The Chaser (Chugyeogja, 2008)

29. April 2018 at 16:39

 

 

© Showbox/Big House/Vantage Holdings

 

 

 

Der zynische Ex-Cop Joong-ho verdient sein Geld inzwischen als Zuhälter. Als nach und nach immer mehr seiner Mädchen verschwinden, vermutet er einen konkurrierenden Zuhälter dahinter, der die Frauen hinter seinem Rücken abwirbt. Als er entdeckt, dass jedes der Mädchen vor deren Verschwinden von der selben Nummer angerufen wurde, will er der Sache auf den Grund gehen. Doch was er dann zufällig entdeckt, das hätte er sich in seinen schlimmsten Träumen nicht ausmalen können.

 

The Chaser (Chugyeogja) von Regisseur Hong-jin Na handelt in seiner ersten halben Stunde quasi als Prämisse bereits ab, wofür andere Filme zwei Stunden brauchen. Viele Crime-Thriller dieser Art enden mit dem Geständnis des Killers, nicht aber der südkoreanische Film The Chaser. Wo andere Filmemacher ihre Schlussnote setzen, da legt Na überhaupt erst richtig los und wandelt damit auf ausgesprochen interessanten erzählerischen Pfaden, entfesselt er seine zunehmend finsterer werdenden menschlichen Abgründe erst so richtig, wenn der Täter vermeintlich sicher hinter Schloß und Riegel sitzt. Dieses Geständnis eben nicht an den Schluss zu setzen, sondern zum Aufhänger und Ausgangspunkt für eine ungleich spannendere Geschichte zu machen, das zeugt von großartigem Handwerk in puncto Drehbuch und Spannungsbogen. Zudem bedarf es durchaus auch etwas an Mut, mit Joong-ho Eom einen Zuhälter zur treibenden Kraft des Filmes zu machen, der dazu zumindest anfangs noch nicht sonderlich sympathisch wirkt. Zwar wandelt sich dessen Verhalten im Laufe des Plots genre-gemäß deutlich hin zum Positiven, bis zum bitteren Schlusspunkt jedoch bleibt der Blick auf diese Figur ausgesprochen ambivalent und Na stilisiert ihn nie zum strahlenden Helden oder läuft Gefahr der Glorifizierung.

 

Ihm gegenüber steht Young-min Jee als Serienkiller ohne jegliches Unrechtsbewusstsein und vollkommen ohne Empathie. Wie Jung-woo Ha diesen verkörpert, das kann einem echt unter die Haut gehen. Er ist absolut unberechenbar in seinen Aussagen und Reaktionen, ist eben noch der freundliche Nachbar von nebenan und im nächsten Moment ein abscheuliches Monster. Wenn er auf dem Polizeirevier im Verhör detailliert schildert, wie er seine Opfer fachgerecht zerlegt und entsorgt, dann geschieht das mit einer kaum zu fassenden Selbstverständlichkeit, als würden Kochrezepte ausgetauscht werden. Überhaupt verbringt der Film nicht unähnlich dem ebenfalls aus Südkorea stammenden Thriller Memories of Murder (Salinui chueok, 2003) von Joon-ho Bong relativ viel Zeit auf dem Polizeirevier und prangert unfähige Polizisten, deren Ermittlungspannen, willkürliche Polizeigewalt und eine festgefahrene Justiz an, wenn das alles in Kombination mit Glück und Zufall Young-min immer wieder zu Gute kommt und hilft, denn der ist alles andere als sonderlich intelligent und macht Fehler zuhauf. Auch Joong-ho hat Glück bei der Suche nach seinen Mädchen, kann aber auch Hartnäckigkeit und Akribie in die Waagschale werfen.

 

Die atemlose Jagd kulminiert dann in einem meisterhaft inszenierten und regelrecht schweißtreibendem, emotional anstrengendem letzten Drittel, in welchem Na nochmals gewaltig an der Spannungsschraube dreht und schließlich Young-min auf Joong-ho treffen lässt. Alles mündet in einem brachialen und rohen Schlusskampf, weit entfernt von hübsch choreografierten Szenen und ist vielmehr dreckig, unangenehm und schmerzhaft anzusehen. Erlösung gibt es keine, nur Schmerz, Wut und Trauer. Die letzte Einstellung ist sehr bezeichnend, wenn Joong-ho müde, erschöpft, blutüberströmt und am Ende seiner Kräfte auf einem Stuhl am Krankenhausbett der kleinen Eun-ji einfach in sich zusammen sinkt. Wenn man bedenkt, das The Chaser die erste Regiearbeit von Hong-jin Na war, dann fällt es noch schwerer zu glauben, wie selbstbewusst und smart er seinen Film inszeniert und sich vielmehr auf die Stärken des Drehbuchs, die hervorragend geschriebenen Figuren sowie starke Dialoge verlässt als auf plumpe Action und lautes Spektakel. Darüberhinaus sieht The Chaser auf der visuellen Ebene geradezu unverschämt gut aus und versteht es gekonnt, diese eine lange Nacht in den Vororten von Seoul in einprägsame Bilder zu überführen. Solche Erstlingswerke würde ich nur zu gern öfter sehen.

 

9 von 10 Schlägen mit Hammer und Meißel auf den Hinterkopf