Thief – Der Einzelgänger

19. März 2016 at 21:35

 

 

© United Artists

 

 

 

„I am the last guy in the world that you wanna fuck with.“

 

 

 

Frank tritt nach außen hin als Gebrauchtwagenverkäufer auf, doch diesem Beruf geht er nur tagsüber nach, denn seine eigentliche Profession lebt er nachts als Einbrecher und Diamantendieb aus. Auf seinem Gebiet ist niemand so gut wie er, doch eigentlich will er nichts sehnlicher als mit seiner großen Liebe Jessie eine Familie gründen und ein ganz normales Leben führen. Dazu will er für den Mafiosi Leo einen allerletzten Einbruch durchführen und sich dann absetzen, aber als alles schief läuft, muss Frank alles auf eine Karte setzen, um an seinem Traum vom ruhigen Familienleben festhalten zu können….

 

Ein kleines Jubiläum ist das heute, denn dies ist meine 100ste Rezension für diesen kleinen Blog. Irgendwie wollte ich, dass das ein für mich besonderer Film sein würde und nicht einfach nur einer, der zufällig gerade ansteht. Da vor einigen Tagen von OFDb filmworks eine ganz wundervolle 5-Disc-Ultimate-Edition von Thief – Der Einzelgänger veröffentlicht wurde, die mit drei verschiedenen Schnittfassungen, allerhand Bonusmaterial und vor allem dem ersten offiziellen HD-Master in Europa bestückt ist, und mir dieser Film im Laufe der Jahre sehr wichtig geworden ist, war das zu rezensierende Objekt schnell gefunden. Vorhang auf also für Thief, der im Jahre 1981 der erste Kinofilm eines jungen Regisseurs namens Michael Mann sein sollte…

 

Thief ist ein enorm beeindruckendes Frühwerk im Portfolio von Michael Mann, das bereits ganz offensichtlich alle Elemente enthält, die er spätestens 1995 in seinem Meisterwerk Heat perfektionieren sollte. Leider ist der Film bei weitem nicht so bekannt ist, wie er es eigentlich sein sollte und war lange Zeit nur sehr schwer bis gar nicht aufzutreiben. Thief markiert den Auftakt zu Mann´s Neo-Noir-Trilogie aus eben jenem Thief, Manhunter (1986) und letztlich Heat. Offiziell ist das selbstverständlich keine Trilogie, aber diese drei Filme hängen für mich thematisch wie inszenatorisch sehr dicht zusammen und ragen deutlich aus Mann´s Schaffen heraus, das immerhin auch noch Schwergewichte wie Collateral, Insider und Der letzte Mohikaner aufzuweisen hat, aber leider auch schwache Filme wie Blackhat (bei dem ich einfach immer noch nicht glauben kann, dass Michael Mann da auf dem Regiestuhl saß), Ali oder Public Enemies. Thief ist ein kühler Film, für den Mann Nächte voller Neonlicht und Regen entstehen lässt, ein funkelndes und pulsierendes Kaleidoskop der Farben, in welchem der ganz eigene, damals neue und heute noch faszinierende Look und die Musik der deutschen Elektronikpioniere Tangerine Dream zu einer perfekten Symbiose verschmelzen. Mann lässt sich Zeit mit seinen Bildern und Einstellungen, verweilt gern etwas länger, damit sich alles beim Zuschauer regelrecht einbrennen kann, denn nichts ist hier dem Zufall überlassen und jede Szene besticht durch ihre annähernd perfekte Komposition und Farbgebung. Dennoch ist sein Blick auf die Dinge unglaublich präzise und sehr detailverliebt, ohne aber dabei jemals das Erzählen zu vergessen. So verwundert es auch kaum, dass Mann hinter der Kamera als sehr akribisch gilt und immer sehr genaue Vorstellungen hat. In einer winzigen, sehr kurzen Szene in Thief trägt James Belushi ein Hawaiihemd, welches nach Hunderten von Anproben unterschiedlichster Hemden letztlich doch extra angefertigt werden musste, um seiner Vorstellung gerecht werden zu können.

 

 

 

„You’re marking time is what you are. You’re backing off. You’re hiding out. You’re waiting for a bus that you hope never comes because you dont wanna get on it anyway because you don’t wanna go anywhere.“

 

 

 

Satte Action sollte man allerdings in Thief nicht erwarten, denn Michael Mann legt seinen Film mehr als Drama mit Thrillerelementen an und bringt die Charakterstudie eines einsamen Wolfes auf die Leinwand, der mit seiner Vergangenheit hadert und andere Pläne für sein Leben hat. Frank hat einen großen Teil seines Lebens im Gefängnis verbracht, einer naturgemäß männlich dominierten Welt mit ihren ganz eigenen Gesetzen und Regeln, die früher oder später soziale Kompetenzen verstümmelt. Wieder in Freiheit, fällt es Frank schwer sich in der Gesellschaft zu Recht zu finden und er scheint nicht mehr zu ihr zu passen. Er hat das Gefühl, seine verlorene Lebenszeit im Schnelldurchlauf nachholen zu müssen, ist aber gleichzeitig ungeübt in den Ritualen des Alltags. Sinnbildlich hierfür ist die Collage, die Frank im Gefängnis angefertigt hat und die das Leben skizziert, welches er sich für sich wünscht, ruhig, beschaulich, mit Frau und Kind, weit weg von seiner kriminellen Vergangenheit. Die bittere Ironie ist dann letztlich auch, dass eben jener Wunsch nach einer bürgerlichen Idylle Frank überhaupt erst verwundbar macht, dass er erst angreifbar wird als er sein solitäres Dasein zu Gunsten einer Familie aufgibt und ihn eben dieses Idealbild zurück zwingt in sein altes Leben der Einsamkeit. Im Grunde war sein Plan schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt, denn seine Fähigkeiten für ein alltägliches Leben hat er schon vor geraumer Zeit eingebüßt. Als sich die Lage immer weiter zuspitzt, muss Frank sich von seinem Traum trennen, muss Jessie mitsamt dem Baby fortschicken und seine gesamte Existenz inklusive der Collage seiner Hoffnungen und Wünsche buchstäblich den Flammen übergeben und alles loswerden und hinter sich lassen, was ihn verletzlich machen könnte. Das ist dann auch eines von zwei zentralen Motiven, die sich sehr deutlich durch die gesamte Bandbreite des Schaffens von Michael Mann ziehen. Zum einen gesellschaftliche Isolation. Frank ist kein Teil seiner Umwelt mehr, er agiert nur noch sehr schwer mit normalen Menschen mit gewöhnlichen Leben und Berufen. Die Charaktere Vincent Hanna und Neil McCauley aus Heat sind da ganz genauso, obwohl eigentlich Gegner, vereint sie ihr Dasein als gesellschaftliche Außenseiter, gebrandmarkt von ihren Berufen und unfähig zur Kommunikation. Cop und Gangster haben hier mehr miteinander gemeinsam als mit den Menschen, die sie eigentlich lieben, besessen von ihren Professionen und nicht mehr fähig, irgendwann einmal etwas anderes zu tun, als das, was sie beherrschen. Sie kennen und können schlicht und ergreifend nichts anderes mehr. Mit dem Profikiller Vincent in Mann´s Collateral verhält es sich im Grunde nicht anders, und auch Frank fällt in genau dieses Muster. Ein weiteres sehr zentrales Motiv in Mann´s Filmen ist die Idee, dass ein Mann eben tun muss, was ein Mann tun muss. Klingt platt, aber letztlich haben die Charaktere in seinen Filmen immer feste und unverrückbare Prinzipien und verfolgen einen sehr strengen moralischen Ehrenkodex, der meist an erster Stelle und über allem anderen steht. So ist dann auch die finale Konfrontation zwischen Frank und Leo in Thief geradezu unausweichlich, weil Frank gar nicht anders kann als seinem Kodex zu folgen. Ironischerweise findet der Höhepunkt dann auch in Leo´s Haus statt, in seiner eigenen kleinen Idylle, seinem Rückzugsort vom Dasein als Gangster, bei ganz banalen und alltäglichen Dingen wie Fernsehen oder Zeitung lesen.

 

Thief ist ein erstaunlich ausgereiftes und visionäres Frühwerk und Leinwanddebüt, ein funkelndes Kleinod des Kinos, das bereits so früh alles beinhaltet, was Michael Mann später perfektionieren und ausmachen sollte. Eher ruhig und kontrolliert erzählt und von überwältigender optischer Brillanz, ist Thief sicherlich auch sowohl stilistisch wie auch geistig eine Art Vater von Nicolas Winding Refn´s Drive. Extrem akkurat und voller Präzision erzählt Michael Mann seine Geschichte in regennassen Straßen, durchflutet von nächtlichem Neonlicht, und die elektronischen Klänge von Tangerine Dream runden das großartige Gesamtpaket zusammen mit der vielleicht besten schauspielerischen Leistung der Karriere von James Caan ab. Vierzehn Jahre später sollte dann in Heat all das Vollendung und Perfektion finden, das in Thief bereits mehr als deutlich vorhanden ist.

 

9 von 10 nächtlichen Autofahrten durch Chicago

 

 

Blackhat

25. Juli 2015 at 16:31

 

 

 

Blackhat (2015)
Blackhat poster Rating: 5.4/10 (22993 votes)
Director: Michael Mann
Writer: Morgan Davis Foehl
Stars: Chris Hemsworth, Leehom Wang, Wei Tang, Viola Davis
Runtime: 133 min
Rated: R
Genre: Action, Crime, Drama
Released: 16 Jan 2015
Plot: A furloughed convict and his American and Chinese partners hunt a high-level cybercrime network from Chicago to Los Angeles to Hong Kong to Jakarta.

 

 

 

„This isn’t about money. This isn’t about politics. I can target anyone, anything, anywhere.”

 

 

 

Als das Computersystem eines chinesischen Atomkraftwerks von Hackern angegriffen und die Kühlung der Brennstäbe manipuliert wird, ruft das verschiedene Abteilungen der chinesischen Regierung auf den Plan. Der IT-Sicherheitsexperte Chen Dawai soll zusammen mit seiner Schwester den Hackern auf die Spur kommen und findet den fragmentarischen Teil eines Codes, den er einst am MIT zusammen mit seinem alten Studienfreund Nick Hathaway geschrieben hat. Der jedoch sitzt zur Zeit wegen Computerkriminalität im Gefängnis, weswegen die Kooperation mit den amerikanischen Behörden unumgänglich wird, soll Hathaway doch tatkräftige Unterstützung leisten. Nachdem schließlich auch noch die New Yorker Börse gehackt wird, bietet man Hathaway einen Deal an: Straffreiheit für die Jagd nach den Hackern. Eine regelrechte Schnitzeljagd rund um die Welt entbrennt…

 

Blackhat ist der neueste Film von Regisseur Michael Mann, der Licht wie Schatten in seiner Karriere zu verbuchen hat. So ist beispielsweise sein Film Manhunter (hierzulande auch bekannt als Blutmond und später nochmal neu verfilmt als Roter Drache) von 1986 in allen Belangen sehr gut gelungen und Heat, diesen herausragenden Meilenstein der Filmgeschichte, hat er 1995 auch inszeniert, ein unsterblicher Klassiker und einer der besten Filme aller Zeiten. Auch Collateral ist ein durchgängig stimmungsvoller Thriller, der deutlich über dem Durchschnitt liegt und erneut Mann´s eigenwilligen Stil der Inszenierung unterstreicht und etabliert. Er hat aber auch Totalausfälle wie Miami Vice und Public Enemies zu verbuchen, Filme, die buchstäblich die Zeit nicht wert sind, die man mit ihnen vergeudet. Jetzt also Blackhat, ein Actionthriller rund um Cyberkriminalität, diese gesichtslose Bedrohung aus dem World Wide Web. Ein durchaus aktuelles wie brisantes Thema, das reichlich Potential zu bieten hat. Nur müsste man dieses auch wirklich nutzen, was Mann leider nicht mal ansatzweise gelingt. Vor allem ist Blackhat zu lang und zu zäh geraten, zwischendurch zieht sich der Film wie ein alter Kaugummi, er findet seinen Rhythmus nicht und kann sich nicht entscheiden, ob er jetzt doch lieber Actionfilm oder eher HiTech-Thriller sein möchte. Spannung kommt so gut wie nie auf, denn die Handlung ist allzu offensichtlich und vorhersehbar geraten, stets weiß man, was als nächstes passieren wird, wirkliche Überraschungen hat Blackhat nicht zu bieten. Die Handschrift von Michael Mann ist zwar allgegenwärtig, sein ausgeprägtes Faible für nächtliche Neonszenerien ebenso wie seine unterkühlte Distanz, aber er zitiert sich inzwischen einfach viel zu oft selbst. Egal, ob Heat, Collateral oder Miami Vice, von allen lassen sich Elemente in Blackhat wiederfinden, der Film wirkt nicht wie eine Weiterentwicklung seines Schaffens, sondern eher wie eine blasse Kopie. Mann verlässt sich zu sehr auf die Kraft seiner Bilder, und die sind ja auch wirklich gelungen, das kann man dem Film absolut nicht vorwerfen, visuell ist er hervorragend, aber das allein reicht nicht aus, wenn dann sonst nichts mehr geboten wird. Sein Stil war Mann schon immer wichtig, aber so sehr style over substance wie in Blackhat war es noch nie, höchstens noch bei Miami Vice, und er dreht sich permanent im Kreis, immer und immer wieder schön um die eigene Achse und sich selbst zelebrierend. Die Story bleibt dabei auf der Strecke und der Zuschauer auch. Zudem ist Chris Hemsworth als Elektronikgenie und Tastenjongleur Nick Hathaway eine totale Fehlbesetzung, den genialen Hacker kann man ihm zu keiner Sekunde abnehmen und zu allem Überfluss darf er hin und wieder völlig deplatziert seinen Körper zur Schau stellen. Der Rest des Cast ist kaum erwähnenswert, ist aber eigentlich auch egal, da ohnehin alle Figuren immerzu laut „Klischee!“ schreien, die überflüssige und seltsam hinein gestopft wirkende Lovestory fällt da schon gar nicht mehr ins Gewicht.

 

Blackhat ist visuell hervorragend, erzählerisch aber sehr zerfasert und uninspiriert. Die Handlung entwickelt sich viel zu langsam, das unglaubwürdige Finale dagegen ist viel zu schnell und plötzlich vorbei, und der Film ist oft haarsträubend unlogisch. Ein schwaches Drehbuch und die schlechten schauspielerischen Leistungen nahezu aller Beteiligten runden das Ganze ab. Letztlich dreht sich Michael Mann selbstverliebt um sich selbst und zitiert permanent seine eigenen Werke, das wirkt schnell ermüdend und langweilt. Wahrlich keine seiner Sternstunden und ganz sicher nicht mal ansatzweise in der Nähe eines Heat, nicht einmal eines Collateral, sondern viel mehr ganz nah bei Miami Vice. Nicht alles, was glänzt, ist auch Gold.

 

4 von 10 Superhackern mit Nahkampfausbildung und Schusswaffentraining