Mr. Nobody

27. Oktober 2017 at 11:43

 

 

© Wild Bunch

 

 

 

„You have to make the right choice. As long as you don’t choose, everything remains possible.“

 

 

 

Im Jahr 2092 hat die Menschheit den Tod überwunden. Der 118 Jahre alte Nemo Nobody blickt als letzter sterblicher Mensch zurück auf sein Leben, kann sich aber nur noch schwerlich an Einzelheiten erinnern: alles beginnt mit der Trennung seiner Eltern und plötzlich steht der neunjährige Nemo vor der folgenschweren Entscheidung bei seinem Vater zu bleiben oder mit seiner Mutter fortzugehen.

 

Rot. Gelb. Blau. Wasser. Regen. Ein Blatt im Wind. Ein Schmetterling. Ein Kind an einem Bahnsteig, überfordert zwischen seinen beiden Eltern, unfähig, eine Entscheidung zu treffen. Wahrheit, Lüge, Traum, Erinnerung, Fiktion… was ist wahr, was nicht, was passiert, was erfunden, was verklärt, was erlebt? Zwischen diesen Polen pendelt der Film des belgischen Regisseurs Jaco Van Dormael immer wieder vor und zurück, seine Erzählstruktur ist weder chronologisch noch auch nur ansatzweise linear, sondern springt geradezu chaotisch und vermeintlich planlos zwischen winzigen fragmentarischen Szenarien hin und her, bildet aber dennoch einen gleichmäßig vor sich hin fließenden Strom. Eine kaleidoskopartige Reise durch die Vorstellungskraft, eine Liebeserklärung an die Imagination. Jeden Tag stehen wir an Wegeskreuzungen, jeden Tag müssen wir Entscheidungen fällen. Aber welche ist die Richtige und welcher ist der richtige Weg, das richtige Leben? Hätten wir in der Vergangenheit Dinge anders gemacht? Was wäre wenn? Bereuen wir Entscheidungen? Bedauern sie vielleicht? Und vor allem: wieviel Einfluss haben wir letztlich auf unser Leben? Wieviel Einfluss haben wir selbst und was ist dem Zufall überlassen? Gibt es Zufälle überhaupt? Warum geht die Zeit nur vorwärts, aber niemals rückwärts? Sobald man eine Entscheidung getroffen hat, gibt es kein Zurück mehr, man muss es so nehmen, wie es dann kommt, mit den Konsequenzen leben. Und oftmals fragen wir uns anschließend, ob wir richtig gehandelt, richtig gewählt, richtig entschieden haben. Aber was bedeutet schon richtig? Egal, welchen Weg wir nehmen, es wird immer der richtige sein, denn alle Entscheidungen, die wir treffen, haben wir nicht nur selbst gewählt, sondern beeinflussen auch unseren weiteren Werdegang. Alles geschieht aus einem Grund, alles ist eine Aneinanderreihung von Kettenreaktionen, alles hängt zusammen. Oder doch nicht?

 

© Wild Bunch

 

Mr. Nobody erzählt vom Leben, vom Lieben und von den Gesetzmäßigkeiten des Universums und zeichnet ein großformatiges Puzzle, bei dem wir schon selbst für uns entscheiden müssen, ob dessen Bild letztlich stimmig ist oder nicht. Der Film hat deutlich mehr im Sinn als einfach nur eine Lebensgeschichte in Rückblenden zu erzählen und sinniert lieber über den Sinn des Lebens und das Wesen der Liebe. Dafür holt Van Dormael in erzählerischer wie ästhetischer Hinsicht weit aus. Zu Beginn steht eine Entscheidung, aus der sich zwei unterschiedliche Lebenswege entspinnen, welche sich im weiteren Verlauf dann immer weiter verästeln und immer neue Abzweigungen bereit halten. Und mit jeder weiteren Sequenz nimmt nicht nur die dramaturgische Dichte immer weiter zu, sondern auch die formale und visuelle Vielseitigkeit, wenn sich Van Dormael wild, aber immer stilvoll im nahezu unendlichen Fundus aller möglichen Spielarten von Genre, Moden und Farben bedient und sich Satire, Drama, Science Fiction, romantische Komödie, Thriller, fiebrig Surreales und nüchterner Realismus quasi die Klinke in die Hand geben. Der Belgier spielt beinahe mit allen ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und entwirft ein rein visuell ungemein beeindruckendes Kaleidoskop aus Perspektiven, Kameraeinstellungen, Farben, Beleuchtung, Musik und Tricktechnik. Das ist nicht nur wunderschön anzusehen und phasenweise geradezu rauschhaftes Kino, es ist vor allem auch hervorragendes Handwerk und auf der rein formellen Ebene kann man Mr. Nobody nun wirklich absolut nichts vorwerfen.

 

© Wild Bunch

 

Auf der inhaltlichen Ebene wird es da ein wenig schwieriger, denn zumindest ich für meinen Teil glaube, dass es für Mr.Nobody keinen allgemein gültigen Interpretationsansatz gibt und dass es vielmehr darauf ankommt, was jeder einzelne Zuschauer für sich an Bedeutung aus dem Film ziehen kann. Für mich geht es letztlich gar nicht so sehr um die eine Entscheidung eines neunjährigen Jungen, sondern vielmehr um alle Entscheidungen in ihrer Gesamtheit, die getroffenen wie die nicht getroffenen. Der kleine Nemo am Bahnsteig steht da eher als Sinnbild für jeden von uns, wie wir tagtäglich die großen und die kleinen Entscheidungen unseres Lebens zu treffen haben und wie sich so ein feines Geflecht aus Abzweigungen und Verästelungen bildet, welches uns schließlich auch zu dem Menschen macht, der wir sind. Wenn ich bis jetzt irgendwas aus dem Film für mich ziehe, dann das: alle Möglichkeiten, alle Wege, alle Entscheidungen in unseren Leben sind nutzlos, wenn wir sie uns offen halten. Zugzwang, wie es im Film genannt wird. Wir wachsen an unseren Entscheidungen, reifen durch sie, lernen von ihnen, werden zu den Menschen, die wir sind. Halten wir uns alles offen und beschreiten keinen dieser möglichen Wege aus Angst, etwas falsch zu machen oder vielleicht etwas zu verpassen, dann bleiben wir im Grunde ein Nobody. Sich nicht zu entscheiden ist keine Option. Paradoxerweise stehe ich nun vor genau diesem Dilemma, denn ich kann Mr. Nobody noch nicht so sehr für mich einordnen, als dass ich mich festlegen und den Film auf eine simple Zahl reduzieren könnte. Das könnte noch eine ganze Weile dauern und mehrere Sichtungen erfordern, warum ich letztlich nur sagen kann: sehenswert ist Mr. Nobody in jedem Fall, aber was ihr daraus macht, das liegt allein bei euch.

 

 

Horns

23. April 2016 at 17:47

 

 

© Dimension Films

 

 

 

„People say you should always do the right thing, but sometimes there is no right thing, and then… well then you just have to pick the sin you can live with.“

 

 

 

Ignatius „Ig“ Perrish hat alles verloren, was ihm jemals wirklich etwas bedeutet hat, als seine Freundin Merrin brutal ermordet wird. Obwohl er verzweifelt seine Unschuld beteuert, glaubt die ganze Stadt inklusive der berichtenden Medien, der Polizei und sogar seiner Eltern, dass er der Mörder sei. Einzig sein Bruder Terry und sein Jugendfreund Lee halten noch zu ihm. Als Ig eines nachts betrunken die Gedenkstätte für Merrin verwüstet und entweiht, wachsen ihm am nächsten Morgen plötzlich Hörner aus der Stirn. Zunächst treibt es ihn verzweifelt zu einem Arzt, um sich helfen zu lassen, doch schon bald stellt er fest, dass diese Hörner die Menschen in seiner Umgebung dazu bringen, ihre tiefsten und dunkelsten Geheimnisse und Wünsche zu offenbaren. Nach und nach beginnt Ig, die Hörner vielleicht als Chance und Möglichkeit zu begreifen, den Mord an Merrin aufzuklären und seine Unschuld zu beweisen…

 

Horns ist nach High Tension, The Hills Have Eyes, Mirrors und Piranha 3D der nunmehr fünfte Film des französischen Regisseurs Alexandra Aja und eine Verfilmung des gleichnamigen Romanes von Joe Hill, ein Pseudonym für Joseph Hillstrom King, dem Sohn von Stephen King. Aja kommt aus dem Horrorfilm und hat seine Wurzeln im französischen Terrorkino. Schon sein Debüt High Tension schlug hohe Wellen, schnell wurde Aja als Wunderkind und Rettung des Horrors gefeiert und auch sein Folgefilm, das Remake von Wes Cravens The Hills Have Eyes (eines der ganz wenigen Remakes, welches mir besser gefällt als sein Original) schlug ein, war er doch bestimmt durch eine wirklich beklemmende Atmosphäre aus Angst, Terror und Tabubrüchen. Mirrors, sein Remake des südkoreanischen Horrorfilmes Into the Mirrror, lässt aber bereits ein wenig von dieser Mischung vermissen und Piranhas 3D ist zwar weniger Remake des B-Movies Piranhas von 1978 und eher als eigenständige Hommage zu betrachten, kommt aber eben auch als bluttriefende und tiefschwarze Horrorkomödie daher. Für Horns beschreitet Aja nun erneut andere Wege, ist dort der Horror letztlich nur noch ein Element von vielen und vermischt sich mit zahlreichen Bruchstücken aus Fantasy, Drama, Thriller, Coming of Age, wird gewürzt mit einer Prise schwarzem Humor und gebiert einen kruden und eigenwilligen Hybriden mit vielen Gesichtern. So zusammengewürfelt und chaotisch das nun klingen mag, so fällt doch recht schnell auf, das Aja gekonnt mit all diesen verschiedenen Versatzstücken umgeht und sehr stilsicher zu einem großen Ganzen verschmilzt, welches auf seiner Odyssee durch menschliche Abgründe viele interessante Themenkomplexe streift. Auch von der für Aja oftmals typischen Atmosphäre aus Terror, Angst und Gewalt ist hier nichts mehr zu spüren, stattdessen machte dieses so intensive Gemisch nun Platz für viel Surrealismus und düsteres Fantasy und so ist Horns mehr übernatürlich angelegt und bewegt sich doch deutlich weg vom Horror seiner früheren Werke. Einige wenige Szenen sind zwar immer noch recht drastisch inszeniert und geben sich in puncto Gewalt durchaus zeigefreudig, aber das ist nichts im Vergleich zu den blutigen Eruptionen in High Tension oder The Hills Have Eyes.

 

 

 

„She went to church every fucking Sunday, she wore a cross around her neck, and did it make ANY difference? No. God turned a blind eye and let her die out here alone and afraid!“

 

 

 

So erfrischend sich Aja´s neuer Erzählstil von seinen bisherigen Werken abhebt, so dünn und durchschaubar ist dann leider letztlich der Whodunnit-Plot in der Geschichte. Ig´s Suche nach dem Mörder seiner großen Liebe Merrin gestaltet sich sehr formelhaft und gerät schnell allzu offensichtlich. Die Frage, wer denn nun der eigentliche Täter ist, erschließt sich dem trainierten Auge aus den verschiedensten Gründen viel zu schnell, um auf dieser Ebene wirklich Spannung erzeugen zu können. Selbst vereinzelt eingestreute falsche Fährten können daran nicht viel ändern, wenn all das wie aus dem Baukasten für Thriller daherkommt und in der und ähnlicher Form schon unzählige Male an anderer Stelle zu sehen war. Wäre das nun das einzige erzählerische Element in Horns, dann wäre der Film wohl tatsächlich ein kompletter Reinfall, ist es aber zum Glück nicht, sondern nur eines von vielen und noch nicht einmal das tragende. Auch nutzt Horns sein grundlegendes Potential nicht immer zu Gänze völlig aus, denn für einen Film, in dem aufgrund seiner fantastischen Prämisse beinahe alles möglich wäre, führt Aja doch recht konventionell durch die Geschichte und lässt das Geschehen selten ins völlig absurde kippen. Dafür stattet Aja sein jüngstes Werk mit einer insgesamt erstaunlich gelungenen Symbolik und Bildsprache aus, welche ich ihm so gar nicht zugetraut hätte und die uns durch den gesamten Film begleitet, uns immer wieder über den Weg läuft, gelegentlich aber auch ein wenig zu plakativ und offensichtlich gerät. Natürlich ist Horns für Daniel Radcliffe auch ein weiterer Versuch der Emanzipierung von seinem Stigma des Harry Potter und zumindest hier gelingt es ihm durchaus, denn während der gesamten Laufzeit von rund zwei Stunden fühlte ich mich nie ernsthaft an den Zauberschüler von einst erinnert. Radcliffe macht seine Sache richtig gut und spielt seinen Ig glaubwürdig pendelnd zwischen Wut, Trauer, Selbstvorwürfen und dem Gefühl grenzenloser Macht. Mit Juno Temple, Max Minghella, James Remar, Kathleen Quinlan, Heather Graham und David Morse versammelt der Film auch über Radcliffe hinaus schauspielerische Stärke und weiß durchgängig zu überzeugen. Abgrundet wird das alles durch einen wirklich tollen Soundtrack mit Songs von den Pixies, den Eels, David Bowie, The Flaming Lips, Fever Ray, Sunset Rubdown oder The Dead Weather, die Aja auch sehr gekonnt und präzise als erzählerisches Element nutzt, passen sie doch immer absolut perfekt zu den jeweiligen Situationen, in denen sie laufen.

 

Horns beinhaltet nur noch recht wenig von Alexandre Aja´s Wurzeln im französischen Terrorkino und beschreitet neue, andere, kreativere Wege. Ein sehr eigenwilliger Film mit einer surrealistischen Atmosphäre und einem wilden Mix der verschiedensten Erzählstile, die der Franzose jedoch stets fest im Griff hat und nicht ausufern lässt. Obwohl der Plot vielleicht ein wenig zu durchschaubar ist, manche Szenen etwas zu kitschig wirken und es das Finale mit seiner Symbolik etwas übertreibt, so weiß dieses Füllhorn voller kruden und kreativen Ideen und Einfällen wirklich zu überraschen. Horns ist eine Reise ganz tief in menschliche Abgründe. Lügen. Immer wieder Lügen. Alle tun es. Immerzu. Letztlich offenbart sich unter dieser düsteren Oberfläche eine zutiefst tragische Geschichte. Sicherlich Aja´s bisher unkonventionellster Film, aber auch sein reifster. Ich bin gespannt, wo sein Weg den Mann als nächstes hinführen wird.

 

7 von 10 Schlangen im Paradies