The Blackcoat´s Daughter (2015)

13. Juli 2020 at 17:48

 

 

© A24/Quelle: IMDb

 

 

 

Rose und die etwas jüngere Kat sind Schülerinnen auf einem Mädcheninternat und als die Winterferien anstehen, sind die beiden die einzigen, die nicht nach Hause zu ihren Eltern fahren, sondern auf dem Schulgelände bleiben sollen. Dabei soll Rose auf Kat aufpassen, doch die hat andere Pläne und trifft sich lieber mit ihrem Freund. Kat hingegen legt immer mehr merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag, während parallel dazu eine junge Frau namens Joan an einem Busbahnhof eine Mitfahrgelegenheit sucht.

 

The Blackcoat’s Daughter (manchem vielleicht auch bekannt unter derm Titel February) ist das Regiedebüt von Osgood ´Oz´ Perkins, dem Sohn von Anthony Perkins. Zwar bedient er sich für seinen Film an einigen Elementen aus dem Horrorgenre, doch letztlich verhandelt The Blackcoat’s Daughter unter seiner filmischen Oberfläche viel eher das Thema Verlust und zeichnet subtil das Bild einsamer, verletzlicher, gebrochener Menschen. Gängige Konventionen des Genre interessieren Perkins eher weniger und werden gern von ihm unterlaufen, vielmehr fokussiert er sich auf seine Figuren und deren seelischen Abgründe. Entsprechend ruhig und bedächtig ist The Blackcoat’s Daughter ezählt und nimmt sich Zeit für seine Figuren und deren Schicksale.

 

Visuell ist das alles sehr minimalistisch inszeniert, erzielt aber äußerst effektiv eine stark einnehmende, dichte, geradezu brodelnde Atmosphäre voller drohendem Unheil. In teils sehr langen Einstellungen kommt der Film manchmal gar zum Stillstand, doch Perkins versteht es gekonnt, seine Geschichte vor allem auf der visuellen Ebene zu erzählen, und nur selten durchstoßen plötzlich aufflackernde, kurze Sequenzen diese Langsamkeit. Gewalt findet nur punktuell statt, doch kommt sie zum Einsatz, dann unangenehm und heftig, ganz im Gegensatz zur sonst eher bedächtigen und zurückhaltenden Inszenierung. Zwar gibt es auf der erzählerischen Ebene schon so etwas wie einen Twist, sonderlich raffiniert erscheint dieser auf den ersten Blick jedoch nicht. Das ist aber kein Makel, denn die eigentliche Kunst liegt darin, wie Perkins geschickt zwei zunächst unterschiedlich erscheinende Handlungsstränge langsam miteinander verknüpft, so dass sich erst nach und nach alle Zusammenhänge offenbaren und am Schluss sinnvoll wie erschütternd zusammenlaufen.

 

Auf der darstellerischen Ebene vermag vor allem Kiernan Shipka (Mad Men, Chilling Adventures of Sabrina) einen starken Eindruck zu hinterlassen, die eine wahrlich eindringliche Performance abliefert. Aber auch der Rest des Cast rund um Emma Roberts (American Horror Story, Scream Queens), Lucy Boynton (Murder in the Orient Express, Bohemian Rhapsody) und James Remar (Dexter, Jericho) weiß zu überzeugen. Für ein Regiedebüt ist The Blackcoat’s Daughter erstaunlich stark geraten. Perkins versteht es hervorragend über seine Bildsprache zu erzählen und eine bedrückende, trostlose wie unheilvolle Atmosphäre zu kreieren. Seine betont minimalistische Herangehensweise an die Inszenierung verstärkt diesen Effekt nur noch mehr und unter der ständig brodelnden Horror-Oberfläche thematisiert sein Film noch ganz andere Abgründe, welche mich nachhaltig beschäftigen konnten.

 

8 von 10 vor dem Essen beten

 

 

Apostle (2018)

16. Oktober 2018 at 23:38

 

 

© Netflix/Quelle: IMDb

 

 

 

Beware of false prophets, which come to you in sheep’s clothing, but inwardly they are ravening wolves.“

 

 

 

England, 1905. Als die Schwester von Thomas Richardson von einem mysteriösen Kult entführt wird, um von ihrem reichen Vater Lösegeld zu erpressen, da reist er inkognito und als neues Mitglied getarnt zu der abgelegenen Insel, auf der sich die sektenartige Gemeinschaft ihr Refugium erschaffen hat. Schnell wird Prophet Malcolm klar, dass es einen Spion geben muss unter ihnen, kann diesen jedoch nicht identifizieren, und während Thomas argwöhnisch beobachtet wird, entdeckt dieser, dass auf der Insel schreckliche Dinge vor sich gehen.

 

Mit seinem neuesten Film begibt sich der Waliser Gareth Evans (Merantau, The Raid I&II) nun auf komplett anderes Terrain und nimmt sich dem naturverbundenem Okkultismus-Thriller der 70er an. Bei Evans war ich mir lange nicht sicher, ob er außerhalb seiner bisher angestammten Ecke würde funktionieren können, ausgereizt jedenfalls hat er mit The Raid I&II so ziemlich alles, was das Genre wohl herzugeben vermag, insofern scheint ein Tapetenwechsel sinnvoll. Und tatsächlich kann sich Apostle mehr als nur sehen lassen, besticht vordergründig durch großartige Bildkompositionen und kühle, präzise Bilder in entsättigten Farben, und liefert uns eine packende Geschichte rund um Glauben, Zweifel, Gewalt und Erlösung. Wenn Evans allerdings die Narrative noch etwas mehr im Griff hätte, dann wäre hier vermutlich großes entstanden, denn Apostle verliert sich manchmal ein wenig zu sehr in Nebenhandlungen und Figuren, ohne all seine teils wirklich tollen Ideen auch immer so ganz auszuformulieren und wirkt dadurch stellenweise etwas überladen. Wenn der Film erzählerisch ein wenig fokussierter und inhaltlich etwas kompakter geraten wäre, hätte ihm das vielleicht gut getan.

 

Dennoch überzeugt Apostle auf vielen anderen Ebenen dafür um so mehr und allein wie der Film sich im letzten Drittel komplett seinem Wahnsinn hingibt, im Blut watet und im Chaos explodiert ist ziemlich toll. Ein paar hübsch kranke und verdrehte Einfälle dürfen auch schön hemmungslos ausgelebt werden und sind visuell durchaus drastisch in ihrer explizit grafischen Darstellung geraten. Dazu gehen der schneidende Score und das dröhnende Sounddesign Hand in Hand mit der dichten wie packenden Atmosphäre und kreieren zusammen immer mal wieder geradezu beklemmend spannende Szenen. Dan Stevens (The Guest, Legion) spielt sich hier eigentlich wie immer den Arsch ab und überzeugt durchweg als stoischer Eindringling von außen, doch so richtig begeistert hat mich die sehr einnehmende Performance von Michael Sheen als Prophet Malcolm und Mitbegründer der Gemeinschaft von Erisden sowie das beinahe schon urgewaltig bedrohliche Schauspiel von Mark Lewis Jones als Quinn, der gerade im letzten Drittel so richtig aufdrehen darf.

 

Unterm Strich ist Apostle eine in kühlen Bildern erzählte und mit gnadenloser Härte wütende Absage an blinde Gläubigkeit, falsche Propheten und dumpfem Mitläufertum, welche mit ein wenig mehr Fokus und einer etwas kompakteren Narrative eine deutlich stärkere Wirkung hätte erzielen können. Deswegen ist Apostle allerdings kaum weniger sehenswert und immer noch ein gelungener, fesselnder und zuweilen drastischer Film rund um die tiefen Abgründe verwirrter wie verzweifelter Seelen.

 

7 von 10 Gläsern voller Blut vor der Tür