The Girl with All the Gifts

27. Juni 2017 at 17:47

 

 

© Warner Bros Pictures

 

 

 

In einer nicht allzu fernen Zukunft hat eine Pilzinfektion weite Teile der Menschheit in rein Instinkt getriebene Wesen voller Hunger auf Fleisch verwandelt. In einer schwer gesicherten Militärbasis haben sich Überlebende verschanzt und dort forscht man auch an einem möglichen Heilmittel. Dreh – und Angelpunkt dieser Forschung sind Kinder, welche die Infektion zwar in sich tragen, ihren Hunger auf Fleisch und ihre Instinkte jedoch weitestgehend unterdrücken können. Als die Basis dennoch von den Infizierten überrannt wird, muss sich eine kleine Gruppe rund um Sgt. Eddie Parks, die Lehrerin Helen Justineau, die Wissenschaftlerin Dr. Caldwell und das infizierte Mädchen Melanie allein nach London durchschlagen, wo sie mit Dingen konfrontiert werden, welche sie nicht für möglich gehalten hätten.

 

Inzwischen ist der Zombie aus der modernen Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken: ob Kino, TV, Buch, Comic oder Videospiel, sie sind omnipräsent. Egal, ob langsam schlurfend wie noch bei George A. Romero oder rennend und flink wie in Filmen wie 28 Days Later oder World War Z. Egal, ob bitterböse Gesellschaftskritik, Parabel auf die moderne Menschheit oder humorvoll umgesetzt in unzähligen Horrorkomödien. Egal, ob groß budgetierter Hollywood-Blockbuster oder kostengünstige Independent-Produktion. Und nachdem The Walking Dead das Feuer erneut entfacht und dem Zombieboom Beine gemacht hat, da gibt es ohnehin kein Halten mehr. Eine Übersättigung des Marktes lässt sich kaum leugnen, die eine oder andere Perle des Genre lässt sich jedoch trotzdem immer mal wieder finden. Und nun hat der Schotte Colm McCarthy – seines Zeichens ein regelrechter Veteran der britischen TV-Landschaft, hat er doch Folgen für Serien wie Dr.Who, Peaky Blinders, Sherlock, Ripper Street, Spooks oder Tudors und noch viele mehr gedreht – mit seinem Film The Girl with All the Gifts eine eben solche Perle inszeniert. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Mike Carey, der dann auch gleich mit McCarthy zusammen das Drehbuch verfasste. Im ersten Drittel geht es dann auch nur um Melanie und ihren Alltag im Militärlager, der auf den Zuschauer befremdlich wirkt, für sie aber vollkommen normal ist. Sie kennt es nicht anders. Eine seltsame Diskrepanz, die dieses diffuse Gefühl der Fremdartigkeit nur noch weiter verstärkt. Die zombieartige Apokalypse und die unzähligen Hungries genannten Infizierten außerhalb sind auch erstmal nur Beiwerk und stiften den Rahmen für die eigentliche Erzählung rund um ein spannendes soziales Gefüge, in dem der Wolf im Schafspelz der Schafherde bekannt ist und er notgedrungen toleriert wird – immer in der Gefahr, dass sein Hunger zu groß wird. Daraus entspinnt sich ein hoch interessantes Konfliktpotential verknüpft mit den verschiedenst gelagerten Sympathien aller Mitglieder der Gruppe.

 

Begibt sich die Gruppe erst einmal auf den beschwerlichen wie gefährlichen Weg nach London, dann rückt auch die Apokalypse der Außenwelt mehr in den Vordergrund. Gerade in den Szenen in einem von der Natur zum Teil bereits zurückeroberten London erinnert The Girl with All the Gifts nicht nur atmosphärisch, sondern vor allem auch visuell und in Teilen inhaltlich (zumindest der Ursprung der Seuche und das Konzept einer Reise von A nach B ähneln sich stark) sehr an das Videospiel The Last of Us. Auch konzeptionell gibt es deutliche Parallelen, wenn es darum geht, in der stark mit Hungries verseuchten Stadt möglichst wenig aufzufallen, wodurch einige sehr starke Spannungsmomente entstehen. Darüber hinaus offenbart The Girl with All the Gifts in seinem weiteren Verlauf eine emotionale wie moralische Tiefe und Ambivalenz, wie man sie in einem solchen Genrebeitrag anfangs kaum vermuten würde, serviert diese jedoch nie mit dem Holzhammer und setzt viel mehr lieber auf die leisen Zwischentöne. Auch auf der darstellerischen Ebene kann das Werk von Colm McCarthy mehr als nur überzeugen und hat nicht nur einen Cast aufzubieten, der ohnehin schon große Klasse in sich vereint, sondern diese auch abzurufen vermag. Angefangen mit Glenn Close, die als Dr. Caldwell alles gibt, über Paddy Considine als Sgt. Parks bis hin zu der tollen Gemma Arterton als Miss Justineau, jeder von ihnen spielt hier groß auf, aber die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten vermutlich 14 oder 15 Jährige Sennia Nanua als Melanie spielt sie alle an die Wand. Ihre Performance ist unglaublich gut und einnehmend, bis ins kleinste Detail versteht sie es, ihre Rolle auszufüllen, schwankend zwischen dem menschlich rationalen, intelligenten, wissbegierigen und höflichen Teil in ihr, dem verängstigten und zerbrechlichem Kind sowie dem bloß noch von Instinkt und Hunger getriebenem Monster. Immer wieder wird in kleinen Szenen nur allzu deutlich, wie sehr Melanie eigentlich auch einfach nur ein Kind ist, konfrontiert mit einer ihm fremden und doch vertrauten Welt.

 

Besonders mochte ich auch, dass der Film es nicht nötig hat, seine Mechanik früh über Monolog oder Dialog zu etablieren, sondern sein Regelwerk nach und nach innerhalb seines Verlaufs kontextbezogen Stück für Stück preis gibt. Informationen erhalten wir, wenn entsprechende Situationen es auch verlangen, und nicht, wenn das Drehbuch uns an die Hand nehmen möchte wie unmündige Kinder. Und immer wenn man denkt, dass der Film nun doch noch in die Beliebigkeit bereits bekannter Vertreter seines Genre abdriftet und sich den ungeschriebenen Gesetzen unzähliger Zombieapokalypsen hingibt, dann schlägt das sehr sorgfältige Skript einen kleinen Haken, dann gibt es einen kleinen Kniff, eine kleine Wendung. Aus der Feder des chilenischen Musikers Cristobal Tapia de Veer entspringt ein solch faszinierender Score, dass dieser mich bereits im Menü der Bluray zu fesseln wusste. Ein dichter Klangteppich elektronisch verfremdeter Sounds und Loops, dissonant und doch gleichermaßen hypnotisch, ungemein atmosphärisch, an – und abschwellend, manchmal geradezu dröhnend, der sehr an die kunstvoll arrangierten Songs der Band Radiohead erinnert. Sicherlich sehr experimentell und vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber der Score unterstreicht sehr schön diese seltsame Andersartigkeit, die in vielerlei Motiven im Film Anklang findet. Ein paar Worte noch zum Grad der Gewalt im Film: die Gorehounds unter euch sollten sich nicht zu früh die Hände reiben. Die Gewalt in The Girl with All the Gifts ist zwar stellenweise durchaus drastisch inszeniert, verkommt aber nie zum reinen Selbstzweck und ist immer kontextbezogen, es ist kein Splatterfestival, aber dennoch an den passenden Stellen ruppig und blutig trotz teils offensichtlichem CGI.

 

Colm McCarthy hat mit The Girl with All the Gifts tatsächlich einen jener Genrebeiträge erschaffen, denen es gelingt in vielerlei Hinsicht aus der breiten Masse herauszuragen. Sein Film beginnt faszinierend mysteriös, wird dann zu einem lupenreinen Survivalthriller, nur um am Ende in ein Herr der Fliegen-artiges Drama zu kippen und ist eine kleine Perle in einem oftmals ausgelutschem Genre mit einem bittersüßen Ende. Tolle Darsteller, ein großartiger Score und ein cleveres Drehbuch machen aus einer eigentlich generischen Idee einen fesselnden und spannenden Film, der unter seiner Oberfläche emotionaler und moralisch ambivalenter ist, als man vielleicht innerhalb seines Genre vermuten würde.

 

8,5 von 10 kleinen Hunden als Köder für die Bestie

 

 

Turbo Kid

8. Dezember 2015 at 0:43

 

 

 

Turbo Kid (2015)
Turbo Kid poster Rating: 6.6/10 (9,100 votes)
Director: François Simard, Anouk Whissell, Yoann-Karl Whissell
Writer: François Simard, Anouk Whissell, Yoann-Karl Whissell
Stars: Munro Chambers, Laurence Leboeuf, Michael Ironside, Edwin Wright
Runtime: 93 min
Rated: UNRATED
Genre: Action, Adventure, Sci-Fi
Released: 28 Aug 2015
Plot: In a post-apocalyptic wasteland, a comic book fan dons the persona of his favourite hero to save his enthusiastic friend and fight a tyrannical overlord.

 

 

 

„This is the future. This is 1997.“

 

 

 

In einem von Kriegen zerstörten, postapokalyptischem 1997 streift ein namenloser Junge auf seinem BMX-Rad durch das Ödland und sammelt alles, was er so finden kann. Bei einem seiner Streifzüge trifft er auf Apple, die ihm anfangs noch durch ihre seltsam überdrehte Art auf die Nerven geht, doch schon bald stellt er fest, dass er das Alleinsein leid ist. Als Apple jedoch von den Schergen des bösen und sadistischen Herrschers Zeus gefangengenommen wird, muss der Junge sich aufraffen und in den Kampf ziehen, um sie aus den Klauen des Despoten zu befreien…

 

Ursprünglich war der fünfminütige Kurzfilm T is for Turbo für den episodenartigen Horrorfilm The ABCs of Death gedacht, doch dazu kam es nie, denn diese Episode des Alphabets war als Wettbewerb ausgeschrieben und der Film des kanadischen Regie- und Kunstkollektivs um Francois Simard, Anouk Whissel und Yoann-Karl Whissel schaffte es nicht in die endgültige Auswahl. Ob das nun gut oder schlecht ist, vermag ich nicht zu sagen. Tatsache ist jedoch, dass es sonst wohl nie dazu gekommen wäre, dass nun rund vier Jahre später Turbo Kid das Licht der Welt erblicken durfte. Diese schrille und grellbunte, ideenreiche und kreative Hommage an die 80er Jahre im Allgemeinen und den Trashfilm im Besonderen macht zwischendurch einfach wahnsinnig viel Spaß mit all ihren Anspielungen und Referenzen auf Filme dieser Zeit wie vordergründig und ganz offensichtlich Mad Max und all seine unzähligen Trash-Epigonen, die teilweise die absurdesten Stilblüten treiben durften. Klischees werden hier genüsslich und mit vollen Händen ausgeschöpft und an jeder Ecke lauern Anspielungen auf die Werke dieser Zeit („This is my gnomestick!“). Dass die trashigen Seiten der 80er Jahre wieder schwer im Kommen sind, wissen wir nicht erst seitdem unlängst der halbstündige und per crowdfunding finanzierte Kurzfilm Kung Fury das Netz unsicher machte und einfach alles in seine 30 Minuten Laufzeit presste, was der 80er Trash-Film so hergibt und Aha-Momente für Nerds im Sekundentakt heraufbeschwor. Im Gegensatz zu Kung Fury jedoch hat Turbo Kid deutlich mehr Substanz zu bieten und erzählt eine zwar sehr einfache und schablonenhafte, aber auch sehr charmante und unterhaltsame Geschichte. Zudem ist der Film stets um Eigenständigkeit bemüht und will nicht einfach nur stumpf seine Vorbilder kopieren. Selbst die Gags kommen nicht nur deswegen, weil die Macher unbedingt noch eine absurde Idee mehr unterbringen wollten, sondern sie ergeben sich immer auch aus dem jeweiligen Kontext heraus, egal, ob Slapstick, derber Splatter, Wortwitz oder Situationskomik. Überhaupt fällt Turbo Kid sehr witzig aus und weiß seine Lacher auf breiter Front zu streuen, allein all die Fontänen aus Blut, die abgetrennten Körperteile und jede Menge ausgesprochen kreativer Todesarten, die allesamt sehr gut inszeniert und umgesetzt sind, kommen so abgedreht daher, dass man gar nicht anders kann als zu lachen, denn wirklich bösartig geht es hier nie zu. Auch das zugrunde liegende Konzept der Hommage verkommt nie zum reinen Selbstzweck, diese Gefahr umschiffen die Macher sehr elegant, obwohl der Film tief in den 80er Jahren festhängt zwischen Kassetten, BMX-Rädern, Comic-Büchern, quietschbunten Frühstücksflocken, grellen Klamotten, pinken Flamingos und wummernder Synthie-Musik, es ist nie das einzige Aushängeschild von Turbo Kid, wie es bei Kung Fury der Fall ist, was schnell langweilt. Gegen all diesen bedingungslosen Spaß am Trash ist nun auch wirklich nichts auszusetzen, das alles ist herrlich durchgeknallt und irre unterhaltsam, aber ein wenig ins Schlingern kommt der Film dann doch, wenn er dazu noch versucht, eine Art Coming of Age-Story mit einzubauen und Gefühle für den Protagonisten beim Zuschauer zu wecken. Zwar gibt es den einen oder anderen ganz niedlichen Moment, aber um den Zuschauer wirklich emotional abzuholen, dafür reichen trotz diverser Rückblenden all diese Versatzstücke des Plots dann doch nicht aus. Der Cast ist wirklich gut getroffen, Munro Chambers macht eine sehr sympathische Figur als namenloser Protagonist und Laurence Leboeuf ist herrlich als völlig durchgeknallte und hyperaktive Apple, irgendwo zwischen niedlich und wahnsinnig. Besonders viel Spaß macht auch Michael Ironside als abgrundtief böser und fieser Herrscher Zeus und es ist schön, diese B-Movie-Ikone mal wieder auf der Leinwand zu sehen. Man merkt ihm den Spaß an, den er hat, so sadistisch und hassenswert er diesen doch eigentlich eher wenig originellen Fiesling verkörpert. Dazu gesellen sich noch Edwin Wright als Skeletron, der Handlanger und Henchman von Zeus, und Aaron Jeffery als ultracooler Cowboyverschnitt Frederic the armwrestler.

 

Turbo Kid ist laut, frech, schrill, grellbunt und immer wieder überraschend, ein blutiges und witziges Retro-Spektakel voller abgefahrener Ideen und deftiger Schauwerte. Mad Max ohne Benzin und Autos, dafür mit BMX-Rädern. Die Geschichte ist zwar etwas oberflächlich erzählt, aber umso charmanter und wunderbar kreativ umgesetzt. Turbo Kid ist trashig, aber nie amateurhaft, sondern eher erstaunlich professionell aufgezogen. Der Trash ist nicht dem Unvermögen der Macher oder dem geringen Budget geschuldet, sondern einfach nur der größte Antrieb dieses wilden Mix diverser Motive, sein Herzstück und volle Absicht. Abschließend bleibt eigentlich nur noch eine Frage:

 

 

 

„Are you ready to become a master in the art of kicking ass?“

 

 

 

7 von 10 pinken Flamingos aus Plastik