Flesh + Blood (1985)

17. Juni 2019 at 19:45

 

 

© Orion Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Let’s see if this angel bleeds!“

 

 

 

Westeuropa, 1501: Der Söldner Martin und seine Kameraden sollen für den Adeligen Arnolfini dessen Stadt zurückerobern, werden jedoch von ihm verraten und betrogen. Fortan ziehen sie auf eigene Faust mordend und raubend durchs Land, doch als ihnen eher zufällig Arnolfinis angehende Schwiegertochter Agnes in die Hände fällt, da spitzen sich die Ereignisse drastisch zu.

 

Inwieweit Paul Verhoevens erster internationaler Film der vieler Orts beschworenen historischen Authentizität wirklich auch gerecht wird, das vermag ich nicht zu beurteilen, doch immerhin verzichtet Flesh + Blood auf die romantisierende Darstellung des Spätmittelalters früherer Ritter- und Abenteuerfilme und zeigt stattdessen eine düstere, dreckige und vom nackten Kampf ums Überleben geprägte Welt. Identifikationspotential sucht man hier vergeblich, denn man bekommt ausnahmslos hochgradig ambivalente Figuren, die sich ihr Überleben in einer rauen und harten Welt sichern müssen. In der Gruppe ist man zwar stärker, doch letzten Endes ist sich jeder immer noch selbst der Nächste.

 

Flesh + Blood versteht sich mehr als Zeitbild und weniger als handlungsorientierter Film, doch trotz der episodenhaften Erzählstruktur, die nur von einem eher losen roten Faden zusammengehalten wird, vermag das alles zu fesseln. Obwohl Verhoevens Stil – auch aufgrund zu vieler Köche, die den Brei verderben – hier noch nicht ganz so stark ausgeprägt ist wie in seinen späteren Filmen, so schimmern das Genie und die inszenatorische Finesse des meisterhaften Provokateurs dennoch immer mal wieder durch, wenn sich nicht selten das Verstörende mit dem Erhabenen kreuzt. Flesh + Blood mag sich vielleicht nicht neben Großtaten wie Robocop (1987) oder Starship Troopers (1997) einreihen, doch Verhoeven lässt nun erstmals auch außerhalb von Europa aufhorchen und kann sein Talent unter Beweis stellen.

 

7 von 10 Mal an der Pest erkranken

 

 

Walker (1987)

16. Juni 2019 at 19:11

© Universal Pictures/Quelle: IMDb

„It is the God-given right of the USA to dominate the western hemisphere. It is our duty to protect our neighbors from exploitation. It is the fate of the United States of America to go ahead.“

1855 wird der amerikanische Abenteurer William Walker von dem Großindustriellen Vanderbilt angeheuert, um mit einer Armee aus Söldnern in Nicaragua einzumarschieren und dort die Macht zu übernehmen. Ziel ist der weitere Ausbau von Vanderbilts Eisenbahnlinie und damit auch dessen wirtschaftlicher Vorherrschaft in Mittelamerika.Walker gelingt der Staatsstreich, doch mit zunehmender Dauer neigt er stark zur Tyrannei und bringt nach und nach erst die Bevölkerung und schließlich auch seine eigenen Männer gegen ihn auf.

Before Rambo… Before Oliver North… There was Walker. Das verkündet das Kinoplakat zum nach Repo Man, Sid & Nancy und Straight to Hell vierten Film von Regisseur Alex Cox und gibt im Grunde die Marschroute bereits vor. Rückblickend betrachtet konnte Walker seiner Zeit an den Kinokassen einfach nur scheitern. Und das nicht nur, weil es das amerikanische Publikum gern mit unverhohlener Ablehnung begegnet, wenn vermeintlich ureigene Mythen dekonstruiert werden, sondern auch, weil der Film ästhetisch wie inhaltlich sehr unzeitgemäß ausfällt und sich eher in der Hochphase des New Hollywood verortet fühlt als in den späten 80er Jahren.

Letztlich war Walker ein cineastischer wie politischer Angriff, eine wütende Anklage an die amerikanische Expansionskultur mit all ihrer Doppelzüngigkeit, ausgestattet mit einem Drehbuch von Rudy Wurlitzer voller entlarvender Dialoge. Cox braucht kein Gut/Böse-Schema, denn seine Figuren offenbaren ihre Gesinnung quasi im Alleingang und demaskieren ihre Scheinheiligkeit ganz von selbst. Dabei ist Walker erstaunlich wenig subtil geraten, gibt sich im Gegenteil offen plakativ und scheut auch den Holzhammer nicht in seiner Bildsprache, wenn immer wieder ganz bewusst Anachronismen wie ein Zippo, Cola-Flaschen, ein Mercedes und als finaler Leberhaken ein Helikopter eingestreut werden.

Das kann man mögen oder nicht und als plumpen Schlag mit dem Zaunpfahl sehen, die Botschaft dahinter ist jedoch scharf umrissen wie lautstark in Szene gesetzt. Geschichte hat auch immer was mit der Gegenwart zu tun. Auch der Abspann ist kaum mehr als ein billiger Trick, welcher seine Wirkung jedoch keineswegs verfehlt. Zudem konterkarieren sowohl der Off-Erzähler als auch der tolle, von Joe Strummer stammende Score immer wieder die tatsächlichen Ereignisse im Film selbst, was mitunter zu brutal komischen Szenen führt. Alex Cox rechnet in Walker mit der Außenpolitik der Reagen-Ära gnadenlos wie unverhohlen und wütend ab. So sehr, dass das seine Karriere mehr oder weniger auf Eis legte.

Handwerklich ist das alles wirklich gelungen, die Wahl der Waffen stimmig, nur die Aussage an sich fand seiner Zeit keinen Anklang und machte Cox zu Kassengift. Sehenswert ist Walker zweifellos, ein spannender wie gleichermaßen aus der Zeit gefallener Film, der nicht selten in seiner Inszenierung an absurdes Theater erinnert. Subtil ist hier nun wirklich gar nichts, die Stilmittel allesamt direkt und offen ersichtlich, aber genau das macht für mich diesen ganz besonderen Reiz aus. Ein unbekannter und doch wichtiger Film, auch heute noch, vielleicht sogar ganz besonders heute.

7,5 von 10 Mal ganze Städte niederbrennen

Jurassic World: Fallen Kingdom (2018)

7. April 2019 at 15:09

 

 

© Universal Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Relax. Anything in here would be dead by now.“

 

 

 

Während die halbe Welt auch drei Jahre nach der Zerstörung des Freizeitparks Jurassic World noch immer hitzig diskutiert, was nun mit den verbliebenen Dinosauriern geschehen soll, droht ein akuter Vulkanausbruch die Tiere erneut auszulöschen. Da wendet sich der Milliardär Benjamin Lockwood zusammen mit seinen Geschäftspartner Eli Mills an Claire Dearing. Zusammen mit Owen Grady soll die ehemalige Leiterin von Jurassic World nun eine Expedition mit dem Ziel anführen, so viele Tiere wie möglich vor dem drohendem Untergang zu retten.

 

Das die Wahl für die Fortsetzung von Jurassic World auf den spanischen Regisseur J.A. Bayona (El Orfanato, The Impossible, A Monster Calls) fiel, erweist sich rückblickend als kleiner Glücksgriff, vermag er der Filmreihe doch zwar feine, aber dennoch frische Ideen abzuringen. Jurassic World: Fallen Kingdom begibt sich nun endgültig hinab in die Untiefen der Creature Features vergangener Tage, akzeptiert noch mehr als sein Vorgänger seine Wurzeln im fantastischen B-Movie und scheut sich nicht, diese auch ordentlich zu überhöhen. Im Verlauf kippt der Film tonal vom Abenteurfilm hin zu Grusel, wobei sich Bayona ganz bewusst diverser stilistischen Elemente aus dem Horror-Genre bedient und so zumindest im Ansatz aus dem bisher üblichen Schema auszubrechen wagt.

 

Inhaltlich baut all das auf einer Nebenhandlung aus Jurassic World auf, wenn die Idee fokussiert wird, Dinosaurier nicht nur bloß als Waffen einzusetzen, sondern diese auch je nach Bedarf gezielt genetisch zu verändern. Das streift abermals Themenbereiche wie die menschliche Hybris, Gier und den Gottkomplex der Wissenschaft, reißt diese aber allenfalls an und bleibt stets oberflächlich. Das ist dann auch vollkommen okay, handelt es sich hier doch letztlich um einen fantastischen Stoff, dem seine naive Herkunft durchaus bewusst ist und der auch dazu steht, wenn er sich breit grinsend in zahllosen Science-Fantasy-Motiven suhlt und kaum mehr als Eskapismus in bester Spielberg-Manier bieten will. Vieles davon kann als großer Quatsch empfunden werden, ich finde das allerdings sympathisch und erfrischend. Allein der Humor kommt oft etwas zu drüber daher, kapert zu viele Szenen und nimmt sie in Geiselhaft, wirkt nicht selten deplatziert und zerstört immer mal wieder die eigentlich eher düstere Atmosphäre.

 

So wie sich Jurassic World thematisch, erzählerisch und inszenatorisch stark auf Jurassic Park bezieht, so macht das nun Fallen Kingdom mit The Lost World, und verpackt seine genre-typisch eher dünne Story in visuell starken Bildern. Ein geradezu klassischer Monsterfilm ganz nach meinem Geschmack. Ich mag sowas.

 

6,5 von 10 Wiedersehen mit einer alten T-Rex-Dame

 

 

The Barbarians (1987)

5. November 2018 at 17:55

 

 

© Cannon Films/Quelle: IMDb

 

 

 

Bei einem Überfall der finsteren Männer des bösen Herrschers Kadar auf eine Gruppe unschuldiger Gaukler werden nicht nur die Zwillinge Kutchek und Gore entführt, sondern auch Canary, die Königin des fahrenden Volkes. Nur ihren magischen Rubin, den kann Kadar nicht erlangen. Die Zwillinge werden fortan versklavt und müssen im Steinbruch schuften, bis ihnen als erwachsene Männer vollgepackt mit Muskeln der Ausbruch gelingt. Bei dem Versuch auch Canary zu befreien, erfahren sie von dem magischen Rubin, den es unbedingt zu finden gilt.

 

Die Abenteuer der Barbaren-Brüder Kutchek und Gore kommen 1987 recht spät, als die durch Conan ausgelöste Welle an ähnlichen Produktionen von zahlreichen Barbaren-Filmen bereits am abflauen war. Diese amerikanisch-italienische Co-Produktion unter der Regie von Ruggero Deodato (Cannibal Holocaust, Cut and Run, Atlantis Inferno) wurde von Cannon Films produziert und folglich mit einem mehr als nur ansehnlichen Budget von rund 4 Millionen Dollar ausgestattet. Und Deodato weiß das bisher größte Budget seiner Karriere auch gekonnt zu nutzen, fährt bekannte Gesichter wie Richard Lynch, Michael Berryman, George Eastman und die muskelbepackten Fleischberge-Zwillinge David und Peter Paul auf, veredelt den ganzen launigen Quatsch mit einem wirklich ansehnlichen und liebevollen wie aufwendigen Produktionsdesign und bringt auch gleich noch eine ordentliche Portion Enthusiasmus und eine ausgesprochen angenehme Leichtigkeit mit. Der Legende nach hätte The Barbarians deutlich ernster und düsterer ausfallen sollen, doch Deodato wurde wohl schnell klar, dass die beiden Brüder eher auf der komödiantischen Ebene funktionieren.

 

Wie in dem Genre Barbarenfilm eigentlich üblich ist die dünne und schnell zusammen gezimmerte Story voll und ganz auf die Paul-Zwillinge zugeschnitten, denen offensichtlich vollkommen bewusst gewesen sein muss, dass sie niemals einen Oscar gewinnen würden, so dass es schön ist zu sehen, wie wenig sie sich doch selbst ernst nehmen. Die größte Stärke von The Barbarians ist allerdings wirklich das tolle Setdesign sowie die gesamte Ausstattung und die fantasievollen Kostüme, denen man in jedem Moment das für eine derartige Produktion große Budget ansieht. Statt einer billigen Wald und Wiesen-Optik gibt es aufwendige Studiobauten, mehr als ausreichend Statisten in entsprechenden Kostümen und teils recht ansprechende Spezialeffekte zu bestaunen. Und allein schon das famose Main Theme aus der Feder von Pino Donaggio ist mir locker einen Punkt wert. Für die Meisten ist das vermutlich unterste Schublade, ich hingegen finde The Barbarians sehr unterhaltsam und in seinem kindlich naiven Irrsinn einfach wunderschön. Eine wahre Perle des italienischen Genre-Films, Pulp in Reinform, für den schnellen wie lustvollen Konsum erdacht und ohne falsche Prätention oder gar Anspruch produziertes Exploitationkino, das einfach nur Spaß machen soll.

 

Oder um es mit den Worten des von mir sehr geschätzten Oliver Nöding auszudrücken, der auch einen tollen Audiokommentar zum Film beigesteuert hat: „Vielleicht ist das, was wir als trashig empfinden, einfach nur das Zeichen einer unvergleichlichen Sicht auf die Welt, dem Abweichen von einer willkürlich gesetzten Norm geschuldet. Es gehört Mut dazu, anders zu sein. Lasst uns The Barbarians mit offenen Armen empfangen und ihn mit Liebe überschütten. Spott ist für Menschen mit kaltem Herzen und SchleFaZ. Das Leben ist zu kurz, um sich mit Negativität abzugeben.“

 

7 von 10 mit dem Hals gesprengten Stricken