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Blade of the Immortal (2017)

9. August 2018 at 23:37

 

 

© Warner Bros. Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

Als seine kleine Schwester ermordet wird, richtet der Samurai Manji auf Rache sinnend ein gewaltiges Blutbad an, wird jedoch von einem alten Geist mit dem schrecklichen Fluch der Unsterblichkeit gestraft. Jahrzehnte später ist Manji die unzähligen Kämpfe überdrüssig und sehnt sich nach dem Ende seiner Existenz. Die Unsterblichkeit lastet wie ein Fluch auf ihm, allein das Mädchen Rin hält ihn davon ab, sich seinen morbiden Sehnsüchten vollständig hinzugeben, aber es fällt ihm zunehmend schwer, sein schützendes Schwert über sie zu halten.

 

Das also ist Film Nummer 100 im Schaffen von Takashi Miike – in rund 26 Jahren, wohl gemerkt. Der japanische Vielfilmer und Genre-Afficionado ist nicht nur für seinen immensen kreativen Output berühmt wie berüchtigt, sondern oft auch für ein Strukturen aufbrechendes Kino ohne feste Grenzen. Alles kann bei Miike, nichts muss, und oft sind seine Filme Wundertüten der Absurdität, Füllhörner voller Gattungen und Stimmungen. Kaum ein Genre lässt sich finden, welches er noch nicht in Angriff genommen und im Vorbeigehen auf links gedreht hätte. Umso überraschender ist es, wie ungewöhnlich konventionell Blade of the Immortal letztlich ausgefallen ist. Ich hätte mir wirklich ein radikaleres Werk von Miike gewünscht, eine subversive Unterwanderung des Genres, doch stattdessen liefert er einen mehr oder weniger ganz gewöhnlichen Jidai-geki. Dabei beginnt der Film furios: bereits in den ersten paar Minuten, im hübschen Schwarz-Weiß als Rückblende inszeniert, häuft Manji mehr Tote an als so manch anderer Film in seiner ganzen Laufzeit und hinterlässt einen Berg an Leichen.

 

Was in anderen Filmen das große Finale wäre, das ist in Blade of the Immortal nur der Prolog und der Bodycount ist insgesamt geradezu unverschämt hoch. Der rote Lebenssaft spritzt reichlich und auch so manches Körperteil geht im Eifer des Gefechts verloren, dennoch bleibt der Film gerade für Miike überraschend zahm. Leider funktioniert der erzählerische Rhythmus nicht allzu gut: zwar sind die Kampfszenen allesamt recht aufwendig choreografiert, durchaus abwechslungsreich in Szene gesetzt und voller herrlich verrückter Ideen, doch dazwischen gibt es zu viele zähe Phasen des Leerlaufs und repetitive Erzählmuster. So entsteht eine eher holprige Narrative, welche zuweilen die Geduld des Zuschauers auf die Probe stellt. Letztlich bleibt mit Blade of the Immortal ein etwas enttäuschender und mit einer Laufzeit von rund 140 Minuten vor allem zu langer Film, von dem ich mir angesichts seines Regisseurs etwas mehr Radikalität und Subversion versprochen hatte, der als reiner Vertreter seines Genres trotz erzählerischer Mängel aber immer noch durchaus sehenswert ist. Und die Frage, wie viele Hieb – und Stichwaffen in einen menschlichen Oberkörper passen, die klärt Blade of the Immortal dann auch: verdammt viele.

 

6 von 10 abgetrennten Körperteilen

 

 

Triangle (2009)

1. August 2018 at 20:18

 

 

© Icon Film Distribution/Quelle: IMDb

 

 

 

You’re just having a bad dream, that’s all baby. That’s all it was. Bad dreams make you think you’re seeing things that you haven’t.“

 

 

 

Eine handvoll Freunde unternimmt am Wochenende einen kleinen Segeltörn, doch als das Boot plötzlich in ein heftiges Unwetter gerät und kentert, können sie sich gerade noch mit Mühe und Not auf einen mysteriösen Ozeandampfer retten. Das Schiff scheint verlassen, die Gänge leer und augenscheinlich niemand an Bord zu sein, doch es dauert nicht lange, bis den Schiffbrüchigen klar wird, dass sie nicht allein an Bord sind.

 

Der Geruch des Meeres liegt in der Luft, ein schwaches Rauschen ist im Hintergrund zu hören, die Laute einer einsamen Möwe erklingen über uns und ein kleines Spielzeugboot treibt in einem winzigen Swimmingpool. Da ist eine leise Vorahnung, ein Kribbeln auf der Haut, das vage Gefühl, etwas Einschneidendes stünde bevor, und der merkwürdige Geschmack von Salz und Blut im Mund.

 

Horrorfilme glänzen ja eher selten mit raffiniert ausgefeilten Erzählstrukturen, sondern bedienen sich meist lieber altbekannten wie etablierten Mechanismen, welche dem geneigten Zuschauer wohl bekannt sind. Zwar erweckt Triangle von Regisseur und Drehbuchautor Christopher Smith auf den ersten Blick eben genau diesen Anschein und scheint auf stark ausgetrampelten Genrepfaden zu wandeln, doch sein dritter Film nach Creep (2004) und Severance (2006) hat es faustdick hinter den Ohren und interessiert sich herzlich wenig für vermeintliche Konventionen. Was nämlich zunächst nach wenig mehr als nur ideenloser Standardkost aus der Ecke Slasher-Streifen XY aussieht, das entpuppt sich relativ schnell als geschickt wie elegant arrangiertes Spiel mit variierenden Handlungsebenen, wiederkehrenden Motiven und verwinkelten Perspektiven, wenn Smith nach etwa einer halben Stunde Laufzeit plötzlich beginnt, eingefahrene Genrestrukturen aufzubrechen.

 

Dazu besticht der Film immer wieder durch kluge Bildkompositionen, welche geschickt die erzählerischen Motive aufgreifen und ins Visuelle übertragen. Einigen digitalen Effekten sieht man das schmale Budget von etwa 12 Millionen Dollar zwar an, doch Triangle braucht nicht viele davon und glänzt viel lieber mit ganz anderen Stärken. Über Triangle zu schreiben ist letztlich ein ähnlicher Balanceakt wie die Erzählstruktur des Filmes selbst: ein kleiner Fehltritt und das Konstrukt bricht in sich zusammen, ein Wort zu viel, und das Sehvergnügen könnte geschmälert werden. Ein Film, der mit möglichst wenig Vorkenntnis auch am besten funktionieren und seine volle Pracht entfalten kann und mit seinem Schluss zu zahlreichen Überlegungen und Interpretationen einlädt, so dass er auch über das reine Filmvergnügen hinaus einen Mehrwert bieten kann, wenn man sich denn darauf einlassen will. Oder, etwas simpler ausgedrückt: Triangle fetzt.

 

8 von 10 Äxten in höchster (See)Not

 

 

Toro (2016)

29. Juli 2018 at 17:02

 

 

© Apaches Entertainment/Atresmedia Cine/Meastranza Films/Quelle: IMDb

 

 

 

Ein letzter Job für den brutalen Paten Romano sollte es sein, dann wollte der junge Toro endgültig aussteigen und alles hinter sich lassen. Doch der Job geht schief, einer seiner zwei Brüder kommt ums Leben und Toro muss für fünf Jahre ins Gefängnis. Auch nach seiner Freilassung hält er weiter an seinem Traum vom legalen Leben fest, bis plötzlich sein Bruder López vor seiner Tür steht und dringend seine Hilfe braucht, denn Romano fühlt sich von ihm betrogen und seine Tochter entführt.

 

Es ist schon ein wenig unglücklich, dass der spanische Gangsterthriller Toro mit den Worten „Europas Antwort auf Drive“ etwas irreführend beworben wird, denn letztlich haben beide Filme so gut wie gar nichts miteinander gemein. So wird der Film von Regisseur Kike Maíllo (Eva, 2011) und Drehbuchautor Rafael Cobos (La isla mínima, 2014) in ein falsches Licht gerückt, wo er doch ganz andere Qualitäten für sich zu beanspruchen vermag. Zwar lässt Toro Innovationen größtenteils vermissen und seine erzählerischen Vorbilder aus dem US-Kino sind recht offensichtlich zu erkennen, doch Maíllo bettet seine bereits zuvor vielfach bewanderten Genrepfade in ein angenehm unverbrauchtes Setting, wenn er Andalusien und damit Städte wie Málaga, Almeria oder Torremolinos als Ort des Geschehens in den Fokus rückt.

 

Dadurch bekommt sein Film eine ganz eigene Note, welche dann auch stilistisch und visuell ihre Entsprechung findet, wenn Maíllo auf ausgewaschene Farben setzt, mitunter clevere Kameraperspektiven findet und immer wieder ansprechende Bildkompositionen zu einer recht speziellen Gesamtästhetik verquirlt. Und auch sonst ist Toro gelungen inszeniert: die Action kann sich sehen lassen und bietet das volle Programm aus Shoot Outs, Verfolgungsjagden und Zweikämpfen, trotz eines etwas redseligen Mittelteils kommt genügend Spannung auf und das nötige Drama wird auch bedient. Letztlich ist Toro ein solider Genrestreifen voller altmodischer Bilder und Motiven rund um Familie, Glauben und Männlichkeit, der zwar nicht sonderlich innovativ ist, dafür aber sehr genau weiß, wo er herkommt und was er erzählen möchte. Eine gewisse Demut dem Genre selbst gegenüber, welche ich immer mal wieder bei so manchem ambitionierteren Vertreter vermisse.

 

6,5 von 10 versteckten Klingen am Unterarm

 

 

Prince of the City (1981)

28. Juli 2018 at 19:06

 

 

© Orion Pictures/Warner Bros./Quelle:IMDb

 

 

 

A rat is when they catch you and make you inform. Nobody caught me. This is my setup, this is my action. And I’m never gonna hurt my partners.“

 

 

Danny Ciello ist ein junger, ehrgeiziger und aufstrebender Cop, der trotz seines Alters bereits Leiter einer Spezialeinheit im Kampf gegen die Drogen ist. Doch er und seine Kollegen sind korrupt, sie fingieren Beweise, nehmen Dealern Geld und Drogen ab, versorgen süchtige Informanten mit Stoff und leisten sich ein Leben über ihren Verhältnissen. Doch mit der Zeit nagen Zweifel und Gewissensbisse an Danny und so trifft er die folgenschwere Entscheidung sich der Staatsanwaltschaft als Spitzel anzubieten.

 

Sidney Lumet ist vielleicht einer der größten amerikanischen Geschichtenerzähler und ein sehr guter Beobachter noch dazu. Mit Prince of the City wendet er sich nach Serpico erneut dem Thema Korruption und Verrat innerhalb der Reihen der Polizei zu und erschafft das gnadenlose Psychogramm einer verrottenden Stadt und ermöglicht einen schonungslosen Blick auf diesen kranken Moloch. Lumet legt zwar den Finger in die Wunde, verzichtet dabei aber auf hohle Moral und bleibt lieber nüchtern distanziert zum Geschehen, wenn er seine Hauptfigur weder zum Märtyrer erhebt, noch als vollkommen korrupten Cop ohne jeglichen Bezug zu seinem Ursprung gnadenlos durch den Schmutz zieht und an den Pranger stellt. Vielmehr ist Danny Ciello hin und her gerissen zwischen Selbstzweifeln, Ehrgefühl und Familie, ist geplagt von Gewissensbissen und im steten Kampf mit seinen inneren Dämonen, in dem er blind Freund wie Feind mit sich zieht. Die Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und Unrecht, die sind schon lange verwischt und einer alles umfassenden Grauzone gewichen, in welcher sich beide Seiten des Gesetzes arrangiert haben.

 

Lumet erzählt die Geschichte eines Verrates, und zwar gleich die eines doppelten, wenn Danny Ciello als Cop seine Berufung verraten hat, sich mit seinen Freunden und Kollegen hat korrumpieren lassen, sich mit der Mafia eingelassen hat. Er ist noch jung, aber schon Chef einer Spezialeinheit im Kampf gegen die Drogen und mit reichlich Freiraum ausgestattet. Sie sind die legendären Stars, die Herren der Stadt, Ciello selbst eben der Prince of the City. Geld, Drogen, Zigarren, Luxus: sie nehmen sich, was sie wollen und lassen nichts aus. Doch dann beginnen ihn Gewissensbisse zu plagen, genährt von den Vorwürfen seines Junkie-Bruders und seines idealistischen Vaters und er nimmt Kontakt mit der Staatsanwaltschaft auf: der Beginn seines gnadenlosen Abstiegs. Und Lumet lässt nichts aus, erspart dem Zuschauer nichts von Danny´s Qualen, zeigt alles, von den zahllosen Lügen und dem Abhörgerät auf seinem Bauch über den Meineid, welchen er schwört, den Schutz, welchen er als Verräter braucht bis hin zur unverhohlenen Verachtung seitens der Staatsanwälte, für die er auch kaum mehr als ein Spielball ist, eine Möglichkeit, Karriere zu machen, und schließlich den Tod seiner Freunde.

 

Und Danny blüht in seinem Dasein als Spitzel nochmals richtig auf, wenn er reihenweise schmutzige Deals aufzeichnet und ehemalige Kollegen ans Messer liefert. Der Eifer, mit dem er auch die heikelsten Treffen verkabelt durchzieht, der grenzt schon an Todessehnsucht. Danny will erwischt werden, will für seinen Verrat bestraft werden, er selbst vermag es nicht zu tun. Seine Dienstwaffe trägt er schon lange nicht mehr und die Schäden sind keineswegs nur körperlicher Natur, denn wenn seine Frau abends die Klebestreifen und Kabel von seiner Brust und seinem Bauch entfernt, dann sind sie nicht zu übersehen, die Spuren ausgetretener Batteriesäure auf Danny´s Körper. Ein Sinnbild des Stigmas durch seinen Verrat. Er hat mehr als nur eine Grenze übertreten und einen Weg zurück gibt es für ihn nicht, er wird den Rest seines Lebens gebrandmarkt bleiben, daran lässt der Schluss keinen Zweifel.

 

Schon einmal hat Sidney Lumet einen Polizisten gegen seine eigenen Leute antreten lassen. In Serpico wird Al Pacino in der Rolle des idealistischen Außenseiters zum Helden im Kampf gegen die Korruption, zum Vorkämpfer einer moralischen Ordnung, zur Galionsfigur einer ganzen Stadt. Trotz allem Leid, welches er erfahren und all der Verluste, welche er erleben muss, Serpico triumphiert am Ende: die Welt kann gereinigt werden, es braucht nur unnachgiebige Idealisten im Kampf gegen den moralischen Verfall an allen Fronten. Danny Ciello jedoch muss erfahren, dass all der unnachgiebige Filz kaum zu durchdringen ist. Sein Triumph ist leiser Natur, mit einem unfassbar hohen Preis erkauft und der vermeintliche Held dennoch als Lügner und Verräter gebrandmarkt. Serpico ist trotz seiner dunklen Seiten ein schöner Traum, Prince of the City hingegen ist die kalte wie schmerzhafte Wirklichkeit.

 

9 von 10 undurchsichtigen Spielen mit doppeltem Boden