Atomic Blonde (2017)

12. Januar 2018 at 22:10

 

 

© Focus Features

 

 

 

„Oh, my god, I think I fucking love you!“

 

 

 

Die Top-Agentin des MI6 Lorraine Broughton wird kurz vor dem Fall der Mauer 1989 nach Berlin geschickt, um eine gestohlene Liste aller verdeckt arbeitenden westlichen Agenten wiederzubeschaffen. Doch kaum in der damaligen Hauptstadt angekommen wird schnell deutlich, dass sie niemandem trauen kann und es scheinbar auch noch einen Verräter gibt, der für die Russen arbeitet. Schnell wird sie das Ziel zahlreicher Angriffe durch andere Geheimdienste und muss sich immer wieder zur Wehr setzen.

 

Atomic Blonde ist nach John Wick (welchen er noch zusammen mit Chad Stahelski drehte) die zweite Regiearbeit des ehemaligen Stunt-Koordinators David Leitch und eine Verfilmung der Graphic Novel The Coldest City von Antony Johnston. Und ganz ähnlich zu John Wick und dessen Fortsetzung spielt Atomic Blonde in seiner ganz eigenen, völlig überhöhten wie vollkommen stilisierten Welt fernab jeglicher Wirklichkeit, stellt aber zugleich auch überhaupt nicht den Anspruch daran, realistisch wirken zu wollen. Der Film macht von Anfang an kein Geheimnis daraus, nicht mehr als Style over Substance zu sein, und Style hat er, das muss man ihm lassen. Der historische Kontext des Falls der Berliner Mauer ist innerhalb der eigentlichen Handlung kaum mehr als bloße Fassade und an einer dezidierten Aufarbeitung der Ereignisse ist Atomic Blonde nun wirklich nicht interessiert, wenn er lose Fakten munter mit seiner eigenen Fiktion vermischt. Die Story an sich funktioniert zwar als Vehikel für die Action, als Spionage-Thriller überzeugen kann Atomic Blonde hingegen eher weniger und selbst die denkbar einfach und vorhersehbar vorgetragene Agentenstory dient im Grunde nur dazu, damit Regisseur David Leitch zahlreiche Actionszenen miteinander verknüpfen kann. Die Action allerdings kann sich mehr als nur sehen lassen und ist tatsächlich das Kern -wie Glanzstück des Filmes. Und so ist die Sahne auf dem Action-Kuchen auch eine der vielleicht stärksten Sequenzen des modernen Actionkinos, wenn in einem Ostberliner Treppenhaus eine komplexe und hervorragend choreografierte, rund zehn minütige Kampfszene ohne erkennbaren Schnitt ihren Auftakt findet, eingefangen von einer zwar sehr dynamischen, aber niemals zu sehr verwackelten Kamera, welche immerzu in Bewegung, aber dennoch sehr fokussiert und dicht am Geschehen ist. Die Action selbst ist wuchtig, druckvoll und kühl, geradezu professionell emotionslos vorgetragen, und verfehlt ihre Wirkung in ihrer einfachen wie präzisen Effizienz zu keinem Moment, denn sie hinterlässt deutliche Spuren. Charlize Theron hat offenkundig versucht soviel wie möglich der Stuntarbeit selbst zu machen, hat sich buchstäblich mächtig reingehangen und im Vorfeld viel trainiert. Und jede Menge Spaß scheint sie dabei auch noch gehabt zu haben. Dass sie auch Actionszenen beherrschen kann, davon bekam man ja bereits in Mad Max: Fury Road einen kleinen Eindruck. Die Figur der Lorraine Braughton verkörpert sie scheinbar mit müheloser Leichtigkeit und überzeugt in dieser Rolle vollkommen. James McAvoy darf ein wenig versiffte Schmierigkeit in den sonst visuell sehr kühl inszenierten Film voller Blau/Grau-Farbfilter und Neonlicht bringen, bleibt aber ein wenig hinter seinen Möglichkeiten zurück. John Goodman bereichert jeden Film, hat hier aber eine eher kleine Rolle auszufüllen.

 

Atomic Blonde eher als Actionfilm denn als Agententhriller zu begreifen, ist hilfreich, liegen doch auch dort genau seine Kernkompetenzen. Als Thriller ist der Film von David Leitch weniger überzeugend, als reiner Actioner dafür um so mehr. Die Story ist überschaubar und bietet wenig neues, die Action ist dafür im Gegensatz umso eindrücklicher und kann zumindest mit einer größeren Plansequenz aufwarten, welche sicherlich mit zum Besten und Aufwendigsten gehört, was das moderne Actionkino zu bieten hat. Letztlich kann ich nur festhalten: ich hatte verdammt viel Spaß mit Atomic Blonde und bekam ziemlich genau das, was ich mir im Vorfeld von dem Film erhofft hatte.

 

7,5 von 10 Gläsern voller Wodka auf Eis

 

 

John Wick

20. Juni 2015 at 18:01

 

 

 

John Wick (2014)
John Wick poster Rating: 7.2/10 (164080 votes)
Director: Chad Stahelski, David Leitch
Writer: Derek Kolstad (screenplay)
Stars: Keanu Reeves, Michael Nyqvist, Alfie Allen, Willem Dafoe
Runtime: 101 min
Rated: R
Genre: Action, Thriller
Released: 24 Oct 2014
Plot: An ex-hitman comes out of retirement to track down the gangsters that took everything from him.

 

 

 

„John wasn’t exactly the boogeyman. He’s the one you sent to kill the fucking boogeyman.”

 

 

 

Als russische Gangster in das Haus von John Wick einbrechen, ihn zusammenschlagen, seinen Hund töten und sein Auto stehlen, da haben sie nicht den Hauch einer Ahnung, wen sie da gerade überfallen haben. John Wick ist Profikiller, einer der besten seines Fachs, und hat bis vor ein paar Jahren ungemein effektiv Aufträge für die Russenmafia ausgeführt, bis er sich aus dem Geschäft zurückgezogen hat. Zu allem Überfluss war der Hund das letzte Geschenk seiner verstorbenen Frau und sollte ihm helfen, die Trauer zu bewältigen. John sinnt auf Rache, will die Täter unbedingt zur Rechenschaft ziehen und mordet sich Stück für Stück in der Hierarchie der Russenmafia nach oben, denn sein erklärtes Ziel ist Iosef Tarasov, der Sohn des Anführers des Syndikats. Ein mörderischer Strudel der Gewalt entbrennt….

 

Boah! Was die beiden Regisseure Chad Stahelski und David Leitch hier mit Keanu Reeves in der Hauptrolle abliefern, das ist ein absolutes Brett von Actionfilm, anders kann man es gar nicht formulieren. Ein Konzentrat aus den besten Zutaten für einen guten Actioner, komprimiert in 100 Minuten Laufzeit ohne sich groß mit so Unnützem wie einer Handlung aufzuhalten. Kein Wunder, sind die beiden doch eigentlich Stunt-Koordinatoren und beweisen hier mit John Wick als ihr Regiedebut, dass sie ganz genau wissen, was sie da tun. Nach einer recht überschaubaren und gemächlichen Einleitung zieht der Film rasch und enorm das Tempo an und lässt von da an nicht mehr nach, Verschaufpausen sucht man hier vergeblich. Im Grunde ist John Wick angelehnt an die ganz klassischen Actionreißer der 80er Jahre, schnörkellos und direkt auf den Punkt inszeniert und ohne großes Beiwerk, aber umgesetzt mit modernen Mitteln und  gibt sich erstaunlich hart und kompromisslos für eine Hollywood-Produktion. Manche Situationen sind so grotesk und hemmungslos überzeichnet, dass man unwillkürlich lachen möchte, aber die Härte der Inszenierung sorgt dafür, dass das Lachen dann doch im Halse stecken bleibt. Lächerlich hingegen wirkt es nie, dafür ist der Grundton einfach zu düster, und die wenigen eingestreuten Spritzer schwarzen Humors sind dann auch wirklich sehr böse. John Wick bietet grandios ausgearbeitete Kampfszenen und Shootouts, die zum Teil fließend ineinander übergehen, Grenzen gibt es da kaum welche, und durchweg fantastisch choreografiert sind. All die Action mit ihren oftmals wirklich kreativen Einfällen gipfelt in einer rund 10 minütigen Sequenz in einer Disco, der vermeintliche Höhepunkt des Films, überwiegend im Neonlicht inszeniert und unglaublich dynamisch geraten, ein Ballett aus Blei und Blut, getaucht in unterkühltes Rot und Blau. Wer jetzt aber glaubt, danach würde der Film nachlassen, der irrt sich gewaltig, es geht auf sehr hohem Niveau einfach weiter und es werden Actionszene an Actionszene geradezu nahtlos aneinander gereiht. Aber John Wick besteht nicht nur aus Action nonstop, keineswegs, er hat schon noch ein wenig mehr zu bieten. Neben einigen herrlich skurrilen Figuren entwirft der Film vor allem seine ganz eigene Welt, eine Art Unterwelt, völlig abgekoppelt von der Realität und mit ganz eigenen Gesetzen und Regeln, ja sogar mit einer eigenen Währung. Das ist faszinierend mit anzuschauen, aber gleichzeitig auch ein Schwachpunkt des Films, denn hier hätte ich mir gewünscht, dass man dieser obskuren Halbwelt noch mehr Raum zur Entfaltung gegeben hätte. Aber dafür ist ja dann in einer etwaigen Fortsetzung noch genug Platz.

 

 

 

„ When Helen died, I lost everything. Until that dog arrived on my doorstep… A final gift from my wife… That moment I received some semblance of hope, an opportunity to grieve unalone… Your son took that from me, your son stole that from me… YOUR SON KILLED THAT FROM ME!”

 

 

 

Bei John Wick steht ganz eindeutig Haltung über Inhalt, style over substance, aber der Film ist kein Blender, er macht sehr früh deutlich, was er sein will ohne irgendetwas vorzugeben, was er nicht sein kann, und suhlt sich fortan sogar regelrecht darin. Der Look ist sehr artifiziell und extrem stilisiert mit seinen vielen kühlen Blautönen, die manchmal schon ins metallische abdriften und Keanu Reeves mit seinem stoischen Mienenspiel passt einfach perfekt in dieses Setting. Er ist ja eher für ein etwas begrenztes Schauspieltalent bekannt, aber in John Wick funktioniert das ganz hervorragend, er wirkt kalt und berechnend und gänzlich ohne Skrupel und tatsächlich würde der Film ohne ihn wohl nur halb so gut funktionieren. Reeves spielt John Wick nicht, man hat das Gefühl, er IST John Wick. Auch Michael Nyqvist als Mafiaboss Viggo Tarasov gibt eine wunderbare Figur ab, völlig überzeichnet spielt er ihn, fast wie das Abziehbild eines Klischees, und man sieht ihm regelrecht an, dass er mit viel Freude bei der Arbeit ist. Der Rest des Cast ist im Grunde zu vernachlässigen, bildet er doch überwiegend ohnehin nur willkommenes Kanonenfutter für John Wick.

 

John Wick ist ein rundum gelungener, geradliniger und sehr kompromisslos inszenierter Actionreißer, den man so eher selten in Hollywood findet. Das enorm hohe Tempo und die zahlreichen kreativen und mitunter skurrilen Ideen und Einfälle sind regelrecht mitreißend und der rabenschwarze Humor runden diesen Kracher ab. Die beiden Regisseure liefern hier zitierfreudiges Genrekino im besten Sinne, bedient sich der Film doch oft beim Hong Kong-Actionkino eines John Woo oder der Bildkomposition einiger Italowestern. Nur das ständige CGI-Blut hinterlässt einen leicht bitteren Beigeschmack, klassische Effekte wären da doch effektiver gewesen, aber das ist tatsächlich jammern auf hohem Niveau angesichts dieses hammerharten Brett von Actionfilm und dem Feuerwerk, das er abbrennt.

 

8 von 10 Tischreservierungen