Apostle (2018)

16. Oktober 2018 at 23:38

 

 

© Netflix/Quelle: IMDb

 

 

 

Beware of false prophets, which come to you in sheep’s clothing, but inwardly they are ravening wolves.“

 

 

 

England, 1905. Als die Schwester von Thomas Richardson von einem mysteriösen Kult entführt wird, um von ihrem reichen Vater Lösegeld zu erpressen, da reist er inkognito und als neues Mitglied getarnt zu der abgelegenen Insel, auf der sich die sektenartige Gemeinschaft ihr Refugium erschaffen hat. Schnell wird Prophet Malcolm klar, dass es einen Spion geben muss unter ihnen, kann diesen jedoch nicht identifizieren, und während Thomas argwöhnisch beobachtet wird, entdeckt dieser, dass auf der Insel schreckliche Dinge vor sich gehen.

 

Mit seinem neuesten Film begibt sich der Waliser Gareth Evans (Merantau, The Raid I&II) nun auf komplett anderes Terrain und nimmt sich dem naturverbundenem Okkultismus-Thriller der 70er an. Bei Evans war ich mir lange nicht sicher, ob er außerhalb seiner bisher angestammten Ecke würde funktionieren können, ausgereizt jedenfalls hat er mit The Raid I&II so ziemlich alles, was das Genre wohl herzugeben vermag, insofern scheint ein Tapetenwechsel sinnvoll. Und tatsächlich kann sich Apostle mehr als nur sehen lassen, besticht vordergründig durch großartige Bildkompositionen und kühle, präzise Bilder in entsättigten Farben, und liefert uns eine packende Geschichte rund um Glauben, Zweifel, Gewalt und Erlösung. Wenn Evans allerdings die Narrative noch etwas mehr im Griff hätte, dann wäre hier vermutlich großes entstanden, denn Apostle verliert sich manchmal ein wenig zu sehr in Nebenhandlungen und Figuren, ohne all seine teils wirklich tollen Ideen auch immer so ganz auszuformulieren und wirkt dadurch stellenweise etwas überladen. Wenn der Film erzählerisch ein wenig fokussierter und inhaltlich etwas kompakter geraten wäre, hätte ihm das vielleicht gut getan.

 

Dennoch überzeugt Apostle auf vielen anderen Ebenen dafür um so mehr und allein wie der Film sich im letzten Drittel komplett seinem Wahnsinn hingibt, im Blut watet und im Chaos explodiert ist ziemlich toll. Ein paar hübsch kranke und verdrehte Einfälle dürfen auch schön hemmungslos ausgelebt werden und sind visuell durchaus drastisch in ihrer explizit grafischen Darstellung geraten. Dazu gehen der schneidende Score und das dröhnende Sounddesign Hand in Hand mit der dichten wie packenden Atmosphäre und kreieren zusammen immer mal wieder geradezu beklemmend spannende Szenen. Dan Stevens (The Guest, Legion) spielt sich hier eigentlich wie immer den Arsch ab und überzeugt durchweg als stoischer Eindringling von außen, doch so richtig begeistert hat mich die sehr einnehmende Performance von Michael Sheen als Prophet Malcolm und Mitbegründer der Gemeinschaft von Erisden sowie das beinahe schon urgewaltig bedrohliche Schauspiel von Mark Lewis Jones als Quinn, der gerade im letzten Drittel so richtig aufdrehen darf.

 

Unterm Strich ist Apostle eine in kühlen Bildern erzählte und mit gnadenloser Härte wütende Absage an blinde Gläubigkeit, falsche Propheten und dumpfem Mitläufertum, welche mit ein wenig mehr Fokus und einer etwas kompakteren Narrative eine deutlich stärkere Wirkung hätte erzielen können. Deswegen ist Apostle allerdings kaum weniger sehenswert und immer noch ein gelungener, fesselnder und zuweilen drastischer Film rund um die tiefen Abgründe verwirrter wie verzweifelter Seelen.

 

7 von 10 Gläsern voller Blut vor der Tür

 

 

Passengers

7. Juli 2017 at 23:14

 

 

© Columbia Pictures

 

 

 

Das gigantische vollautomatisierte Raumschiff Avalon befindet sich mit 5000 Passagieren und 258 Crewmitgliedern im Hyperschlaf auf seinem 120 Jahre dauernden Weg zu der fernen Kolonie Homestead II. Ein neues Leben soll dort begonnen, eine neue Existenz erschaffen werden. Als der Mechaniker Jim durch eine Fehlfunktion als einziger 90 Jahre zu früh aufgeweckt wird, sieht er sich mit Einsamkeit und Isolation konfrontiert, ist es ihm doch unmöglich, in den Hyperschlaf zurückzukehren. Den einzigen Trost findet er in dem mechanischen Barkeeper Arthur, doch irgendwann wird Jim eine nicht nur für ihn folgenschwere Entscheidung treffen.

 

Zehn Jahre lag das Skript zu Passengers in den Giftschränken Hollywoods. Das Potential darin wurde vielerorts sehr wohl erkannt, jedoch scheute man immer wieder die Kombination aus kammerspielartigem Drama, Lovestory und teuren Sets, Kulissen und hohen Produktionskosten. Nun aber wurde der Stoff doch noch realisiert, oder vielmehr allenfalls halbherzig aufgewärmt, weil große Science Fiction-Stories kombiniert mit vermeintlich emotionaler Tiefe im Blockbuster-Kino aktuell wieder angesagt sind, besetzt mit zwei momentanen Hollywood-Größen, inszeniert von einem lenkbaren Auftragsregisseur, ausgestattet mit einem halbwegs üppigen Budget, ins Rennen geworfen frei nach dem Motto: wird schon gut gehen. Irgendwer fällt ja immer drauf rein. Dabei liegt in der Grundidee hinter Passengers unglaublich viel Potential und der Gedanke einer als Kammerspiel angelegten Lovestory kombiniert mit bombastischer Science Fiction – das Intime und das Epische gleichsam Hand in Hand, das hat durchaus seinen ganz eigenen Reiz. Eine klassische Romanze, in ihren Grundzügen universell, die überall zu jeder Zeit spielen könnte, aber in ihrer Wirkung potenziert durch eine sehr spezifische, weitere Dimension, wenn es nicht nur um das Leben von Jim und Aurora geht, sondern eben auch um all die Siedler im Hyperschlaf an Bord der Avalon. Zu dumm nur, dass es dem Film nicht gelingt, all das auch nur ansatzweise zu transportieren. Und das, obwohl Passengers zu Beginn, ja sogar im ganzen ersten Drittel, auf Kurs hält und atmosphärisch durchaus gelungen ist, wenn Jim allein nach dem Aufwachen durch die gigantische Avalon streift und nach und nach realisiert, dass er der einzige an Bord ist, der geweckt wurde. Seine beständig wachsende Angst und Verzweiflung sind spürbar, die zahlreichen Fluchtversuche aus der Isolation nachvollziehbar, ja, sogar ein nicht unbeträchtliches moralisches Dilemma wird aufgebaut. Doch bereits das zweite Drittel, eingeleitet durch die Ankunft von Aurora in Jims kleiner Welt, nutzt das zuvor etablierte kaum noch bis gar nicht mehr und ergeht sich fortan lieber in einer kitschigen wie auch unlogischen und vor allem arg erzwungenen Lovestory (nur weil die beiden als einzige wach sind bedeutet das noch gar nichts), garniert mit einem für romantische Komödien durchaus typischen Humor. Das hat zumindest noch den einen oder anderen Schmunzler zu bieten und kann einem gewissen Unterhaltungsfaktor nicht entbehren, seicht und allzu leicht ausrechenbar ist es dennoch. Doch spätestens mit dem letzten Drittel und dem Auftauchen von Laurence Fishburne als Gus Mancuso kippt Passengers in eine beliebige wie unmotivierte, auf große Action und spektakuläre Bilder getrimmte Rettungsmission, die in ihrer aufgesetzten Dramatik geradezu albern und vor allem unglaubwürdig wirkt. Das Problem ist: Jim und Aurora sind als Charaktere einfach zu egal, als dass man ernsthaft mit ihrem Schicksal mitfiebern könnte. Es interessiert nicht.

 

Auf der visuellen Ebene hat Passengers tatsächlich einiges zu bieten, ist phasenweise wirklich prachtvoll anzusehen und kann mit dem einen oder anderen interessanten Design glänzen, bleibt aber auch hier letztlich erschreckend seelenlos und kreiert kaum eigenständige Bilder, die auch beim Zuschauer hängen bleiben, sondern erinnert vielmehr oft an andere Filme wie Alien oder Shining und noch viele andere. Auf der darstellerischen Ebene haben wir die logischerweise erdrückende Präsenz von Jennifer Lawrence und Chris Pratt, zwei aktuelle Big Names in Hollywood: die eine halte ich für überschätzt und inflationär präsentiert, der andere muss sich endlich mal von seinem etablierten Image lösen und einen Film machen, der ihn gegen den Strich spielen lässt. Chris Pratt ist cool, zweifellos, aber er ist eben immer cool, spielt gefühlt einfach nur sich selbst, den working class hero, und sollte nun einfach mal den nächsten Schritt in seiner Karriere wagen, statt immerzu nur die immer selben Figuren zu geben. Letztlich können beide den kammerspielartigen Aspekt von Passengers kaum tragen, die der romantischen Komödie und des dramatischen Blockbusters hingegen zwar schon, aber Jim und Aurora bleiben einfach zu blaß und eindimensional, als dass man wirklich mit ihnen mitleidet, um sie hofft und bangt und ihnen die Daumen drücken will. Ein wenig ist es letzten Endes auch ärgerlich, wenn man bedenkt, welch großes Potential in der Prämisse von Passengers schlummert und wie wenig das dann auch genutzt wird. Die Möglichkeit einer packenden Inszenierung wird zu Gunsten von oberflächlichen Figuren, aufgesetzter Melodramatik, klebrigem Kitsch und einem Finale, das episch sein will, aber höchstens albern wirkt, über Bord geworfen und zurück bleibt kaum etwas erinnerungswürdiges außer Arthur, dem mechanischen Barkeeper und heimlichem Star des Filmes. Und dann wirft man auch noch das mitunter interessanteste am ganzen Film – nämlich Jims moralisches Dilemma – mit einem Hundeblick einfach so weg und geht nicht mehr weiter darauf ein.

 

4 von 10 Unterhaltungen mit Arthur