Chronicle (2012)

10. September 2018 at 20:13

 

 

© 20th Century Fox/Quelle: IMDb

 

 

A lion does not feel guilty when it kills a gazelle, right? You do not feel guilty when you squash a fly… and I think that means something. I just think that really means something.“

 

 

 

In einer mysteriösen Höhle entdecken die drei Teenager Andrew, Matt und Steve eine merkwürdige blau leuchtende Substanz, welche ihnen bei Berührung erst einen Schlag versetzt und sie dann bewusstlos werden lässt. Tage später stellen die drei schräge Veränderungen an sich fest, wenn sie plötzlich Gegenstände durch die Kraft ihrer Gedanken bewegen können. Mit zunehmenden Training werden die darin auch immer besser und stärker, doch was mit den neuen Fähigkeiten machen?

 

Im Grunde verhandelt Chronicle eine Frage, welche vermutlich bereits in unzähligen Kinderzimmern gestellt worden ist: was würdest du tun, wenn du Superkräfte hättest? Aufbauend auf dieser simplen und dennoch durchaus interessanten Idee vermischt dann Josh Trank in seinem Regiedebüt Elemente aus Science Fiction, Coming of Age-Drama, Superheldenkino und Found-Footage auf der Suche nach der Antwort auf eben diese Frage. Und so versetzt er die drei Teenager Andrew, Matt und Steve in eine Situation, mit der sie nicht nur umzugehen lernen müssen, sondern welche auch ihr ganzes Leben umkrempeln wird. Zunächst ist es für die drei Jungs auch kaum mehr als ein harmloses Spiel mit unbegrenzten Möglichkeiten, wenn sie Gegenstände in Bewegung versetzen, ohne sie zu berühren, Cheerleader-Röcke aufwirbeln, reichlich kichernd Schabernack im Supermarkt treiben oder durch die endlosen weiten des Himmels fliegen. Es ist lange ein eher kindliches Herantasten und auch Austesten von Grenzen und Möglichkeiten und besonders in diesen Momenten deutlich mit Bezug auf das Erwachsenwerden an sich zu lesen.

 

Auch, wenn die neu erworbenen Fähigkeiten der drei Jungs anfänglich ein festes Band aus Zusammenhalt, Freundschaft und dem Wissen um Überlegenheit zwischen ihnen entstehen lässt, so bleibt Andrew jedoch immer etwas außen vor. Seine dysfunktionalen Familienumstände rund um die todkranke Mutter und den trinkenden und prügelnden Vater entspringen zwar tiefsten Drehbuch-Klischees und werden viel zu dick und vordergründig aufgetragen, erfüllen im erzählerischen Kontext aber zumindest ihren Zweck. Wirklich gebraucht hätte Chronicle diesen erzählerischen Vorschlaghammer jedoch nicht. Wenn Andrew schließlich endgültig seinen Impulsen nachgibt, dann macht das Drehbuch von Max Landis ihn wenigstens nicht zu einem stereotypen Bösewicht voller Allmachtsphantasien, sondern eher zu einer tragischen Figur und einem Opfer seiner Umstände. Nicht die Superkräfte sind es, welche ihn in den Abgrund des Wahnsinns taumeln lassen, diese Tendenz war schon vorher da, doch sie machen es ihm leichter.

 

Einerseits erlaubt die Nähe zum Found-Footage eine extrem günstige Produktionsweise, bringt aber auch immer Probleme mit sich, wenn der Punkt erreicht wird, an dem es keinen Sinn mehr macht, dass die Figuren in buchstäblich jeder Situation – ob nun erschreckend bedrohlich oder vollkommen banal – immerzu filmen und die Glaubwürdigkeit unterwandert wird. Zwar bedient sich Josh Trank so manchem hübschen Kniff, wenn beispielsweise die telekinetischen Fähigkeiten genutzt werden um die Kamera schweben zu lassen oder die Jungs geradezu geil darauf sind, ihre Experimente aufzunehmen, und mildert diese Problematik so ein wenig ab, letztlich aber lässt diese Form der Inszenierung vermuten, dass sie allein dem niedrigen Budget geschuldet ist, lässt sich so doch viel kaschieren. Und besonders im etwas überbordenden Finale sieht man Chronicle sein schmales Budget auch immer wieder an, aber Trank versucht das kreativ wieder auszugleichen. Erzählerisch allerdings wirkt vor allem im letzten Drittel vieles seltsam überhastet, unterentwickelt und nicht immer so ganz nachvollziehbar, wenn sich Andrews Entwicklung dann doch etwas zu schnell vollzieht, sich provisorisch anfühlt und der Umschwung von ausgelassener Heiterkeit hin zum Drama zu plötzlich kommt. Das mag vielleicht der begrenzten Laufzeit von etwa 85 Minuten geschuldet sein, führt aber auch dazu, dass das eigentlich emotionale Finale an Wirkung verfehlt, weil die Entwicklung der Figuren zu Gunsten von Schauwerten abgebrochen wird.

 

Letztlich verfolgt Josh Trank mit seinem Regiedebüt einen wirklich interessanten wie spannenden Ansatz und gestaltet diesen über weite Strecken auch wirklich gut, doch im letzten Drittel droht all dem etwas die Luft auszugehen, wenn die guten Ansätze und Ideen dann doch dem schablonenhaften Treiben geopfert werden, statt vielleicht wirklich Mut zu beweisen. Dennoch zweifelsohne sehenswert, allein schon, weil sich Chronicle lange wirklich ernsthaft und erstaunlich reif mit dem „große Kraft/große Verantwortung“-Dilemma auseinandersetzt. Der Schritt zu Fantastic 4 ist zwar nachvollziehbar, aber zweifellos die falsche Richtung gewesen.

 

6,5 von 10 Footballspielen in luftigen Höhen

 

 

 

 

 

 

Bright (2017)

31. Dezember 2017 at 19:52

 

 

© Netflix

 

 

 

Der menschliche Cop Daryl Ward schiebt zusammen mit dem Ork Nick Jacoby auf den Straßen von Los Angeles Streifendienst. Als sie eines Nachts bei einem scheinbaren Routineeinsatz auf eine mächtige magische Waffe stoßen, die ihre Welt für immer verändern könnte, finden sie sich schon bald gejagt von einigen Elfen, die nichts unversucht lassen um an eben jene Waffe zu gelangen. Den beiden ungleichen Polizisten steht eine lange und ereignisreiche Nacht bevor.

 

Gleich vorweg: ja, Bright ist in vielerlei Hinsicht wirklich nicht sonderlich gelungen und wahrlich kein guter Film, aber die nach den vielen wirklich schlechten Kritiken und Verrisse zu erwartende Katastrophe blieb in meinen Augen aus. Das also kommt dabei raus, wenn Netflix 90 Mio. Dollar in die Hand nimmt, dem Kino Konkurrenz machen möchte und Max Landis für das Drehbuch und David Ayer für die Regie verpflichtet: ein relativ generischer Misch Masch aus hartem Copthriller und Shadow Run-artiger Fantasy-Action mit einem Spritzer Spacecop L.A. Eine irgendwie recht unglücklich geratene Kombination zweier sehr unterschiedlicher Genre, welche der Film zu einem faden wie oberflächlichen Hybriden versucht zu verschmelzen und dabei überwiegend scheitert, wenn sich Bright weder auf der Ebene des Drehbuchs noch auf der Ebene der Regie für das Potential seiner Welt ernsthaft interessiert. Letztlich ist Bright bei näherer Betrachtung trotz einiger zumindest auf dem Papier durchaus interessanten Ideen kaum mehr als eine weitere Variation altbekannter Motive aus dem Schaffen von David Ayer: Training Day, SWAT, Harsh Times, Street Kings, End of Watch, Sabotage – inklusive einiger recht bedenklicher Ansichten seitens Ayer und nun verquirlt mit reichlich Fantasy-Elementen. Gesellschaftlich aktuell relevante Themen wie Rassismus, Segregation und korrupte Polizeigewalt werden zwar immer wieder aufgegriffen, verkommen allerdings nicht selten zum genauen Gegenteil dessen, was der Film reichlich plakativ versucht zu sagen, wenn Motive dermaßen plump dargestellt werden, dass sie doch wieder nur stigmatisieren.

 

Grundsätzlich birgt die Prämisse von Bright durchaus ein gewisses Potential und vielleicht würde sich die dort etablierte Fantasy-Welt voller Orks, Elfen, Feen, Drachen und Magie auch für eine Serie eignen. Dennoch hätte ich mir gewünscht, dass mir der Film diese Welt auch etwas näher bringt anstatt mich ins kalte Wasser zu werfen. Stattdessen schert sich Bright herzlich wenig um das Wie und das Warum seiner Welt, wird sie doch als dermaßen selbstverständlich aufgebaut ohne auch nur ansatzweise Erklärungen anzubieten, so dass mir oft der Zugang verwehrt bleibt. Bright hat sie ja durchaus, die guten Ideen und Ansätze, und hätte etwas Neues erschaffen können, scheitert aber letztlich an seiner Inszenierung. Nicht das Konzept von Max Landis ist das Problem, sondern dessen Ausarbeitung und die Regie von David Ayer. Letztlich geht die gewagte Kombination aus hartem Crime-Thriller im Stile von End of Watch oder Street Kings und Herr der Ringe-artiger und an Shadow Run erinnernder Fantasy nur bedingt auf und krankt vor allem daran, dass sich der Film irgendwie nicht so richtig für seine Welt interessiert und das zweifellos vorhandene Potential allenfalls oberflächlich ausschöpft. Kurz bevor Bright im Dezember bei Netflix an den Start ging wurde bereits bekannt gegeben, dass man eine Fortsetzung bestellt hat und ein Franchise rund um den Film aufbauen will. Interessiert bin ich daran schon, denn ich mag die Idee dahinter sehr, auch wenn ich dem vielleicht nicht entgegenfiebern werde.

 

6 von 10 Feen im Vogelhäuschen