John Wick: Chapter 2

22. Februar 2017 at 22:59

 

 

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„The man. The myth. The legend. John Wick. You’re not very good at retiring.“

 

 

 

Eigentlich hatte der Profikiller John Wick geglaubt, seine Rückkehr aus dem Ruhestand sei nach seinem blutigen Rachefeldzug gegen den russischen Mafiaboss Viggo Tarasov und dessen Schergen nun endlich vorüber und er könne zurückkehren zu einem normalen Leben, da steht erneut jemand aus seiner Vergangenheit vor seiner Tür und fordert eine alte Schuld ein, die es zu begleichen gilt.

 

John Wick kam 2014 für mich aus dem nichts und glich einem Schlag mitten in die Fresse, so unvorbereitet traf mich die schiere Wucht dieses wahnsinnigen Filmes voller purer Kinetik und dank des hohen Tempos ohne nennenswerte Verschnaufpausen. Eine Art geistiges Erbe des 80er Jahre Actionkinos, welches sich wieder auf dessen ursprüngliche Qualitäten und Werte besinnt und über seine kompromisslose Action hinaus dazu noch ein Meisterwerk in Sachen visuellem Storytelling ist. Wie Chad Stahelski und David Leitch hier mit nur ganz wenigen Pinselstrichen diese vollkommen eigene Welt des John Wick entwarfen, das war einfach nur genial. Ich mag es immer wahnsinnig gern, wenn ein Film viel mehr über seine Bilder erzählt, als mich mit Dialogen zu erschlagen und den Erklärbär zu spielen. Wie dem auch sei, schnell wurde eine Fortsetzung angekündigt und bald machte sich leise Skepsis in mir breit. Würde man dieses Spektakel wiederholen können oder an einem zweiten Teil scheitern? Würden die Macher an ihrer direkten wie druckvollen Stilistik festhalten oder würde ein aufgrund des nicht gerade unerfolgreichen ersten Teiles höheres Budget spürbare Änderungen mit sich bringen? Berechtigte Fragen, aber nun, nach dem Kinogenuss von John Wick: Chapter 2 kann ich beruhigt verkünden: wenn überhaupt, dann steht der neueste Streich seinem Vorgänger in nur sehr wenigen Punkten nach und bildet eine überaus gelungene Fortsetzung, welche zum einen den geradezu mythischen Status seiner Hauptfigur (nicht immer, aber dazu später mehr) weiterhin zementiert, zugleich aber auch die Welt, in der John Wick sich bewegt, dem geneigten Zuschauer deutlich weiter offenbart als zuvor.

 

Zunächst beginnt der Film mit einem von der eigentlichen Handlung eher losgelösten Prolog, der voller Tempo und sehr actionreich klarmacht, woher hier erneut der Wind weht. Danach wir erst einmal das Tempo herausgenommen und Regisseur Chad Stahelski, diesmal ohne David Leitch an seiner Seite, beginnt, die eigentliche Geschichte zu etablieren. Drehbuchautor Derek Kolstad ändert am Grundkonzept recht wenig, optimiert allenfalls die eine oder andere Stellschraube und die eigentliche Story ist nach wie vor schlicht und dient kaum mehr als Vehikel für all die dynamischen Actionszenen, verlagert ihren Schwerpunkt aber zunächst einmal hin zu den Mechanismen und Eigenarten dieser seltsamen Welt voller Auftragskiller und Ganoven, die ihrem ganz eigenen Kodex folgen, vollkommen losgelöst von der Realität. Comichaft überzogen und stetig pendelnd zwischen ernsthafter Härte und augenzwinkernder Verspieltheit, baut der zweite Teil viele der bereits etablierten Elemente weiter aus und führt uns tiefer in diese mysteriöse Parallelwelt, deren Absurditäten man allerdings akzeptieren muss, um den Film auch wirklich genießen zu können. So ist es auch hilfreich, dass sich zahlreiche alte Weggefährten aus dem ersten Teil hier erneut wiederfinden und ein Gefühl der Vertrautheit und Kontinuität vermitteln, ist der erzählerische Tenor doch beinahe identisch. Zwar kratzt der fortschreitende Ausbau dieser filmischen Welt ein wenig am Nimbus von John Wick als stoischer Einzelgänger und der eine oder andere könnte das als leichten Kritikpunkt betrachten, mich persönlich jedoch hat das nicht so sehr gestört, dass es das Filmvergnügen für mich spürbar abwerten würde. So wird dann auch in der zweiten Hälfte der auf den ersten Blick eher lang anmutenden 120 Minuten Laufzeit (die letztlich dann doch schneller vergehen, als einem lieb ist) das Tempo wieder angezogen und der Film reiht nahezu eine waghalsige Actionsequenz an die nächste, wobei so manches Set Piece in inszenatorischer Hinsicht brilliant ist. Allein der finale Akt in einer Art surrealem Spiegelkabinett lohnt schon das Geld für die Kinokarte, ist diese Szene doch visuell einfach fantastisch umgesetzt, wenn dort beinahe jegliche Grenzen aufgehoben werden und die rein sinnliche Wahrnehmung der Action vollkommen über die logische Wahrnehmung dominiert.

 

Selten erlebe ich es, dass eine Fortsetzung ihrem furiosen ersten Teil in so wenig nachsteht, dass ich sie kaum schlechter bewerten kann. Natürlich verfügt John Wick: Chapter 2 nicht mehr über den schlagkräftigen Überraschungseffekt seines Vorgängers, der mehr oder weniger aus dem Nichts kam und vollkommen unvorbereitet einschlug, dafür aber versteht es der Film im Gegenzug sehr gut, punktuell in seiner Inszenierung nochmals einen drauf zu setzten und gibt sich sogar eher noch kompromissloser. Darüber hinaus erhalten wir noch mehr und vor allem auch tiefer gehende Einblicke in die überaus faszinierende wie zwielichtige und vollkommen fremdartig anmutende Zwischenwelt des John Wick, der dieser eigentlich nur noch entsagen will, sie ihn aber nicht lässt und abermals einholt. Das mag zuweilen vielleicht ein wenig entmystifizierend anmuten, offenbart aber auch neue Möglichkeiten für kommende Szenarien. Der dritte Teil scheint beschlossene Sache, ist das Ende von Chapter 2 doch ein mehr als nur deutlicher Hinweis, aber wenn die Qualitäten weiterhin auf solch hohem Niveau rangieren, dann dürfte auch ein weiterer Film sicherlich seinen Reiz haben. Ich jedenfalls hätte nichts dagegen.

 

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