Dagon (2001)

20. Oktober 2018 at 14:55

 

 

© Filmax International/Lions Gate Entertainment/Quelle: IMDb

 

 

 

No one leave Imboca. People come, but no one leave.“

 

 

 

Ein plötzlich aufziehendes Unwetter beendet den Segelurlaub von Paul und seiner Freundin Barbara vor der spanischen Küste und zwingt die beiden, in einem verlassen anmutenden Fischerdorf Hilfe zu suchen. Von Barbara getrennt, sieht sich Paul schon bald unheimlichen Kreaturen ausgesetzt, die ihm scheinbar nach dem Leben trachten und ein düsteres Geheimnis bergen.

 

Als 2001 Dagon auf die Videotheken losgelassen wurde, da war es bereits eine Weile ruhig um die Horrorikonen Brian Yuzna und Stuart Gordon (Re-Animator, From Beyond, Society), die sich zu der Zeit in Spanien mit der Fantastic Factory ihr eigenes Filmstudio fürs Low Budget-Genrekino aufgebaut haben. H.P. Lovecraft war schon immer mal mehr, mal weniger Teil ihres Schaffens, doch mit Dagon kamen sie so nah an den Kern wie kaum jemand anderes, wenn sie hier hauptsächlich dessen Novelle The Shadow Over Innsmouth mit Elementen aus Dagon vermischen. Nicht selten wird Dagon für die selbst zu seiner Zeit schlechten digitalen Effekte kritisiert und das auch vollkommen zu Recht, allerdings beschränken sich diese auf nur wenige Minuten zu Beginn und zum Ende hin und es wird im gleichen Atemzug auch gern übersehen, dass die schön schmoddrigen praktischen Effekte dafür – oder vielleicht deswegen – umso besser wirken. Davon ab bezieht der Film seinen Reiz viel lieber überwiegend aus der verwinkelten, unübersichtlichen und geradezu alptraumhaften Architektur des kleinen Fischerdorfes Imboca mit all seinen verwitterten und engen Gassen.

 

All das strahlt eine enorme wie unheimliche Authentizität aus und gestaltet die lang andauernde Flucht von Paul nur noch intensiver. Die Art, wie dieser ausufernde Teil der Geschichte erzählt wird, ist umwerfend. Paul wird endlos verfolgt von fremdartigen Wesen und hat nirgendwo die Möglichkeit ein sicheres Versteck zu finden, geschweige denn zu entkommen. Dazu verleiht ihm das Drehbuch eine spürbare Menschlichkeit, wie man sie in solchen Genre-Filmen eher selten finden kann: verletzt er sich, dann humpelt er auch für den Rest des Filmes, Türen lassen sich nicht so einfach auftreten, seine Brille will immer wieder zu Recht gerückt werden und ein Auto kann auch nicht ohne weiteres kurz geschlossen werden. Das mögen nur Details am Rande sein, aber sie tragen sehr zur eigenwilligen, seltsam unwirklichen und dichten Atmosphäre bei, welche Dagon letztlich ausmacht. Auch ist es ein hübscher Kniff, dass Paul sich als Amerikaner in Spanien aufgrund seiner Sprachbarriere nicht verständlich machen kann und so die unheilvolle Konfrontation eines Einzelnen mit einer fremdartigen Überzahl zusätzlich hervorgehoben wird. Dagon ist in seiner Gänze sicherlich alles andere als perfekt, aber in seinen Details immer wieder so sehr gelungen, dass ich ihm seine Fehler nur zu gern nachsehe, wenn Yuzna und Gordon das verfallene Fischerdorf Imboca in solch faszinierender Fremdartigkeit als märchenhaften Horror inszenieren.

 

7 von 10 glitschigen Fischhänden

 

 

Sorcerer (Atemlos vor Angst, 1977)

9. September 2018 at 15:09

 

 

© Paramount Pictures/Universal Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

We’re carrying three cases each. One is enough to blow out your fire, six cases will blow out the whole field. That means you don’t think all the trucks will make it, one of us is a backup.“

 

 

 

Als irgendwo in Südamerika eine Ölquelle in Flammen aufgeht und das Feuer auf herkömmliche Weise nicht gelöscht werden kann, werden vier Männer, die jeder für sich nichts mehr zu verlieren haben, damit beauftragt, sechs Kisten mit hochgradig instabilem Nitroglycerin in zwei abgewrackten LKWs 200 Meilen durch den Dschungel zu transportieren. Der Auftakt zu einem wahren Höllentrip voller Gefahren und Wagnissen, bei dem jede Erschütterung das Ende bedeuten kann.

 

Sorcerer ist für William Friedkin das, was Fitzcarraldo für Werner Herzog und was Apocalypse Now für Francis Ford Coppola war, nämlich ein gnadenloser Trip ins Herz der Finsternis, kämpfend mit allerhand Problemen wie Ärger mit Teilen der Crew, Krankheiten, einem aus dem Ruder laufendem Budget oder plötzlichen Wetteränderungen, vor allem aber mit dem kostspieligen Perfektionismus seines akribischen Regisseurs. Mit French Connection (1971) und The Exorcist (1973) hatte Friedkin zwei Knüller an den Kinokassen hingelegt, konnte sich sein nächstes Projekt quasi aussuchen und versuchte sich an seiner ganz eigenen Vision von Le salaire de la peur (Wages of Fear, 1953) von Henri-Georges Clouzot. Und an den Kinokassen war Sorcerer dann ein handfester Flop. Ob es nun daran lag, dass der Film zeitgleich mit Star Wars in die Kinos kam, daran, dass Roy Scheider im Gegensatz zum ursprünglich geplanten Hauptdarsteller Steve McQueen weniger Starpower zu bieten hatte, oder vielleicht daran, dass Friedkin einfach an einem Publikum vorbei zielte, welches sich im Saal nebenan in märchenhafte Weltraumwelten entführen lassen wollte – genau lässt sich das nie sagen.

 

Dabei ist Friedkin mit Sorcerer ein wahrlich atemberaubend spannendes und ungemein packendes Stück Abenteuerkino gelungen, welches eine enorme Dringlichkeit entwickelt und sich dabei nahezu vollkommen auf die Kraft seiner Bilder verlässt. Sorcerer ist eine Lehrstunde in Sachen Spannungsaufbau, erzählerischer Ökonomie und Präzision sowie Atmosphäre. Gesprochen wird wenig und Sorcerer als dialogarm zu bezeichnen, das kommt beinahe schon einer Untertreibung gleich. Aber das gesprochene Wort ist in Friedkins Meisterwerk der Spannung auch kaum von Nöten, wenn das Geschehen auf der Leinwand von ganz allein in seinen Bann zieht und zu fesseln vermag. Allein die Überquerung einer maroden Hängebrücke inmitten eines tosenden Tropensturmes ist perfekt inszenierte Spannung in ihrer reinsten Form, presst den Zuschauer förmlich in den Sitz und ist darüber hinaus noch fantastisch gefilmt. Und das ist bei weitem nicht der einzige Höhepunkt dieser beschwerlichen Fahrt 200 Meilen durch den unwegsamen Dschungel mit hochgradig empfindlichem Nitroglycerin im Gepäck.

 

Und dann ist da noch Friedkins oberflächlich betrachtet flüchtig anmutende, elliptische Figurenzeichnung dieser vier Männer von überaus fragwürdiger Moral: ein Berufsverbrecher, ein Auftragsmörder, ein palästinensischer Terrorist und ein Wirtschaftsbetrüger treffen in diesem Höllenloch irgendwo im absoluten Nirgendwo zwischen Dreck, Armut, Krankheiten und unerträglicher Hitze aufeinander, jeder ist aus ganz bestimmten Gründen dort, ohne Ausweg, ohne Perspektive, ohne Hoffnung auf sein altes Leben. Quasi ihre ganz persönliche Hölle, vielleicht als eine Form der Wiedergutmachung ihrer Verfehlungen. Und so kommt ihnen die Suche eines US-Ölkonzerns nach Freiwilligen für ein Himmelfahrtskommando gerade recht, aber weniger als Hoffnung auf ein Entkommen, sondern vielmehr als tiefsitzendes Verlangen nach wenigstens irgendeiner Form der Abbitte, welche es für ihre alten Leben vielleicht zu leisten gibt – notfalls bis in den Tod.

 

William Friedkin hat mit Sorcerer eine dieser seltenen Filmperlen erschaffen, welche heute unbedingt wieder entdeckt gehören. Zu Unrecht seiner Zeit untergegangen und ohnehin eben jener Zeit weit voraus, ist Friedkins Inszenierung von Leidenschaft geprägt und schenkt uns einen rauen, drückenden und hochgradig spannenden Abenteuerfilm voller unvergesslicher Bilder. Und am Ende bleibt der Zuschauer allein mit der bitteren Erkenntnis, dass die Mission zwar gemeistert ist, es aber absolut keinen Unterschied macht, denn das Unausweichliche wird lediglich etwas hinausgezögert.

 

9 von 10 Stangen Dynamit