The Punisher

22. November 2017 at 13:11

 

 

© Netflix

 

 

 

„Es gibt schlimmeres als den Tod. Ich wache morgens auf und sehne mich danach.“

 

 

 

Meine Erwartung an den neuesten Marvel-Ableger aus dem Hause Netflix waren sehr hoch, denn der erste Auftritt des Punishers in der zweiten Staffel von Daredevil war so ziemlich das beste, was man in dem Bereich in den letzten paar Jahren zu sehen bekam. Grundsätzlich liegt mir das netflixsche Marvel-Universum deutlich mehr als dessen großer Bruder aus dem Hause Disney, denn der Hang zu etwas mehr Realismus in der Inszenierung gefällt mir besser. Aber auch hier muss ich Abstufungen vornehmen, fiel der Startschuss mit der ersten Staffel Daredevil noch ganz hervorragend aus, doch verlor man auch mit den weiteren Ablegern Jessica Jones, Luke Cage, Iron Fist und letztlich deren Zusammenkunft in Form der Defenders fortschreitend immer weiter an Qualität. Nun also ist der Punisher zurück und dieses Mal auf Solopfaden unterwegs. Jon Bernthal ist die Idealbesetzung für Frank Castle und ohne jeden Zweifel die bisher beste filmische Inkarnation dieser so abseitigen und doch geliebten Figur, verkörpert er doch den stoischen wie zielstrebigen und vor allem rachsüchtigen Elite-Soldaten geradezu perfekt zerrissen zwischen seiner Trauer, seiner Wut und seinem Durst nach Blut.

 

Steve Lightfoot, der geistige Vater hinter der Serie, beschränkt sich zum Glück nicht einfach nur auf die bereits in den Filmen verwendete Formel aus kampferprobtem Elite-Soldat, tragischem Verlust der Familie und gnadenlosem Rachefeldzug gegen die dafür Verantwortlichen, sondern entspinnt in den dreizehn Folgen trotz kaum zu fassender Gewalt und Brutalität ein überraschend feinfühliges Drama rund um einen Mann, der längst alles verloren hat, der vollkommen ausgebrannt ist von Schmerz, Wut und Trauer, der aber auch immer noch Züge von Menschlichkeit an sich hat. Der Tod von Franks Frau und Kindern ist hier nicht der alleinige Auslöser für sein Werk, sondern vielmehr der Ausgangspunkt eines noch langen Weges, bis er schließlich zu der kompromisslosen Tötungsmaschine ohne Gnade werden wird, die man aus den Filmen und Comics kennt. In ihrer moralischen Ambivalenz ist die Figur perfekt ausbalanciert: man kann zwar nicht gutheißen, was Castle tut, aber man kann verstehen, warum er es tut. Er kennt nichts anderes außer Krieg, ihm bleibt nichts anderes außer Krieg, also trägt er den Krieg auf die Straße. Das darf man ruhig wörtlich verstehen: er entfesselt einen unfassbaren Mahlstrom der Gewalt auf seinem blutigen Pfad der Vergeltung. Aber die Macher der Serie erliegen nie der naheliegenden Versuchung, seine Taten in irgendeiner Form zu glorifizieren. Frank Castle ist kein Held. Will auch gar keiner sein. Wie könnte er auch? Nein, in der Welt, in der er sich bewegt, da ist er ein Außenseiter und verkörpert all die Dinge, welche die klassischen Helden allenfalls verachten: Mord, Wut, Gewalt, Rache, Kaltblütigkeit. Persönliche Motive vor übergeordneter Menschlichkeit. Aufopferung für das große Ganze, die große Verantwortung, die aus großer Kraft entspringt, die kennt der Punisher nicht, die ist ihm vollkommen egal. Für ihn zählt nur der Tod all derer, die an seinem Schicksal Schuld sind und das um jeden Preis.

 

© Netflix

 

Der Grad der Gewalt ist enorm hoch und die Action immer sehr brachial in Szene gesetzt, doch die unbarmherzige Brutalität ist bei weitem nicht die einzige Stärke der Serie. Darüber hinaus nämlich zeichnet sie ein wahnsinnig deprimierendes wie desillusionierendes Bild einer amerikanischen Mittel- und Unterschicht, deren Söhne und Töchter für ihr Land buchstäblich alles gaben und bei ihrer Rückkehr von ihm verraten und fallen gelassen wurden. Da bewegt sich The Punisher in einer schmuddeligen Zwischenwelt aus Selbsthilfegruppen für Veteranen, wiederkehrenden Albträumen und kruden Verschwörungstheorien. Lightfoot holt Frank Castle in unsere Erfahrungswelt und konfrontiert ihn mit uns nur allzu bekannten Problemen: so wird der Homegrown-Terror beispielsweise im weiteren Verlauf wichtigen Raum einnehmen. Auch die Machenschaften verschiedener Geheimdienste – egal, ob Inland oder Ausland – werden thematisiert und zum Teil drastisch in Szene gesetzt, wenn sich Bürokraten und Strippenzieher finstere Pläne ausdenken, die junge Soldaten dann Werkzeug gleich in die Tat umsetzen müssen. Folter, Mord, Anschläge, Entführungen, das volle Programm. Aber The Punisher ist keineswegs politisch ambitioniert oder gar anklagend, denn zu keinem Zeitpunkt bezieht die Serie klar Stellung, sondern zeigt lieber einfach nur auf, so dass der Zuschauer schon für sich selbst entscheiden muss, ob und was er aus dem Gezeigten schlussendlich für sich selbst mitnehmen kann oder will. Hochaktuell und brisant sind die verhandelten Themen aber in jedem Fall und somit ist The Punisher deutlich intelligenter geschrieben, als man es vielleicht vermuten würde.

 

Rau, hart, düster, deprimierend, kompromisslos, brutal und unter seiner Kruste aus Blut und Dreck erschreckend wahrhaftig: das ist The Punisher, auch deswegen, weil die Macher der Serie Frank Castle fest in unserer Bezugswelt verankern. Es ist ein radikales Wagnis, eine Gratwanderung, es strahlt aber auch eine erschreckende Wahrhaftigkeit aus. Ich hätte nie gedacht, dass eine Comic-Serie aus dem Hause Marvel/Netflix mich derart begeistern, mich so sehr mitnehmen, so sehr beschäftigen und so sehr zum Nachdenken anregen würde, aber genau das tut The Punisher.

 

10 von 10 schmerzhaften Schusswunden