Point Blank (1967)

1. Mai 2018 at 17:53

 

 

© MGM

 

 

 

„You’re a pathetic sight, Walker, from where I’m standing. Chasing shadows. You’re played out. It’s over. You’re finished. What would you do with the money if you got it? It wasn’t yours in the first place. Why don’t you just lie down – and die?“

 

 

 

Der Gangster Walker wurde bei einem Coup von seiner Frau und seinem Partner betrogen und übers Ohr gehauen: sie haben sich seinen Anteil von 93.000 Dollar unter den Nagel gerissen, auf ihn geschossen und ihn liegen gelassen, weil sie ihn für tot hielten. Aber sie waren nicht gründlich genug, Walker nicht wirklich tot. Ihr Pech, denn Walker will seine 93.000 Dollar zurück.

 

Der britische Regisseur John Boorman ist vielleicht einer der am meisten unterschätzten Ästheten des Kinos. Auch wenn er wegen seiner etwas eigenwilligen Sturheit und Kompromisslosigkeit in Hollywood nie so recht ankam und Fuß fassen konnte, so hat er doch mit Filmen wie Point Blank, Deliverance oder auch Excalibur herausragende Werke erschaffen. Und Point Blank ist dann letztlich auch der ultimative Beweis für Boormans Talent und Können, ein Film, der auch heute noch 50 Jahre nach seiner Uraufführung, ebenso faszinierend, selbstbewusst und geradezu unverschämt stilsicher und elegant daher kommt wie damals. Stilistisch ist sein Neo Noir absolut außergewöhnlich geraten, wenn Boorman sich der Tradition des klassischen amerikanischen Gangsterkinos bedient und diese gekonnt mit eher an der Nouvelle Vague orientierten Erzähltechniken verschmilzt.

 

Allein die visuelle Brillanz der Exposition, eine Art elliptischer Flashback, ist beeindruckend. Und auch danach zeichnet Boorman den blutigen Weg seines stoischen „Helden“ stilistisch in eindrucksvollen Bildern, welche auch heute noch auf der Höhe der Zeit sind, wenn er mit den verschiedensten Stilmitteln spielt, Szenen verlangsamt oder wiederholt, manchmal etwas durcheinander würfelt, stark mit der Tonspur arbeitet oder Farben ins Psychedelische gleiten lässt. Das alles geschieht aber nie nur zum reinen Selbstzweck oder allein für schöne Bilder, es findet immer auch eine inhaltliche Entsprechung und unterstreicht vielmehr die Figuren und deren Innenleben, welches dadurch weniger durch Worte und Gesten, sondern vielmehr durch Bildgestaltung und Farbgebung kommuniziert wird. So geradlinig die Handlung auch voran schreitet, so simpel der Plot vielleicht erscheinen mag, so wenig linear ist dabei die Narrative von Point Blank. Immer wieder erlaubt sich Boorman erzählerische Auslassungen, welche dem Film jedoch nicht zerfasert wirken und ohne Stringenz erscheinen lassen, sondern stattdessen Ausdruck seiner konsequenten Reduktion sind. Auch wie Boorman immer wieder geschickt das Breitwandformat für seine Bildgestaltung nutzt, weiß zu beeindrucken.

 

Dazu gesellt sich dann noch die grandiose Performance von Lee Marvin, der seinen Walker sehr reduziert anlegt, stoisch, wortkarg, kaltschnäuzig und extrem zielstrebig, wenn er sich Stück für Stück und vollkommen ohne Rücksicht auf Freund oder Feind in der Hierarchie der Gangster immer weiter nach oben arbeitet, sein Ziel – die 93.000 Dollar – immer fest vor Augen. Es geht ihm nicht um Rache, er will im Grunde nur das, was ihm seiner Meinung nach zusteht. Die Krönung ist dann letztlich ein genialer Schluss-Twist, welcher diese Bezeichnung so auch wirklich verdient. Alles in allem ist Point Blank ein formal herausragender und sehr beeindruckender Film geworden, der 1967 seiner Zeit voraus war und auch heute noch begeistern kann. Ein visueller Genuss, innovativ, kreativ, manchmal psychedelisch angehaucht, manchmal traumhaft surreal, aber immer getrieben vom unbändigen Willen seines Regisseurs, seine Vision umzusetzen und etwas außergewöhnliches zu erschaffen.

 

9 von 10 Kugeln, die Walker nicht töten konnten