Hellraiser (1987)

7. Juli 2018 at 15:09

 

 

© Entertainment Film Distributors/New World Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

„Pain and pleasure, indivisible.“

 

 

 

Frank Cotton ist mehr als nur gelangweilt von seinem Leben und seinen Exzessen und daher auf der Suche nach höheren Vergnügungen ungeahnter Freuden. Diese soll ihm eine mysteriöse Puzzelbox bescheren, welche angeblich eine Tür in eine fremde Welt öffnen kann. Und tatsächlich gelingt es ihm, den Übergang in eine andere Dimension zu finden, doch was ihn dort erwarten sollte, das hatte er sich anders vorgestellt.

 

Als 1987 mit Hellraiser das Regiedebüt des britischen Schriftstellers Clive Barker das Licht der Welt erblickte, da platzte dieses düstere wie ungemein ernsthafte Werk in ein Genre, welches jener Zeit von oftmals humoresken Überzeichnungen wie etwa Evil Dead und dessen Fortsetzung, Return of the Living Dead, Night of the Creeps, Fright Night oder The Lost Boys aufgebrochen wurde. Hellraiser war anders. Fleisch, Lust, Schmerz, Sex, Verlangen, Untreue – das sind die Eckpunkte des Koordinatensystems, in welchem der Film sich thematisch bewegt. Die Suche nach dem größtmöglichen Vergnügen, Schmerz inklusive. Hellraiser verstört und berührt gleichermaßen in dem Gefühl, nicht noch weiter gehen zu dürfen, es aber dennoch unbedingt zu wollen. So handelt der Film eher weniger von irgendwelchen Monstern oder Psycho-Killern, sondern vielmehr von tief in unserem Inneren brodelnden und schwelenden, unbegreiflichen wie unaussprechlichen Empfindungen, die uns zu übermannen drohen und in absolute Grenzbereiche führen. Von Lust und Verlangen, so stark und unnachgiebig, dass sie bis zur Selbstaufgabe treiben.

 

Und diese ultimativen Freuden, die versprechen die Zenobiten, angeführt von Pinhead, der sie selbst als explorers in the further regions of experience bezeichnet. Demons to some, angels to others. Sie betreiben mit geradezu religiöser Hingabe eine Art übernatürlichen Hedonismus, welcher sich durch die Ausdehnung jeglicher Empfindung bis hin zu einem extrem schmerzhaften Punkt der sensorischen Überlastung und andauernden quälenden Schmerzen manifestiert. Pinhead – der erst später diesen Namen erhalten sollte – ist ein etwas schräges Phänomen der Popkultur und mag zwar auf den ersten Blick in die Top-Riege der legendären Horrorfilm-Ikonen gehören, aber irgendwie war er dort doch auch immer eine Art Außenseiter zwischen Freddy, Jason, Michael und Leatherface und seltsam deplatziert. Vielmehr verströmt er eine bizarre Ambivalenz, ist irgendwie weder böse noch gut, er und die anderen Zenobiten sind eher einfach da, seltsam neutrale wie passive Beobachter und nur ihren abartigen Praktiken verpflichtet. Der eigentliche Bösewicht in dieser Geschichte ist zweifellos jemand anderes. Doch letztlich wollen Versprechen gehalten und eingelöst werden. Ihr Design ist gleichsam atemberaubend furchterregend wie faszinierend in ihrem extrem übersteigerten Körperkult. Eine Formulierung aus einem Making-of zum Film ist mir diesbezüglich sehr in Erinnerung geblieben: repulsive glamour. Was in meinen Augen den Nagel auf den Kopf trifft. Buchstäblich.

 

Clive Barker inszeniert seinen Hellraiser (wohlgemerkt: sein erster Spielfilm!) grandios, ist dabei ungemein selbstsicher, weiß ganz genau was er will und hält das erzählerische Tempo trotz nicht zu leugnender physischer wie psychischer Härte überraschend zurück, geht nicht gleich in die Vollen, sondern widmet sich lieber einem langsamen Aufbau und einer unglaublich dichten, drückenden und geradezu beklemmenden Atmosphäre. Es ist erstaunlich, wieviel Raum Barker trotz aller Explizität vor allem auch dem Unausgesprochenen lässt. Den leisen Zwischentönen. Allein die winzige Szene zu Beginn, wenn Julia eine Zigarette auf dem Fußboden des Elternhauses ihres Mannes Larry austritt, das sagt in wenigen Sekunden einfach alles über diese Ehe, so voller unverhohlener Verachtung ist dieser Moment. Natürlich nutzt Hellraiser auch wie viele andere solcher Genre-Filme den Mechanismus des Einsturzes einer heilen Familienwelt, doch Barker lässt nie Zweifel daran, wie sehr fragil und beschädigt dieses Gefüge bereits ist, bevor das nackte Grauen erst Einzug hält. Visuell ist das alles fantastisch gelungen und hervorragend zwischen kalter Realität und fiebriger Phantasmagorie umgesetzt. Hellraiser bietet immer wieder ganz starke Bilder, die sich nur schwerlich wieder vergessen lassen. Viele der zum Teil durchaus derben Splatterszenen sehen auch heute noch technisch gut aus und nur ein oder zwei Sequenzen gegen Ende des Filmes wirken rückblickend reichlich antiquiert. Der fabelhafte Score aus der Feder von Christopher Young rundet dieses grausam-schöne Erlebnis letztlich ab und schnürt ein stimmungsvolles wie faszinierendes und gleichermaßen abstoßendes Gesamtpaket, welches in meinen Augen zu den besten Horrorfilmen der letzten Dekaden zählt. Ein Meisterwerk in Blut, Schmerz und Begierde. We have such sights to show you!

 

9 von 10 Höllen voller unaussprechlicher Qualen