Bad Lieutenant: Port of Call – New Orleans (2009)

22. April 2018 at 17:08

 

 

© First Look Studios

 

 

 

„Shoot him again, because his soul´s still dancing!“

 

 

 

Im New Orleans unmittelbar nach dem Hurricane Katrina treibt der korrupte, spiel – und drogensüchtige Cop Terence McDonagh sein Unwesen und biegt Recht und Gesetz so wie es ihm passt. Ein brutaler Mord an einer Familie immigrierter Senegalesen soll aufgeklärt werden und die Spur führt ins Umfeld des Drogenfdealers Big Fate, doch McDonagh hat mehr damit zu tun, seine Wettschulden abzutragen und verliert zusehends die Kontrolle über sich und sein Schicksal.

 

Ein nominelles und allenfalls sehr loses, höchstens noch dem Namen nach Remake eines der großen Autorenfilme der 1990er Jahre mit Nicolas Cage in der Hauptrolle? Kaum etwas hätte wohl im Filmjahr 2009 mehr mit einem müden Gähnen rechnen dürfen als The Bad Lieutenant: Port of Call – New Orleans. Säße da nicht ein gewisser Werner Herzog auf dem Regiestuhl, der sich dem Film von Abel Ferrara gegenüber absolut nicht verpflichtet sieht und lediglich eine zwar ähnliche Geschichte erzählt, jedoch einen gänzlich anderen Verlauf dafür wählt und sich vor allem tonal deutlich abhebt . Wo der Film von 1992 eine schwer deprimierend düstere Stimmung aufweist, da kommt der von Werner Herzog geradezu surreal und beinahe schon märchenhaft lynchesk daher und hat nur sehr wenig gemein mit Ferraras katholischer Meditation über Schuld und Sühne. Stattdessen folgt Port of Call – New Orleans einer anderen Perspektive und erzählt seine Geschichte vor allem wertfrei und losgelöst von moralischen Konnotationen: so widerwärtig die Taten von Terence McDonagh stellenweise auch sein mögen, Herzog bremst die dem inne wohnende Tragik immer wieder geschickt zu Gunsten eines verschmitztem Augenzwinkern aus.

 

Ferrara stellte seiner Zeit den Zuschauer schon gleich zu Beginn vor vollendete Tatsachen und präsentiert mit seinem Bad Lieutenant einen Protagonisten, dessen Weg von vornherein vollkommen klar ist. Weder eine sauber ausgearbeitete Erzählstruktur noch griffige Charakterisierungen kann man hier finden und stattdessen konfrontiert der Film seine Zuschauer gleich mit diesem dem Untergang geweihten Cop, welchen Harvey Keitel so eindrücklich wie abstoßend in einem wahren Kraftakt einer Tour de Force spielt. Nackt, schnaufend, fickend, koksend, halluzinierend, wichsend, saufend, heulend, zitternd, fixend, zockend. Am Rande des totalen Zusammenbruchs und darüber hinaus. Aber wie er der geworden ist, der er ist, das interessiert Ferrara nicht weiter, genauso wenig wie die üblichen Methoden, dem Zuschauer einen ambivalenten Charakter sympathisch zu machen. Er heftet sich viel lieber unmittelbar an die Fersen seiner Titelfigur, überlässt ihr die Struktur, bleibt erzählerisch eher episodisch und hält auch in den privatesten, peinlichsten und schmerzhaftesten Momenten noch gnadenlos drauf.

 

Werner Herzog beschreitet da dann doch andere Wege, ist sein Bad Lieutenant zwar kaum weniger ein ziemliches Arschloch, verleiht er seinem Film innerhalb des Genres jedoch einen gewissen Exoten-Status, lässt er ihn doch immer wieder ins surreal überhöht Märchenhafte abkippen, überführt geschickt wachsende Anspannung ins Groteske und lässt Alligatoren, Leguane und break dancende Seelen erschossener Gangster den eigentlich grimmigen Ton aufbrechen. Port of Call – New Orleans ist letztlich der rundere Film und weniger stachelig und giftig als der von Ferrara, ist vielleicht leichter zu konsumieren und entlässt mich immer etwas versöhnlicher als der von 1992. Beschwingt wäre wohl übertrieben, aber ich habe nach diesen rund zwei Stunden jedenfalls eher weniger das Gefühl duschen zu wollen und fühle mich nicht immer so mies wie nach Ferraras hässlicher Abwärtsspirale, geht diese doch unter die Haut und an die Substanz und reißt einen mit in diesen gierigen Schlund aus Schmutz, Ekel, Wahnsinn und Exzess namens Bad Lieutenant.

 

Und dann ist da noch ein vollkommen entfesselt und wild agierender Nicolas Cage in absoluter Höchstform. Ich finde ja, es ist oftmals ein leichtes, sich über sein überdrehtes Schauspiel lustig zu machen, doch verkennt man dadurch auch die ganz eigene Qualität, welche dem nämlich inne wohnt. Ich kann das meist nur feiern, wenn Cage vollkommen aufdreht und Filmen wie Raising Arizona, Wild at Heart, Face/Off und nun seinem Bad Lieutenant seinen ganz besonderen Stempel unnachahmlich aufdrückt. Und hier übertrifft er sich selbst, entwickelt eine ungeahnte Eigendynamik in seinem Spiel und liefert eine solch elektrisierende Performance ab, welche so vielleicht tatsächlich nur unter der Regie eines Werner Herzog möglich ist. Nicht erst seit Klaus Kinski wissen wir, dass unter seiner Anleitung schauspielerisches Talent nicht bloß ausgeschöpft wird, sondern vielmehr essentiell destilliert. Vielleicht hat Herzog den wahren Wert eines Nicolas Cage entdeckt und die pure Essenz eines der wohl eigenwilligsten Schauspieler der modernen Kinogeschichte freigelegt und für uns alle sichtbar gemacht.

 

8 von 10 lucky crack pipes

 

 

Lost River

20. Oktober 2016 at 19:58

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

 

„You know, in my country, in my place, when you heard about America, everybody say, ‚There’s so much money there,‘ and, ‚You’re gonna have a big car, big house, and a swimming pool,‘ and… and, ‚You’re gonna catch the money on the floor, and just have to take it and pick it up.‘ And finally it’s different. But you realize when you arrive here, it’s different. So, everybody’s looking for a better life somewhere. It’s like that. And maybe we’ll find some… one day.“

 

 

 

Der junge Bones lebt mit seinem kleinen Bruder Franky und seiner Mutter Billy in einem heruntergekommenen Viertel einer namenlosen Stadt, welches immer mehr seiner Bewohner verlassen und das dem Verfall zusehends zum Opfer fällt. Während Billy verzweifelt versucht irgendwie die Hypothek des Hauses abzuzahlen und auf das zwielichtige Jobangebot des Bankmanagers Dave eingeht, muss sich Bones mit dem fiesen Bully auseinander setzen, der das Viertel unter seiner Kontrolle hat und jeden dort terrorisiert.

 

Was musste sich Ryan Gosling nicht alles anhören für sein Regiedebüt? Verlacht und verspottet bei seiner Premiere während der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 2014, verrissen und in Grund und Boden geschrieben von den Kritikern. Scheinbar niemand wollte oder konnte ein gutes Haar an Lost River lassen, zu uninspiriert sei der Film, Gosling zu selbstverliebt in seiner Inszenierung und zu sehr würde er sich offensichtlich und plump bei Regisseuren wie Nicolas Winding Refn, David Lynch, Terrence Malick und Gaspar Noé bedienen, ja, diese sogar schamlos kopieren. Überhaupt habe ich immer auch ein wenig das Gefühl, dass Ryan Gosling gerne mal etwas vorschnell in eine Schublade gesteckt wird, die ihm nun wirklich nicht passt. Betrachtet man seine Filmografie ein wenig näher, dann wird schnell klar, dass Gosling mit The Notebook, Blue Valentine und Crazy, Stupid, Love nur drei Abstecher in den Bereich romantischer Filme unternommen hat und dennoch oft genau damit verbunden wird. Dabei hat der Mann zum Teil grandiose Filme wie Drive, Half Nelson, The Ides of March, Lars and the Real Girl oder The Place Beyond the Pines gemacht, was zweifelsfrei belegt, dass er deutlich kreativer und facettenreicher ist als er oft wahrgenommen wird. Zudem ist er noch Teil der schaurig-schönen, herrlich makaber-schrägen Indierock-Band Dead Man´s Bones, die sich irgendwo zwischen Tom Waits, Nick Cave und der Gotik eines Tim Burton bewegt. Aber genug davon, wenden wir uns nun seinem Regiedebüt Lost River zu, einem Film, der seine Geschichte sehr viel mehr über Bilder, Stimmung, Impressionen und Atmosphäre erzählt als klassisch narrativ über Inhalte, und diffusen Gefühlen gegenüber klaren Worten eindeutig den Vorzug gibt. Sicherlich sind Refn, Lynch, Malick und Noé als deutliche Bezugspunkte in Goslings filmischen Koordinatensystem auszumachen, aber aus seinen Inspirationsquellen formt er lieber seine ganz eigene Vorstellung einer fieberhaft-surrealen wie märchenhaft-entrückten Welt. Von schamlosen Kopieren und dem Mangel an eigenen Ideen ist in Lost River nun wirklich nichts zu spüren.

 

 

 

„Well, it’s a place for people to get wild for the night. Fuck being polite.“

 

 

 

Stattdessen inszeniert Gosling eine ebenso bildgewaltige wie abstrakte Parabel über den Kapitalismus und rückt den Zusammenbruch des American Dream noch sehr viel deutlicher in den Vordergrund als Killing Them Softly von Andrew Dominik. All die Hypotheken, vergeben von Banken an Menschen, die sich dieses nur augenscheinlich billige Geld eigentlich nie leisten konnten, und letztlich die geplatzte Blase, der große Zusammenbruch, haben nicht nur in Detroit, dem großen Sinnbild der Finanzkrise, ganze Stadtteile in Geisterstädte verwandelt. Und so ist der kalkulierte Wahnsinn dieses perfiden Geschäfts mit menschlichen Existenzen nicht nur der ideale Ausgangspunkt für Goslings höllische Version des American Dream, sondern auch dessen Triebfeder. Detroit dient Lost River als Kulisse, doch statt sich windend im Elend zu wälzen, nutzt der Film lieber sehr geschickt die surreale Atmosphäre, um ein schlichtes wie bedrückendes Drama von Verfall und Zusammenbruch zu zeichnen und entwirft eine Welt, die in ihrer Form zwar nicht existiert, uns aber dennoch sehr viel über unsere Gegenwart zu erzählen vermag wie ein düsteres Märchen voller comichaft übersättigter Farben und grotesker Auswüchse mit zweifelhafter Moral. So ist Lost River auch Teil einer noch recht jungen Art von Film, welche die Kehrseite des American Dream beleuchtet und in seinem Mutterland nicht sonderlich beliebt ist, steht Seite an Seite mit Filmen wie dem bereits erwähnten Killing Them Softly, Mud, Out of the Furnace, Killer Joe, Winter´s Bone und noch einigen mehr, die sich dem White Trash annehmen, verleiht dem ganzen aber darüber hinaus einen enorm surrealen Anstrich. Bilder, Farben und Musik verschmelzen hier zu einer Art Rauschkino, welches einen nicht wieder loslassen wird, so fern man sich von etablierten Erzählstrukturen lösen kann, denn Gosling erzählt mehr nur über Impressionen und Momentaufnahmen als jedes Wort im Drehbuch es könnte.

 

Für das Regie- und Drehbuchdebüt eines Schauspielers, der ohnehin schon viel zu oft falsch wahrgenommen wird, ist Ryan Goslings Lost River doch sehr beeindruckend, konsequent und selbstbewusst ausgefallen. Von all den Vorwürfen und Kritiken im Vorfeld kann zumindest ich nichts bestätigen. Der Film bedient sich einer geradezu aufreizend schönen wie nicht weniger fieberhaften und surrealen Bildsprache, ist visuell unglaublich kraftvoll und entführt in eine seltsam entrückte Märchenwelt, welche zudem noch die Schattenseiten des American Dream aufarbeitet. Das ist mutiger als so manch etablierter Regisseur in seinem Schaffen.

 

8 von 10 brennenden Fahrrädern