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Lo chiamavano Jeeg Robot (2015)

8. April 2018 at 18:02

 

© Lucky Red

 

 

Der Kleinkriminelle Enzo befindet sich gerade auf der Flucht vor der Polizei durch verwinkelte römische Gassen und entscheidet sich für ein Versteck im Fluss Tiber. Dumm nur, dass dort augenscheinlich radioaktiver Abfall entsorgt wurde und er damit in Kontakt kommt. Schon bald muss er feststellen, dass sein Körper sich verändert und er scheinbar übermenschliche Kraft entwickelt hat. Als er diese Kräfte nutzt, um einen Geldautomaten aufzubrechen, landet ein Video von ihm im Internet, welches die Aufmerksamkeit des Mafiosi Zingaro auf sich zieht.

 

Da muss also erst ein kleiner Superheldenfilm aus Italien kommen und frischen Wind in schrecklich festgefahrene Strukturen bringen, um den Genre-Größen aus Übersee mal kurz zu zeigen, dass man solche Geschichten auch anders erzählen kann. Ich gebe zu, dass mich Jeeg Robot ausgesprochen positiv überraschen konnte, allerdings war meine Erwartungshaltung verhältnismäßig gering, klang der Plot zumindest auf dem Papier für mich doch verdächtig trashig. Aber weit gefehlt: der erste Langfilm vom italienischen Regisseur Gabriele Mainetti funktioniert ganz hervorragend, weil er seinen erzählerischen Fokus geschickt verschiebt und bestimmte Motive und Mechanismen des Genres aushebelt oder gar gleich ganz unterwandert.

 

Zwar erzählt Jeeg Robot einerseits eine ganz gewöhnliche Origin-Story, misst aber andererseits den unfreiwillig erworbenen Kräften des Protagonisten in Gestalt des Kleinkriminellen Enzo erfrischend wenig Bedeutung bei und befasst sich stattdessen viel lieber mit dem emotionalen Innenleben seiner Figuren. So kann also von einem effektgeladenen Spektakel kaum die Rede sein, wenn vielmehr nicht nur die persönliche Entwicklung von Enzo im Mittelpunkt steht, sondern eben auch jene von Alessia, welche ohnehin eine der Stärken des Filmes ist: wie Ilenia Pastorelli diese fragile Figur verkörpert, das ist schon recht beeindruckend. Schnell wird sie zum emotionalen Herzstück des Filmes und nicht nur wegweisend für Enzo, der anhand der Beziehung zu ihr auch seine eigenen Gefühle auf den Prüfstein stellen muss, sondern auch für den Zuschauer, welcher fortan versucht, irgendwie aus dieser kindlich anmutenden Frau und ihrem seltsam wirren Innenleben schlau zu werden.

 

Natürlich sieht man Jeeg Robot sein eher schmales Budget auch immer mal wieder an, aber insgesamt macht Regisseur Mainetti das schon sehr geschickt in seiner Inszenierung, indem oftmals die Action eben gerade nicht im Mittelpunkt steht und wenn doch, dann wird das gekonnt umschifft, so dass sich sein Film wirklich selten arg schwachen Effekten ergeben muss. Überhaupt hat Jeeg Robot insgesamt einen stark italienischen Einschlag und orientiert sich visuell herzlich wenig an etwaigen großen Genre-Brüdern, wenn vor allem Rom selbst eine nicht zu verachtende Rolle im Film spielt und viel Lokalkolorit einbringt: enge, verwinkelte Gassen abseits der üblichen Touristen-Attraktionen, schmutzige Randbezirke, ja, sogar das Derby Lazio – Roma finden ihren Platz im Geschehen und all das setzt so der Ewigen Stadt ein modernes Denkmal.

 

Zudem hat Mainetti immer wieder wirklich hübsche Ideen und findet schöne Bilder wie zum Beispiel in der Szene mit Enzo und Alessia in seiner Wohnung, wenn sie dort via Beamer die Serie Kōtetsu Jīgu schauen und plötzlich beide Welten miteinander verschmelzen. Oder wenn Enzo erstmals seine Superkräfte für sich entdeckt und dabei die ganze Zeit ein Porno im Hintergrund läuft. Das sind kleine Widerhaken, die all das doch sehr menschlich wirken lassen und den Film merklich erden. Die Welt rund um Enzo ist überhaupt insgesamt voller wunderbarer, teils winziger Details, wirkt dadurch greifbarer und man spürt deutlich, dass man sich hier doch sehr viele Gedanken gemacht hat und viel Herzblut und Leidenschaft hat einfließen lassen. Das ist es dann letztlich auch, was Jeeg Robot für mich so reizvoll macht, denn der Film hat eindeutig etwas, was ich oft innerhalb seines Genre schmerzlich vermisse: Herz, Seele und eine Vision. Jeeg Robot lässt mich etwas fühlen. Und das kann ich nicht von sonderlich vielen Filmen über Superhelden behaupten.

 

8 von 10 Joghurts beim Porno gucken

 

 

Road House (1989)

6. April 2018 at 11:50

 

© MGM

 

 

 

„All you have to do is follow three simple rules. One: never underestimate your opponent. Expect the unexpected. Two: take it outside. Never start anything inside the bar unless it’s absolutely necessary. And three: be nice.“

 

 

 

James Dalton ist nicht einfach nur Rausschmeißer, er ist einer der besten seiner Zunft. Als ihm der Barbesitzer Tilghman anbietet, seinen Laden namens Double Deuce zu führen und dort für Ordnung zu sorgen, willigt er ein. Kaum dort angekommen, räumt Dalton gleich auf und bringt die Bar schnell auf Vordermann. Doch da ist auch noch der Großgrundbesitzer Brad Wesley, dem die halbe Stadt gehört, von der er Schutzgelder erpresst.

 

In welch wundervoller Welt könnten wir doch alle Leben, wenn die Lehren des James Dalton Allgemeingültigkeit hätten? Seine Grundsätze sind so simpel wie effektiv, so schlicht wie wahrhaftig. No one ever wins a fight. Was braucht es denn mehr für ein friedliches Miteinander? It´ll get worse until it gets better. Road House wirft uns spielerisch wie wissend so viele Weisheiten lässig aus dem Handgelenk vor die Füße, dass man mit ihnen eine ganze Lebensphilosophie aufbauen möchte. Be nice until it´s time not to be nice. Ein moralischer Leitfaden, welchen wir alle vielleicht einfach verinnerlichen und leben sollten.

 

Naja, Spaß beiseite. Natürlich ist Road House von Rowdie Herrington eine einzige Absurdität – wie sonst sollte man einen Film denn bezeichnen, in dem Kneipenbesitzer quer durchs Land reisen um Türsteher zu verpflichten wie Fussballclubs einen neuen Star-Spieler? Die dann innerhalb ihrer vielleicht eher zweifelhaften Zunft gefeiert werden und beinahe schon den Ruf antiker Helden genießen? Das alles ist fernab jeglicher Realität, aber wie der Film seine eigenartige Parallelwelt auf seine konsequente wie liebevolle Art und Weise entwirft und vor dem Zuschauer ausbreitet, das macht einfach wahnsinnig viel Spaß und lässt mich immer wieder aufs neue staunen. Road House steht breitbeinig und immer bereit zum Ärsche treten irgendwo zwischen der plastikartigen Oberflächenverehrung der 80er und der versifften wie schmierigen Grobkörnigkeit der 70er, hat aber auch bereits einen Fuß in der Tür zu den 90ern. Die Ernsthaftigkeit, mit der hier zu Werke gegangen wird ist schlicht atemberaubend: allein wie Patrick Swayze seinen Dalton vollkommen frei von Ironie oder Zynismus und ohne jegliches Augenzwinkern spielt, ist Gold wert und der Film selbst erledigt den Rest, wenn er ihn quasi als Mensch gewordenen mythologischen Halbgott direkt aus dem Olymp entstiegen in Szene setzt.

 

Wenn er das erste Mal das Double Deuce betritt, wenn er alles in sich aufnimmt, jedes Detail registriert, sich alles einprägt und sich einen Überblick verschafft, das ist schon ziemlich toll. Und wenn danach seine Beobachtungen zu Konsequenzen führen, dann geschieht auch das schlicht, aber ungemein effektiv. Klar und einfach. My way… or the highway. Fakt ist: mit der Performance von Swayze steht und fällt bei Road House einfach alles, denn er ist hier auf dem absoluten Höhepunkt, versieht diesen ganzen Nonsens mit geradezu heiliger Ernsthaftigkeit und seine körperliche Aufopferung ist beeindruckend. Sein Mentor Wade wird vom grandiosen Sam Elliott kaum weniger imposant verkörpert, ist aber dann doch anders angelegt: die geradezu lässige Sorglosigkeit, mit welcher er seinen Job verrichtet, die hat Dalton einfach nicht, schlagen doch zwei Herzen in seiner Brust zwischen prügelndem Rausschmeißer und denkendem Philosophen. Vielleicht ist es genau das, was ihn so gut macht, denn er ist eben nicht der heißblütige Brutalo, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat, sondern vielmehr jemand, der einen Job ergriffen hat, für den er zwar ein gewisses Talent mitbringt, aber sicherlich keine aufrichtige Begeisterung. Vielleicht macht es das für ihn leichter, im rauen Gemenge zwischen Faustschlägen, zerschmetterten Bierflaschen und Beleidigungen einen kühlen Kopf zu bewahren. Letztlich jedoch bleibt er ein Wanderer und geht dahin, wo er gebraucht wird, und ist der Job erst getan, dann zieht er weiter. Ein nobles Ansinnen, möchte man meinen, macht James Dalton die Welt doch auf seine Art ein klein wenig besser. Und die wichtigste Regel ist und bleibt: Be nice!

 

Sicher ist das alles furchtbar klischeehaft und stereotyp geraten in seiner eher eindimensionalen Welt, aber gerade deswegen beeindruckt mich Road House immer wieder aufs Neue, weil er sich mit einer solch unfassbaren Ernsthaftigkeit seinem Milieu widmet, dass ich einfach nur anerkennend nicken und bewundernd vor mich hin lächeln kann, wenn Dalton konsequent wie konzentriert seiner Arbeit nachgeht. Ich mag den Film seit vielen Jahren sehr und habe auch heute immer wieder meine Freude an diesem Spektakel aus Bier, Flanellhemden und Kneipenschlägereien in schmierigen Kaschemmen. Ein wuchtiges Relikt aus einer Zeit, als solche Genre-Filme noch nicht Schaden nehmen mussten durch kommerzielle Überlegungen, limitierte Budgets oder unangenehm ironische Distanzierung.

 

8 von 10 harten Tritten gegen Kniescheiben

 

 

Coen-Retrospektive #12: No Country for Old Men (2007)

27. März 2018 at 18:41

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© Mirimax Films/Paramount Vintage

 

 

 

„The crime you see now, it’s hard to even take its measure. It’s not that I’m afraid of it. I always knew you had to be willing to die to even do this job – not to be glorious. But I don’t want to push my chips forward and go out and meet something I don’t understand. You can say it’s my job to fight it, but I don’t know what it is anymore. More than that, I don’t want to know. A man would have to put his soul at hazard. He would have to say, „O.K., I’ll be part of this world“.“

 

 

 

Eigentlich wollte Llewelyn Moss nur auf die Jagd gehen, doch als er mitten in der texanischen Wüste auf die Überreste eines augenscheinlich schief gegangenen Drogendeals inklusive einem großen Haufen Geld stößt, da trifft er die folgenschwere Entscheidung, das Geld einfach mitzunehmen. Das wiederum ruft den mysteriösen wie eiskalten Killer Anton Chigurh auf den Plan, welcher das Geld zurück holen soll. Ist er erst einmal mit von der Partie, kommt es zu einer schrecklichen Eskalation der Gewalt, der auch der in die Jahre gekommene Sheriff Ed Tom Bell nichts entgegenzusetzen hat.

 

Ich glaube, ich werde nie vergessen, wie ich damals nach No Country for Old Men aus dem Kino kam: sprachlos und von dem Gefühl beseelt, so eben pure Kinomagie erlebt zu haben. Wie ein eiskalter, tief schwarzer und alles Licht verschlingender Monolith ragt dieses Monstrum von Film aus dem Schaffen der Coen-Brüder heraus. Zutiefst existenzialistisch ist diese Geschichte rund um Jäger und Beute, um Schicksal und Entscheidungen. Alles was wir tun, das hat auch immer Konsequenzen. Schon ganz am Anfang, zu Beginn vom Erstling Blood Simple, da erklärt der schmierige Privatdetektiv Loren Visser aus dem Off dem Zuschauer: „But what I know about is Texas, an‘ down here… you’re on your own.“ No Country for Old Men sollte diese Erkenntnis perfekt auf den Punkt bringen: jeder hier steht ganz für sich allein. Der zwölfte Film der Coens ist zweifellos der (vorläufige) absolute Höhepunkt ihrer Karriere und eine geradezu bestechend logische Konsequenz aus ihrer nun mehr Jahrzehnte andauernden Entwicklung, eine thematisch, atmosphärisch und philosophisch vollkommen stringente Fortführung von Fargo und The Man Who Wasn´t There. In allen drei Filmen geht es um mehr oder weniger völlig normale Männer, vom Schicksal vielleicht nicht immer begünstigt, aber sicherlich nicht bestraft, die kriminell werden und damit einfach alles aufs Spiel setzen. Ihre Entscheidungen treffen sie in vollem Bewusstsein möglicher Konsequenzen und riskieren nicht nur leichtfertig und durchdrungen von ungeahnter Selbstüberschätzung ihre Leben, sondern auch die ihrer Lieben, ihrer Freunde, ihrer Verwandten. Und mehr noch: durch ihre Entscheidungen verlassen sie quasi die menschliche Gesellschaft mit all ihren Normen und Werten, drehen ihr den Rücken zu und leiten dadurch ihr Ende ein.

 

No Country for Old Men ist auch innerhalb des Oeuvre der Coens durch den annähernd vollständigen und sehr auffälligen Verzicht auf den sonst so typischen skurrilen, mal tiefschwarzen, dann wieder cartoonesk überdrehten Humor ausgezeichnet. Wirklich zu lachen gibt es hier herzlich wenig, im texanisch-mexikanischen Grenzland mit seiner erdrückenden Weite und schroffen Kargheit, wo die gnadenlos brennende Sonne schon zum Feind werden kann. Roger Deakins liefert hinter der Kamera eine seiner vielleicht besten Arbeiten und fängt das Geschehen in staubigen wie dreckigen, vor Hitze geradezu flirrenden und dazu noch unglaublich präzisen Bildern ein und inszeniert Menschen gern als winzig kleine, verlorene Punkte in breiten Totalen der Wüste. Gesprochen wird in dieser rauen Welt kaum und No Country for Old Men ist der wohl Dialog-ärmste Film der Coen-Brüder, kann dafür aber mit ihren bisher besten Zeilen glänzen: an jeder Ecke lauern Sätze zum Niederknien, die man auswendig lernen oder sich gleich auf den Körper tätowieren will. Entsprechend ist das erzählerische Tempo ungemein zurückgenommen, oft nur auf das Nötigste reduziert und tonal fühlte ich mich immer wieder an Sam Peckinpahs Meisterwerk Bring Me the Head of Alfredo Garcia erinnert. Die Präzision, mit der die Coens ihre Figuren zeichnen, verschlägt einem die Sprache. Wie wenig Pinselstriche sie brauchen, um Moss, Bell und Chigurh mit ausgefeilten Konturen zu versehen, wie wenig es braucht, um diese Figuren greifbar zu machen, ist schlicht beeindruckend und zeugt vom grandiosen erzählerischen Gespür der Brüder.

 

Für mich ist letztlich auch die Figur des Sheriff Ed Tom Bell der Schlüssel zum Film, er dient uns als Ankerpunkt, schlägt eine Brücke zwischen uns sowie Moss und Chigurh und bildet eine erzählerische Klammer, indem Prolog und Epilog ihm gehören und er über Gegenwart und Vergangenheit, über Vergänglichkeit, Gewalt, Alter und Fortschritt reflektieren kann. Die Richtung ist klar: Man kann sich auf nichts verlassen, ist immerzu auf sich allein gestellt, muss jederzeit mit allem rechnen, denn das Leben nimmt keine Rücksicht auf unsere Vorstellungen. Nicht einmal Anton Chigurh – in seiner vollkommenen Beharrlichkeit kaum weniger als der Tod selbst, ausgestattet mit seinen ganz eigenen Prinzipien jenseits irgendeiner übergeordneten Moral und von Javier Bardem mit einer atemberaubend furchterregenden Präzision verkörpert – kann sich sicher sein und sein Schicksal ereilt ihn letztlich aus dem toten Winkel. Viel wird in No Country for Old Men gestorben, doch oft nur seltsam beiläufig und ohne den Zuschauer als Zeugen. Moss und seine Schwiegermutter erwischt es quasi off screen und wir erleben nur die grausigen Auswirkungen. Über Carla Jean und ihr Schicksal wissen wir sogar noch weniger und  können allenfalls spekulieren. Manch anderen erwischt es sehenden Auges, wieder andere hinterrücks und ahnungslos und einige wenige kommen davon. Letztlich haben wir vielleicht nicht immer Einfluss auf die Dinge, die passieren, aber zumindest tragen wir mit unseren Entscheidungen zu ihrem Verlauf bei. Wir müssen die Konsequenzen unserer Entscheidungen nehmen wie sie kommen, denn ihnen auszuweichen, das Schicksal austricksen zu wollen, das bringt nur weitere, schlimmere Konsequenzen mit sich. Llewelyn Moss entscheidet sich für das Geld: mit eben allen daraus resultierenden Konsequenzen, doch erst seine Flucht vor ihnen in Gestalt von Chigurh macht alles nur noch schlimmer. Nicht nur für ihn, sondern vor allem auch für zahlreiche Unbeteiligte. There are no clean getaways.

 

10 von 10 noch kalten Gläsern Milch

 

 

The Poseidon Adventure (1972)

25. März 2018 at 16:29

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„We’re sinking and nothing is going to keep us from drowning.“

 

 

 

Zehn… neun… acht… sieben… sechs… fünf… vier… drei… zwei… eins… Eine rauschende Silvesternacht an Bord des Luxusdampfers S.S. Poseidon sollte es werden, doch nachdem eine riesige Welle das Schiff zum kentern bringt, beginnt für die Menschen ein annähernd aussichtsloser Kampf. Unter der Führung von Reverend Frank Scott versucht eine kleine Gruppe Überlebender sich zum Rumpf durchzukämpfen mit der Hoffnung, dort gerettet werden zu können.

 

Ich bin ein großer Freund des klassischen Katastrophenkinos der 70er Jahre: schon in meiner Kindheit liefen Filme wie Earthquake, The Towering Inferno oder die Airport-Reihe rauf und runter, aber mein Favorit war immer schon The Poseidon Adventure von Regisseur Ronald Neame. Der beschwerliche Weg einer kleinen Gruppe Überlebender angeführt von Reverend Frank Scott vom Ballsaal hin zum noch über der Wasseroberfläche liegenden Rumpf der gekenterten S.S. Poseidon ist packend inszeniert, spannend und mitunter durchaus auch ergreifend geraten. Ronald Neame beweist ein feines Gespür für den Rhythmus des Genres und gerade die Exposition ist ordentlich geraten, wenn das Figurenensemble rasch, aber präzise charakterisiert eingeführt wird. Nach rund einer halben Stunde gipfelt The Poseidon Adventure dann in seinem ersten Höhepunkt, wenn eine gigantische Flutwelle die S.S. Poseidon trifft und zum kentern bringt. Spätestens ab diesem Punkt macht sich die fantastische Ausstattung des Filmes bemerkbar, wenn sich einfallsreiche Kulissen aneinanderreihen und immer wieder teils sehr kreativ mit dem upside down-Motiv spielen: die Settings des buchstäblich auf dem Kopf stehenden Luxusliners sind wahrlich beeindruckend. Was folgt, ist eine hochspannende wie gefährliche Achterbahnfahrt durch den zusehends mehr und mehr auseinanderbrechenden und immer weiter sinkenden Stahlkoloss, welche Ronald Neame abwechslungsreich und nervenzerrend zu inszenieren versteht.

 

Aber das schöne an The Poseidon Adventure ist eben auch, dass Neame seinen getriebenen Figuren immer wieder emotionale Momente der Ruhe gönnt, sich dabei aber einem Problem des modernen Katastrophenkinos mit Event-Charakter elegant zu entziehen vermag: der Film führt seine Figuren nämlich gerade nicht sinnentleert von A nach B, nur um sie effektvoll zu verheizen, und giert nicht einfach nur nach dem nächsten Spezialeffekt, sondern stellt das menschliche Drama immer auch gleichberechtigt den Schauwerten gegenüber. Die Action entspringt oft nur konsequent den Handlungen der Figuren. Auch auf der darstellerischen Ebene funktioniert The Poseidon Adventure sehr gut und gerade das Konfliktpotential zwischen dem als Freigeist und Nonkonformist eingeführten Reverend Frank Scott und seinem hitzköpfigen und emotionaleren Gegenpart in Gestalt des Polizisten Mike Rogo kommt gut zum Tragen. Auch Red Buttons in der Rolle des ruhigen und sanftmütigen James Martin hat einige durchaus starke Momente. Heute würde seine Figur vermutlich offenkundig als homosexuell geoutet werden, hier jedoch rechtfertigt er sich zwar schüchtern für seine Verschrobenheit, muss aber auch niemals als Anlass für zotige und platte Witze herhalten. Im Gegenteil: ihm gebührt der vielleicht emotionalste Moment im ganzen Film, wenn er vollkommen selbstlos versucht, die Gruppe Überlebender immer wieder zusammenzuhalten.

 

The Poseidon Adventure ist für mich auch heute noch die Speerspitze des 70er Jahre Katastrophenkinos und hat absolut nichts an Faszination eingebüßt. Großes Eventkino, welches eben nicht Action getrieben, sondern vielmehr Charakter getrieben ist. Heute annähernd undenkbar.

 

8 von 10 umgestürzten Weihnachtsbäumen