Mile 22 (2018)

3. April 2019 at 0:13

 

 

© STX Films/Quelle: IMDb

 

 

 

Ego is not your amigo.“

 

 

 

Der hochintelligente und leicht autistische James Silva ist Leiter eines Teams der geheimen Regierungsabteilung Overwatch, die streng geheim immer dann eingreift, wenn alle anderen Optionen ausgeschöpft sind und versagt haben. Als eine größere Menge radioaktives Material verschwindet, da wendet sich der Spion Li Noor in einem südostasiatischen Staat an die US-Botschaft: sein Wissen über den Standort im Tausch gegen seine Freiheit. Silva und sein Team sollen Noor nun 22 Meilen lang eskortieren und sicher zu einem Flugzeug transportieren, doch scheinbar will so ziemlich jeder den Verräter tot sehen.

 

Wenn Diplomatie und militärische Intervention versagen, dann braucht es eine dritte Option. Und Regisseur Peter Berg und Hauptdarsteller Mark Wahlberg zeigen uns diese mit Mile 22 auf, wenn das Overwatch-Team das Schreckgespenst der Saubermänner gibt und dahin geht, wo es weh tut, und wo es vor allem niemals sein dürfte, mit Methoden weit jenseits jeglicher Moral. Tonal ist das alles düster, grimmig und gänzlich ohne Augenzwinkern zu verstehen, denn Mile 22 nimmt seine Thematik sichtlich ernst. Die Action ist dreckig, brachial und kompromisslos mit knackigen Shootouts und reichlich Kopfschüssen und auch Iko Uwais darf mehr von seinem Können zeigen als man vielleicht vermuten würde und bekommt zwei größere Szenen spendiert.

 

Leider machen die exzessiv hohe Schnittfrequenz und die hektische Kamera vieles wieder zunichte und fördern Konfusion und Orientierungslosigkeit statt Wucht und Dynamik. Hier wird der filmische Moment – sogar in ruhigen Szenen – auf dem Altar vorgeblicher Authentizität geopfert, obwohl der Film solche billigen Tricks gar nicht nötig hätte, ist er doch aufgrund seiner Prämisse und der kompakten Laufzeit bereits temporeich genug und kommt direkt und ohne Rücksicht auf Verluste zur Sache. Umso schöner dafür, dass Berg und seine Drehbuchautorin Lea Carpenter zumindest versuchen, dem Stoff ein klein wenig mehr abzugewinnen als stumpfen Hurra-Patriotismus und alles einen Hauch ambivalenter gestalten als man vielleicht erwarten würde, wenn Mile 22 auf einen herrlich bösen und abgründigen Schluss zusteuert und den Zuschauer mit einer galligen Pointe zurücklässt, welche die Ereignisse nochmals in ein etwas anderes Licht rückt.

 

6 von 10 Mal das Gummiband am Handgelenk flitschen lassen

 

 

The Night Comes for Us (2018)

27. Oktober 2018 at 20:35

 

 

© Netflix/Quelle: IMDb

 

 

 

Ito ist Teil eines Spezialeinheit der Triaden, doch als er ein kleines Mädchen nicht töten kann und statt dessen mit ihm die Flucht zu alten Freunden antritt, da hetzt ihm sein Boss ein Killerkommando nach dem anderen auf den Hals. Ein langer wie blutiger Kampf ums Überleben entbrennt.

 

Der Gott des Gemetzels. Brechende Knochen, berstende Gelenke, reißende Bänder, durchtrennte Arterien, abgehackte Körperteile, gespaltene Schädel: der neue Film des indonesischen Regisseurs Timo Tjahjanto (Headshot, Killers) bietet wirklich die ganze Palette grafischer Gewalt und garniert das ganze mit unzähligen Litern Blut. Einen solch unfassbar hohen Grad der Gewalt erlebt man wirklich nicht oft und nicht selten kippt das in derben Splatter, so dass The Raid und Headshot sich dagegen wie ein Kindergeburtstag mit Fingerfarben anfühlen. Story? Egal, braucht man nicht, ist zu vernachlässigen, mehr als nur dünn, passt auf einen Bierdeckel und dient ohnehin nur dazu, um eine große wie komplexe Actionsequenz an die nächste zu reihen. Wer jetzt denkt, das würde sich abnutzen und vielleicht schnell langweilen, der unterschätzt die bizarre Kreativität und den garstigen Einfallsreichtum der Macher von The Night Comes for Us, wenn sie einfach jeden gegen jeden aufeinander los lassen und wirklich die Grenzen des Machbaren ausloten. Und alle sind wieder mit an Bord: Iko Uwais natürlich, hier aber nicht in der tragenden Rolle, Joe Taslim, die fantastische Julie Estelle, Sunny Pang und mein heimlicher Liebling Zack Lee. Auf der ästhetischen Ebene erreicht das alles zwar nie die Größe der The Raid-Filme und sogar Headshot hatte virtuosere Kampfsequenzen, da setzt The Night Comes for Us lieber nur noch auf den effektiven wie brachialen Minimalismus purer körperlicher Zerstörung. Und das knallhart und ohne Unterlass.

 

7,5 von 10 Billardkugeln, die Gesichter zertrümmern

 

 

Headshot

23. Juli 2017 at 14:16

 

 

© Vertical Entertainment

 

 

 

Als ein junger Mann mit einer Schussverletzung am Kopf am Strand angespült wird, nimmt sich die junge Ärztin Ailin dessen an und pflegt ihn gesund. Ishmail nennt sie den Unbekannten, der sich scheinbar nicht an seine Vergangenheit zu erinnern vermag. Was beide nicht ahnen: schon bald heften sich brutale Killer an die Fersen von Ishmail, denn dieser hat eine durchaus bewegte kriminelle Vergangenheit in der Organisation des Unterweltbosses Lee. Als dessen Schergen Ailin entführen, begibt sich Ishmail auf einen gnadenlosen Rachefeldzug.

 

Wer sich auch nur ein wenig im Actiongenre auskennt, dem dürfte spätestens seit dem indonesischen Knaller The Raid der Name Iko Uwais ein Begriff sein. Dieser meldet sich nun auch hierzulande mit dem in seiner Heimat Indonesien bereits Ende 2016 erschienenen Headshot erneut eindrucksvoll zurück. Unter der Regie von Kimo Stamboel und Timo Tjahjanto – in Genrekreisen besser geläufig als die Mo Brothers und bekannt für allerhand kranke Ideen, was ihre Filme Macabre und Killers bestens beweisen – darf das Martial Arts-Ausnahmetalent erneut seine unbändigen Fähigkeiten zur Schau stellen. Headshot erreicht zwar nicht das sehr hohe Niveau von The Raid und dessen Fortsetzung The Raid 2: Berandal, ist aber immer noch ein sehr gut inszenierter und stellenweise überharter Actionfilm, der mühelos rund 90 % der Genrevertreter aus Hollywood ziemlich alt aussehen lässt. Die Martial Arts-Sequenzen sind auf extreme Körperlichkeit ausgelegt, krachend effizient umgesetzt und von expliziter Brutalität geprägt. Zwar lässt Headshot trotz Iko Uwais, der auch für die Choreografien der Kampfszenen verantwortlich war, die ausgefeilte Rafinesse und Virtuosität von The Raid und vor allem dessen Nachfolger vermissen, aber gerade für The Raid 2: Berandal zum Beispiel wurde so manche Sequenz aufgrund ihrer Komplexität annähernd zwei Jahre lang geprobt und einstudiert. Für Headshot gab es solche Möglichkeiten nicht und folglich dominiert hier eindeutig Martial über Arts: die Kampfszenen haben nichts Elegantes, nicht Verspieltes oder gar Tänzerisches, sondern sind roh, explosiv und schmerzhaft anzusehen, jede einzelne Bewegung scheint ausgelegt zu sein auf maximale Effektivität und Zerstörung. Darüber hinaus ist so manche Actionszene durchaus kreativ umgesetzt und hat Momente zu bieten, die erfrischend innovativ wirken. Zuweilen allerdings nimmt die zum Teil absurde bis groteske Gewalt geradezu Cronenbergsche Züge an und steht mitunter dem Body Horror näher als dem klassischen Actionfilm. Ganz ähnlich wie bereits The Raid verlässt sich Headshot in seinem Handlungsbogen auch voll und ganz auf eine stark ausgeprägte videospielartige Struktur inklusive stufenweisem Aufsteigen, Zwischengegnern mit wachsender Stärke und dem finalen Kampf gegen den Endboss. Die dramatischen Handlungselemente und vor allem auch die kurzen romantischen Momente darf man dabei getrost vergessen, wirken sie doch oft arg hölzern, auch weil Iko Uwais dafür dann doch schauspielerisches Können fehlt. Das macht aber nichts, fallen diese doch spätestens mit der zweiten Hälfte von Headshot unter den Tisch und werden zu Gunsten von scheinbar endlos aneinander gereihten wie spektakulären Kampfszenen geopfert.

 

Um es kurz zu machen: Headshot erreicht zwar nie die schwindelerregenden Qualitäten eines The Raid oder gar The Raid 2: Berandal, ist aber dennoch für Fans des Genres eine unbedingte Empfehlung. Statt der enormen Virtuosität in den Kampfszenen setzen die Mo Brothers lieber auf rohe wie explosive Gewalt, vollkommen auf Zerstörung ausgerichtet, deren bloßes Anschauen schon schmerzhaft ist. Sollte man mal gesehen haben.

 

7,5 von 10 zerstörten Schreibmaschinen