Time to Hunt (Sanyangeui sigan, 2020)

5. Mai 2020 at 17:53

 

 

© Netflix/Quelle: IMDb

 

 

 

Sometimes you need to lie to yourself. Or you can´t endure it.“

 

 

 

Korea in nicht allzu ferner Zukunft. Die drei Freunde Jun Seok, Jang Ho und Ki Hoon sehen keinen anderen Ausweg aus ihrer Lage als ein illegales Casino zu überfallen um ein neues Leben beginnen zu können. Der Coup gelingt und all drei wähnen sich in Sicherheit, ahnen jedoch nicht, dass ihnen ein sadistischer Killer auf den Fersen ist, der große Freude an der Jagd auf sie hat.

 

Träume. Die Welt in Time to Hunt mag vielleicht gekippt sein, ihren Horizont überschritten haben, die Träume jedoch bleiben die gleichen: raus hier, weg von hier, auf in ein neues, ein besseres Leben. Doch Regisseur Yoon Sung-hyun (Bleak Night, 2010) sieht diese Träume von einer besseren Welt viel lieber Kugel um Kugel in Stücke geschossen und elendig verbluten. Time to Hunt zeigt ein Korea im Verfall begriffen, wenn Armut, Hoffnungslosigkeit, Obdachlosigkeit, Elend und verwaiste Ladenzeilen an jeder Ecke vom Niedergang künden.

 

In diesem dystopischen Szenario treffen wir auf drei verzweifelte Freunde mit dem Rücken zur Wand und einem gemeinsamen Traum, dessen Erfüllung vermeintlich im schnellen Geld zu liegen scheint. Ein letztes großes Ding, dann der Absprung. Das ist der Plan, die Realität jedoch sieht anders aus. Immer wieder fühlte ich mich vor allem an Bullet in the Head (1990) von John Woo oder Söldner kennen keine Gnade (1980) von Tsui Hark erinnert. Ist der Überfall erst einmal mehr glücklich als gekonnt geschafft, da gibt es eine trügerische Atempause, eine kleine Insel der Ruhe für die drei Freunde, doch spätestens, wenn der mysteriöse, in seiner Zeichnung beinahe schon mythisch überhöhte Killer Han auf den Plan tritt, dann beginnt ein genüsslich ausgedehntes und doch nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel. Die Jagd ist eröffnet und der Jäger verspürt immer mehr Freude an ihr, kostet sie aus, genießt sie regelrecht.

 

Yoon lässt sich viel Zeit und baut behutsam auf, bevor er die Spannungsschraube anzieht, verliert dabei aber nie die Freundschaft der drei Protagonisten aus den Augen. Er arbeitet lieber mit dem Wechsel aus Anspannung und Entspannung statt bloß auf Tempo und Druck zu setzen. Überhaupt hat er verstanden, dass Hektik, Unübersichtlichkeit und Exzess nur bedingt taugen, und baut stattdessen auf Klarheit und Struktur. Time to Hunt ist enorm geradlinig, sparsam und ungemein fokussiert in seiner Inszenierung, sieht trotz seines visuellen Minimalismus verdammt gut aus und vermag immer wieder treibende Spannung aufzubauen. Das wahrlich brachiale Sounddesign ist da noch hübsche Zugabe: selten habe ich solch krachende Schüsse gehört. Sicher, kleinere inhaltliche Schwächen und Momente der erzählerischen Redundanz lassen sich nicht leugnen, und dennoch konnten mich diese atemlosen Sequenzen voller Anspannung immer wieder fesseln.

 

7,5 von 10 krachende Salven aus dem Sturmgewehr

 

 

Monstrum (Mulgoe, 2018)

10. Mai 2019 at 18:37

 

 

© Teawon Entertainment/Kidari Ent/Quelle: IMDb

 

 

 

Korea, Anfang des 16. Jahrhunderts: Die Pest geht um und fordert unzählige Opfer. Besonders die Gegend rund um den Berg Ingwansan leidet unter der Seuche. Doch damit nicht genug, denn neben der tödlichen Krankheit sorgt eine wilde Kreatur für grausam entstellte Leichen. Also beordert König Jung Jong seine beiden ehemals besten Offiziere zurück in den Dienst, um die Suche nach dem Monster aufzunehmen.

 

Das Creature Feature ist zwar ein eher seltener, dafür aber sehr gern gesehener Gast im koreanischen Genre-Kino, und mit seinem Film Monstrum schlägt Regisseur Heo Jong-ho nun in genau diese Kerbe. Nicht unähnlich zum Zombie-Streifen Rampant verlegt Jong-ho seine mit Action gespickte Monsterhatz in die Zeit eines feudalen Koreas zu Beginn des 16. Jahrhunderts und erschafft so einen wilden Mix aus Historienfilm, Horror, Action, Fantasy und Humor, der in seiner Gänze jedoch nicht immer vollends aufzugehen vermag. Gefallen kann jedoch die Idee, der Bedrohung durch das Monster zugleich noch eine politische Intrige am Hof des Königs entgegenzusetzen, wodurch eine interessante wie folgenreiche Konstellation dreier Parteien mit verschiedensten Beweggründen entsteht. Zwar ist Monstrum bildgewaltig in Szene gesetzt, hübsch anzusehen, hochwertig in puncto Ausstattung, Kulissen und Kostümen, und verzichtet dankenswerter Weise auf übermäßigen CGI-Einsatz, doch werden mal die Rechner bemüht, dann lässt das Ergebnis leider oft zu wünschen übrig.

 

Das titelgebende Monstrum wird zwar erst recht spät in voller Pracht ins Bild gerückt, bekommt im Ausgleich dazu dann aber reichlich Screentime. Allerdings fällt es in seinem Design eher konventionell und wenig überraschend aus und besonders in den Bewegungsabläufen der Kreatur offenbart sich mangelndes Budget. Auch die aus überwiegend ordentlich choreografierten Kampfszenen bestehende Action kann sich durchaus sehen lassen, ist aber nicht immer ganz sauber gefilmt. Ich für meinen Teil empfand es als durchaus angenehm, dass sich Monstrum selbst nicht übermäßig ernst nimmt und immer wieder mal mehr, mal weniger augenzwinkernden Humor einstreut ohne es damit zu übertreiben. Sicherlich geht nicht immer jeder Gag auch vollends auf und manches tendiert arg in Richtung Slapstick, dennoch wird dem Film dadurch eine gewisse Leichtigkeit als angenehmer Kontrast mitgegeben, welche allerdings vielleicht nicht jedem gefallen wird. So bleibt letztlich ein recht kurzweiliges und durchaus unterhaltsames Spektakel mit Luft nach oben, welchem man durchaus mal eine Chance geben kann, so fern man denn Setting und Genre sowie dem asiatischen Kino im Allgemeinen etwas abgewinnen kann.

 

6 von 10 verbrannten Pestleichen