The Gift

13. Juli 2016 at 18:25

 

 

© STX Entertainment

 

 

 

„You see what happens when you poison other people’s mind with ideas?“

 

 

 

Das junge Paar Simon und Robyn trifft kurz nach ihrem Umzug in einen ruhigen Vorort von Los Angeles beim Einkaufen zufällig auf einen alten Schulfreund von Simon. Gordon scheint eine Freundschaft mit den beiden zu suchen, bringt kleine Geschenke vorbei und taucht immer öfter unangekündigt zu Besuch auf. Auch wenn Robyn ihm gegenüber anfangs noch offen und freundlich reagiert, schleicht sich nach und nach mit immer mehr gehäuften Besuchen und Geschenken auch bei ihr Skepsis ein. Als Simon versucht, die sehr einseitige Freundschaft zu beenden, kommt es zu mysteriösen Vorfällen und schon bald fühlen sich die beiden in ihrem Haus nicht mehr sicher. Steckt wirklich Gordon dahinter oder vielleicht doch etwas ganz anderes?

 

The Gift ist das Regiedebüt des Schauspielers Joel Edgerton, der dem geneigten Betrachter vermutlich noch am ehesten durch seine Rolle in dem Sportdrama The Warrior an der Seite von Tom Hardy bekannt sein dürfte, aber zuletzt auch Filme wie Black Mass, The Great Gatsby, Felony, oder The Thing durchaus aufzuwerten wusste. Weniger bekannt dürfte sein, dass Edgerton auch schon seit geraumer Zeit als Drehbuchautor tätig ist und sich für den australischen Film The Square (übrigens sehr zu empfehlen und ein kleiner Geheimtipp!), den eben erwähnten Felony und zumindest in Teilen auch für The Rover mit Guy Pearce und Robert Pattinson verantwortlich zeigt. Für The Gift versucht sich Edgerton nun an dem heiligen Triumvirat bestehend aus Regie, Drehbuch und Schauspiel, an welchem schon viele, viele vor ihm gescheitert sind. So viel vorweg: Joel Edgerton meistert das mit Bravour und liefert mit The Gift einen sehr gelungenen und erfrischend anders inszenierten Thriller ab, der sich deutlich vom Durchschnitt der Masse abzuheben versteht. Schnell entpuppt sich nämlich der doppelbödige Film als lediglich oberflächlich formelhaft erzählter Psychothriller zum Thema Stalking, der nur scheinbar in gewohnten und dem Zuschauer vertrauten Bahnen verläuft, indem Edgerton sehr gekonnt und ausgesprochen geschickt mit vielen bekannten Versatzstücken des Genres spielt. Zudem lässt The Gift den Zuschauer bis zum auflösenden Finale sehr lange im Dunkeln tappen und offenbart erst spät sein wahres Gesicht. Immer mehr und mehr entfaltet sich zwar die unbehagliche Hintergrundgeschichte rund um Gordon, Simon und Robyn, welche geschickt mit dem Handlungsbogen verwoben wird, lässt aber auch nie vorausahnen, was als nächstes passieren wird. So ist auch das Drehbuch von Edgerton nicht nur erfrischend neu und spannend verfasst, es zeugt vor allem auch von einer tiefgreifenden und komplexen Figurenentwicklung, wodurch sich The Gift allein schon deutlich über das Mittelmaß des Genre erhebt und sehenswert wird. Mit jeder Minute Film, in der die Story weiter voran schreitet, entfalten sich auch immer neue Schichten innerhalb der Charaktere, die sie zu glaubwürdig agierenden, vor allem auch miteinander agierenden, Figuren machen. So verwundert es auch nicht, dass eine weitere große Stärke von The Gift die darstellerischen Leistungen sind und besonders der doch eher aus komödiantischen Sparte kommende Jason Bateman spielt Simon wirklich unglaublich gut und überzeugend. Obwohl die von Rebecca Hall gespielte Robyn am ehesten noch den Dreh – und Angelpunkt in dieser Dreiecksgeschichte bildet und auch Joel Edgerton Gordon (Gordo the Weirdo) eine starke Leistung zeigt, ist es letztlich doch Bateman, der dem Film seinen Stempel aufdrücken kann und seine Figur sehr ambivalent anlegt, die sich mehr und mehr in eine Richtung entwickelt, die man so im Vorfeld nur bedingt vermutet hätte.

 

 

 

„I mean, it’s amazing how an idea can take a hold and really bring a person down.“

 

 

 

Nach zwei Dritteln der Laufzeit reißt Edgerton als Regisseur das erzählerische Ruder hart herum und macht Tabula Rasa mit dem bis dato etablierten Setting, wodurch plötzlich völlig neue Sichtweisen und Einblicke in und auf die Figuren entstehen und The Gift nochmal reichlich Potential entfalten kann. Wenn die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen und bisherige Vermutungen sich als falsch entpuppen, dann kann auch der Zuschauer sich nicht mehr sicher sein auf welcher Seite dieses Katz- und Mausspiels er nun eigentlich steht. Besonders angenehm fällt auf, dass Edgerton es absolut nicht nötig hat, sich auf effekthascherische Schockmomente zu verlassen, denn so, wie er seinen Film inszeniert, ist die Bedrohung unterschwellig nahezu immer präsent. Edgerton verzichtet ganz bewusst darauf, Gordon mit einem Knall plötzlich hinter Kühlschranktüren auftauchen zu lassen, sondern er kommt einfach durch die Haustür, er wurde eingeladen, ist (etwas zu) freundlich, (etwas zu) zuvorkommend und in der Summe einfach das gewisse Etwas zu komisch. Edgerton spielt von Anfang an ganz bewusst und sehr gezielt nicht nur mit der Erwartungshaltung des Zuschauers, er führt ihm auch vor, wie schnell man sich ein Urteil über andere Menschen allein aufgrund von Nichtigkeiten bildet. Diese Urteilsbildung funktioniert im Film binnen weniger Minuten, denn Gordon muss im Grunde keine fünf Sätze sprechen, und schon wird er als gestörter Stalker stigmatisiert – nicht vom Film, wohlgemerkt, sondern einzig und allein im Kopf des Zuschauers ensteht dieses Bild, weil er sich zu sehr auf altbekannte Denkmuster verlässt. So ist letztlich die ganz große Stärke von The Gift die Tatsache, dass er um die Urteilssucht seiner Zuschauer weiß, während diese sich dessen lange gar nicht bewusst sind und gar nicht bemerken, wie sie der Film an der Nase herumführt, bis am Ende die bittere Erkenntnis langsam ins Bewusstsein sickert.

 

Mit The Gift ist Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Joel Edgerton wahrlich eine kleine Meisterleistung gelungen, erfüllt er doch alle drei Anforderungsprofile ganz hervorragend. Sein Regiedebüt glänzt an allen möglichen Fronten, sei es Inszenierung, Spannungsbogen, Dialoge oder Figuren, jeden dieser Aspekte beherrscht der Film deutlich besser als viele, viele andere Vertreter des Genre. Das wirklich kluge Drehbuch, die smarte Inszenierung, der gelungene und nie wirklich vorhersehbare Spannungsbogen und ausgesprochen gut und glaubhaft geschriebene Figuren machen The Gift zu einem Film, der aus dem Meer des nur allzu präsenten Mittelmaß unter all den Psychothrillern deutlich hervor sticht und somit auch zu einer deutlichen Empfehlung. Ich bin sehr gespannt, was als nächstes von Joel Edgerton wohl kommen mag.

 

8 von 10 ungewollten Geschenken