschweren Fehler: er präsentiert zur Hälfte der Laufzeit seinen vermeintlich großen Storytwist nicht nur zu früh, er verliert danach auch noch deutlich an erzählerischer Wucht und inszenatorischer Finesse. Dann wirkt Gone Girl plötzlich nur noch wie ein allenfalls leicht überdurchschnittlicher 08/15 Thriller, dem es nur mühevoll gelingt, sich von der Masse abzuheben, gekonnt in Szene gesetzt, zweifellos, aber eben auch ohne dieses besondere etwas, das die erste Filmhälfte noch so großartig macht. Finchers Stil spürt und sieht man zwar in jeder Einstellung, diese kühle Präzision, die auch immer seine Bildsprache bestimmt, aber die schwindelerregenden Höhen des zuvor erzählten werden nicht mehr erreicht. Der Twist in der Mitte wirkt wie ein Bruch und stört den Fluss, insofern lässt mich Gone Girl an dieser Stelle doch sehr zwiegespalten zurück. Zudem erscheint mir das Finale selbst für die Verhältnisse eines David Fincher zu überkonstruiert, das fühlt sich irgendwie einfach nicht mehr glaubwürdig an, was der Film bis dahin eigentlich elegant zu kaschieren wusste. Als zynische Schlussnote und bitterer Kommentar zum Eheleben jedoch funktioniert das Ende tatsächlich recht gut. Ben Affleck macht seine Sache ganz gut, ihn sehe ich generell aber auch lieber hinter der Kamera, und Neil Patrick Harris und Tyler Perry wurden angenehm gegen den Strich besetzt und haben eine handvoll guter Szenen. Das wahre Highlight jedoch ist ganz klar Rosamund Pike als Amy Dunne, sie agiert auf deutlich höherem Niveau als der Rest des Cast und füllt ihre Rolle mit eiskalter Glaubwürdigkeit, dass es einem kalt den Rücken runter läuft.

 

Am Ende bleibt ein Film, der sich selbst keinen Gefallen damit erweist, dass er seinen großen Twist so platziert, wie er es letztlich tut und danach deutlich an Qualität einbüßt. Bis zu dem Punkt zweifellos grandios in beinahe jeglicher Hinsicht, danach nur noch gehobenes Mittelmaß. Sicher kein Film für die Ewigkeit, aber durch seine Vielschichtigkeit und erzählerische Komplexität auch keine Eintagsfliege. Gone Girl funktioniert am besten als zynischer Kommentar zum Lebensmodell Ehe, er seziert gekonnt und erschreckend die eingefahrenen Mechanismen dieser Institution, sowie als ebenso beißende wie entlarvende Medienkritik. Schlussendlich bleibt die Erkenntnis: man sollte sich sehr gut überlegen, wen man da heiratet.

 

7 von 10 Szenen einer Ehe