T2 Trainspotting

22. August 2017 at 18:56

 

 

© TriStar Pictures

 

 

 

„It’s just nostalgia! You’re a tourist in your own youth. We were young; bad things happened.“

 

 

 

20 Jahre ist es her, dass Renton sich mit den 16.000 Pfund aus dem Heroindeal aus dem Staub gemacht und sich nach Amsterdam abgesetzt hat, während er seine Freunde zurück in Edinburgh gelassen hat. Nun kehrt er in die alte Heimat zurück und sucht den Kontakt zu Sickboy und Spud. Keiner der beiden ist allzu erfreut über seine Rückkehr, doch richtig problematisch wird es erst, als Begbie die Flucht aus dem Gefängnis gelingt, der noch eine alte Rechnung mit Renton begleichen will.

 

Immer mal wieder kommt ein Film daher und will nur zu gern der Trainspotting seiner Zeit sein, vielleicht seiner Generation sogar, also ein akutes Zeugnis seiner Gegenwart, scharf umrissen, glasklar in seiner Schlichtheit und dennoch universell. Mit neuen Geschichten und neuen Schauspieler, neuer Energie und neuem Stil. Gelungen ist es keinem, Trainspotting war zu seiner Zeit perfekt, auf den Punkt und das konsternierende Abbild einer ganzen Generation ohne Orientierung und ohne Zukunft. Film gewordener Zeitgeist. Aber der Retrozirkus dreht sich munter weiter und weiter und so fügt Danny Boyle dem Film, der für ihn wie auch für Ewan McGregor 1996 den internationalen Durchbruch bedeutete, eine verhältnismäßig unnötige Fortsetzung hinzu. Nostalgie um der puren Nostalgie willen, Tourismus in die eigene Jugend, aber lauwarm und schal, ohne Sinn und Verstand und vor allem ohne Gefühl. Früher war alles besser. Sicher, T2 Trainspotting hat durchaus seine Momente und weiß zu unterhalten, wirkt insgesamt aber doch eher bemüht, künstlich und zu gewollt. Die Magie von einst ist verflogen, der Zeitgeist ein anderer, der Film aktuellem Kontext kaum bis gar nicht angepasst und folglich dadurch eben auch leider etwa 20 Jahre zu spät. Handwerklich über jeden Zweifel erhaben und durchaus mit inszenatorisch interessanten Ideen ausgestattet, ist T2 Trainspotting dennoch redundant, weil er sich weigert, konkret zu aktuellem Zeitgeschehen Bezug zu nehmen und sich lieber dem vermeintlich warmen Gefühl der Nostalgie hingibt. Besonders auffallend ist hierbei ein sich stetig wiederholendes Gestern in der visuellen Gestaltung, wenn buchstäblich jede Oberfläche zur Projektionsfläche für Bilder, Erinnerungsfetzen oder Rückblenden werden kann. Ein seltsam befremdliches Gefühl blieb bei mir zurück, denn einerseits freut man sich irgendwie Renton, Sick Boy, Spud und Begbie wiederzusehen, doch andererseits wird schnell klar, wie wenig sympathisch jeder von ihnen ist, dass sie noch immer in den gleichen Sackgassen stecken wie damals und sich, wenn überhaupt, dann nur marginal weiter entwickelt haben. Sick Boy – der jetzt lieber wieder Simon genannt werden will – will den schlecht gehenden Pub seiner Tante in ein Bordell umwandeln und versucht das Geld dafür durch Erpressung und Kreditkartenbetrug zusammen zu kratzen, Spud hängt nach wie vor an der Nadel und verkackt permanent einfach mal alles, was sich auch nur ansatzweise positiv auf sein Leben auswirken könnte, Renton flieht auch immer noch lieber vor seinen Problemen anstatt sie anzugehen und Begbie ist und bleibt eben Begbie. Schnurrbart, Knasttatoos, Goldkette, weiße Socken in schwarzen Slippern und das Motto: erst zuschlagen, dann reintreten, dann ein Pint. Oder gleich das Glas ins Gesicht. Jeder für sich Verlierer, aber eben keine sympathischen.  Vor 20 Jahren war das okay, da hatten sie noch ihr Leben vor sich, doch nun ist es nur noch deprimierend. Traurige kleine Gestalten, die nichts auf die Reihe bekommen haben. Der Soundtrack bemüht sich, das Gefühl von 1996 ins hier und heute zu transportieren, bleibt aber kaum mehr als nur der müde Versuch eben dessen, ein leiser Widerhall von einst. Fakt ist: es funktioniert einfach nicht. In keinerlei Hinsicht. Zweifellos ist T2 Trainspotting auf der handwerklichen Ebene ein toller Film, aber unter der Oberfläche bleibt nichts außer erzwungener, aufgewärmter, billiger, liebloser Retromanie. Ein bischen wie Stranger Things mit Heroin, bekotzten Klamotten und toten Junkies. Der Versuch, Dingen hinterher zu trauern, die schon vor 20 Jahren kaum cool waren, höchstens in unserer jugendlichen Orientierungslosigkeit romantisch verklärt. Seiner Zeit war Trainspotting perfekt, am richtigen Ort zur richtigen Zeit kam er aus dem Nichts um uns zu sagen: No future! Er schrie es uns geradezu ins Gesicht. Der Punkt ist nur: wir hatten eine und haben diese auch genutzt. Renton, Spud, Sick Boy und Begbie nicht. Und es ist mir egal.

 

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Trance

3. Oktober 2016 at 11:59

 

 

© Fox Searchlight Pictures

 

 

 

„Do you want to remember, or do you want to forget?“

 

 

 

Der Kunstauktionator Simon ist Teil eines groß angelegten Gemäldediebstahls, wird dabei jedoch schwer am Kopf verletzt und kann sich in Folge dessen nicht mehr daran erinnern, wo er das Goya-Gemälde Flug der Hexen versteckt hat. Die Diebesbande rund um ihren Anführer Franck ist davon natürlich nicht begeistert und als Folter und Medikamente nicht den gewünschten Effekt erzielen, greift man als letzten Ausweg zu Hypnose. So soll die Therapeutin Elizabeth die verschollenen Erinnerungen wieder zu Tage fördern, doch je tiefer sie in Simons Unterbewusstsein vordringt, desto stärker vermischen sich seine Grenzen zwischen Realität und Illusion.

 

Oh Danny Boy. Ich möchte meine erneute Sichtung von Trance auch zum Anlass nehmen, um mal ein paar Gedanken über das Kino des Danny Boyle zu verlieren, den ich für einen oftmals sträflich unterschätzten und viel zu wenig beachteten Regisseur halte. Inhaltlich und thematisch lässt sich der Brite nämlich in keine Schublade stecken und springt mit seinen Filmen gerne wild durch allerlei Genre,  jedoch prägt seine Werke immer sein ganz eigener, unverkennbarer Stil, sehr modern, visuell aufregend und immer stark am Puls der Zeit. Aber aus irgendeinem mir nicht ganz ersichtlichen Grund wird Boyle trotz einer enormen Dichte an wirklich guten Filmen, angefangen bei Trainspotting und The Beach, über 28 Days Later und Sunshine, Slumdog Millionaire und 127 Hours bis hin zu eben Trance und zuletzt Steve Jobs, nicht so wahrgenommen, wie sein konstant hohes Niveau es eigentlich erwarten lassen würde. Irgendwie bewegt er sich immer ein wenig unter dem Radar oder, wie er selbst es ausdrückt: „I learned that what I’m better at is making stuff lower down the radar. Actually, ideally not on the radar at all.“

 

Was anfangs noch schwungvollen Schrittes mit einem direkt an das Publikum gerichteten Kommentar seitens James McAvoy als leichtgängiges Gaunerstück daherkommt, das verzerrt Danny Boyle schon bald zu einem wilden, psychedelischen Trip, in dessen Verlauf die Grenzen zwischen Realität und Illusion schon bald zu verschwimmen beginnen, bis sie sich letztlich vollkommen auflösen. Wenn Trance auf der thematischen Ebene die Beschaffenheit unserer Realität und wie wir diese wahrnehmen hinterfragt und auf den Prüfstein stellt, dann ist der Film gar nicht so weit entfernt von Inception, wie man vielleicht glauben möchte. Während jedoch Christopher Nolan seine in immer tiefer liegende Traumebenen absteigenden Schachzüge sorgsam vorbereitet und sauber ausführt, damit der Zuschauer nie völlig den Überblick verliert und der Orientierungslosigkeit anheim fällt, kümmert sich Danny Boyle nicht im geringsten um die Etablierung einer solchen inneren Logik und lässt uns viel lieber immer tiefer in diesen Strudel aus Wahrheit, Lüge, Suggestion und Einbildung fallen. Viel eher spürt man in jedem Moment die reine Lust am Fabulieren des waghalsigen Plots, der sich nicht eine Sekunde lang groß um eben erwähnte innere Logik schert und ganz eindeutig keinerlei Interesse an der geradezu mathematischen Präzision eines Inception hat. Bereits der Durchbruch der Vierten Wand gleich zu Beginn von Trance ist elementar bedeutsam, spricht doch McAvoy direkt in die Kamera und erzählt dem Zuschauer von berühmten, geraubten Kunstwerken. Eines davon ist ein Rembrandt, in dessen Bildmitte sich der Künstler selbst hinein gemalt hat, und dort sitzt er und sieht seinen Betrachter ebenso an wie uns Simon in diesem Moment, und dennoch geht er in der Gesamtbetrachtung leicht unter. Diese paradoxe Struktur wird zum Leitmotiv des Filmes und fortan geht es immer auch um die Frage: was sieht man, was nicht und welche Bedeutung misst man dem bei. In welchem Gemälde befinden wir uns eigentlich? Und ist Simon der Betrachter oder schon Teil des Kunstwerks?

 

Trance ist ein vollkommenes Kunstprodukt und eine ganz klare Abkehr vom Alltagsrealismus. Nichts in diesem Film ist dem Zufall überlassen und einer schöpferischen Logik unterworfen, welche sich durch und durch der puren Ästhetik des digitalen Kinos verschrieben hat. Und diese reizt Danny Boyle auch bis an ihre Grenzen aus und erschafft ein geradezu psychedelisches Verwirrspiel um Sein und Schein, Trug und Wahrheit, einen surrealen wie elektrisierenden Heist-Thriller mit reichlich Anleihen an den Film Noir. Trance ist sicherlich nicht Boyles bester Film, aber er weiß sehr wohl um dessen Stärken und Schwächen, versteht diese gekonnt zu nutzen und erschafft so einen modernen, pulsierenden Reigen rund um Realität, Wahrnehmung und verschütteten Erinnerungen, welcher nicht dem Fehler erliegt, alles erklären zu wollen, aber gleichzeitig auch nie so verworren und undurchsichtig wird, dass man ihm nicht mehr folgen könnte. Letztlich sind unsere Erinnerungen ein Teil unserer Persönlichkeit und gleichzeitig auch nur Abbilder der Wirklichkeit. Sie können uns trügen, sich im Laufe der Zeit verfälschen oder uns gar völlig in die Irre führen, aber wir brauchen die Gewissheit, dass sie uns zu dem machen, was wir sind. Sind unsere Erinnerungen gefälscht, dann sind wir es auch.

 

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