Parasite (Gisaengchung, 2019)

31. Oktober 2019 at 12:52

 

 

© NEON CJ Entertainment/Quelle: IMDb

 

 

 

Eher zufällig erhält der junge Kim Ki-woo die Chance, bei der reichen Familie Park als Nachhilfelehrer zu arbeiten. Da er aus einer sehr ärmlichen Familie ohne richtige Perspektive stammt, nimmt er das Angebot an. Doch schnell reift der Plan heran, durch Intrigen und Manipulation nach und nach auch den Rest seiner Familie dort ihn Lohn und Brot zu bringen. Scheinbar geht der Plan auf.

 

Geld ist ein Bügeleisen, mit dem man alle Falten glätten kann. Klassenkampf mal anders. Soziales Ungleichgewicht ist gewiss kein neues Thema für Regisseur Bong Joon-ho. Schon seine dystopische Comicverfilmung Snowpiercer (2013) widmete sich der Kluft zwischen arm und reich, doch Parasite verlagert diesen Konflikt nun in das Seoul der Gegenwart. Zunächst nicht nur inhaltlich, sondern auch ganz klar bildlich voneinander abgetrennt sind die da oben und die da unten. Doch die Grenzen sollen schon bald durchlässig werden und letztlich verschwimmen. Hier die Familie Kim zwischen gefalteten Pizzakartons und dem unverschlüsselten WLAN der Nachbarin in einem Kellerloch, dort die Familie Park zwischen Weinregal und Haushälterin in dem riesigen Haus eines Star-Architekten.

 

Joon-ho hat schon so manchen tollen Film realisiert: Memories of Murder (2003), The Host (2006) oder Mother (2009) zum Beispiel, doch Parasite ist sein bisheriges Meisterstück. Ungemein präzise und mit offenem Blick seziert er hier die sozialen Schieflagen Stück für Stück, erliegt jedoch nie der Versuchung zu moralisieren. Er wertet nicht, sondern bildet nur ab und vertraut da voll und ganz dem Zuschauer, dass er in der Lage ist, seine ganz eigenen Schlüsse zu ziehen. So schickt Joon-ho nicht nur seine Figuren, sondern besonders auch den Zuschauer mit seiner überspitzten wie gleichermaßen pointierten und klugen Parabel durch ein Wechselbad der Gefühle. Tonal wechselt Parasite seine Stimmung nach Belieben und ist mal Slapstick, mal Drama, mal Thriller und dann wieder Komödie, ist bitterböse, schräg, tieftraurig, spannend, urkomisch, schockierend, überraschend und vor allen Dingen: immerzu vollkommen unvorhersehbar. Nicht eine Wendung, nicht einen Twist, nicht einen erzählerischen Kniff habe ich kommen sehen und davon gibt es einige zu bestaunen.

 

Die Handlung gibt sich wandelbar wie unberechenbar, kann starke Wechsel der Perspektive für sich verbuchen und bietet reichlich kritischen Subtext, kommt zugleich jedoch mit einer manchmal beinahe schon spielerischen Leichtigkeit daher, die ihres Gleichen sucht. Formal stimmt hier einfach alles und Parasite ist bis in das allerletzte noch so kleine Detail makellos in seiner ganzen Inszenierung. Joon-ho fährt hier wirklich sein ganzes Können auf, denn sein Film sieht trotz der räumlichen Limitierung des Settings atemberaubend gut aus, besticht durch eine enorme visuelle Eleganz und liefert ein perfekt komponiertes Bild nach dem anderen. Timing und Tempo sind brillant, wenn jede Pointe, jede Wendung, ja, sogar jeder Satz genau an der richtigen Stelle sitzt. Nichts ist hier dem Zufall überlassen, wirkt jedoch zu jeder Sekunde vollkommen organisch und alles andere als aufgesetzt.

 

Parasite ist ein wilder wie erstaunlich gut funktionierender Genremix zwischen Gesellschaftskritik und Klassenkampf, kennt jedoch keine Sieger, sondern nur Abstufungen von Verlust. Joon-ho wandert hier mühelos zwischen Slapstick und Thriller, zwischen bitterer Satire und finsterem Schrecken, zwischen flüchtigen Träumen und harter Realität, zwischen Leben am Existenzminimum und Leben im Überfluss. Was letztlich bleibt ist das Bild eines Regengusses unbeschreiblichen Ausmaßes, welcher für die einen bloß Luft und Straßen reinigt, für die anderen jedoch die Auslöschung ihrer gesamten Existenz bedeuten könnte. Einfach so und niemand würde sich wohl dafür interessieren. Kein anderer Film vermochte mich in diesem Jahr bisher so sehr in seinen Bann zu ziehen, mitzureißen, zu unterhalten und zugleich zum Denken anzuregen.

 

9 von 10 selbst gefalteten Pizzakartons

 

 

Okja

2. Juli 2017 at 17:12

 

 

© Netflix

 

 

 

Die kleine Mija lebt mit ihrem Großvater und dem Riesenschwein Okja abgeschieden auf einem kleinen Bauernhof in Korea. Mija und Okja sind unzertrennlich und verbringen den ganzen Tag zusammen. Doch Okja ist Teil eines Zuchtprogrammes der multinationalen Mirando Corporation und soll nun nach zehn Jahren zurück nach New York gebracht werden, um dort die Bestrebungen der Konzernchefin Lucy Mirando auf das nächste Level zu heben. Nun versucht Mija mit allen Mitteln ihren treuen Kameraden Okja aus den Fängen der Mirando Corporation zurück zu gewinnen und ihr Weg führt sie schließlich über Seoul bis nach New York. Unterstützung erhält sie dabei durch eine militante Tierschutzgruppe, welche ihre ganz eigenen Ziele verfolgt.

 

Das jüngste Werk des südkoreansichen Regisseurs Bong Joon-ho, dessen letzte internationale Arbeit Snowpiercer war, sorgte bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes dieses Jahr durchaus für einen Eklat, als bereits noch im Vorspann der Netflix-Schriftzug auf der Leinwand große Teile des Publikums in Buhrufe ausbrechen ließ. Über Netflix und ähnliche Streaming-Dienste und ob sie eher Fluch oder Segen für die moderne Medienlandschaft sind, darüber habe ich mich an anderer Stelle bereits ausführlich ausgelassen, werde also hier nicht näher darauf eingehen. Unumstößliche Tatsache ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass es einen Film wie nun Okja ohne Netflix überhaupt nicht geben würde, denn eines ist er sicher nicht: nämlich ein waschechter Familienfilm der Marke Hollywood inklusive Wohlfühl-Zone für Jung und Alt. Bong Joon-ho bedient sich zwar auf den ersten Blick den ganz ähnlichen Mechanismen des fantastischen Kinderfilms, sprengt aber schon sehr bald den gewohnten Rahmen, schlägt lieber andere Wege ein und so manchen jungen Geist könnte Okja überfordern, wenn nicht vielleicht sogar verstören. Allein schon die Verfolgungsjagd in Seoul ist nur halb so witzig, wie man das anfangs vielleicht glauben möchte, von der vielmehr regelrecht bizarren Parade für das Superschwein in New York ganz zu schweigen. Wie schon Snowpiercer ist auch Okja eine stark überspitzte und grellbunte Dystopie, deren Wurzeln in den Krankheiten der modernen Gesellschaft liegen und Bong Joon-ho verknüpft diese mit spektakulär spaßigen Settings, die aber immer noch mit einem kleinen Widerhaken daherkommen, durch welche einem gerne Mal das Lachen im Halse stecken bleibt.

 

Überhaupt nimmt Okja immer wieder unerwartete Schlenker in seiner Inszenierung, beschreitet gern relativ unorthodoxe Wege und erfindet sich immer wieder in seiner grundsätzlichen Ausrichtung neu, wird vom leicht infantilen und albernen Anfang zum dystopischen Film mit Actionelementen wie Verfolgungsjagden und Schießereien, kippt dann in eine überdrehte Mediensatire, nur um letztlich in ein düsteres Melodram abzugleiten. So ist das Finale dann auch eine recht gnadenlose Abrechnung mit der Fleischindustrie. Das darf man gerne für blauäugig und naiv halten, ist mir dann aber doch zu kurz gegriffen und verkennt die eigentlichen Qualitäten des Filmes, zumal Okja deutlich darüber hinaus geht und sich im gleichen Atemzug eingesteht, wie aussichtslos ein solcher Kampf doch ist und das bereits kleine Siege teuer erkauft werden müssen. So wartet Bong Joon-ho dann auch mit einem vermeintlichen Happy End auf, welches sich wie nur ganz wenige für mich überhaupt nicht nach einem solchen anfühlt. Ein toller Cast bestehend aus Tilda Swinton, Jake Gyllenhaal, Paul Dano, Steven Yeun und der absolut herausragend aufspielenden Ahn Seo-hyeon, die mit ihren zwölf Jahren verblüffend gut auch mit dem digitalen Superschwein agiert, runden einen gleichermaßen unterhaltsamen und witzigen wie traurigen und dramatischen  Film ab, den Hollywood in dieser Form und Konsequenz niemals würde hervorbringen können. Letztlich bleibt festzuhalten: in den zwei Stunden Laufzeit habe ich viel gelächelt, ein wenig gelacht und ein wenig geweint. Was will man noch mehr von einem Film?

 

8 von 10 Superschweinen in der U-Bahn