Mein Filmjahr 2017

28. Dezember 2017 at 20:53

 

 

Zeit für einen kleinen Rückblick auf mein Filmjahr 2017. Puh! Ich muss gestehen, das Jahr 2017 hat es mir sehr schwer gemacht und diese Liste habe ich wohl unzählige Male neu geschrieben, habe Plätze ausgetauscht und Positionen vertauscht, Filme gestrichen und wieder aufgenommen und wieder gestrichen. Ihr seht also: ich hatte ein durchaus gutes Filmjahr. Auch sonst kann ich nicht klagen, der Blog wächst und gedeiht und die Netzwerke und Verbindungen zu anderen Bloggern und Podcastern ebenfalls. Die Weichen sind also gestellt auf ein spannendes Jahr 2018. Jetzt müssen nur noch die Filme auch mitspielen.

 

 

 

10. Wir sind die Flut (Sebastian Hilger, 2016)

 

© Anna Wendt Filmproduktion GmbH

 

Das Regiedebüt von Sebastian Hilger ist nicht nur die erste gemeinsame Kooperation der beiden Filmhochschulen Potsdam und Ludwigsburg, es ist vor allem auf ganz eigenen Füßen stehendes deutsches Genrekino, welches internationale Vergleiche nicht zu scheuen braucht. Ein Film, welcher abseits seiner vordergründig Science Fiction-artigen Handlung und einer durchaus von Christopher Nolans Interstellar geprägten Ästhetik in seinem Kern immer wieder die Träume, Wünsche und Hoffnungen im Gegensatz zur harten Realität einer ganzen Generation abbildet. Wir sind die Flut ist ein stiller kleiner Film, welcher seine großen Themen bedächtig vorträgt und in klare wie zugleich regelrecht schwebend anmutende Bilder hüllt. Ein weiterer Beweis dafür, dass es das deutsche Genrekino sehr wohl gibt und dass es sich aktuell ausgesprochen lebhaft gibt.

 

 

 

9. Hounds of Love (Ben Young, 2017)

 

© Gunpowder & Sky

 

Hounds of Love ist das Spielfilmdebüt des australischen Regisseurs Ben Young und eine wahre Tour de Force. Ein in seiner Machart sehr simpler Film, aber unglaublich effektiv in seiner Wirkung. Erst die Auslassung des Expliziten ist es, die Hounds of Love so sehr unter die Haut gehen lässt. Nichts ist schlimmer als das Grauen in unserem Kopf, als die Bilder, welche wir selbst den angedeuteten Ereignissen hinzufügen. Young setzt einen eher ungewöhnlichen Schwerpunkt, wenn er mehr die gestörte Beziehung zwischen dem mordenden Paar John und Evelyn in den Fokus rückt als das Martyrium der von ihnen entführten Vicki – und viel lieber deren bizarres Abhängigkeitsgefüge beleuchtet. Sein Film ist quälend langsam erzählt und köchelt leise vor sich hin, ist wahnsinnig spannend ohne das sonderlich viel passiert und hinterlässt einen intensiven wie beklemmend verstörenden Nachgeschmack, wenn er tief in die schwer lädierten Seelen seiner Protagonisten blickt. Ein exzellent gespieltes, aber nur schwer zu ertragendes Drama.

 

 

 

8. Mudbound (Dee Rees, 2017)

 

© Netflix

 

Ein großartig besetztes und geradezu episches Südstaaten-Drama ist Dee Rees mit Mudbound gelungen. Kraftvoll und dennoch zurückhaltend erzählt der Film in seinen rund 134 Minuten voller Schlamm, Dreck, Schweiß und Blut die Geschichte zweier benachbarter Familien: die eine schwarz, die andere weiß, miteinander verflochten in Schmerz und  Sehnsucht. Das ist ganz klassisches Erzählkino, faszinierend wie soghaft, ein lebensnahes und zugleich überlebensgroßes Melodram ohne süßlichen Kitsch und triefenden Pathos, welches die rassistische Männlichkeit der ländlichen Südstaaten der 1940er Jahre ebenso anprangert wie gleichermaßen die Hoffnung auf individuelle Annäherung propagiert. Ein Film über anbrechende neue und von Schlamm und Blut verkrustete alte Zeiten. Nicht rührend, sondern berührend und ganz großes Kino.

 

 

 

7. Hell or High Water (David Mackenzie, 2016)

 

© CBS Films

 

Hell or High Water von David Mackenzie verhandelt unter seiner Oberfläche irgendwo zwischen Neo-Western und Heist-Movie deutlich mehr als man auf den ersten Blick vielleicht vermuten würde und erzählt nicht nur von einem etwas ungleichen Brüderpaar auf der Flucht vor zwei nicht weniger ungleichen US-Marshalls, sondern unterschwellig eben auch vom Niedergang eines einst sehr produktiven Landstriches und vom Konflikt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der Film ist wahnsinnig toll von Kameramann Giles Nuttgens bebildert, ist herausragend gespielt von Ben Foster, Chris Pine sowie Jeff „The Dude“ Bridges und hat dazu noch einen wundervollen Score aus der Feder von Nick Cave und Warren Ellis zu bieten. Das Gesamtpaket ist in sich absolut stimmig und Hell or High Water war für mich tatsächlich eine der ganz großen Überraschungen des Jahres.

 

 

 

6. Silence (Martin Scorsese, 2016)

 

© Paramount Pictures

 

Silence versteht sich nicht als provokanter Kommentar auf den religiösen Fanatismus unserer Zeit. Scorseses Ansatz ist deutlich universeller und persönlicher zugleich, sein Tonfall ist elegisch, die Bildsprache des oscarnominierten Kameramannes Rodrigo Prieto ist gravitätisch und erinnert mit den inneren Monologen in rauschender Naturkulisse oft an die späten Arbeiten von Terrence Malick. Meditativ, aber kraftvoll zugleich… Das ist irritierend, für manchen vielleicht sogar frustrierend. Man erwartet Wucht und bekommt stattdessen Andacht, Ruhe, Stille. Silence. Die erhabenen und ruhigen Bilder des Films leben nicht nur von ihrem expressionistischen Ausdruck, sondern ihnen scheint auch eine unglaubliche Intensität inne zu wohnen. Bemerkenswert, führt man sich doch vor Augen, dass Silence vor allem ein Film der inneren Konflikte ist. Ein Film, der zweifellos nicht jedem gefallen wird, aber auch einer, für den es sich lohnt sich auf ihn einzulassen und vor allem einer, bei dem ich tatsächlich noch ein paar Dinge über mich selbst lernen konnte.

 

 

 

5. Dunkirk (Christopher Nolan, 2017)

 

© Warner Bros. Pictures

 

Im Kino die stärkste Immersion, die ich bisher erleben durfte. Nie zuvor hatte ich so sehr das Gefühl, Teil des Geschehens zu sein wie im jüngsten Film von Christopher Nolan. Der Verzicht auf nahezu sämtliche klassischen Strukturen herkömmlicher Narrative mag viele Zuschauer stören, für mich ist es der Schlüssel zu diesem rauschhaften Erlebnis namens Dunkirk. Dazu gesellt sich ein schier unglaubliches Sounddesign wie ich es noch nie zuvor erfahren durfte: jeder Schuss, jede Bombe, jede Explosion, ja sogar die Geräuschkulisse in den Cockpits der Flugzeuge ist von solch einschneidender Klarheit und Präzision, dass es durch Mark und Bein geht. Das lässt sich kaum in Worte fassen, das muss man erfahren. Hören. Sehen. Erleben. Spüren. Es ist ungemein faszinierend zu sehen, wie hier Bild, Ton und Schnitt zu einer kaum noch zu trennenden Einheit verschmelzen und ein Erlebnis erschaffen, das weit über gewöhnliches Kino hinausgeht.

 

 

 

4. Baby Driver (Edgar Wright, 2017)

 

© TriStar Pictures/Sony Pictures Releasing

 

Schon Scott Pilgrim Vs. The World von Edgar Wright fand ohne nennenswerte Umwege den Weg direkt in mein Herz und auch Baby Driver steht dem in nichts nach. Absolut nichts. Wie Wright hier die Musik zum Protagonisten macht, wie er jedes noch so kleine Detail vom Tempo, über die Inszenierung selbst hin zu Action und Schnitt und sogar das Schauspiel nahezu immer dem Rhythmus seiner Songs unterwirft, das ist schon etwas ganz besonderes. Der Soundtrack untermalt die Filmszenen nicht, er choreografiert sie, bestimmt sie, ist ihr pulsierendes Herz. Wrights gesamte Inszenierung sprüht geradezu vor Verve und Esprit und bietet dem geneigten Zuschauer einen ganzen Bund voller unglaublich kreativer wie abgedrehter Ideen. Und die ersten rund fünf Minuten von Baby Driver sind so ziemlich das Beste, was das Kinojahr 2017 in puncto Action so zu bieten hatte.

 

 

 

3. Get Out (Jordan Peele, 2017)

 

© Universal Pictures

 

Get Out ist genau die Art Film, die ich im Genre Horror so sehr schätze. Ein intelligent geschriebener Horrorfilm, welcher psychologisch hervorragend ausgearbeitet ist und aktuelle sozial-politische Tendenzen aufgreift und verhandelt. Regisseur Jordan Peele muss kaum mehr tun als bestimmte Schrauben in unserem sozialen Miteinander minimal zu verstellen und löst dadurch maximale Befremdlichkeit beim Betrachter aus, wenn viele enorm pointiert eingesetzte und hochgradig ambivalente Momente geschickt vor den Kopf stoßen. Das ist verdammt kluges Genrekino voller gesellschaftlicher Relevanz und dazu noch ausgesprochen unterhaltsam.

 

 

 

2. Logan (James Mangold, 2017)

 

© 20th Century Fox

 

Logan ist so völlig anders als die herkömmlichen, oftmals grellbunten und meist verhältnismäßig harmlosen Comicwelten aus dem Hause Marvel. Der Film von James Mangold ist minimalistisch gehalten, staubig, düster, dreckig, brutal und tonal sehr viel mehr Roadmovie mit Western-Einschlag als Comic-Blockbuster. Ein eher intimes Drama rund um Verantwortung, das Älterwerden und die eigene Vergänglichkeit. Da ist es auch mutig wie gleichsam schön und erfrischend, mit welch grimmiger und brutaler Konsequenz sich Logan seinen Figuren annimmt und wie ernsthaft mit ihnen umgegangen wird. Das hat mich letztlich getroffen, berührt und mitgenommen und hat mich nach dem Film noch eine ganze Weile in meinen Gedanken begleitet. Logan ist nicht weniger als der würdevolle Schlußstrich unter 17 Jahren mit einer der am besten verkörperten Comicfiguren der Filmgeschichte.

 

 

 

1. Blade Runner 2049 (Denis Villeneuve, 2017)

 

© Warner Bros. Pictures

 

Ich werde einfach nicht müde zu betonen, welch fantastischer Regisseur Denis Villeneuve doch ist. Auch mit der im Vorfeld schwer angezweifelten und oftmals als unnötig erachtete Fortsetzung zu Ridley Scotts Meisterwerk Blade Runner beweist der Franko-Kanadier abermals sein gefühlt unerschöpfliches Talent, vollbringt er doch den kunstvollen Spagat zwischen der Huldigung der Vergangenheit und einer sorgfältigen wie sinnvollen Erweiterung dieser einst etablierten Welt. Unnötig zu erwähnen, dass das alles visuell enorm beeindruckend ausfällt und nicht wenige der schönsten Bilder dieses Jahres auf die Kinoleinwand bringt. Auch Blade Runner 2049 stellt Fragen ohne die passenden Antworten gleich mitzuliefern. Das mag manchen Zuschauer vielleicht vor den Kopf stoßen oder gar überfordern, mir hingegen gefällt es immer sehr, wenn ein Film sich auch mal traut, Lücken zu lassen, nicht alles en Detail auszuformulieren und mich gedanklich herauszufordern. Die thematischen Implikationen der Story sind Villeneuve wichtiger als actiongetriebene Schauwerte, als großer Krawall und Explosionen im Minutentakt und das ist im modernen Blockbuster-Kino zur Seltenheit verkommen.

 

 

Abseits dieser zehn Filme möchte ich jedoch die eine oder andere tolle Entdeckung meinerseits keineswegs verschweigen. So habe ich für mich unter anderem das frühe australische Kino von Peter Weir (und darüber hinaus ohnehin das australische Kino der 60er und 70er im Allgemeinen) erforschen und viele Filme aus dem New Hollywood entdecken dürfen. Darunter waren herausragende Perlen wie The Long Goodbye (1973) von Robert Altman, The Last Picture Show (1971) von Peter Bogdanovich, Dog Day Afternoon von Sidney Lumet (1975) oder Butch Cassidy and the Sundance Kid (1969) von George Roy Hill, welche allesamt mein filmisches Herz im Sturm erobern konnten. Auch das frühe deutsche Genre-Kino in Gestalt des Regisseurs Roland Klick und seinen Filmen konnte mich fesseln und begeistern und wird sicherlich auch im kommenden Jahr noch eine nicht unwesentliche Rolle spielen bei mir. Abschließend taste ich mich nun auch langsam an die Filme von Jean-Pierre Melville heran und besonders Vier im roten Kreis (Le cercle rouge, 1970) hatte eine umwerfende Wirkung auf mich. Da scheint noch sehr viel auf mich zu warten und möchte entdeckt werden, also gehe ich äußerst zuversichtlich ins Filmjahr 2018. In diesem Sinne: kommt alle gut ins neue Jahr, gehabt euch wohl und schaut viele Filme!