Logan

13. März 2017 at 12:33

 

 

  © 20th Century Fox

 

 

 

„There’s no living with a killing. There’s no going back from it. Right or wrong, it’s a brand, a brand that sticks. There’s no going back.“

 

 

 

2029. Mutanten gibt es nur noch sehr wenige und seit 25 Jahren wurde kein neuer mehr geboren. Die wenigen noch lebenden verstecken sich vor der Regierung und den Reaver genannten Spezialeinheiten, die unter der Führung von Donald Pearce gnadenlos Jagd auf sie machen. Auch Logan/Wolverine ist im mexikanischen Grenzland untergetaucht, schlägt sich als Limousinenfahrer durch, versorgt gleichzeitig den demenzkranken Prof. X und will sich nur noch den gemeinsamen Traum eines eigenen Bootes erfüllen, um auf dem Meer leben zu können. Als die junge Mutantin Laura eher unfreiwillig in seine Obhut gelangt, muss Logan widerwillig zu seinem abgelegten Alter Ego Wolverine zurück finden und den Kampf gegen Pearce und seine Reaver aufnehmen, die Laura unbedingt zurück haben wollen.

 

Wenn ich mir einen Lieblings-Marvelhelden aussuchen müsste, dann wäre es wohl zweifellos Wolverine. Und das nicht nur wegen seiner Kräfte, sondern vielmehr wegen der faszinierenden Geschichte, die hinter dieser Figur steht. Der neueste filmische Beitrag dazu stammt von Regisseur James Mangold, der bis auf den durchaus verzichtbaren Knight & Day unter anderem die guten bis sehr guten Filme Cop Land, Identität, Walk the Line und Todeszug nach Yuma für sich zu verzeichnen hat, bis er 2013  die Regie für Wolverine: Weg des Kriegers antrat. Mit immer noch mäßigem Ergebnis aufgrund eines recht schwachen Drehbuches, wie sich herausstellen sollte, obwohl sein Film immer noch besser ist als der vollkommen vergessenswerte Vorgänger X-Men Origins: Wolverine. Umso erfreulicher also ist es nun, dass Mangold mit Logan in die Welt des Wolverine zurückkehrt und dieses Mal sowohl die Regie führte als auch das Drehbuch schrieb und sich vollkommen selbst verwirklichen konnte. Man spürt sofort seine Liebe zu der Figur des Wolverine. Eine Liebe, die Hugh Jackman als Darsteller ebenso teilt wie Ryan Reynolds zu Deadpool. Im Übrigen ist es nicht nur eine auf das Crossover-Marketing beschränkte Verbindung beider Projekte, eröffnete der Erfolg von Deadpool trotz seines R-Ratings doch überhaupt erst die Möglichkeit, Logan so zu realisieren, wie James Mangold es bedingungslos wollte. Dabei steht das R-Rating (welches sich Logan zweifellos redlich verdient hat) gar nicht mal so sehr im Vordergrund als vielmehr die Möglichkeit, kreative Entscheidungen treffen zu können, die dann vom Studio auch genauso abgesegnet werden.

 

Und wie Regisseur James Mangold letztlich dann seinen Film inszeniert, das sucht innerhalb des Genre zweifellos seines Gleichen und hebt sich geradezu überdeutlich von den oftmals grellbunten und verhältnismäßig harmlosen Comicwelten aus dem Hause Marvel ab. Logan ist minimalistisch gehalten, staubig, dreckig, brutal und ausgesprochen grimmig in seinem Tenor und mehr Drama und Road Movie mit Western-Einschlag als Comic-Blockbuster. Erzählt wird eine eher kleine, geradezu intime Geschichte, die viel von der irgendwie postapokalyptischen Welt um sie herum einfach ausblendet und sich vielmehr sehr auf ihre Figuren und deren Konflikte konzentriert. Zudem haben Handlungen nun endlich auch direkte und sehr spürbare Konsequenzen und bereits die aller erste Szene macht sofort klar, wohin hier die Reise geht. Logan ist erstaunlich brutal geraten (die deutsche FSK 16 Freigabe darf an dieser Stelle ruhig mal hinterfragt werden, fliegen doch buchstäblich abgetrennte Köpfe und Gliedmaßen in rauen Mengen durch die Gegend), jedoch verkommt die Gewalt hier nie zum reinen Selbstzweck, ist nie bloßer Schauwert, sondern vielmehr immer handlungsgetrieben und ein wichtiges, erzählerisches Stilmittel, um sowohl diese dreckige wie raue Welt als auch Logan selbst zu charakterisieren. Er ist spürbar innerlich zerrissen zwischen seiner menschlichen und animalischen Seite. „Nature made me a freak, man made me a weapon and God made it last too long“ wird er an einer Stelle im Film sagen und das trifft den Kern sehr gut. Er trinkt zuviel und trägt Selbstmordgedanken in sich, sein Körper ist geschunden von unzähligen Kämpfen und Wunden, und seine Kräfte lassen spürbar nach. Darüber hinaus kümmert er sich zusammen mit dem Mutanten Caliban um den inzwischen über 90jährigen und an Demenz leidenden Prof. X, dessen sporadische Anfälle eine Gefahr für die Menschheit sind. Für jemanden, dem wie mir die filmischen Verkörperungen von Logan und Prof. X in den vergangenen siebzehn Jahren ans Herz gewachsen sind, ist es hart mit anzusehen, wie brutal und gnadenlos der Film mit seinen Figuren umgeht, doch gleichzeitig ist diese logische Konsequenz auch überaus faszinierend. Insgesamt verhandelt der Film viele Facetten der Themen Vergänglichkeit und Sterblichkeit, auch wird Logan in gleich zweifacher Hinsicht mit seiner eigenen Jugend konfrontiert und muss sich seine Schwächen eingestehen und sich ihnen stellen.

 

Eine besonders große Stärke von Logan ist der Umstand, dass es sich dabei um einen stark Charakter getriebenen Film handelt und eben nicht um einen Action getriebenen Film, wie es sonst bei Comicverfilmungen der Fall ist. Phasenweise vergaß ich im Kino sogar, es eigentlich mit Superhelden zu tun zu haben. Es ist vielmehr ein Film über Charaktere mit einem Hauch von Superkräften und eben kein Film über Superkräfte mit einem Hauch von Charakter. In diesen Kontext passen dann auch die wirklich starken schauspielerischen Leistungen von Hugh Jackman, Patrick Stewart und vor allem auch von der elf jährige Dafne Keen als Laura. Jackman spielt seinen Logan unfassbar glaubwürdig als schwer gebrochenen Mann, verbittert und zerfressen von Schuldgefühlen, angeschlagen, traumatisiert von all seinen Erlebnissen und an den Grenzen seiner Kräfte angelangt. Ebenso ist Patrick Stewart großartig, ständig pendelnd zwischen völlig klaren Momenten und totaler Senilität, geplagt von seinen Anfällen, die ihn so unglaublich gefährlich machen für alle anderen Lebewesen, und der auch eine unglaublich erdrückende Schuld auf seinen gebrechlichen Schultern tragen muss. Die große Entdeckung aber ist zweifellos Dafne Keen, denn wie sie gerade zu Beginn des Filmes ihre rohe, geradezu animalische, gar nicht bis kaum sozialisierte Seite zum Ausdruck bringt, ist schlicht beeindruckend. Über weite Strecken im Film sagt sie nicht ein Wort, aber Körpersprache und Mimik reichen völlig aus und sprechen für sich, wenn sie sich mit geradezu unbegreiflicher Selbstverständlichkeit innerhalb dieses teils sehr brutalen Settings bewegt. Auf keinen Fall vergessen sollte man dabei, dass dieses kleine, elfjährige Mädchen annähernd keine Erfahrung vor der Kamera und schon gar keine in einer solch großen Produktion hat, aber eine verdammt gute Performance abliefert.

 

Zudem besticht Logan durch eine Intertextualität, die weit über das sonst für das Genre der Superheldenfilme so übliche, selbstreferenzielle Gebaren hinaus geht. Mangold geht mit seinem Film über den eigenen Kosmos hinaus und bezieht auch zahlreiche Verweise außerhalb der Comicwelt stark mit ein, wenn beispielsweise der Western Shane (1953) von George Stevens eine nicht gerade unbedeutende Rolle spielt, indem nicht nur zentrale Themen und Motive übernommen werden, sondern sich auch dramaturgische Elemente in Logan wiederfinden und spiegeln. Im gleichen Kontext stehen die sehr geschickt platzierten X-Men-Comics im Film, wodurch plötzlich eine Metaebene aufgemacht wird, die sogar Deadpool in den Schatten stellt, denn anhand dieser Comics verhandelt der Film die Frage, wie Superhelden grundsätzlich dargestellt werden. An diesem Punkt zieht Logan ganz klar eine Trennung zwischen der bunten Welt dieser Comics und der düsteren Realität und hinterfragt die Glorifizierung von Heldentum. Menschen sterben und das ist endgültig. Töten ist und bleibt Töten, Mord ist und bleibt Mord, auch wenn die Opfer vermeintlich böse Menschen sind. Eine bittere Erkenntnis, welche ich mir so immer wieder mal innerhalb des Genre gewünscht, aber nie bekommen habe. Zudem erinnert nicht nur Logans Look oftmals stark an das Videospiel Last of Us, auch das postapokalyptische Setting – wenn auch bei weitem nicht so ausgeprägt – wie vor allem die Vater-Tochter-Dynamik und das treibende Handlungselement der langen Reise unter widrigen Umständen mit konkretem Endpunkt lassen sich wiederfinden. Und das ist nur ein Teil all der Verweise und Bezüge, die auch einen Reiz des Filmes ausüben, und es lässt sich noch viel mehr entdecken.

 

Lange Rede, kurzer Sinn, denn ich könnte noch ewig so weitermachen: Logan ist ein grandioses Stück Film geworden, das nicht nur meine ohnehin schon hohen Erwartungen zu übertreffen vermochte, sondern darüber hinaus sein enges Genrekorsett gekonnt aufbricht und uns die wohl erste, wirklich erwachsene Comicverfilmung beschert. Die teils brutale Konsequenz des Filmes hat mich tatsächlich getroffen, berührt und mitgenommen. Vermutlich wird mich Logan in meinem Kopf noch eine ganze Weile begleiten. Ein wahrlich gelungener und würdevoller Schlussstrich unter siebzehn gemeinsame Jahre. Danke dafür.

 

10 von 10 Kugeln aus Adamantium

 

 

Midnight Special

10. Januar 2017 at 23:07

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

 

„Sometimes we are asked to do things that are beyond us.“

 

 

 

Roy Meyer ist mit seinem achtjährigen Sohn Alton auf der Flucht. Vor der Polizei und dem FBI, weil diese glauben, Alton wäre entführt worden, und vor einer religiösen Sekte, die Alton als eine Art Messiahs betrachtet und unbedingt zurück will. Unterstützt wird er dabei von seinem langjährigen Freund, dem State Trooper Lucas. Ihr Ziel ist ein ganz bestimmter Ort zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt, nur das genaue Warum, das ist unklar. Sicher ist dagegen, das Alton über geheimnisvolle Fähigkeiten verfügt, welche die Sektisten für ihre Zwecke nutzen wollen und die Regierung als potentielle Waffe. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt für die drei.

 

Zwei Männer und ein kleiner Junge sitzen in einem verbarrikadierten Motelzimmer, während die Nachrichten im Fernseher über die Suche nach dem vermeintlich entführten Alton berichten. Doch Alton wurde nicht entführt, ganz im Gegenteil, sind seine beiden Begleiter doch vielmehr seine Beschützer. Mit genau jener Szene beginnt Midnight Special von Regisseur Jeff Nichols, welcher mit seinem jüngsten Werk nach Take Shelter und Mud nun bereits den dritten Film in Folge abliefert, der mir zu gefallen weiß. Ich muss zwar ehrlicher Weise zugeben, dass mir noch nicht so ganz klar ist, was mir der Film nun letztlich sagen will, aber deswegen mochte ich ihn noch lange nicht weniger. Schon ganz zu anfangs mit seiner aller ersten Szene hat mich Midnight Special mit seiner faszinierenden wie rätselhaften Atmosphäre gleich in seinen Bann gezogen, offenbart der Film doch von der ersten Sekunde an ein Mysterium, welches gelöst werden möchte, dessen Lösung aber deswegen keineswegs im Vordergrund steht und vielmehr dazu dient, Stimmungen aufzufangen. Die Bilder sind wie gewohnt bei Nichols ausufernd und schwelgerisch und der erzählerische Aufbau langsam, so dass schnell eine Art Sog entsteht, der einen nicht mehr loslassen will. Gesellt sich noch der geradezu hypnotische Soundtrack dazu, dann ist die erzielte Wirkung erst einmal kongenial. Lange Zeit will man den Blick gar nicht mehr abwenden von all diesen vollendeten Bildern, den Impressionen und kleinen Stilleben, die Nichols da auf die Leinwand zaubert. In Midnight Special steckt eine weitaus größere Geschichte, als es auf den ersten Blick scheint, nur wird diese dem Zuschauer erst nach und nach, Stückchen für Stückchen offenbart, über Dialoge näher gebracht und nur dann bewusst zum Thema gemacht, wenn es absolut von Nöten ist. Und dennoch bleiben Dinge unerwähnt, im Dunkeln, unausgesprochen, was für mich einen besonderen Reiz des Filmes ausmacht, kann ich mir so doch noch genug selbst ausmalen, um meine Fantasie über den Film hinaus zu beschäftigen. Im Kern behandelt der Film natürlich das Thema Liebe, bedingungslose Liebe sogar, es geht um Familie, Vertrauen, Verantwortung, aber auch um Verlust, Außenseitertum und das Loslassen, wenn es nötig ist. Dennoch bleibt bei mir das seltsame Gefühl zurück, dass sich unter der Oberfläche von Midnight Special noch etwas größeres verbirgt, das ich bisher nicht habe entdecken können, dass dort etwas schlummert, was die offensichtlich verhandelten Themen nochmals übersteigt. Vielleicht irre ich mich auch, möglicherweise sogar, weil ich es mir wünschen würde, da wäre noch mehr, aber so oder so, es wird sicherlich noch mehr als eine Zweitsichtung brauchen, um diesen visuell und erzählerisch wunderschönen Film vollends in mich aufnehmen zu können. Jeff Nichols jedenfalls ist ein enorm talentierter und fähiger Regisseur, dessen Bilder oftmals mehr erzählen als ganze Dialoge und von klarer Einfachheit wie schlichter Eleganz sind, und dessen Filme bisher auch immer von seiner ganz klaren Handschrift geprägt sind. Ein wenig entrückt und in gewissen Zügen geradezu märchenhaft, aber gleichzeitig auch immer sehr in unserer Welt verhaftet. Letztlich mutet es in Midnight Special beinahe ironisch an, dass einerseits die religiöse Sekte Alton als ihren Erlöser betrachtet und andererseits der staatliche Apparat eine Waffe in ihm sieht, während seine Eltern nicht mehr wollen als ihn glücklich zu machen. Ironisch, vor allem aber auch berührend, ist das gerade deswegen, weil dieser sehnliche Wunsch nicht im gemeinsamen Glück enden kann, sondern eher darin, jenen Wunsch begraben zu müssen.

 

Mit Midnight Special ist Jeff Nichols erneut und nun zum dritten Mal in Folge nach Take Shelter und Mud ein ausgesprochen gelungener Film geglückt, ein schöner Film, empathisch, aber nicht kitschig, spannend, aber nicht reißerisch. Gewohnt langsam entfaltet Nichols seine Geschichte und schält sie Stück für Stück aus der Dunkelheit. Nie gibt er uns mehr Preis, als wir in dem Moment unbedingt wissen müssen, offenbart ein geradezu mystisches Rätsel, welches es zu entschlüsseln gilt und überlässt uns trotzdem am Ende alles selbst. Schwelgerische und wunderschöne Bilder und Motive dominieren Midnight Special, der Score ist geradezu hypnotisch mit all dem verwoben und der starke Cast rund um den nicht nur hier grandiosen Michael Shannon, Joel Edgerton, Adam Driver und Kirsten Dunst rundet dieses träumerisch anmutende und seltsam entrückte Road Movie ab. Einzig für den immer tollen und sehenswerten, von mir sehr geschätzten Sam Shepard hätte ich mir mehr screen time gewünscht. Naja, man kann nicht alles haben. Trotz meiner immer noch anhaltenden Ratlosigkeit und dem Gefühl, nur die Spitze des Eisberges erfahren zu haben, ein toller und empfehlenswerter Film.

 

7,5 von 10 Superman-Comics, gelesen bei dem Licht einer Taschenlampe unter der Bettdecke

 

 

Bring Me the Head of Alfredo Garcia

8. Juni 2016 at 13:18

 

 

© United Artists

 

 

 

„Listen. The church cuts off the feet, fingers, any other goddamn thing from the saints, don’t they? Well, what the hell? Alfredo’s our saint. He’s the saint of our money, and I’m gonna borrow a piece of him.“

 

 

 

Alfredo Garcia hat die falsche Frau geschwängert, nämlich die Tochter des Großgrundbesitzers El Jefe. Also erlässt dieser eine Belohnung in Höhe von 1.000.000 Dollar auf dessen Kopf. Als der abgewrackte Barpianist Bennie eher zufällig erfährt, dass Garcia schon längst tot ist, wittert er die große Chance, endlich seinem trostlosen Leben entkommen zu können, denn scheinbar kaum jemand außer ihm weiß davon. So macht er sich mit seiner Geliebten Elita an seiner Seite und bewaffnet mit einer Machete auf die Suche nach dem Grab des Alfredo Garcia, doch die Konkurrenz schläft nicht…

 

Nach einer kleinen Schaffenspause, bedingt aus den verschiedensten Gründen, melde ich mich nach einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Liste nun auch endlich wieder mit einer Rezension zurück. Einer Rezension zu einem der Filme aus eben jener Liste, ein Film, dessen Bekanntheitsgrad ungerechtfertigter Weise bei weitem nicht so hoch ist, wie es verdient wäre, ein Film, der trotzdem zu meinen Lieblingen gehört. Die Rede ist von Sam Peckinpahs nihilistischem Spätwerk, von seiner Abkehr vom ihn anwidernden Zirkus namens Hollywood, von Bring Me the Head of Alfredo Garcia (dessen Titel ich der Einfachheit halber fortan mit Alfredo Garcia abkürzen werde). Denn obwohl Peckinpah zuvor mit The Wild Bunch, Straw Dogs, Junior Bonner, Getaway und Pat Garrett & Billy the Kid (alle übrigens sehr zu Empfehlen) fünf erfolgreiche Filme hatte, fühlte er sich nie wirklich wohl in Hollywood und hatte bei beinahe allen seiner Filme immer Probleme mit Produzenten und Filmstudios. Selbst sein größter Erfolg The Wild Bunch entsprach so nie ganz seinen Vorstellungen und nach den aus seiner Sicht desaströsen Dreharbeiten zu Pat Garrett & Billy the Kid, an deren Ende der Film massiv umgeschnitten und Peckinpahs künstlerische Vision in seinen Augen verstümmelt wurde, beschloss er, fortan kein solches Risiko mehr einzugehen und nur noch allein und so unabhängig wie möglich  zu arbeiten, um nie wieder die vollständige künstlerische Kontrolle abgeben zu müssen. Die Idee zu Alfredo Garcia war schnell geboren und um sie zu finanzieren, wandte sich Peckinpah an seinen Freund Martin Baum, der zuvor eine eigene kleine Produktionsfirma gegründet und einen Verleih-Deal mit United Artists abgeschlossen hatte. Das Projekt bekam grünes Licht und so wurde Alfredo Garcia als Low-Budget-Produktion mit einem Budget von 1,5 Millionen Dollar vollständig in Mexiko realisiert, stellte also ein überschaubares Risiko für alle Beteiligten dar. So wurde Alfredo Garcia der nach eigenen Angaben einzige Film, den Peckinpah so drehen und schneiden konnte, wie er es wünschte, kommerziell jedoch der vielleicht größte Flop seiner Karriere und fast die gesamte US-Filmkritik nannte den Film eine Katastrophe. Diverse ausgesprochen schädliche, öffentliche Eskapaden des zu dem Zeitpunkt schweren Alkoholikers Peckinpah führten dann dazu, dass United Artists das Interesse an dem Film verlor und ihn recht schnell wieder aus den Kinos zurückzog. Seinen heutigen Liebhaberstatus unter Filmfreunden wie mir sollte Alfredo Garcia erst viel später erlangen. Oder um den Filmkritiker Roger Ebert zu zitieren: „Ein Meisterwerk – ein seltsam eigenartiges, bizarres Meisterwerk, welches einige Zuschauer wohl abstoßen wird, aber auch ein sehr langes Leben haben wird.“ Er sollte Recht behalten.

 

 

 

„There ain’t nothing sacred about a hole in the ground or the man that’s in it. Or you. Or me.“

 

 

 

Ohne jeden Zweifel kann man Alfredo Garcia als Peckinpahs Herzens – und Lieblingsprojekt bezeichnen, lässt es doch sogar autobiografische Tendenzen in seiner Lesart zu. So kämpft Bennie doch ebenso wie Peckinpah gegen ein verkrustetes System, rebelliert gegen fragwürdige Obrigkeiten, und beide sollten letztlich an diesem Kampf zu Grunde gehen. Überhaupt erfährt die Figur des Bennie eine interessante wie ungewöhnliche Charakterentwicklung im Verlauf seiner Odyssee quer durch Mexiko. Anfangs noch eher als einer dieser geradezu klassischen, sympathischen Verlierertypen gezeichnet, einer, der zwar ständig strauchelt und fällt, aber auch immer wieder aufsteht und es erneut versucht, einer, der dennoch an sein Glück glaubt („Nobody loses all the time.“) und selbst im Niedergang noch seine Würde zu bewahren versucht, wird Bennie mit zunehmender Laufzeit auch zunehmend unsympathischer. Er wird zu einem Getriebenen, zunächst von Gier, später dann von Rache, einer, der irgendwann an den Punkt kommen wird, an dem er seinen eigenen Anblick im Spiegel nicht mehr wird ertragen können, zerfressen von Schuld, doch zu diesem Zeitpunkt ist längst jegliches Mitleid für ihn beim Zuschauer verflogen. Das Geld wird zum einzig Heiligen, alles andere ist nichts mehr wert. Wenn Bennie und Elita in einer der vielleicht berührendsten und ganz seltenen zarten Szenen unter einem Baum sitzen auf dem Weg zu Alfredos Grab, dann werden ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe und Vorstellungen so deutlich, wie sie kaum deutlicher werden könnten. Es ist die einzige Szene im Film, die von etwas anderem, vielleicht von Hoffnung künden könnte. Elita will singen, eine Bar eröffnen, sich langsam, aber sicher und allen Risiken und Problemen trotzend eine Existenz aufbauen. Bennie will den Kopf und das Geld – koste es, was es wolle. Und es kostet viel. Später dann, wenn Bennie Alfredos Grab ausheben wird um sich dessen Kopf zu holen, dann ist das der Moment, in dem dieses sehr zarte und fragile Geflecht zwischen ihm und Elita vollends zerbrechen wird, und das einzige, was vielleicht jemals eine Chance gehabt hätte, kaputt gehen wird, unwiderruflich, unwiederbringlich. Danach wird es nur noch immer bizarrer, Bennie immer verzweifelter. Unterwegs quer durch Mexiko, auf dem Weg zu seinem Bestimmungsort, um seine Belohnung zu kassieren, mit welcher alles gut werden soll, was schon lange nicht mehr gut werden kann, beginnt er, sich mit Alfredos Kopf, den er in einem Sack auf dem Beifahrersitz transportiert, zu unterhalten, später gar regelrecht anzufreunden. Der Tod wird zum Sinnbild allen Daseins. Mit dem Tod kann man reden, mit den Lebenden nicht. Nicht mit den Verwandten Alfredos, die den Kopf wieder haben wollen, um ihn zu begraben, nicht mit den amerikanischen Kopfgeldjägern, die nur die eine Million Dollar wollen und sonst nichts. Nicht mit Elita, die ein anderes Leben wollte. Bennie bleibt letztlich nur noch Alfredo.

 

Selbst im ohnehin schon starken Schaffen eines Sam Peckinpah nimmt Alfredo Garcia eine Ausnahmestellung ein. Neben Elementen des klassischen Road-Movie verbindet er ebenso gekonnt Action- und Thrillerbestandteile mit denen des Western, erschafft dramatische Momente und erzählt eine melancholische Liebesgeschichte. All das verschmilzt Peckinpah zu einem schmutzigen Film voller Blut, Schweiß und Tränen, desillusionierend und nihilistisch, geradezu verstörend zynisch und dennoch seltsam hoffnungsvoll, denn selbst in den schlimmsten Momenten findet Peckinpah immer wieder Platz für Wehmut und Schönheit. Alfredo Garcia ist weniger spektakulär und zeigefreudig inszeniert als beispielsweise noch The Wild Bunch, dafür aber auch deutlich düsterer und atmosphärischer. Die raue Gewalt entsteht hier nicht durch balletartig inszenierte Zeitlupenaufnahmen von Schusswunden und Sterbenden, nicht durch Peckinpahs so gern benutzte und perfektionierte Schnitt/Gegenschnitt-Technik, sondern vielmehr allein durch die bleischwere Verzweiflung der Geschichte selbst. In meinen Augen ist Alfredo Garcia der stärkste Film im Schaffen von Sam Peckinpah, sein Abgesang auf und gleichzeitig seine Abkehr von Amerika im Allgemeinen und Hollywood im Besonderen und zweifellos ein Fingerzeig dessen, wozu Peckinpah fähig gewesen wäre, hätte man ihn nach seinen Vorstellungen arbeiten lassen. Ein raues, düsteres und erstaunlich nihilistisches Meisterwerk, welches völlig zu Unrecht bereits zur Stunde seiner Geburt viel zu schnell in Vergessenheit geriet und auch heute leider noch immer nicht die Anerkennung erfährt, welche es verdient hat.

 

9 von 10 ausgesetzten Kopfgeldern