Coen-Retrospektive #2: Raising Arizona (1987)

25. Februar 2018 at 19:24

 

 

© Circle Films

 

 

 

„We figured there was too much happiness here for just the two of us, so we figured the next logical step was to have us a critter.“

 

 

 

H.I. McDunnough ist Gewohnheitsverbrecher und Stammgast auf dem Polizeirevier, wo er sich in die hübsche junge Polizistin Edwina verliebt. Er ist sich sicher: die oder keine. Zwischen unzähligen Gefängnisaufenthalten bahnt sich eine Romanze zwischen den beiden an und schließlich wird geheiratet. H.I. will nun sein Leben ändern, sauber bleiben, eine kleine Familie mit Edwina gründen. Doch es stellt sich heraus, dass sie unfruchtbar ist und sein Vorstrafenregister verhindert eine Adoption. Mitten hinein ins Unglück platzt jedoch die Meldung der Geburt von Fünflingen im Haus des reichen Möbel-Tycoons Nathan Arizona. Warum also nicht eines der Babys entführen und als eigenes aufziehen?

 

Blood Simple und dessen ausgeprägter Hang zu den Traditionen des Film Noir ist eine feste Konstante im filmischen Koordinatensystem der Coens, eine weitere dagegen ist abgedrehter Humor mit Tendenz zum cartoonesken Slapstick. Diesem spüren sie nun mit ihrem zweiten Film Raising Arizona nach, ringen jedoch noch arg um die ausgewogene Balance, welche spätere Filme von ihnen noch auszeichnen wird. So betrachtet haben wir es hier mit den beiden tragenden Elementen des gesamten Schaffens der beiden Brüder zu tun, aus deren Verschmelzung ihre Werke oftmals entstehen. Die Vorliebe für grelle Tex Avery-Cartoons und wilden Slapstick teilen die Coens mit ihrem Freund Sam Raimi, für dessen Film Crimewave (1985) sie Teile des Drehbuches beisteuerten. Und so generiert sich Raising Arizona wie eine Art Real-Looney-Tunes-Cartoon: das Tempo ist ungemein hoch, ständig passiert irgendetwas und alles ist immerzu in Bewegung. Auch die Dialoge werden dem Zuschauer von reichlich seltsam schrägen Figuren einem verbalen Dauerfeuer gleich um die Ohren gehauen und reichlich absurde Szenen geben sich die Klinke in die Hand. Und manchmal wird das eben auch etwas zu viel und schrammt hart an der Grenze zum Overkill vorbei, wodurch nicht jede Szene auch unbedingt immer so ganz funktioniert, wie sie es eigentlich sollte.

 

Für die Besetzung der Rollen in Raising Arizona beweisen die Coens erneut wie schon bei Blood Simple ein ausgesprochen glückliches Händchen und ein sehr gutes Gespür – ein weiterer Punkt, der sich beinahe durch ihr gesamtes Schaffen zieht. Nicolas Cage darf herrlich aufgehen in seinem übertriebenem Schauspiel als liebenswerter Berufsverbrecher H.I. McDunnough und ihm gegenüber steht Holly Hunter als die in ihrem neuen Mutter-Dasein aufblühende Edwina, welch auch gleich ihre autoritären Qualitäten an sich entdecken darf. Dazu gesellen sich recht bald John Goodman und William Forsythe als die aus dem Gefängnis ausgebrochenen Gale und Evelle, deren Wunsch, sich bei H.I. verstecken zu dürfen, schnell im direkten Konflikt zu Edwina steht, welche sich das Familienleben ruhiger und beschaulicher vorgestellt hat. Auch Frances McDormand ist hier erneut mit an Bord und hat zusammen mit Sam McMurray einen herrlich abgedrehten Gastauftritt als billiges Mittelklasse-Ehepaar: er reißt ständig schlechte Polenwitze und sie verfällt beim Anblick des Babys sofort in typisches Baby-Gebrabbel. Und dann ist da noch Randall „Tex“ Cobb als schmieriger Kopfgeldjäger Leonard Smalls, der beinahe schon als apokalyptische Vorahnung daherkommt, als Symbol des drohenden Unheils, als Verkörperung des Endes aller schönen Träume.

 

Zwar gehen die Coens mit ihrem zweiten Werk gänzlich andere Wege als noch mit Blood Simple, bauen ihren ganz eigenen Stil aber souverän weiter aus. Letztlich sehe ich all die Qualitäten, welche Raising Arizona mit sich bringt, vermisse aber die Balance aus all ihren Einflüssen. An so mancher Stelle ist mir der Film tatsächlich etwas zu überdreht, als dass ich ihn vollends in mein Herz schließen könnte. Beileibe kein schlechter Film, aber einer, der nicht immer ganz meinen Nerv trifft. Großes jedoch kündigt sich bereits hier an.

 

7 von 10 Woody Woodpecker-Tattoos

 

 

Coen-Retrospektive #1: Blood Simple (1984)

18. Februar 2018 at 23:22

 

 

© Circle Films

 

 

 

„Never point a gun at anyone, unless you mean to shoot him and if you shoot him, you better make sure he’s dead. Because if he ain’t dead, he’s gonna get up and try to kill you.“

 

 

 

Ray arbeitet in der Bar des schmierigen Marty. Dieser ist zwar mit Abby verheiratet, doch Ray liebt sie und sie ihn auch. Die beiden beginnen eine Affäre, nachdem Abby beschlossen hat, Marty endgültig zu verlassen, doch Marty ahnt etwas und beauftragt den zwielichtigen Privatdetektiv Loren Visser damit, Abby zu beschatten und falls möglich Beweisfotos zu machen. Schnell wachsen Wut und Hass in Marty und bringen ihn zu einem für alle Beteiligten gefährlichen Entschluss.

 

Blut ist hier das Leitmotiv. All dieses Blut. Auf dem Boden einer versifften Bar. Auf der Rückbank eines Autos, in einem Badezimmer. Es lässt sich nicht sehr gut entfernen, kommt immer wieder durch die Handtücher durch, will einfach nicht versickern oder sich abwaschen lassen. Ein Mahnmal. Schuldig ist hier irgendwie jeder, frei von Sünde wohl niemand. Blood Simple ist der Auftakt zur heute noch andauernden Karriere eines der wohl bekanntesten Brüderpaare des amerikanischen Kinos, wenn die Coen-Brüder klassische Motive und Erzählstrukturen des Film Noir auf ihren Kern verdichten und auf ein sehr begrenztes Setting sowie eine überschaubare Anzahl an Figuren reduzieren. Mit sehr limitierten Mitteln begeben sie sich mit Blood Simple knietief in die Traditionen des Film Noir und erzählen von einer Liebesgeschichte, welche schrecklich schief geht, sobald der schnöde Mammon ins Spiel kommt. Untreue, Betrug, Verrat, Missverständnisse, Mord – das volle Programm. Jede Handlung zieht ungeahnte und stellenweise schier unglaubliche Konsequenzen nach sich.

 

Selten trifft man auf ein derart ausgereiftes wie abgeklärtes und gleichermaßen stilsicheres wie souveränes Regiedebüt. Pechschwarz, kompromisslos und stellenweise derart spannend inszeniert, dass es einem die Kehle zuschnürt, wird das tragische Geschehen von Kameramann Barry Sonnenfeld  in kargen wie gleichsam faszinierenden Bildern voller Hitze, Blut, Liebe und Verrat eingefangen und ganz ruhig und langsam, ja geradezu quälend bedächtig erzählt. Die Besetzung rund um Stan Getz, Dan Hedaya, Frances McDormand und M.Emmet Walsh erweist sich als nahezu perfekt und der Score von Carter Burwell ist traumhaft schön in seinem finsteren Minimalismus. Dazu gesellt sich ein Talent der beiden Brüder, welches sie im Laufe ihrer Karriere noch weiter perfektionieren sollten, denn sie entpuppen sich bereits in ihrem Debüt als ausgesprochen präzise Beobachter menschlicher Unzulänglichkeiten und verstehen es wie kaum jemand sonst, das ganze  Drama all dieser Existenzen durch den Genre-Blick festzuhalten und die alltägliche Jämmerlichkeit auf die große Leinwand zu bringen. Komisch wie tragisch, vor allem aber auch hässlich wie schön. Jeder neue Morgen bringt nur wieder die bittere Erkenntnis, dass eh nur wieder alles so beschissen bleibt wie zuvor.

 

8 von 10 Blutflecken auf der Rückbank