Ghost in the Shell

7. November 2017 at 15:21

 

 

© Paramount Pictures

 

 

 

„Everyone around me seems to fit. They seem connected to something, I am… not.“

 

 

 

In der nahen Zukunft hat die Menschheit enorme technologische Fortschritte gemacht, doch trotzdem ist Major die erste ihrer Art und etwas vollkommen neues: ein hochentwickelter Cyborg mit einem menschlichen Gehirn. Sie ist Teil der Spezialeinheit Sektion 9 und einem mysteriösen Hacker auf der Spur, der nach und nach führende Wissenschaftler der mächtigen Hanka Corporation ausschaltet.

 

Hm. Meine Mutter würde sagen: nicht Fisch, nicht Fleisch. Die erste Realverfilmung des berühmten Anime lässt mich ein wenig ratlos zurück, obwohl eigentlich alles im Dreieck aus Blade Runner, Ghost in the Shell und den Romanen und Geschichten von William Gibson mein Interesse weckt. Ich mag zwar das Wort Cyber-Punk nicht besonders, aber auf gerade dieses Genre fahre ich ganz besonders ab. Aber irgendwie vermag ich nicht so recht einzuschätzen, was mir der Film denn nun letztlich sagen will. Denn schließlich ist der Film von Rupert Sanders – dessen erste Regiearbeit Snow White and the Huntsman ich nicht kenne – zweifellos einer, der die Identitätskrise seiner hybriden Protagonistin als komplex und tiefgründig aufarbeiten möchte, doch die melancholische Grundstimmung und die gelungene Optik können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die eigentliche Handlung schlicht und geradlinig ist. All diese Themen sind zwar da, werden aber allenfalls oberflächlich angerissen und nicht wirklich in ihrer Bedeutung und Tragweite erfasst. Was an sich ja überhaupt kein Problem wäre, wenn Sanders seiner Vision von Ghost in the Shell dann im Gegenzug mehr Tempo, Druck und Wucht verleihen würde, aber auch das ist nicht der Fall. Größere Actionszenen sind rar gesät und wirken dann auch oftmals seltsam behäbig statt geschmeidig und packend. Beinahe so, als hätten sich die Macher nicht getraut, die philosophische und moralische Komplexität der Vorlage einfach abzustreifen und hinter sich zu lassen und so den Schwerpunkt mehr in Richtung Kinetik und Bewegung zu verlegen. Das hätte mir durchaus besser gefallen, als diese zögerliche Unentschlossenheit, welche sich nun durch den ganzen Film zieht. Besonders tragisch ist das dann noch, wenn man bedenkt, wie radikal die Vorlage ihrer Zeit noch ihre erzählerische Andersartigkeit geradezu zelebriert hat. Etwas mehr von diesem Mut hätte der Realverfilmung sehr gut getan, auch wenn die Richtung letztlich eine andere gewesen wäre.

 

 

© Paramount Pictures

 

 

Visuell sieht die Welt, wie sie Ghost in the Shell hier entwirft, vor allem im Detail wirklich sehr gut aus und erinnerte mich immer wieder an eine Art Johnny Mnemonic mit großem Budget und Hochglanzoptik. Da sind all die abgedrehten Ideen, das ist Dreck und Schmutz, da ist Gewalt und Sex und abgefahrene Körpermodifikationen, alles toll designt und hübsch anzusehen. Aber immer, wenn man Totalen der Stadt sieht, mit all den riesigen Reklame-Hologrammen, gern auch bei Tageslicht, dann wirkt mir das zu hell, zu aufgeräumt und vor allem zu künstlich. Dieser seltsam kontrastierende Effekt irritiert mich zu weilen und lässt den Film stellenweise etwas uneinheitlich wirken. Gerade der noch sehr frische Vergleich zu Blade Runner 2049, dessen Setting ja ganz ähnlich angelegt ist, lässt Ghost in the Shell in seinem world building doch eher schlechter abschneiden. Punktuell orientiert sich Sanders in bestimmten Schlüsselszenen nahezu 1:1 an seinen Vorlagen und versucht zumindest dann, den Geist des Anime auf die Kinoleinwand zu übertragen. Actionszenen sind wie bereits erwähnt zu Gunsten von Atmosphäre und Plot eher sparsam dosiert, leider aber auch oft eher einfallslos in Szene gesetzt. Allein der finale Showdown kommt viel zu generisch daher um erinnerungswürdig zu sein und hat nicht viel zu bieten, was man nicht schon mehrfach anderswo gesehen hätte. Ich bin wirklich ratlos angesichts des Filmes. Vielleicht hätte Ghost in the Shell tatsächlich davon profitieren können, wenn man konsequenter die philosophischen wie moralischen Implikationen in den Hintergrund gerückt und sich mehr zu einer kinetischeren Form der Inszenierung bekannt hätte. So aber bleibt letztlich ein Film, der sich für mich seltsam unentschlossen und wankelmütig anfühlt und sich für komplexer hält als er letztlich ist.

 

5 von 10 gehackten Robo-Geishas

 

 

 

 

Criminal (Das Jerico-Projekt: Im Kopf des Killers)

3. Januar 2017 at 12:28

 

 

© Summit Entertainment

 

 

 

„You hurt me… I hurt you worse.“

 

 

 

Als der CIA-Agent Bill Pope von dem Terroristen Xavier Heimdahl in London gefangen genommen, gefoltert und letztlich getötet wird, sieht der Wissenschaftler Dr. Franks nur eine einzige Möglichkeit, um an die enorm wichtigen Informationen in dessen Kopf zu gelangen. Popes Erinnerungen sollen in den Häftling Jerico Stewart implantiert werden, damit dieser dann die Informationen abrufen kann. Doch Jerico gelingt die Flucht und nun streift der gefährliche Soziopath unkontrolliert durch die Stadt, verfolgt sowohl von der CIA als auch von Heimdahl und seinen Leuten.

 

Criminal vom israelischen Regisseur Ariel Vromen ist im amerikanischen Kino trotz eines beeindruckenden Cast gnadenlos gefloppt, wurde von den Kritikern erbarmungslos verrissen und strandete schlussendlich unter dem Schwachfug-Titel Das Jerico-Projekt: Im Kopf des Killers hierzulande im DTV-Regal. Solch illustre Namen wie Kevin Costner, Gary Oldman, Tommy Lee Jones, Ryan Reynolds, Gal Godot, Michael Pitt und Scott Adkins tummeln sich zu Hauf in Criminal und dazu gesellt sich noch das eine oder andere durchaus bekannte Gesicht aus der zweiten Reihe wie Amaury Nolasco, Antje Traue oder Jordi Mòlla. Mehr als ansehnlich für einen Regisseur, der bisher mit Visions – Die dunkle Gabe und The Iceman zwei höchstens mittelmäßige Filme vorzuweisen hat. Da der Plot allerdings nicht mal ansatzweise mit dem zumindest auf dem Papier großartigen Cast mithalten kann, entpuppt sich Criminal letztlich als ein solider B-Actioner, der mit eben jenem Cast und einem recht hohen Budget zu einer A-Produktion aufgeblasen wurde. Allerdings muss ich einräumen, dass die zum Teil vernichtenden Kritiken dem Film einfach nicht gerecht werden. Ja, zweifellos sind die grundlegende Prämisse des Filmes und auch sein Drehbuch in weiten Teilen absolut haarsträubender Mumpitz aller erster Güte, aber um Criminal derart zu verdammen und in Grund und Boden zu kritisieren, wie manch einer es tut, muss man doch schon einen ausgeprägten Logikfetisch an den Tag legen. Aber will man ernsthaft einen solchen Streifen, durch und durch Genrefilm, wie es Criminal ist, auf Logiklöcher und Kohärenz hin abklopfen? Wer würde solch ein Spielverderber sein wollen, wo es doch durchaus Spaß machen kann, sich einfach mal auf den Schwachsinn einzulassen, der dort knappe zwei Stunden lang kredenzt wird? Sicher, der Plot ist hirnrissig und oft unlogisch (übrigens auch nicht unbedingt unlogischer als der gern mal gefeierte und verehrte Face/Off von John Woo), der Film hat seine Längen, der emotionale Schlenker passt nur bedingt zur restlichen Stimmung und das Ende ist eine Spur zu gefühlsduselig geraten, die Charaktere sind überwiegend dünne Abziehbilder und der eine oder andere Darsteller agiert ziemlich lustlos, aber dennoch macht der Film einfach verdammt Spaß. Allein der Auftakt in London rund um die von Ryan Reynolds verkörperte Figur des CIA-Agenten Bill Pope ist schon mal gelungen und wenn Jerico erst einmal entfesselt loslegt, dann geht der Spaß erst richtig los. Die Action ist gekonnt inszeniert, hart und dreckig und auf digitale Effekte wird weitestgehend verzichtet. Wirklich zusammengehalten aber wird all das von einer ausgesprochen beeindruckenden und unterhaltsamen Performance von Kevin Costner, der hier bedingt durch einen Unfall in seiner Kindheit als buchstäblich gefühlloser Soziopath ohne Gefühl für Recht und Ordnung oder soziales Zusammenleben durch London wütet als gäbe es kein Morgen. Allein seine Auftritte in einem Dönerladen und kurz darauf in einem Cafe sind Highlights und man spürt, wieviel Spaß Costner diese Rolle auf seine alten Tage bereitet hat. Er scheint es regelrecht zu genießen, einfach mal ungestraft die Sau raus lassen zu können. 3 Days to Kill ging bereits in eine ähnliche Richtung, aber in Criminal legt Costner echt noch mal eine Schippe drauf und gibt alles.

 

Man sollte den Unkenrufen nicht zu sehr glauben schenken. Sicherlich hat Criminal seine Schwächen, aber solche überzogen negativen Kritiken hat der Film einfach nicht verdient. Man sollte ihn auch innerhalb des Kontextes seines Genre beurteilen und in diesem Zusammenhang einem Science Fiction-getriebenem B-Actioner Logiklöcher anzukreiden zeugt vielleicht nicht unbedingt von Kenntnis der Materie. Letztlich macht Criminal trotz all seiner Schwächen immer noch Spaß und das liegt vor allem auch an der famosen Leistung von Kevin Costner, der hier nochmal alles auffährt und ganz offensichtlich viel Spaß daran hat. Allein das darf auch einfach mal gewürdigt werden.

 

6 von 10 ruppigen Besuchen im Dönerladen