Charley Varrick – Der große Coup (The Last of the Independents)

6. Mai 2017 at 16:31

 

 

  © Universal Pictures

 

 

 

„The difference is the Mafia kills you, no trial, no judge. They never stop looking for you, not ‚til you’re dead. I’d rather have ten F.B.I.s after me.“

 

 

 

Charley Varrick überfällt zusammen mit seiner Frau Nadine und ihrem Komplizen Harman Sullivan eine kleine Bank irgendwo im texanischen Grenzland, doch der bis in letzte Detail geplante Raub geht trotzdem schief. Drei Menschen sterben und im Verlaufe der Flucht muss auch Nadine ihr Leben lassen. Doch die eigentliche Dimension ihrer Tat offenbart sich erst später im Wohnwagen von Charley, wenn die beiden ungleichen Männer feststellen müssen, dass sie statt der geplanten 20.000 bis 30.000 Dollar sage und schreibe rund 750.000 Dollar erbeutet haben. Für Charley ist schnell klar, dass das in der Bank zur Zwischenlagerung deponiertes Geld der Mafia sein muss und versucht fortan, irgendwie halbwegs unbeschadet aus dieser Situation wieder herauszukommen, denn die Mafia will ihr Geld zurück und schickt den beiden den Killer Molly hinterher.

 

Im Moment habe ich eine stark ausgeprägte New Hollywood-Phase – also eben jenem Zeitraum von etwa Ende der 60er Jahre bis in die ganz frühen 80er Jahre, in dem zahlreiche junge, wilde Regisseure wie Steven Spielberg, Francis Ford Coppola, Martin Scorsese, Sam Packinpah, John Carpenter, Brian De Palma, John Boorman, Sidney Lumet, Roman Polanski, George Roy Hill oder Michael Cimino und viele andere den etablierten und müde gewordenen Alteingesessenen in Hollywood deutlich spürbar aufzeigten, dass sich Filme auch auf eine völlig andere Art und Weise inszenieren lassen als bisher. Einer der für mich aus filmhistorischer Sicht spannendsten Zeiträume voller Experimente und Wagnisse. Viele der Filme dieser Zeit – vor allem die großen Klassiker – sind mir durchaus bekannt, zum Teil schon sehr lange, aber es gibt auch immer wieder Perlen für mich zu entdecken wie beispielsweise neulich The Long Goodbye von Robert Altman, The Last Picture Show von Peter Bogdanovich, Little Big Man von Arthur Penn oder eben nun Charley Varrick von Don Siegel, den man streng genommen so gar nicht zum New Hollywood zählen kann, sondern vielmehr eher zur alten Garde. Siegel aber liefert mit Charley Varrick nun nur zwei Jahre nach Dirty Harry mit Clint Eastwood einen Film, der ohne nähere Kenntnis seines Regisseurs geradezu lupenrein in diese so spannende Phase fällt und mich ziemlich überrumpelt hat. Recht lakonisch und deutlich beschwingter als der so zynische Vorgänger, macht Charley Varrick lange durchaus auch immer mal wieder Spaß, bis sich mehr und mehr die eigentlichen Ausmaße der Geschichte offenbaren und die Ereignisse immer tragischer werden. Und das Drehbuch von Howard Rodman und Dean Riesner, basierend auf dem Roman The Looters von John Reese, ist ein ganz wunderbares Beispiel für gelungenes story telling anhand von winzigen wie zunächst unauffälligen Kleinigkeiten. Sehr früh und unaufdringlich, geradezu aufreizend beiläufig, etabliert der Film Dinge, die im späteren Verlauf noch von Bedeutung sein werden – ein Ehering, ein Gespräch über einen Zahnarzt, eine Vergangenheit als Kunstflieger. Nicht weniger faszinierend und reizvoll finde ich, wie wenig man als Zuschauer anfangs über die näheren Zusammenhänge weiß, deren eigentliche Komplexität sich mit fortschreitender Handlung nach und nach immer weiter Schicht um Schicht zwiebelartig herausschält.

 

Es ist der Moment in Charleys Wohnwagen, wenn er und Harman feststellen, dass sie bei weitem mehr Geld bei dem Banküberfall erbeutet haben als ursprünglich gedacht, in dem klar wird, dass das alles wohl kaum gut wird enden können. Harman ist außer sich vor Freude, blind, vielleicht, bestimmt sogar naiv, und glaubt, das große Los gezogen zu haben, Charley hingegen ist sofort misstrauisch, ahnt Böses und ist alles andere als glücklich über die fette Beute. Eine kleine Szene, die jedoch ihre beiden Figuren auf den Punkt genau geradezu perfekt charakterisiert. Rückblickend betrachtet ist die Besetzung des Charley Varrick mit Walter Matthau absolut genial, denn zumindest in meiner Erinnerung war er abonniert auf zwar leicht schrullige, aber dennoch liebenswerte Charaktere, gern in Kombination mit Jack Lemmon wie in The Odd Couple (Ein seltsames Paar). Insofern ist die berechnende Präzision und kühle Überlegtheit seines Verrick angesichts einer solch ausweglosen wie tragischen Situation dann doch sehr überraschend. Völlig anders als Clint Eastwood, der zwei Jahre zuvor noch mit seinem Dirty Harry im Grunde nur die moderne Großstadtvariante seiner Figuren aus den Filmen von Sergio Leone gab, wortkarg und zynisch, ein Mann, der gar nicht anders kann, da tut Varrick alles, was nach dem Banküberfall geschieht aus einem bestimmten Grund, welcher sich für den Zuschauer zwar in dem Moment nicht unbedingt offenbart, später aber in jedem Fall noch von Bedeutung sein wird. Harman ist das genaue Gegenteil, jung, nicht der Hellste, ein Heißsporn, der nur das Geld und dessen Vorzüge sieht, nicht aber die Gefahren, die dessen Besitz mit sich bringt. Er würde sich am liebsten sofort absetzen und das Geld mit vollen Händen ausgeben für Frauen und Schnaps. Das Konfliktpotential zwischen den beiden ist also schnell vorhanden, doch die ruhige und überlegte Konfliktbewältigung von Charley erweist sich mittelfristig als die deutlich bessere Strategie. Denn einfach abhauen und untertauchen ist für ihn keine Option. Nicht, wenn man die Mafia auf den Fersen hat.

 

Charley Varrick ist wahrlich eine kleine Perle des New Hollywood, in Vergessenheit geraten und lange kaum beachtet, aber ihre Entdeckung ist dafür dann umso lohnenswerter. Deutlich beschwingter, lakonischer und weniger zynisch als noch in Dirty Harry erzählt Don Siegel seine Geschichte eines missglückten Banküberfalls, weniger ernst oder gar unangenehm ist die Situation der Beteiligten dadurch jedoch nicht. Erzählerisch ist Charley Varrick zwar durchaus dem Film Noir zugetan, inszenatorisch und visuell dagegen so gut wie gar nicht. Filmemacher wie Quentin Tarantino oder die Coen-Brüder jedenfalls oder Paul Thomas Anderson zumindest für Inherent Vice dürften Charley Varrick vermutlich mehr als einmal gesehen haben, nimmt dieser doch 1973 schon so manches Element ihrer Filme vorweg. Eine Schande, dass Don Siegel auf Druck des Studios den ursprünglichen, zweifellos absolut großartigen Titel The Last of the Independents ändern musste.

 

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