The Drop

25. Juni 2015 at 12:36

 

 

 

The Drop (2014)
The Drop poster Rating: 7.1/10 (72318 votes)
Director: Michaël R. Roskam
Writer: Dennis Lehane (screenplay), Dennis Lehane (short story "Animal Rescue")
Stars: Tom Hardy, Noomi Rapace, James Gandolfini, Matthias Schoenaerts
Runtime: 106 min
Rated: R
Genre: Crime, Drama
Released: 12 Sep 2014
Plot: Bob Saginowski finds himself at the center of a robbery gone awry and entwined in an investigation that digs deep into the neighborhood's past where friends, families, and foes all work together to make a living - no matter the cost.

 

 

„Are you doing something desperate? Something we can’t clean up this time?”

 

 

 

Der sehr in sich gekehrte, zurückhaltende und leicht minderbemittelt wirkende Bob Saginowski arbeitet hinter der Theke der Bar seines Cousins Marv. Diese Bar allerdings ist keine gewöhnliche, sie ist eine sogenannte Dropbar, Teil eines Netzwerkes, in dem Gelder vorübergehend deponiert werden können. Gelder, die niemals ein Konto sehen werden, Einnahmen aus illegalen Wetten und ähnliches. Eines Nachts wird  Marv´s Bar überfallen und schon bald rückt den beiden die tschetschenische Mafia auf den Leib, die ihr gestohlenes Geld wieder haben möchte. Als dann auch noch ein mysteriöser Fremder in Erscheinung tritt, spitzt sich die Situation mehr und mehr zu…

 

Europäische Regisseure stehen als Exportschlager momentan in Hollywood hoch im Kurs. Egal, ob Baltasar Kormákur, der immerhin sein Schmugglerdrama 101 Reykjavik als Contraband für Hollywood selbst adaptieren durfte und danach den nicht weniger gelungenen 2 Guns inszenieren konnte, der Schwede Mikael Håfström, der zuletzt den eher durchschnittlichen Escape Plan mit Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger fabriziert hat oder der Däne Niels Arden Oplev, dessen ausgesprochen gelungene Verfilmung des Romans Verblendung ihn in die große Traumfabrik brachte, wo er den mäßig bis guten Dead Man Down mit Colin Farrell realisieren durfte, den großen Wurf hatte keiner von ihnen und oftmals musste sich großes Talent den Mechanismen der Filmindustrie beugen. Jetzt ist es der Belgier Michael R. Roskam, der nach seinem in Europa vielbeachteten und mit Preisen überschütteten Regiedebüt Bullhead den vermeintlich großen Sprung geschafft hat. Ob sein amerikanisches Erstlingswerk The Drop auch kommerziell erfolgreich sein wird, das bleibt eher fraglich, aber ein geradezu herausragender Thriller ist ihm in jedem Fall gelungen.

 

The Drop ist im allerbesten Sinne altmodisches Erzählkino, melancholisch und eindringlich, ganz fein austariert und mit exzellenten Dialogen versehen. Ein dezenter Film, auf seine ganz eigene Art und Weise leise, schnörkellos und geradlinig in seiner Struktur und sehr langsam, manchmal regelrecht behäbig erzählt, aber dennoch voller Wucht und Dynamik. In seiner so reduzierten Form ist The Drop ein willkommener und angenehmer Gegenentwurf zum heutigen Kino mit seinen modernen Erzählweisen, den schnellen Schnitten und den hektischen Kamerafahrten. Roskams Film ist, wie so oft bei Verfilmungen von Geschichten des Schriftstellers Dennis Lehane, beinahe mehr Milieustudie als Thriller. Egal, ob Mystic River, Gone Baby Gone oder eben The Drop (Shutter Island mal ausgenommen), Lehane ist ein ausgezeichneter Beobachter mit Blick für die Details, dem es gelingt, die Umfelder seiner Geschichten zum Leben zu erwecken und der zudem nur abbildet, aber nicht urteilt, er richtet nicht über seine Figuren, egal, was sie sind oder was sie tun, das überlässt er lieber seinen Lesern. Genau diese Essenz seiner Geschichten weiß Roskam in Bilder zu fassen und in seinen Film zu überführen, sein Look wirkt enorm glaubwürdig, es ist ein sehr tristes Setting, grau, kalt und nass, so trostlos und einsam wie die Figuren, die diese Welt bevölkern, und man kauft sie ihm sofort ab, diese Bilder von verlassenen Hinterhöfen und leeren Seitenstraßen im Regen oder Schnee, sie spiegeln eben diese Kälte und Verzweiflung wieder, die sich auch in den Menschen eingenistet hat.

 

 

 

„ Listen to me. That is life. That’s what it is. People, like me, coming along where you’re not looking.”

 

 

 

Auch das Drehbuch stammt von Lehane, der dazu seine Kurzgeschichte Animal Rescue verarbeitete, und das merkt man zu jeder Sekunde. Die Dialoge sind unglaublich klug und gut geschrieben, kraftvoll und zerbrechlich zugleich, nichts wirkt übertrieben oder gar aufgesetzt, sondern irgendwie nah und vor allem authentisch. So sind auch die Figuren in The Drop hervorragend ausgearbeitet und präzise umrissen, vielschichtig und lebensnah, sie handeln zu jeder Zeit nachvollziehbar und entwickeln sich logisch aus ihren Hintergründen heraus. Das ist dann auch die eigentliche Stärke des Films, denn ohne das viel passiert bleibt The Drop dennoch über seine gesamten 106 Minuten permanent unterschwellig spannend, manchmal sogar so sehr, dass es greifbar wird, dass man sich zwischendurch geradezu wünscht, all das möge sich doch endlich mal entladen. Diese Spannung entwickelt sich kaum durch Action, dafür hat Roskam so gut wie keine Verwendung in seinem Handlungsbogen, und die braucht es auch nicht, vielmehr entsteht sie allein durch die präzise gezeichneten Charaktere und wie sie miteinander verwoben sind in dieser Abwärtsspirale des Elends und vor allem durch die herausragenden schauspielerischen Leistungen. Tom Hardy beweist erneut, dass er momentan zu den vielseitigsten Schauspielern gehört, seine irgendwie nahezu völlig in sich selbst zurückgezogene Performance ist geradezu elektrisierend, so schlicht wie stoisch, weich, aber unnachgiebig und vermeintlich teilnahmslos. Dennoch spürt man schnell, dass da mehr ist, etwas Abgründiges und Gefährliches, etwas, das unter der Oberfläche lauert und besser nicht zum Vorschein tritt. Ganz besonders dicht wird die Spannung in seinen Szenen mit Matthias Schoenaerts, der noch ein wenig unbekannt ist, was sich aber schnell ändern wird. Der Belgier hatte in Roskams Bullhead noch die Hauptrolle und der Regisseur hat ihn für The Drop gleich mitgebracht. Ein wahrer Glücksgriff. Schoenaerts ist dem Briten Hardy nicht unähnlich, beide geben ein bulliges und massives Erscheinungsbild ab, der Belgier ist dabei aber deutlich größer. Ihre gemeinsamen Szenen sind faszinierend und beeindruckend, es knistert geradezu zwischen den beiden, und Schoenaerts ist ein fantastischer Gegenpol zu Hardy, er gibt den gestörten und völlig unberechenbaren Psychopathen erschreckend glaubwürdig. Ähnlich verhält es sich mit der zart aufkeimenden Liebesgeschichte zwischen Bob und der von Noomi Rapace verkörperten Nadia, dieses behutsame Annähern wird völlig unaufdringlich inszeniert, manchmal sogar nur angedeutet, und ist weit weg von den üblichen, klischeebeladenen Romanzen Hollywoods. Und zum Schluss thront über all dem James Gandolfini in seinem letzten Film vor seinem Tod, sein Cousin Marv ist von der alten Schule und es fällt ihm schwer, sich an neue Umstände zu gewöhnen und Veränderungen zu akzeptieren, dabei ist das überlebensnotwendig. Wie so oft wirkt er behäbig, im Grunde spielt er eine Variation seiner größten Rolle, die des Tony Soprano, das aber sehr nuanciert. Alle vier zusammen geraten in einen seltsamen Strudel der Gewalt, in dessen Mittelpunkt irgendwie auch die Pitbull Welpe Rocco steht, und es ist faszinierend mit anzusehen, wie sich die Dinge langsam, aber unaufhaltsam entwickeln und die Spannungsschraube unaufhörlich angezogen wird.

 

The Drop ist erfrischend altmodisches Erzählkino, mehr Milieustudie als Thriller, leise und dennoch wuchtig, eine kleine Perle im Zeitalter der Blockbuster. Ich persönlich würde mir mehr solcher Filme wünschen, auch wenn zu befürchten ist, dass diese immer weiter aussterben werden. Roskams Film fasziniert durch sein gelungenes und fesselndes Drehbuch, seine klugen und pointierten Dialoge, die hervorragend ausgearbeiteten Charaktere und ein absolut glaubwürdiges Setting. Effekthascherei hat The Drop zu keiner Sekunde nötig, denn die Story steht mühelos für sich allein und die schauspielerischen Leistungen sind durchgängig auf ganz hohem Niveau.

 

9 von 10 Hundewelpen in Mülltonnen