Trance

3. Oktober 2016 at 11:59

 

 

© Fox Searchlight Pictures

 

 

 

„Do you want to remember, or do you want to forget?“

 

 

 

Der Kunstauktionator Simon ist Teil eines groß angelegten Gemäldediebstahls, wird dabei jedoch schwer am Kopf verletzt und kann sich in Folge dessen nicht mehr daran erinnern, wo er das Goya-Gemälde Flug der Hexen versteckt hat. Die Diebesbande rund um ihren Anführer Franck ist davon natürlich nicht begeistert und als Folter und Medikamente nicht den gewünschten Effekt erzielen, greift man als letzten Ausweg zu Hypnose. So soll die Therapeutin Elizabeth die verschollenen Erinnerungen wieder zu Tage fördern, doch je tiefer sie in Simons Unterbewusstsein vordringt, desto stärker vermischen sich seine Grenzen zwischen Realität und Illusion.

 

Oh Danny Boy. Ich möchte meine erneute Sichtung von Trance auch zum Anlass nehmen, um mal ein paar Gedanken über das Kino des Danny Boyle zu verlieren, den ich für einen oftmals sträflich unterschätzten und viel zu wenig beachteten Regisseur halte. Inhaltlich und thematisch lässt sich der Brite nämlich in keine Schublade stecken und springt mit seinen Filmen gerne wild durch allerlei Genre,  jedoch prägt seine Werke immer sein ganz eigener, unverkennbarer Stil, sehr modern, visuell aufregend und immer stark am Puls der Zeit. Aber aus irgendeinem mir nicht ganz ersichtlichen Grund wird Boyle trotz einer enormen Dichte an wirklich guten Filmen, angefangen bei Trainspotting und The Beach, über 28 Days Later und Sunshine, Slumdog Millionaire und 127 Hours bis hin zu eben Trance und zuletzt Steve Jobs, nicht so wahrgenommen, wie sein konstant hohes Niveau es eigentlich erwarten lassen würde. Irgendwie bewegt er sich immer ein wenig unter dem Radar oder, wie er selbst es ausdrückt: „I learned that what I’m better at is making stuff lower down the radar. Actually, ideally not on the radar at all.“

 

Was anfangs noch schwungvollen Schrittes mit einem direkt an das Publikum gerichteten Kommentar seitens James McAvoy als leichtgängiges Gaunerstück daherkommt, das verzerrt Danny Boyle schon bald zu einem wilden, psychedelischen Trip, in dessen Verlauf die Grenzen zwischen Realität und Illusion schon bald zu verschwimmen beginnen, bis sie sich letztlich vollkommen auflösen. Wenn Trance auf der thematischen Ebene die Beschaffenheit unserer Realität und wie wir diese wahrnehmen hinterfragt und auf den Prüfstein stellt, dann ist der Film gar nicht so weit entfernt von Inception, wie man vielleicht glauben möchte. Während jedoch Christopher Nolan seine in immer tiefer liegende Traumebenen absteigenden Schachzüge sorgsam vorbereitet und sauber ausführt, damit der Zuschauer nie völlig den Überblick verliert und der Orientierungslosigkeit anheim fällt, kümmert sich Danny Boyle nicht im geringsten um die Etablierung einer solchen inneren Logik und lässt uns viel lieber immer tiefer in diesen Strudel aus Wahrheit, Lüge, Suggestion und Einbildung fallen. Viel eher spürt man in jedem Moment die reine Lust am Fabulieren des waghalsigen Plots, der sich nicht eine Sekunde lang groß um eben erwähnte innere Logik schert und ganz eindeutig keinerlei Interesse an der geradezu mathematischen Präzision eines Inception hat. Bereits der Durchbruch der Vierten Wand gleich zu Beginn von Trance ist elementar bedeutsam, spricht doch McAvoy direkt in die Kamera und erzählt dem Zuschauer von berühmten, geraubten Kunstwerken. Eines davon ist ein Rembrandt, in dessen Bildmitte sich der Künstler selbst hinein gemalt hat, und dort sitzt er und sieht seinen Betrachter ebenso an wie uns Simon in diesem Moment, und dennoch geht er in der Gesamtbetrachtung leicht unter. Diese paradoxe Struktur wird zum Leitmotiv des Filmes und fortan geht es immer auch um die Frage: was sieht man, was nicht und welche Bedeutung misst man dem bei. In welchem Gemälde befinden wir uns eigentlich? Und ist Simon der Betrachter oder schon Teil des Kunstwerks?

 

Trance ist ein vollkommenes Kunstprodukt und eine ganz klare Abkehr vom Alltagsrealismus. Nichts in diesem Film ist dem Zufall überlassen und einer schöpferischen Logik unterworfen, welche sich durch und durch der puren Ästhetik des digitalen Kinos verschrieben hat. Und diese reizt Danny Boyle auch bis an ihre Grenzen aus und erschafft ein geradezu psychedelisches Verwirrspiel um Sein und Schein, Trug und Wahrheit, einen surrealen wie elektrisierenden Heist-Thriller mit reichlich Anleihen an den Film Noir. Trance ist sicherlich nicht Boyles bester Film, aber er weiß sehr wohl um dessen Stärken und Schwächen, versteht diese gekonnt zu nutzen und erschafft so einen modernen, pulsierenden Reigen rund um Realität, Wahrnehmung und verschütteten Erinnerungen, welcher nicht dem Fehler erliegt, alles erklären zu wollen, aber gleichzeitig auch nie so verworren und undurchsichtig wird, dass man ihm nicht mehr folgen könnte. Letztlich sind unsere Erinnerungen ein Teil unserer Persönlichkeit und gleichzeitig auch nur Abbilder der Wirklichkeit. Sie können uns trügen, sich im Laufe der Zeit verfälschen oder uns gar völlig in die Irre führen, aber wir brauchen die Gewissheit, dass sie uns zu dem machen, was wir sind. Sind unsere Erinnerungen gefälscht, dann sind wir es auch.

 

8 von 10 Schlüsseln im Wandschrank

 

 

Child 44

27. Oktober 2015 at 14:17

 

 

 

Child 44 (2015)
Child 44 poster Rating: 6.4/10 (25,661 votes)
Director: Daniel Espinosa
Writer: Richard Price (screenplay), Tom Rob Smith (novel)
Stars: Xavier Atkins, Mark Lewis Jones, Tom Hardy, Joel Kinnaman
Runtime: 137 min
Rated: R
Genre: Drama, Thriller
Released: 17 Apr 2015
Plot: A disgraced member of the military police investigates a series of nasty child murders during the Stalin-era Soviet Union.

 

 

 

„Do you know what people get around here when they demand the truth? Do you? They get terror.“

 

 

 

Moskau, 1953. Als gefeierter Kriegsheld und absolut überzeugt von seinen politischen Idealen, konnte sich Leo Demidow eine ansehnliche Karriere als Geheimdienstoffizier aufbauen. Doch als die grausam zugerichtet Leiche des kleinen Sohnes eines seiner engsten Kollegen aufgefunden und der offensichtliche Mord an dem Kind kurzerhand als tragischer Unfall deklariert wird, gerät Leos Welt nach und nach ins Wanken. Nachdem ein weiterer Mord geschieht und Leo bewusst Befehle ignoriert, wird er zusammen mit seiner Ehefrau ins weit abgelegene Exil degradiert. Der einst so parteitreue Offizier will jedoch nicht aufgeben und die Verbrechen aufklären, doch im Paradies geschehen keine Morde…

 

Child 44 ist nach Safe House erst der zweite, größere Spielfilm des schwedischen Regisseurs Daniel Espinosa und die Verfilmung des gleichnamigen Romanes von Tom Rob Smith, der nur der Auftakt einer ganzen Trilogie um Leo Demidow ist. Die Geschichte selbst bietet genug Material für einen packenden Thriller rund um die Jagd auf einen Kindermörder in einem Staat, in dem es per Definition keine Mörder gibt und das auch nur in Erwägung zu ziehen bereits an Hochverrat grenzt, das Setting ist düster und dafür geradezu prädestiniert und die Besetzung mit Tom Hardy, Gary Oldman, Vincent Cassel, Jason Clarke und Noomi Rapace verspricht schauspielerisches Talent der Extraklasse. Auf dem Papier also ganz hervorragende Rahmenbedingungen, die Espinosa für seinen Film hat. Am Ende der 137 Minuten Laufzeit konnte ich mich jedoch nur noch fragen: wie konnte man so wenig aus so viel Potential machen? Die Zutaten sind da, aber sie werden nicht sinnvoll genutzt. Espinosa gelingt es zu keiner Sekunde, ein kohärentes Gesamtbild zu erschaffen. Child 44 will zuviel auf einmal und das am besten gleichzeitig, ist unentschlossen und wankelmütig, mal Thriller, mal Drama, mal Spionagestory, mal Gesellschaftskritik, aber nichts davon wirklich und tanzt auf zu vielen Hochzeiten. Zwar wirkt der Film stilistisch überzeugend und weitestgehend authentisch und es gelingt Espinosa meist zumindest atmosphärisch beständig zu bleiben, alles ist schön düster und grimmig, dreckige Bilder erzeugen ein ständiges Gefühl der Verunsicherung und des politischen Drucks auf alle Beteiligten, aber über die Schwächen des zerfaserten Drehbuches kann das nicht hinweg täuschen und so verliert sich die Handlung immer wieder in winzige Einzelfragmente, wirkt wirr und scheint phasenweise keinen wirklichen Sinn zu ergeben. Zumal auch die schauspielerischen Leistungen durchgängig allenfalls mäßig ausfallen und selbst Tom Hardy seltsam lustlos wirkt. Gary Oldman hat zu wenig Screentime, um seiner Figur irgendeine Form von Tiefe zu verleihen und Vincent Cassel und Jason Clarke werden gleich lieber komplett verheizt, indem keiner von ihnen mehr als zwei oder drei kurze Szenen im Film hat. Die wenigen Actionszenen, die Child 44 zu bieten hat, und die sich zum Ende hin sprunghaft häufen, sind meist sehr hektisch und unübersichtlich umgesetzt, ein Problem, das Espinosa auch schon bei Safe House hatte, übersichtliche Abläufe und Choreografien scheinen ihm nicht zu liegen. Gerät dann schlussendlich die Auflösung der Story und somit die Enthüllung und Präsentation des Killers so belang – und lieblos wie hier, dann ist man letztlich ganz weit entfernt von den anfangs noch so hervorragenden und vielversprechenden Rahmenbedingungen.

 

Child 44 entpuppt sich als zäh und wirr erzählt und weiß nicht sich richtig zu positionieren. Das Drehbuch will zuviel auf einmal und gerät dadurch konfus und wirkt in seiner Erzählung sehr bruchstückhaft. Es schlummert viel Potential in diesem Projekt, das leider nie auch nur ansatzweise abgerufen werden kann. Espinosa inszeniert zwar atmosphärisch durchaus gelungen, aber auch sehr klischeebeladen und bleibt letztlich weit hinter den Möglichkeiten dieses Films zurück. So wirkt Child 44 eher wie ein klassischer Direct-To-DVD Release und nicht wie ein Kinofilm. Das Ergebnis ist wirklich schade, denn hier war deutlich mehr drin. Verschenkte Möglichkeiten hinter jeder Ecke.

 

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