Prince of the City (1981)

28. Juli 2018 at 19:06

 

 

© Orion Pictures/Warner Bros./Quelle:IMDb

 

 

 

A rat is when they catch you and make you inform. Nobody caught me. This is my setup, this is my action. And I’m never gonna hurt my partners.“

 

 

Danny Ciello ist ein junger, ehrgeiziger und aufstrebender Cop, der trotz seines Alters bereits Leiter einer Spezialeinheit im Kampf gegen die Drogen ist. Doch er und seine Kollegen sind korrupt, sie fingieren Beweise, nehmen Dealern Geld und Drogen ab, versorgen süchtige Informanten mit Stoff und leisten sich ein Leben über ihren Verhältnissen. Doch mit der Zeit nagen Zweifel und Gewissensbisse an Danny und so trifft er die folgenschwere Entscheidung sich der Staatsanwaltschaft als Spitzel anzubieten.

 

Sidney Lumet ist vielleicht einer der größten amerikanischen Geschichtenerzähler und ein sehr guter Beobachter noch dazu. Mit Prince of the City wendet er sich nach Serpico erneut dem Thema Korruption und Verrat innerhalb der Reihen der Polizei zu und erschafft das gnadenlose Psychogramm einer verrottenden Stadt und ermöglicht einen schonungslosen Blick auf diesen kranken Moloch. Lumet legt zwar den Finger in die Wunde, verzichtet dabei aber auf hohle Moral und bleibt lieber nüchtern distanziert zum Geschehen, wenn er seine Hauptfigur weder zum Märtyrer erhebt, noch als vollkommen korrupten Cop ohne jeglichen Bezug zu seinem Ursprung gnadenlos durch den Schmutz zieht und an den Pranger stellt. Vielmehr ist Danny Ciello hin und her gerissen zwischen Selbstzweifeln, Ehrgefühl und Familie, ist geplagt von Gewissensbissen und im steten Kampf mit seinen inneren Dämonen, in dem er blind Freund wie Feind mit sich zieht. Die Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und Unrecht, die sind schon lange verwischt und einer alles umfassenden Grauzone gewichen, in welcher sich beide Seiten des Gesetzes arrangiert haben.

 

Lumet erzählt die Geschichte eines Verrates, und zwar gleich die eines doppelten, wenn Danny Ciello als Cop seine Berufung verraten hat, sich mit seinen Freunden und Kollegen hat korrumpieren lassen, sich mit der Mafia eingelassen hat. Er ist noch jung, aber schon Chef einer Spezialeinheit im Kampf gegen die Drogen und mit reichlich Freiraum ausgestattet. Sie sind die legendären Stars, die Herren der Stadt, Ciello selbst eben der Prince of the City. Geld, Drogen, Zigarren, Luxus: sie nehmen sich, was sie wollen und lassen nichts aus. Doch dann beginnen ihn Gewissensbisse zu plagen, genährt von den Vorwürfen seines Junkie-Bruders und seines idealistischen Vaters und er nimmt Kontakt mit der Staatsanwaltschaft auf: der Beginn seines gnadenlosen Abstiegs. Und Lumet lässt nichts aus, erspart dem Zuschauer nichts von Danny´s Qualen, zeigt alles, von den zahllosen Lügen und dem Abhörgerät auf seinem Bauch über den Meineid, welchen er schwört, den Schutz, welchen er als Verräter braucht bis hin zur unverhohlenen Verachtung seitens der Staatsanwälte, für die er auch kaum mehr als ein Spielball ist, eine Möglichkeit, Karriere zu machen, und schließlich den Tod seiner Freunde.

 

Und Danny blüht in seinem Dasein als Spitzel nochmals richtig auf, wenn er reihenweise schmutzige Deals aufzeichnet und ehemalige Kollegen ans Messer liefert. Der Eifer, mit dem er auch die heikelsten Treffen verkabelt durchzieht, der grenzt schon an Todessehnsucht. Danny will erwischt werden, will für seinen Verrat bestraft werden, er selbst vermag es nicht zu tun. Seine Dienstwaffe trägt er schon lange nicht mehr und die Schäden sind keineswegs nur körperlicher Natur, denn wenn seine Frau abends die Klebestreifen und Kabel von seiner Brust und seinem Bauch entfernt, dann sind sie nicht zu übersehen, die Spuren ausgetretener Batteriesäure auf Danny´s Körper. Ein Sinnbild des Stigmas durch seinen Verrat. Er hat mehr als nur eine Grenze übertreten und einen Weg zurück gibt es für ihn nicht, er wird den Rest seines Lebens gebrandmarkt bleiben, daran lässt der Schluss keinen Zweifel.

 

Schon einmal hat Sidney Lumet einen Polizisten gegen seine eigenen Leute antreten lassen. In Serpico wird Al Pacino in der Rolle des idealistischen Außenseiters zum Helden im Kampf gegen die Korruption, zum Vorkämpfer einer moralischen Ordnung, zur Galionsfigur einer ganzen Stadt. Trotz allem Leid, welches er erfahren und all der Verluste, welche er erleben muss, Serpico triumphiert am Ende: die Welt kann gereinigt werden, es braucht nur unnachgiebige Idealisten im Kampf gegen den moralischen Verfall an allen Fronten. Danny Ciello jedoch muss erfahren, dass all der unnachgiebige Filz kaum zu durchdringen ist. Sein Triumph ist leiser Natur, mit einem unfassbar hohen Preis erkauft und der vermeintliche Held dennoch als Lügner und Verräter gebrandmarkt. Serpico ist trotz seiner dunklen Seiten ein schöner Traum, Prince of the City hingegen ist die kalte wie schmerzhafte Wirklichkeit.

 

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