Exiled (Fong juk, 2006)

4. Mai 2019 at 20:43

 

 

© Milkyway Image/Media Asia Films/Quelle: IMDb

 

 

 

Bis Wu einst seinen Boss Fay betrog und sich absetzte, waren Blaze, Fat, Tai, Cat und er beste Freunde seit ihrer Jugend. Als Wu jedoch mitsamt Frau und Baby nach Macau zurückkehrt und Fay davon Wind bekommt, da schickt er Blaze und Fat um ihn zu töten. Doch auch Tai und Cat sind bereits vor Ort und so kommt es zu einem unverhofften wie aussichtslosen Wiedersehen der fünf Freunde.

 

Mit Exiled vermählt der ausgesprochen produktive Regisseur Johnnie To den Hongkong-Actionfilm mit dem Western, wenn er inhaltlich und visuell zahlreiche Referenzen an Sergio Leone, Sam Peckinpah, John Ford und sogar den kühlen Noir eines Jean-Pierre Melville mit den Stilelementen eines John Woo vermengt. Und doch kopiert To nicht bloß seine offensichtlichen Vorbilder, sondern erschafft mit seiner ganz eigenen Handschrift etwas Eigenständiges. Durch seinen eigenwilligen Stilmix ist Exiled für westlich geprägte Augen und Ohren vielleicht auch etwas leichter zu goutieren und zugänglicher als beispielsweise Woo Ende der 80er/Anfang der 90er, wenn der eine Extraschritt zur Überhöhung hier fehlt.

 

Wie eigentlich immer bei To ist auch in Exiled die Action ganz hervorragend choreografiert und virtuos in Szene gesetzt und die Shootouts ähneln oft dem Western entlehnten Duellsituationen, in denen Ökonomie und Präzision deutlich mehr im Vordergrund stehen als die Lust am Spektakel wie bei Woo. Zudem versteht sich To meisterhaft in der Entschleunigung, wenn er so manche Szene genussvoll auskostet, manchmal gar zelebriert, und mit wenigen Mitteln eine dichte und spannende Atmosphäre erschafft ohne trotz all der Langsamkeit je behäbig zu wirken. So ist die gesamte Auftaktsequenz bis hin zur ersten Schießerei und überhaupt das gesamte erste Drittel nahezu brillant und makellos inszeniert. To braucht nur ganz wenige Pinselstriche, um seine Figuren zu skizzieren und die Handlung zu umreißen, und verlässt sich viel lieber allein auf Stimmungen statt auf Worte. Eine zarte Melancholie durchzieht den gesamten Film, eine süßliche Traurigkeit umweht diese fünf Freunde, ohne sich jemals im Pathos zu verlieren.

 

Exiled spielt zudem immer mal wieder mit Erwartungshaltungen, unterläuft diese nur zu gern, erschafft immer wieder glaubhaft wechselnde Allianzen und verschiebt so immerzu die Konstellation der Figuren untereinander. Freundschaft ist das eigentliche Thema dieses als Actionfilm getarnten Dramas rund um Schuld, Sühne und Brüderlichkeit. Auch Witz darf hier nicht fehlen, aber trotz humoriger Einsprengsel findet Exiled immer wieder zu seiner tragischen Ernsthaftigkeit zurück. Und mit Macau als Setting bietet To einen angenehm sanften Gegenpol voller warmer Farben zu den sonst eher urbanen und kalten Welten des Heroic Bloodshed und eine zauberhafte Mischung aus asiatischer und europäischer Architektur. Dazu gibt es immer wieder kleine Anspielungen auf die Rückgabe von Macau und Hongkong an China, die allerdings nie zu offensichtlich oder gar plakativ daher kommen.

 

Sicherlich ist Exiled nicht perfekt: ein oder zweimal übertreibt es To ein wenig mit seinen Western-Anleihen und ein Moment voller Lagerfeuer-Romantik wirkt etwas deplatziert. Auch die Story an sich wirkt immer mal wieder arg konstruiert, doch bei einem ansonsten runden Gesamtpaket kann ich sehr gut über gewisse inhaltliche Stolpersteine hinweg sehen.

 

9 von 10 Kugeln mitten in die Weichteile

 

 

Only the Brave (No Way Out, 2017)

19. April 2019 at 16:04

 

 

© Colombia Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

It’s not easy sharing your man with a fire.“

 

 

 

Der erfahrene Feuerwehrmann Eric Marsh lebt für seine Arbeit und setzt alles daran, sein Team zu Hotshots auszubilden. Diese Eliteeinheiten arbeiten bei Waldbränden an aller vorderster Front im Kampf gegen das Feuer und riskieren mehrfach ihre Leben. Als sich schließlich all das harte Training auszahlt und die Männer das begehrte Zertifikat erhalten, ist die Freude zunächst groß. Doch dann rücken Marsh und seine Männer Ende Juni 2013 zu einem Brand auf Yarnell Hill aus, der letztlich ungeahnte Ausmaße annehmen wird.

 

Nachdem Regisseur Joseph Kosinski zuvor mit Tron: Legacy (2010) und Oblivion (2013) zwei Science-Fiction-Filme gedreht hat, nimmt er sich nun einer wahren Begebenheit an, wenn er das Yarnell Hill Fire in den Fokus rückt, welches im Sommer 2013 neunzehn Feuerwehrmänner das Leben kostete. Was eigentlich der ideale Aufhänger für einen actiongeladenen Katastrophenfilm abgegeben könnte, das schlachtet Kosinski gar nicht so sehr aus, wie man vielleicht vermuten würde, und setzt statt auf Spektakel viel lieber auf seine Figuren und findet gerade in den ruhigen Momenten zu seiner wahren Stärke.

 

Only the Brave nimmt sich Zeit, lässt sich auf seine Figuren ein und interessiert sich spürbar mehr für deren Leben als für das Feuer, welches sie beendet hat. Sicherlich erzählt der Film von Heldentum, bleibt dabei aber angenehm bodenständig und bietet viel aufrichtiges Drama statt überspitztem Kitsch. Hier werden dem Zuschauer nicht stumpf unangenehme Heldenverehrung und klebriger Pathos aufgezwungen, sondern mit viel Sinn für Authentizität und Feingefühl die Menschen unter der Uniform gezeichnet. Diese erzählerische Zurückhaltung macht Only the Brave zu einem sehenswerten, manchmal gar bildgewaltigen Drama, und einem interessanten wie spannendem Gegenentwurf zu vielen anderen modernen Werken ähnlicher Art etwa aus dem Hause Bay oder Berg.

 

7 von 10 Mal hundert Liegestütze machen müssen

 

 

Bad Times at the El Royale (2018)

27. März 2019 at 20:38

 

 

© 20th Century Fox/Quelle: IMDb

 

 

 

I think it’s some kind of pervert hotel.“

 

 

 

In einer stürmischen Nacht 1969 führt das Schicksal eine handvoll undurchsichtiger Fremder im Hotel The El Royale zusammen. Eine Gemengenlage aus unterschiedlichsten Motiven und Geheimnissen köchelt langsam vor sich hin, bis die Dynamiken plötzlich drastisch beschleunigt werden.

 

Über allem hier steht in riesigen Lettern: Tarantino. Und zwar in fett gedruckten Großbuchstaben, leuchtend und in Neonfarben, nicht zu übersehen und geradezu aufdringlich. Nach der grandiosen Genre-Dekonstruktion The Cabin in the Woods (2011) schlägt Autor und Regisseur Drew Goddard nun eher pulpig verschmierte Neo Noir-Wege ein und lässt eine handvoll zwielichtiger Fremder mit unterschiedlichsten Motiven in einem einst glanzvollen Hotel voller dunkler Geheimnisse aufeinander treffen. Die Erzählstruktur ist episodenhaft angelegt, leicht verschachtelt und immer wieder aus variierenden Perspektiven diverser Figuren dargeboten, wenn Goddard nach und nach immer mehr Details ans Tageslicht fördert und mosaik-artig sein Gesamtbild Stein um Stein erweitert. Leider bleibt dieses Gesamtbild über die Laufzeit von rund 140 Minuten beinahe immer vorhersehbar und vor allem schrecklich belanglos, denn all die kleinen Wendungen täuschen über die inhaltliche Schlichtheit von Bad Times at the El Royale nicht hinweg.

 

Zwar wird immer mal wieder mit Erwartungen gespielt, doch nie so sehr, dass man wirklich überrascht sein könnte. Der Plot will wahnsinnig geheimnisvoll und mysteriös sein, doch letzten Endes steckt da erschreckend wenig dahinter und gerade das eigentlich spannende – die Interaktion zwischen den einzelnen Figuren untereinander – bleibt lange aus und kommt erst im letzten Drittel so richtig zur Geltung. Schade nur, dass Bad Times at the El Royale ab dem Punkt total abschmiert, ein wirklich schwaches und plumpes Finale abliefert und nicht eine einzige seiner eigentlich recht spannenden Andeutungen und zuvor getätigten Versprechen einzulösen vermag. Zwar wird im Grunde alles recht solide vorbereitet und so manche gute Idee gibt der Stoff durchaus auch her, doch meist wird alles immer nur vage angerissen und nie wirklich zu Ende geführt. Immerhin sieht Goddards Film echt gut aus, Seamus McGarvey fängt den Charme des eigentlichen Stars des Filmes – das El Royale – in tollen Bildern und Kamerafahrten ein und auch der Cast weiß durchaus zu gefallen. Am Ende aber ist Bad Times at the El Royale vor allem zu lang und zäh geraten, gibt sich geschwätzig, aber ohne Schwung, und bietet unter seiner glitzernden Oberfläche zu viel Belanglosigkeit. Viel Lärm um nichts irgendwo zwischen Tarantino, Vantage Point (2008) und Identity (2003). Schade.

 

5 von 10 Wanzen im Hotelzimmer finden

 

 

A Prayer Before Dawn (2018)

25. März 2019 at 20:25

 

 

© A24/Quelle: IMDb

 

 

 

Als der britische Amateurboxer Billy Moore in Bangkok wegen Drogenbesitz verhaftet wird und in einem berüchtigten thailändischen Knast landet, da öffnet sich ihm eine Hölle. Weder hat er Geld, noch spricht er die Sprache und am ganzen Körper tätowierte Mörder, überfüllte Schlafsäle, brutale Gefängnisrituale und Vergewaltigungen bestimmen fortan seinen Alltag. Doch Billy hat ein Talent: das Boxen. Und so gelingt ihm schließlich die Aufnahme in das hiesige Boxteam. Das bringt zwar gewisse Privilegien mit sich, aber auch hartes Training und brutale Muay Thai-Boxkämpfe.

 

Gerade der Knastthriller und das Boxerdrama sind ja oft ganz bestimmten Genre-Mechanismen unterworfen, doch Regisseur Jean-Stéphane Sauvaire (Johnny Mad Dog) interessiert sich bei seinem Film A Prayer Before Dawn herzlich wenig für derartige Strukturen und geht viel lieber ganz eigene Wege und vor allem dahin, wo es weh tut. Überhaupt verzichtet Sauvaire überwiegend auf eine herkömmliche Spannungskurve oder klassische Erzählmuster, wenn er ganz auf die Stärke des Moments vertraut. A Prayer Before Dawn ist sehr minimalistisch inszeniert und mit verengtem Blick bloß noch auf das Nötigste herunter gebrochen: Billy als vollkommener Außenseiter in einer gnadenlosen Umgebung, reduziert auf kaum mehr als seinen Körper. Ihm bleibt sonst nichts in dieser chaotischen Hölle. Ihn gilt es zu schützen und zu benutzen gleichermaßen. Sauvaire geht immerzu ganz nah dran, zeigt ungeschönt wie schonungslos den zehrenden Alltag voller Detailtreue und Authentizität und verleiht so A Prayer Before Dawn einen beinahe schon dokumentarischen Anstrich.

 

Dazu überträgt sich die pure Verzweiflung und die schiere Angst von Billy und die Fremdartigkeit dieser ganz eigen strukturierten Welt ganz hervorragend auf den Zuschauer, wenn Sauvaire nahezu immer auf Untertitel verzichtet und auch wir genau wie sein Protagonist seine Umwelt weder verstehen noch halbwegs begreifen können. Nur ganz selten und vereinzelt durchbrechen versprengte Brocken Englisch oder Französisch die thailändische Barriere und liefern zumindest bruchstückhafte Informationen, darüber hinaus bleibt nur das Körperliche zwischen Selbstzerstörung und Selbstbehauptung, um sich Ausdruck zu verleihen. Und doch blitzen zwischen all der brutalen Härte und rohen Gewalt manchmal winzige Momente der Zärtlichkeit auf, sind jedoch rar gesät und selten mehr als punktuelle und gleich wieder durch Gewalt erstickte Inseln der Ruhe. Sauvaire will keine strukturierte Geschichte erzählen, vielmehr ist ihm daran gelegen, dem Zuschauer eine möglichst rohe und direkte Erfahrung zugänglich zu machen, und das gelingt ihm mit seiner eher unkonventionellen Art der Inszenierung ganz hervorragend. So wird sein A Prayer Before Dawn zu einer schonungslosen wie eindringlichen Reise an einen wahrlich finsteren Ort, bestehend aus Momentaufnahmen eines grundlegenden Kampfes um ein buchstäbliches Überleben, gefochten von einem jungen Mann, der sein Leben eigentlich schon aufgegeben hatte.

 

8 von 10 Stangen Zigaretten zur Überlebenssicherung