Okja

2. Juli 2017 at 17:12

 

 

© Netflix

 

 

 

Die kleine Mija lebt mit ihrem Großvater und dem Riesenschwein Okja abgeschieden auf einem kleinen Bauernhof in Korea. Mija und Okja sind unzertrennlich und verbringen den ganzen Tag zusammen. Doch Okja ist Teil eines Zuchtprogrammes der multinationalen Mirando Corporation und soll nun nach zehn Jahren zurück nach New York gebracht werden, um dort die Bestrebungen der Konzernchefin Lucy Mirando auf das nächste Level zu heben. Nun versucht Mija mit allen Mitteln ihren treuen Kameraden Okja aus den Fängen der Mirando Corporation zurück zu gewinnen und ihr Weg führt sie schließlich über Seoul bis nach New York. Unterstützung erhält sie dabei durch eine militante Tierschutzgruppe, welche ihre ganz eigenen Ziele verfolgt.

 

Das jüngste Werk des südkoreansichen Regisseurs Bong Joon-ho, dessen letzte internationale Arbeit Snowpiercer war, sorgte bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes dieses Jahr durchaus für einen Eklat, als bereits noch im Vorspann der Netflix-Schriftzug auf der Leinwand große Teile des Publikums in Buhrufe ausbrechen ließ. Über Netflix und ähnliche Streaming-Dienste und ob sie eher Fluch oder Segen für die moderne Medienlandschaft sind, darüber habe ich mich an anderer Stelle bereits ausführlich ausgelassen, werde also hier nicht näher darauf eingehen. Unumstößliche Tatsache ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass es einen Film wie nun Okja ohne Netflix überhaupt nicht geben würde, denn eines ist er sicher nicht: nämlich ein waschechter Familienfilm der Marke Hollywood inklusive Wohlfühl-Zone für Jung und Alt. Bong Joon-ho bedient sich zwar auf den ersten Blick den ganz ähnlichen Mechanismen des fantastischen Kinderfilms, sprengt aber schon sehr bald den gewohnten Rahmen, schlägt lieber andere Wege ein und so manchen jungen Geist könnte Okja überfordern, wenn nicht vielleicht sogar verstören. Allein schon die Verfolgungsjagd in Seoul ist nur halb so witzig, wie man das anfangs vielleicht glauben möchte, von der vielmehr regelrecht bizarren Parade für das Superschwein in New York ganz zu schweigen. Wie schon Snowpiercer ist auch Okja eine stark überspitzte und grellbunte Dystopie, deren Wurzeln in den Krankheiten der modernen Gesellschaft liegen und Bong Joon-ho verknüpft diese mit spektakulär spaßigen Settings, die aber immer noch mit einem kleinen Widerhaken daherkommen, durch welche einem gerne Mal das Lachen im Halse stecken bleibt.

 

Überhaupt nimmt Okja immer wieder unerwartete Schlenker in seiner Inszenierung, beschreitet gern relativ unorthodoxe Wege und erfindet sich immer wieder in seiner grundsätzlichen Ausrichtung neu, wird vom leicht infantilen und albernen Anfang zum dystopischen Film mit Actionelementen wie Verfolgungsjagden und Schießereien, kippt dann in eine überdrehte Mediensatire, nur um letztlich in ein düsteres Melodram abzugleiten. So ist das Finale dann auch eine recht gnadenlose Abrechnung mit der Fleischindustrie. Das darf man gerne für blauäugig und naiv halten, ist mir dann aber doch zu kurz gegriffen und verkennt die eigentlichen Qualitäten des Filmes, zumal Okja deutlich darüber hinaus geht und sich im gleichen Atemzug eingesteht, wie aussichtslos ein solcher Kampf doch ist und das bereits kleine Siege teuer erkauft werden müssen. So wartet Bong Joon-ho dann auch mit einem vermeintlichen Happy End auf, welches sich wie nur ganz wenige für mich überhaupt nicht nach einem solchen anfühlt. Ein toller Cast bestehend aus Tilda Swinton, Jake Gyllenhaal, Paul Dano, Steven Yeun und der absolut herausragend aufspielenden Ahn Seo-hyeon, die mit ihren zwölf Jahren verblüffend gut auch mit dem digitalen Superschwein agiert, runden einen gleichermaßen unterhaltsamen und witzigen wie traurigen und dramatischen  Film ab, den Hollywood in dieser Form und Konsequenz niemals würde hervorbringen können. Letztlich bleibt festzuhalten: in den zwei Stunden Laufzeit habe ich viel gelächelt, ein wenig gelacht und ein wenig geweint. Was will man noch mehr von einem Film?

 

8 von 10 Superschweinen in der U-Bahn