Outrage (2010)

1. Dezember 2018 at 17:13

 

 

© Warner Bros./StudioCanal/Quelle: IMDb

 

 

 

Einen kleinen Zwist zwischen zwei Fußsoldaten der Familien Ikemoto und Murase, welcher sich eigentlich problemlos schlichten lassen könnte, nehmen das intrigante Oberhaupt Sekiuchi und seine rechte Hand Kato zum Anlass, um nach und nach einen blutigen Krieg zwischen den beiden Familien zu entfesseln.

 

Outrage markiert nach rund zehn jähriger Pause Takeshi Kitanos Rückkehr zum Yakuza-Film, denn seit Brother (2000) hat der japanische Regisseur und Schauspieler nicht mehr in diesem Genre gewildert. In seiner oftmals drastischen Eskalation ist Outrage beinahe schon brüllend komisch, so brachial eruptiv bricht die Gewalt über die Protagonisten herein. Was mehr oder weniger als Bagatelle beginnt, das nimmt in seinem streng geschnürten Korsett aus Regeln, Pflichten, Tradition und Abbitte schnell geradezu groteske Züge an und entwickelt sich zu einem episodenhaften, leicht fragmentarisch erzählten Krieg zweier Familien, inszeniert als immer schneller wirbelnde Abwärtsspirale aus Rache und Ehrgefühl, die kaum zu durchbrechen ist. Dabei ist die Story selbst eigentlich noch minimaler angelegt als gewohnt, doch wie die einzelnen Parteien geradezu politisch taktieren, wie unbarmherzig Entscheidungen getroffen und Schicksale beschlossen werden, wie jeder Entschluss voll und ganz vom Einzelnen getrennt und allein der Familie untergeordnet wird, das ist auf eine sehr unterkühlte Art und Weise faszinierend.

 

Kitano inszeniert diesen speziellen Mikrokosmos Yakuza wie unter einem Brennglas unter verschärften Bedingungen und zeigt mit nüchterner Präzision ein gnadenloses Haifischbecken, wenn jeder letztlich nur nach Höherem strebt, koste es, was es wolle, und die viel zitierte Ehre am Ende doch nur auf der Strecke bleibt. So entsteht auch ein Konflikt zwischen Moderne und Tradition, wenn Jüngere mit weniger Respekt nach oben drängen und sich eine Art Zeitenwechsel abzeichnet. Nach jeder weiteren Stufe der Eskalation werden die Karten neu gemischt, Positionen neu verteilt und Fronten gewechselt, so dass nur die rohe Gewalt als alleinige Konstante bestehen bleibt, wenn Aktion und Reaktion immerzu absurder werden. Das Outrage als eine Art Ensemble-Film angelegt ist und keine wirkliche Hauptfigur aufbietet, verstärkt nur noch dessen unpersönlich distanzierte Wirkung, wenn Kitano schonungslos Machtstrukturen nicht nur illustriert, sondern auch gleich dekonstruiert. Sicherlich keines seiner Meisterwerke, dennoch aber ein Film, mit dem Kitano seinen Kritikern lustvoll den Spiegel vorhält, wenn er eben gerade die Elemente grotesk überspitzt und genüsslich ausreizt, welche seinen Werken sonst nur zu gern vorgeworfen werden.

 

7 von 10 Mal Gesichter mit Teppichmessern aufschlitzen

 

 

Ghost in the Shell

7. November 2017 at 15:21

 

 

© Paramount Pictures

 

 

 

„Everyone around me seems to fit. They seem connected to something, I am… not.“

 

 

 

In der nahen Zukunft hat die Menschheit enorme technologische Fortschritte gemacht, doch trotzdem ist Major die erste ihrer Art und etwas vollkommen neues: ein hochentwickelter Cyborg mit einem menschlichen Gehirn. Sie ist Teil der Spezialeinheit Sektion 9 und einem mysteriösen Hacker auf der Spur, der nach und nach führende Wissenschaftler der mächtigen Hanka Corporation ausschaltet.

 

Hm. Meine Mutter würde sagen: nicht Fisch, nicht Fleisch. Die erste Realverfilmung des berühmten Anime lässt mich ein wenig ratlos zurück, obwohl eigentlich alles im Dreieck aus Blade Runner, Ghost in the Shell und den Romanen und Geschichten von William Gibson mein Interesse weckt. Ich mag zwar das Wort Cyber-Punk nicht besonders, aber auf gerade dieses Genre fahre ich ganz besonders ab. Aber irgendwie vermag ich nicht so recht einzuschätzen, was mir der Film denn nun letztlich sagen will. Denn schließlich ist der Film von Rupert Sanders – dessen erste Regiearbeit Snow White and the Huntsman ich nicht kenne – zweifellos einer, der die Identitätskrise seiner hybriden Protagonistin als komplex und tiefgründig aufarbeiten möchte, doch die melancholische Grundstimmung und die gelungene Optik können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die eigentliche Handlung schlicht und geradlinig ist. All diese Themen sind zwar da, werden aber allenfalls oberflächlich angerissen und nicht wirklich in ihrer Bedeutung und Tragweite erfasst. Was an sich ja überhaupt kein Problem wäre, wenn Sanders seiner Vision von Ghost in the Shell dann im Gegenzug mehr Tempo, Druck und Wucht verleihen würde, aber auch das ist nicht der Fall. Größere Actionszenen sind rar gesät und wirken dann auch oftmals seltsam behäbig statt geschmeidig und packend. Beinahe so, als hätten sich die Macher nicht getraut, die philosophische und moralische Komplexität der Vorlage einfach abzustreifen und hinter sich zu lassen und so den Schwerpunkt mehr in Richtung Kinetik und Bewegung zu verlegen. Das hätte mir durchaus besser gefallen, als diese zögerliche Unentschlossenheit, welche sich nun durch den ganzen Film zieht. Besonders tragisch ist das dann noch, wenn man bedenkt, wie radikal die Vorlage ihrer Zeit noch ihre erzählerische Andersartigkeit geradezu zelebriert hat. Etwas mehr von diesem Mut hätte der Realverfilmung sehr gut getan, auch wenn die Richtung letztlich eine andere gewesen wäre.

 

 

© Paramount Pictures

 

 

Visuell sieht die Welt, wie sie Ghost in the Shell hier entwirft, vor allem im Detail wirklich sehr gut aus und erinnerte mich immer wieder an eine Art Johnny Mnemonic mit großem Budget und Hochglanzoptik. Da sind all die abgedrehten Ideen, das ist Dreck und Schmutz, da ist Gewalt und Sex und abgefahrene Körpermodifikationen, alles toll designt und hübsch anzusehen. Aber immer, wenn man Totalen der Stadt sieht, mit all den riesigen Reklame-Hologrammen, gern auch bei Tageslicht, dann wirkt mir das zu hell, zu aufgeräumt und vor allem zu künstlich. Dieser seltsam kontrastierende Effekt irritiert mich zu weilen und lässt den Film stellenweise etwas uneinheitlich wirken. Gerade der noch sehr frische Vergleich zu Blade Runner 2049, dessen Setting ja ganz ähnlich angelegt ist, lässt Ghost in the Shell in seinem world building doch eher schlechter abschneiden. Punktuell orientiert sich Sanders in bestimmten Schlüsselszenen nahezu 1:1 an seinen Vorlagen und versucht zumindest dann, den Geist des Anime auf die Kinoleinwand zu übertragen. Actionszenen sind wie bereits erwähnt zu Gunsten von Atmosphäre und Plot eher sparsam dosiert, leider aber auch oft eher einfallslos in Szene gesetzt. Allein der finale Showdown kommt viel zu generisch daher um erinnerungswürdig zu sein und hat nicht viel zu bieten, was man nicht schon mehrfach anderswo gesehen hätte. Ich bin wirklich ratlos angesichts des Filmes. Vielleicht hätte Ghost in the Shell tatsächlich davon profitieren können, wenn man konsequenter die philosophischen wie moralischen Implikationen in den Hintergrund gerückt und sich mehr zu einer kinetischeren Form der Inszenierung bekannt hätte. So aber bleibt letztlich ein Film, der sich für mich seltsam unentschlossen und wankelmütig anfühlt und sich für komplexer hält als er letztlich ist.

 

5 von 10 gehackten Robo-Geishas

 

 

 

 

Johnny Mnemonic

29. April 2017 at 13:18

 

 

  © TriStar Pictures

 

 

 

„What causes it? This causes it! This causes it! This causes it! Information overload! All the electronics around you poisoning the airwaves. Technological fucking civilization. But we still have all this shit, because we can’t live without it.“

 

 

 

Johnny ist Schmuggler und seine Ware sind Daten. In seinem Kopf gespeicherte Daten, die er selbst nicht kennt und auf die nur der Empfänger mittels eines speziellen Codes zugreifen kann. Als bei seinem nächsten Job seine Auftraggeber noch während der Datenübertragung von Yakuza-Killern getötet werden und auch er nur knapp entkommen kann, befindet er sich fortan auf der Flucht und versucht verzweifelt, die Daten wieder aus seinem Kopf zu bekommen, denn eigentlich ist die Datenmenge viel zu groß für ihn und sein Speicher überlastet.

 

Eines kurz zum Vorverständnis: ich bin ein riesen großer Fan von William Gibson. Seit mir im zarten Alter von 15 oder 16 eher zufällig seine Neuromancer-Trilogie in die Hände fiel ist er sicher einer meiner Lieblingsschriftsteller und gesellt sich dort zu Namen wie Cormack Mccarthy oder Bret Easton Ellis. Kaum eine Romanreihe hat mich in meinem restlichen Leben mehr begleitet als diese, unzählige Male habe ich sie gelesen – zunächst mehrfach auf Deutsch und später auch im englischen Original – und das inzwischen ziemlich zerfledderte Exemplar steht auch heute noch hier im Regal und wird immer wieder gern hervor geholt. Schon nach den ersten paar Seiten war ich damals versunken in diese für mich so fremde wie faszinierende Welt, die Gibson dort erschafft, und geradezu verliebt in seine Sprache. Johnny Mnemonic von Regisseur und Konzeptkünstler Robert Longo ist meines Wissens nach die erste Verfilmung eines Stoffes von William Gibson, bei der er dann auch gleich das Drehbuch schrieb. Anders als bei dem drei Jahre später erschienenen New Rose Hotel, der zwar auch auf einer gleichnamigen Kurzgeschichte von Gibson beruht, aber das Drehbuch seinem Regisseur Abel Ferrara verdankt, ist der Schöpfer dieser Welt bei Johnny Mnemonic spürbar beteiligt. So erweitert er den Kosmos seiner Kurzgeschichte – die im gleichen Universum wie die Neuromancer-Trilogie spielt – teils um völlig neues, aber auch teils um Elemente aus anderen seiner Geschichten. So wird der Himmel der LoTeks  auch in der Vorlage erwähnt, aber für den Film versetzt Gibson ihn auf eine Brücke, die deutlich an die Oakland Bridge aus seiner Idoru-Trilogie erinnert. Auch die PharmaKom-KI in Johnny Mnemonic beinhaltet Elemente aus seinem Roman Neuromancer. Andererseits sind Figuren wie Spider oder der Prediger vollkommen neu und auch das Schwarze Zittern (NAS) findet sich in dieser Form nicht. Johnny, Jane (im Original eigentlich Molly, die auch in Neuromancer eine tragende Rolle hat), die Yakuza und ihr daumenloser Killer, der Delphin Jones und der Hehler Ralfi tauchen so auch mehr oder weniger in der Kurzgeschichte auf. So gelingt es Gibson also, den Inhalt seiner Story für das Drehbuch auszudehnen, ohne dass sich die neuen Elemente allzu fremd anfühlen, stammt all das doch aus dem gleichen Universum.

 

Als Johnny Mnemonic 1995 in die Kinos kam, da waren die Erwartungen an den Film recht hoch. Entsprechend tief war die Fallhöhe, entsprechend groß war die Enttäuschung darüber, lediglich einen doch sehr geradlinigen Actionplot mit eher typischer B-Movie-Dramaturgie serviert zu bekommen. So setzt auch Regisseur Longo lieber auf grelle Effekte und holzschnittartige wie schrille Figuren statt auf angedeutete Charakterentwicklung wie Gibson noch in seiner Kurzgeschichte, wo er mit wenigen Zeilen auf wenigen Seiten viel zu erzählen hat, wenn man denn aufmerksam hinsieht. Aber wie so oft liegt die Schönheit im Detail. Dass Robert Longo aus der New Yorker Kunstszene kommt, spürt man deutlich an den wundervoll detailfreudig und sehr originell ausgestatteten Setdesigns und Kulissen. Allein die Kommandozentrale der LoTeks rund um den drogensüchtigen Ex-Militär Delphin Jones weiß in all ihrem Detailreichtum zu begeistern. Zudem verzichtet Longo bei seinen Setdesigns durchgängig auf digitale Effekte, denn diese beschränken sich vielmehr allein auf die Visualisierung des Cyberspace. Somit entsteht ein ganz anderes Gefühl für die räumlichen Umgebungen und die Beschaffenheit der unterschiedlichen Kulissen. Die CGI-Effekte hingegen sind nicht sonderlich gut gealtert, glänzen aber auch durch eine sehr kreative Art der Inszenierung. Wie man hier versucht hat, den Cyperspace – William Gibsons Konsens-Halluzination – visuell darzustellen, das gefällt auch durch einen leicht naiven Charme. Und auch auf der darstellerischen Ebene hat Johnny Mnemonic einiges zu bieten, vereint der Cast doch eine illustre Runde an mehr oder weniger schillernden Persönlichkeiten. Keanu Reeves als Datenkurier Johnny bietet hier sein gewohnt stoisches Mienenspiel auf, was aber ganz wunderbar in den stilistischen Kontext des Filmes passt. Schauspielerisch spannender ist da schon zum Beispiel Udo Kier in seiner Rolle als Hehler Ralfi, denn es ist immer eine Freude für mich, das exaltierte Spiel dieses Mannes zu bestaunen. Oder die beiden zu der Zeit vollkommen abseitig besetzten Henry Rollins und Ice-T – der eine zeitweise  Sänger der New York Hardcore-Punk-Bands Black Flag und Rollins Band, der andere Rapper voller street credibility gemischt mit politischen Ambitionen und schauspielerischem Enthusiasmus – beide wissen auf ihre Art durchaus zu überzeugen. Abgerundet wird das Ensemble durch Namen wie Takeshi Kitano, Dolph Lundgren, Dina Meyer (die in Johnny Mnemonic ihre erste Filmrolle nach der Serie Beverly Hills, 90210 hatte und Dragonheart sowie Starship Troopers sollten folgen) oder die deutsche Schauspielerin Barbara Sukowa – alles in allem ein durchaus spannend zusammengestellter Cast.

 

Ja, Johnny Mnemonic hat zweifellos ganz offensichtliche Schwächen, aber dennoch mag ich ihn nach wie vor sehr. Das Drehbuch zum Beispiel hat so manche Probleme und William Gibson ist zwar ein fantastischer Schriftsteller, aber seine Stärken liegen dann doch an anderer Stelle und meines Wissens nach war das auch sein erster und letzter Ausflug in diese Gefilde. Nicht jede darstellerische Leistung kann überzeugen und so manche besticht vielleicht eher durch unfreiwillige Komik und trotz toller Setdesigns voller liebevoller Details sind die digitalen Effekte – allen voran die Animation des Cyberspace und das Finale – nicht allzu gut gealtert. Zudem ist aus filmhistorischer Sicht durchaus interessant, dass Johnny Mnemonic auch schon bestimmte Elemente des vier Jahre später erscheinenden Matrix vorweg nimmt. Letztlich ist Robert Longos Verfilmung der Kurzgeschichte von William Gibson tatsächlich kaum mehr als ein geradlinig erzählter B-Movie-Plot, macht das aber so charmant und detailverliebt, dass ich dem Film seine Schwächen nicht übel nehmen kann und ihn verteidige, wo ich nur kann.

 

7 von 10 drogensüchtigen Delphinen mit direktem Zugang zum Cyberspace