Midnight Special

10. Januar 2017 at 23:07

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

 

„Sometimes we are asked to do things that are beyond us.“

 

 

 

Roy Meyer ist mit seinem achtjährigen Sohn Alton auf der Flucht. Vor der Polizei und dem FBI, weil diese glauben, Alton wäre entführt worden, und vor einer religiösen Sekte, die Alton als eine Art Messiahs betrachtet und unbedingt zurück will. Unterstützt wird er dabei von seinem langjährigen Freund, dem State Trooper Lucas. Ihr Ziel ist ein ganz bestimmter Ort zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt, nur das genaue Warum, das ist unklar. Sicher ist dagegen, das Alton über geheimnisvolle Fähigkeiten verfügt, welche die Sektisten für ihre Zwecke nutzen wollen und die Regierung als potentielle Waffe. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt für die drei.

 

Zwei Männer und ein kleiner Junge sitzen in einem verbarrikadierten Motelzimmer, während die Nachrichten im Fernseher über die Suche nach dem vermeintlich entführten Alton berichten. Doch Alton wurde nicht entführt, ganz im Gegenteil, sind seine beiden Begleiter doch vielmehr seine Beschützer. Mit genau jener Szene beginnt Midnight Special von Regisseur Jeff Nichols, welcher mit seinem jüngsten Werk nach Take Shelter und Mud nun bereits den dritten Film in Folge abliefert, der mir zu gefallen weiß. Ich muss zwar ehrlicher Weise zugeben, dass mir noch nicht so ganz klar ist, was mir der Film nun letztlich sagen will, aber deswegen mochte ich ihn noch lange nicht weniger. Schon ganz zu anfangs mit seiner aller ersten Szene hat mich Midnight Special mit seiner faszinierenden wie rätselhaften Atmosphäre gleich in seinen Bann gezogen, offenbart der Film doch von der ersten Sekunde an ein Mysterium, welches gelöst werden möchte, dessen Lösung aber deswegen keineswegs im Vordergrund steht und vielmehr dazu dient, Stimmungen aufzufangen. Die Bilder sind wie gewohnt bei Nichols ausufernd und schwelgerisch und der erzählerische Aufbau langsam, so dass schnell eine Art Sog entsteht, der einen nicht mehr loslassen will. Gesellt sich noch der geradezu hypnotische Soundtrack dazu, dann ist die erzielte Wirkung erst einmal kongenial. Lange Zeit will man den Blick gar nicht mehr abwenden von all diesen vollendeten Bildern, den Impressionen und kleinen Stilleben, die Nichols da auf die Leinwand zaubert. In Midnight Special steckt eine weitaus größere Geschichte, als es auf den ersten Blick scheint, nur wird diese dem Zuschauer erst nach und nach, Stückchen für Stückchen offenbart, über Dialoge näher gebracht und nur dann bewusst zum Thema gemacht, wenn es absolut von Nöten ist. Und dennoch bleiben Dinge unerwähnt, im Dunkeln, unausgesprochen, was für mich einen besonderen Reiz des Filmes ausmacht, kann ich mir so doch noch genug selbst ausmalen, um meine Fantasie über den Film hinaus zu beschäftigen. Im Kern behandelt der Film natürlich das Thema Liebe, bedingungslose Liebe sogar, es geht um Familie, Vertrauen, Verantwortung, aber auch um Verlust, Außenseitertum und das Loslassen, wenn es nötig ist. Dennoch bleibt bei mir das seltsame Gefühl zurück, dass sich unter der Oberfläche von Midnight Special noch etwas größeres verbirgt, das ich bisher nicht habe entdecken können, dass dort etwas schlummert, was die offensichtlich verhandelten Themen nochmals übersteigt. Vielleicht irre ich mich auch, möglicherweise sogar, weil ich es mir wünschen würde, da wäre noch mehr, aber so oder so, es wird sicherlich noch mehr als eine Zweitsichtung brauchen, um diesen visuell und erzählerisch wunderschönen Film vollends in mich aufnehmen zu können. Jeff Nichols jedenfalls ist ein enorm talentierter und fähiger Regisseur, dessen Bilder oftmals mehr erzählen als ganze Dialoge und von klarer Einfachheit wie schlichter Eleganz sind, und dessen Filme bisher auch immer von seiner ganz klaren Handschrift geprägt sind. Ein wenig entrückt und in gewissen Zügen geradezu märchenhaft, aber gleichzeitig auch immer sehr in unserer Welt verhaftet. Letztlich mutet es in Midnight Special beinahe ironisch an, dass einerseits die religiöse Sekte Alton als ihren Erlöser betrachtet und andererseits der staatliche Apparat eine Waffe in ihm sieht, während seine Eltern nicht mehr wollen als ihn glücklich zu machen. Ironisch, vor allem aber auch berührend, ist das gerade deswegen, weil dieser sehnliche Wunsch nicht im gemeinsamen Glück enden kann, sondern eher darin, jenen Wunsch begraben zu müssen.

 

Mit Midnight Special ist Jeff Nichols erneut und nun zum dritten Mal in Folge nach Take Shelter und Mud ein ausgesprochen gelungener Film geglückt, ein schöner Film, empathisch, aber nicht kitschig, spannend, aber nicht reißerisch. Gewohnt langsam entfaltet Nichols seine Geschichte und schält sie Stück für Stück aus der Dunkelheit. Nie gibt er uns mehr Preis, als wir in dem Moment unbedingt wissen müssen, offenbart ein geradezu mystisches Rätsel, welches es zu entschlüsseln gilt und überlässt uns trotzdem am Ende alles selbst. Schwelgerische und wunderschöne Bilder und Motive dominieren Midnight Special, der Score ist geradezu hypnotisch mit all dem verwoben und der starke Cast rund um den nicht nur hier grandiosen Michael Shannon, Joel Edgerton, Adam Driver und Kirsten Dunst rundet dieses träumerisch anmutende und seltsam entrückte Road Movie ab. Einzig für den immer tollen und sehenswerten, von mir sehr geschätzten Sam Shepard hätte ich mir mehr screen time gewünscht. Naja, man kann nicht alles haben. Trotz meiner immer noch anhaltenden Ratlosigkeit und dem Gefühl, nur die Spitze des Eisberges erfahren zu haben, ein toller und empfehlenswerter Film.

 

7,5 von 10 Superman-Comics, gelesen bei dem Licht einer Taschenlampe unter der Bettdecke