Ghost Stories (2017)

3. Januar 2019 at 18:13

 

 

© Lionsgate Films/Quelle: IMDb

 

 

 

We have to be careful what we choose to believe.“

 

 

 

Professor Goodman hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht übernatürlichen Phänomenen auf den Grund zu gehen und zu entlarven als das, was sie sind, nämlich absoluter Humbug. Als ihn jedoch sein großes Vorbild und Idol Charles Cameron kontaktiert und ihm drei Fälle aufdrängt, die er selbst vor Jahren nicht hatte widerlegen können, da ahnt Goodman noch nicht, was ihn erwarten soll.

 

The brain sees what it wants to see. Ein Nachtwächter, ein Teenager, ein Börsenmakler. 6. 79. 19. 20. 48. Drei eher altbackene Geistergeschichten liefert uns Ghost Stories von den Regiedebütanten Jeremy Dyson und Andy Nyman, basierend auf dessen Theaterstück. Lose miteinander verknüpft durch eine Rahmenhandlung rund um Prof. Goodman und dadurch von leicht episodenhaftem Charakter, baut sich Ghost Stories sehr langsam auf und ließ mich am Ende auch ein wenig an mir selbst zweifeln. Während des Filmes begann nämlich ein Konzept und eine inhaltliche Richtung dieses Textes in meinem Kopf zu entstehen und mit zunehmender Laufzeit wurde beides immer fester zementiert. Doch plötzlich macht der Film eine irrwitzige Biegung ohne dabei ins Schlingern zu kommen und schlagartig wird klar, dass diese drei Geistergeschichten nicht einzeln zu betrachten sind, sondern vielmehr als fein miteinander verknüpfte Bausteine von etwas viel Größerem, wenn die Rahmenhandlung zum integralen Bestandteil der Erzählstruktur mutiert.

 

Darauf war ich nicht gefasst, denn plötzlich wurden all meine bis dahin gesammelten Kritikpunkte an Ghost Stories nicht nur gemildert, sondern teilweise sogar gänzlich entkräftet und das Geschehen in ein vollkommen anderes Licht gerückt. Vielleicht ist das der große Trick des Filmes: the brain sees what it wants to see. Ich war so sehr fixiert auf all die Dinge, welche mir nicht gefielen, auf die plumpen Jump Scares, die inhaltlich einfallslosen Stories selbst oder die Klischees an jeder Ecke, dass mir vieles entgangen ist, was sich schon früh zart andeutet. Insofern hat mir Ghost Stories eine kleine Lehrstunde erteilt, dennoch bleibt die Frage zurück, ob sich der Weg dahin gelohnt hat, denn wirklich gut war er über weite Strecken trotzdem nicht. Aber zumindest einen gewissen Respekt nötigt mir der Film dann letzten Endes doch noch ab.

 

6,5 von 10 Mal durch dunkle Abwasserkanäle kriechen

 

 

Cargo (2017)

20. Mai 2018 at 14:49

 

 

© Netflix

 

 

 

Australien nach dem Ausbruch einer rätselhaften Epidemie: Familienvater Andy versucht verzweifelt seine Frau Kay und seine einjährige Tochter Rosie in Sicherheit zu bringen, doch die widrigen Umstände machen das schier unmöglich. Als Andy sich infiziert, bleiben ihm noch 48 Stunden bis zum Ausbruch der Krankheit und um Rosie zu beschützen.

 

Der Schrecken in Cargo spielt sich ausschließlich im kleinen Rahmen ab, im Stillen, im Persönlichen. Das große Endzeit-Szenario, das findet an anderer Stelle statt, aber nicht hier, im endlosen australischen Outback unter sengender Sonne, inmitten staubtrockener Hitze und verrottenden Körpern. Lediglich 48 Stunden bleiben Andy noch, um seine kleine Tochter Rosie in Sicherheit zu bringen. 48 Stunden, mehr nicht, um einen letzten Rest Menschlichkeit angesichts seines Schicksals zu bewahren, immer in der verzweifelten Hoffnung, seiner Tochter würde es dann vielleicht besser ergehen als ihm.

 

Ben Howling und Yolanda Ramke setzen den Zuschauer mir ihrem Erstlingswerk Cargo von Beginn an vor vollendete Tatsachen und werfen ihn mitten ins Geschehen, wenn bereits die erste Einstellung Andy und seine Frau Kay zusammen mit Töchterchen Rosie auf einem Hausboot irgendwo mitten im tiefsten Outback zeigt. Die eigentliche Katastrophe passiert vermutlich gerade eben oder ist gerade eben passiert, aber das wissen wir nicht. Wir wissen nichts, was Andy und Kay nicht auch wissen, sehen nichts, was sie nicht auch sehen. Was genau passiert ist, was mit dem Rest der Welt ist oder nur der nächsten Stadt – wir wissen es nicht. Auch der Ursprung dieser Katastrophe wird zu keinem Zeitpunkt auch nur angeschnitten, geschweige denn geklärt. Alles, was wir kriegen, sind winzig kleine Hinweise, Schlagworten gleich immer mal eingeworfen: eine Infektion, übertragen durch Bisse, an Zombies erinnernde Kreaturen, ein Erste Hilfe-Selbstmord-Kit, eine Uhr mit 48 Stunden Laufzeit.

 

Das mag der eine oder andere jetzt vielleicht als Kritikpunkt sehen, mir aber gefällt das immer sehr, wenn es einem Film gelingt, die große Katastrophe in den Hintergrund zu verbannen und sich stattdessen seinen Figuren auf kleinem Raum anzunehmen. Denn für die Geschichte, welche Cargo erzählen will, dafür sind die Hintergründe vollkommen egal. Ähnlich wie die beiden ebenfalls australischen Endzeitfilme The Road und The Rover erzählt Cargo lieber von Liebe, Schmerz und Verlust, statt große Schauwerte abzufeiern. Dafür interessiert sich der Film nicht, wohl aber für eine oftmals etwas unterrepräsentierte Minderheit, wenn Howling und Ramke auch immer wieder die Aborigines in den Fokus rücken. Spannend ist in diesem Kontext die Figur des Vic, ein grober Rassist, der die Ureinwohner Australiens ebenso sehr verachtet wie die Kreaturen, welcher als Sinnbild für die Jahrhunderte andauernde Unterdrückung und Ausbeutung der Aborigines durch die europäischen Einwanderer gesehen werden kann.

 

Nun jedoch, wo sich die Vorzeichen geändert haben, da ist es Vic, da ist es seine Kultur, die von der Auslöschung bedroht ist und ihrem Untergang entgegen geht, während sich die australischen Ureinwohner der Hoffnung auf einen Neuanfang hingeben können, im Einklang mit ihrer Kultur, ihrer Religion, ihrem Mystizismus und vor allem auch mit der Natur. Cargo erfindet das Rad nicht neu und läuft inszenatorisch vielleicht nicht immer ganz rund, kann aber ebenso mit einigen richtig guten Ideen glänzen und findet einen emotionalen Ton, der mir ausgesprochen zusagt. Ein kleiner Film mit schöner Prämisse und dem richtigen Blickwinkel auf seine Welt, der sich mehr seinen Figuren verschreibt als der rahmengebenden Katastrophe und der angenehm unaufgeregt ist in seiner Erzählstruktur, ruhig, zurückhaltend und auf seine Art sehr intim.

 

7 von 10 gnadenlos tickenden Uhren