Beckett (2021)

29. August 2021 at 18:21

 

 

© Netflix

 

 

Nach seinem Debüt Antonia (2015) und der äußerst fruchtbaren Zusammenarbeit als Second Unit Director mit Luca Guadagnino für Call Me by Your Name (2017) und Suspiria (2018) liefert Regisseur Ferdinando Cito Filomarino nun mit Beckett seinen zweiten Langfilm. Vor der Kulisse der kargen und schroffen Berglandschaft Nord-Griechenlands fernab jeglicher touristischer Romantik entfaltet sich nach eher zähem Beginn eine angenehm bodenständig inszenierte Anlehnung an das Polit-Thriller-Kino der 70er Jahre. Der Zuschauer hat lange auch immer nur das Wissen, welches der von John David Washington verkörperte Protagonist hat. Ein Umstand, der dem Paranoia-Faktor und einem konstanten Gefühl der Bedrohung durchaus zuträglich ist.

 

Jeder könnte hier Teil der Verschwörung sein, in welche Beckett zufällig hinein gestolpert ist, jeder könnte ihm nach dem Leben trachten wollen. Das wird dann im letzten Drittel während einer Demonstration in Athen auf verschiedenen Bildebenen besonders gut ausgespielt. Dazu erschafft der Score aus der Feder von Ryuichi Sakamoto (The Revenant) in der Kombination mit den Bildern von Kameramann Sayombhu Mukdeeprom (Suspiria, Call Me by Your Name) eine manchmal geradezu unheilvolle Atmosphäre. Leider entpuppt sich die Auflösung der Bedrohung letztlich als recht enttäuschend und Beckett trägt im Finale dann doch etwas zu dick auf. Das schmälert zwar ein wenig das Gesamtpaket, unterm strich jedoch lässt Filomarinos zweiter Film durchaus aufhorchen.

 

6,5 von 10

 

 

Tenet (2020)

25. Dezember 2020 at 20:36

 


© Warner Bros. Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

What´s happened, happened.“

 

 

Im Spätsommer eines in nahezu jeglicher Hinsicht vergessenswerten Jahres sollte Tenet die Kinokultur retten. Eine wahrlich übergroße Bürde und kaum zu stemmen. Vielleicht nicht die besten Voraussetzungen für ein derart ehrgeiziges Projekt. Aber allein der Versuch, ein solches High Concept-Kino auf die Leinwand zu bringen, den kann ich kaum anders als mindestens zu respektieren. Wahnsinnig ambitioniert, vielleicht zu ambitioniert, aber vermutlich niemand sonst hätte Tenet genau so machen können. Immer auch in dem Wissen, damit scheitern zu können.

 

Don´t try to understand. Feel it. Diese recht früh im Film fallenden Worte adressieren nicht einfach nur den namenlosen Protagonisten, sondern vor allem auch den Zuschauer. Bloß nicht zuviel drüber nachdenken, lieber überwältigen lassen. Da fangen die Probleme allerdings schon an, denn auf der reinen Gefühlsebene baut Tenet nur auf Behauptung. Wirklich emotional erreicht hat mich Nolans neuestes Werk zu keiner Sekunde und keines der verhandelten Schicksale vermochte mich zu berühren, so dass ich nicht gerade selten einen eher distanzierten Blick auf das Geschehen hatte.

 

Und doch entfesselt Tenet schnell eine enorm rauschhafte Anziehungskraft und bietet performatives Spektakel voller audiovisueller Wucht. Schon der Einstieg gestaltet sich brachial und legt ein hohes Tempo vor, welches der Film so schnell nicht wieder drosseln wird. Als reine Materialschlacht kann Tenet absolut überzeugen und auch wie Nolan die verschiedenen Zeitebenen geschickt innerhalb der Szenen miteinander verwebt und auflöst, das vermag zu begeistern. Dazu gesellen sich immer wieder zwar winzige, dafür um so genialere Details.

 

Doch so beeindruckend all die technischen Aspekte auch sein mögen, so mäßig gestaltet sich die erzählerische Ebene. Obwohl der Kniff rund um die temporalen Verschiebungen durchaus relevant ist für die Handlung, entpuppt sich Tenet davon abgesehen eher als klassischer Agententhriller und bedient sich mehr an dessen Strukturen, wenn die Protagonisten von einem exotischen Setting zum nächsten reisen und immerzu dem nächsten MacGuffin hinterher jagen.

 

Mein größtes Problem mit der erzählerischen Struktur von Tenet jedoch ist der Umstand, dass die Regeln dieser Welt seltsam diffus umrissen werden, nicht immer richtig greifbar sind und sich nicht selten unstimmig anfühlen. Beinahe so, als würde man während eines Brettspieles mittendrin das Regelwerk ändern. Vielleicht ändert sich das mit weiteren Sichtungen, das vermag ich noch nicht zu beurteilen, im ersten Durchgang jedoch hatte ich immer mal wieder das Gefühl, dass erzählerische Kohärenz nicht immer im Vordergrund steht. Dazu hat das zu Grunde liegende Bedrohungsszenario durch den Waffenhändler Andrei Sator irgendwie nicht so richtig Gewicht, bleibt eher vage und bedeutungslos.

 

Unwissenheit ist unsere Munition. Am Ende macht es mir Tenet wirklich nicht einfach. Fehlende emotionale Bindung, eine zu diffuse Bedrohung und das nicht immer klare Regelwerk gegenüber technischem Muskelspiel und audiovisueller Brillanz. Im Großen vielleicht fehlerhaft, im Detail teilweise herausragend.

 

7 von 10 temporalen Zangenbewegungen.