The Rover

25. April 2015 at 15:08

 

 

The Rover (2014)
The Rover poster Rating: 6.4/10 (25,563 votes)
Director: David Michôd
Writer: Joel Edgerton (based on a story by), David Michôd (based on a story by), David Michôd
Stars: Guy Pearce, Chan Kien, Tek Kong Lim, Tawanda Manyimo
Runtime: 103 min
Rated: N/A
Genre: Crime, Drama
Released: 20 Jun 2014
Plot: 10 years after a global economic collapse, a hardened loner pursues the men who stole his only possession, his car. Along the way, he captures one of the thieves' brother, and the duo form an uneasy bond during the dangerous journey.

 

 

 

„I’ll tell you what God’s given you. He’s put a bullet in you and he’s abandoned you out here to me. He feels nothing for you. He couldn’t give a fuck if you died tomorrow.”

 

 

 

Australien in naher Zukunft, zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der Gesellschaft. Eric streift durch das Outback, inzwischen ein gesetzloses Ödland, in dem sich jeder selbst der Nächste ist und um das nackte Überleben kämpft, als eine sich nach einem schiefgegangen Überfall auf der Flucht befindliche Gruppe von Räubern seinen Wagen gewaltsam entwendet, um so ihren Weg fortsetzen zu können. Doch Eric ist ganz und gar nicht daran gelegen, sie mit seinem Rover einfach so davonkommen zu lassen und nimmt stur und zielstrebig die Verfolgung auf. Schnell trifft er dabei auf Rey, den etwas minderbemittelten Bruder eines der Räuber, die ihn schwer verletzt und blutend einfach am Straßenrand zurückgelassen haben. Rey kennt zwar den Zielort der Flüchtlinge, ist aber nicht gewillt ihn Eric einfach so preiszugeben und es entsteht ein unfreiwilliges und mehr als nur brüchiges Bündnis zwischen den beiden Männern, der eine auf der Suche nach seinem Bruder und der Antwort auf die Frage, warum dieser ihn einfach zurückließ, der andere nach seinem gestohlenem Auto….

 

Das australische Kino überrascht seit einigen Jahren immer mal wieder mit regelrechten Genreperlen, die sich oft nicht nur nicht hinter ihren amerikanischen Verwandten verstecken müssen, sie stecken sie auch gerne mal locker in die Tasche. Der Gangsterthriller Lawless und der Western The Proposition, beide gedreht von John Hillcoat, ausgestattet mit einem Drehbuch von Nick Cave (ja, DER Nick Cave!) und mit Guy Pearce in einer tragenden Rolle, das erdrückend deprimierende Endzeitdrama The Road nach dem Roman von Cormack McCarthy, das ebenfalls von John Hillcoat realisiert wurde, der verschachtelte Crimethriller The Square, der NeoWestern Red Hill, das ernüchternde Gangsterdrama Animal Kingdom von David Michôd und jetzt eben dessen nächste Regiearbeit The Rover, dieser filmische Schlag in die Magengrube mit Guy Pearce und Robert Pattinson in den Hauptrollen, sie alle sind überdurchschnittlich gute bis herausragende Vertreter ihrer Zunft und bleiben dennoch jenseits ihrer australischen Heimat gerne mal nahezu unbemerkt, auch, weil sie oft eingefahrene Sehgewohnheiten einfach unterlaufen.

 

 

 

 

„ You should never stop thinking about a life you’ve taken. That’s the price you pay for taking it.”

 

 

 

 

 

The Rover ist auf erschreckend beiläufige Art und Weise unbarmherzig und erbarmungslos. Die Welt, die hier skizziert wird, ist rau und grimmig, sie wird beherrscht von einer fatalistischen, ja geradezu apathischen Grundstimmung, immer irgendwie drückend und unterschwellig bedrohlich. Nichts Gutes scheint es mehr zu geben, nur noch nackte Instinkte, der Wille zu überleben hat alle anderen menschlichen Werte ausgelöscht. Der von Guy Pearce gespielte Eric scheint dann auch genau in diese Welt zu passen, in der jede Spur von Mitgefühl oder Empathie verloren gegangen ist, nahtlos fügt er sich dort ein, als hätte es nie ein anderes Leben davor gegeben, und agiert kaltblütig und skrupellos, da ist wenig sympathisches an ihm und als Identifikationsfigur taugt er kaum. Er wirkt vielmehr ausgebrannt und desillusioniert, brutal und gleichgültig, mehr gefühlstot als einfach nur gefühlskalt. Zusätzlich wird die Bindung des Zuschauers zum Protagonisten dadurch unterwandert und die Distanz aufrecht erhalten, dass einfach nicht klar wird, wo dessen Motivation denn nun eigentlich liegt. Man beginnt sich zu fragen: warum das Ganze? Was genau treibt Eric an, warum nimmt er so hartnäckig wie unerbittlich die Verfolgung auf? Tatsächlich offenbart sich erst in der allerletzten Szene auf schmerzliche und zugleich seltsam berührend schöne Art und Weise der eigentliche Grund für Eric´s Handeln, banal und dennoch universell, und plötzlich hat man das Gefühl, einen gänzlich anderen Film gesehen zu haben als bisher geglaubt. So ist es auch Eric, der irgendwann im Verlaufe des Films das eigentliche Dilemma auf den Punkt bringt: nicht die furchtbaren Taten ihrer Bewohner sind das Grauen dieser Welt, sondern der Umstand, dass diese Taten schlichtweg niemanden mehr interessieren, dass sie geschehen können, weil es einfach keine Bedeutung mehr hat, sie werden allenfalls noch wahrgenommen, aber schon längst nicht mehr bewertet, so weit ist die Lethargie bereits fortgeschritten. Diese Gleichgültigkeit ist das wahre Ende der Menschheit, der moralische, ethische und soziale Verfall, das Verschwinden zwischenmenschlicher Beziehungen und emotionale Isolation.

 

 

 

„ Not everything has to be about something.”

 

 

 

Zwar weht in The Rover auch ein Hauch von Mad Max durch die karge Landschaft des australischen Outbacks, aber einzig das Setting ist es, das beide Filme lose miteinander verbindet. Sie spielen vor einem ähnlichen Hintergrund, aber viel mehr Gemeinsamkeiten gibt es nicht. The Rover pendelt eher irgendwo zwischen Roadmovie und Western, ist manchmal quälend langsam erzählt, so langsam, wie diese sterbende Welt vor sich hinsiecht, aber der Spannungsbogen ist von Anfang bis Ende perfekt angelegt, langsam köchelt und siedet alles vor sich hin, nur um im Finale dann doch noch überzukochen, wenn sich die Ereignisse plötzlich überschlagen. So kommt The Rover dann auch nahezu ohne nennenswerte Actionszenen aus, hier wird nicht plakativ inszeniert, vielmehr geschehen die Dinge ganz beiläufig, was sie oftmals deutlich eindrucksvoller gestaltet als es jede Explosion oder jedes Feuergefecht könnte. Die Story ist entschlackt und auf das Nötigste reduziert, Nebenschauplätze werden gar nicht erst aufgemacht und da ist nicht ein Gramm Fett auf den Rippen des Drehbuchs. Dazu ist dieses traurige Szenario in seltsam schönen, obwohl enorm trostlosen und kargen Bildern eingefangen, diese Welt wirkt fremd, obwohl sie uns vertraut sein sollte, ein Ort jenseits der Zivilisation, weit weg von menschlichen Errungenschaften. Die Kamera ist so präzise wie effektiv, man glaubt gelegentlich, die Hitze spüren, den Staub schmecken und den Schweiß riechen zu können. Sie fängt das Geschehen erstaunlich ungekünstelt ein, phasenweise glaubt man gar nicht einen Endzeitfilm zu sehen, alles wirkt irgendwie authentisch, eine Szenerie, die man sich durchaus genau so vorstellen kann.

 

Das wahre Highlight aber sind die schauspielerischen Darbietungen der beiden Hauptdarsteller. Guy Pearce halte ich ohnehin für sträflich unterbewertet, der Mann gehört zu meinen absoluten Lieblingsschauspielern, denn er ist enorm wandlungsfähig und schafft es selbst dann noch einem Film seinen Stempel aufzudrücken und ihn sich eigen zu machen, wenn seine Rolle verhältnismäßig klein ausfällt. Unvergessen seine Rollen in Filmen wie L.A. Confidential, Memento oder The Hurt Locker, aber auch in kleineren Produktionen wie Lawless, Ravenous oder The Proposition konnte er immer überzeugen. Nicht zu vergessen der zwar enorm stumpfsinnige, dafür aber auch unfassbar unterhaltsame Science-Fiction/Actionkracher Lockout, in dem Pearce kaum wieder zuerkennen ist, aber selbst einer solch flachen Figur kann er noch Facetten abgewinnen. Seine Figur des Eric in The Rover ist erschreckend unbarmherzig und zielstrebig und geht rücksichtslos zu Werke bei der Suche nach seinem Auto und dessen Dieben, gerade zu emotionslos, und man kauft ihm das zu jeder Sekunde ab. Er spielt subtil und ruhig, gesprochen wird ohnehin nicht viel, es gibt kaum noch was zu sagen, und man hat immer das Gefühl, da ist noch etwas anderes unter seiner Oberfläche, etwas gefährliches, das dort vor sich hin brodelt und auf den Ausbruch wartet. Und dann ist da noch Robert Pattinson als Rey. Ich muss ganz ehrlich zugeben, der Mann hat mich umgehauen in diesem Film. Eine solch starke schauspielerische Leistung hätte ich ihm niemals zugetraut, so weit weg wie nur möglich von diesem kitschigen Erfüllungsgehilfen für Teenagerträume namens Twilight. Rey ist sehr naiv, ein wenig minderbemittelt, vielleicht zurückgeblieben und auf alle Fälle hoffnungslos überfordert von dieser Welt um ihn herum. Wie Pattinson das spielt, seine Mimik, Körperhaltung, seine Sprache, das ist sehr beeindruckend und erinnert ein wenig an Leonardo DiCaprio in Gilbert Grape. Pearce und Pattinson tragen den ganzen Film, diese zweckmäßige, zarte und brüchige Verbindung zweier Männer, die beide etwas ihnen wichtiges verloren haben, das ist sehr spannend inszeniert. Eric als der kaltblütige und emotionslose Typ, Rey dagegen als der naive, ja sogar gläubige Gegenpart, und wie sie sich langsam aneinander annähern, obwohl sie doch Welten trennen, das hat etwas unglaublich intensives.

 

The Rover ist ein minimalistisches Kleinod seines Genre, extrem reduziert auf das absolut Wesentliche und beschreibt eine archaische Welt ohne Hoffnung oder Menschlichkeit, brutal und grausam, in der nur noch das Gesetz des Stärkeren Bestand hat. Sympathieträger findet man hier keine. Das Wenige an Story ist langsam erzählt, der Spannungsaufbau aber kontinuierlich und die Ereignisse entladen sich in einem zynischen Finale. All das ist festgehalten in spröden Bildern des flirrenden Outbacks, staubtrocken, dreckig und lebensfeindlich, und unterlegt mit einem Soundtrack, der an den Nerven zerrt und die Spannungsschraube nur noch weiter anzieht. Das fantastische Zusammenspiel von Guy Pearce und Robert Pattinson ist beeindruckend und wunderbar anzusehen. All das macht The Rover zu einem kleinen Ausnahmefilm, den man zumindest dann unbedingt mal gesehen haben sollte, wenn man sich für das Genre Endzeit ähnlich begeistern kann wie ich und nicht gleich einen Mad Max-Verschnitt erwartet. Aber auch allen anderen, die mal einen etwas außergewöhnlichen Film sehen wollen und nicht allzu zart besaitet sind, sollten hier einen Blick riskieren.

 

8 von 10 US-Dollar