Extraction (2020)

26. April 2020 at 12:03

 

 

© Netflix/Quelle: IMDb

 

 

Der Ex-Soldat Tyler Rake arbeitet freiberuflich als Söldner und ist auf die Befreiung entführter Personen spezialisiert. Sein neuester Job führt ihn nach Bangladesch, wo ein Drogenboss den Sohn seines Konkurrenten entführt hat. Die Zeit drängt und so machen sich Rake und sein Team daran, den Jungen zu befreien, doch der Rückzug gestaltet sich problematisch.

 

Ähnlich wie Chad Stahelski (John Wick) und David Leitch (Atomic Blonde) war Regisseur Sam Hargrave ebenfalls ursprünglich Stunt-Koordinator und wechselte erst später hinter die Kamera. Sein Debütfilm Extraction beruht auf der Comicvorlage Ciudad aus der Feder von Joe Russo und Anthony Russo sowie dem Zeichner Ande Parks, verlegt das Setting aber von der namensgebenden Stadt in Paraguay in die Hauptstadt von Bangladesch und bietet so ein zumindest einigermaßen unverbrauchtes Setting. Als geradliniger und schnörkelloser Actionreißer funktioniert Extraction wirklich gut, doch leider dehnt das Drehbuch von Joe Russo die Story mit unnötigen Abstechern und Abzweigungen immer weiter bis auf annähernd zwei Stunden Laufzeit aus, wo weniger vielleicht besser gewesen wäre. Etwas weniger Leerlauf im Mittelteil hätten dem Film eventuell ganz gut getan. Überhaupt findet Extraction immer dann zu seinen großen Stärken, wenn es an allen Ecken und Enden ordentlich kracht.

 

Die Action selbst kann sich nämlich wirklich mehr als sehen lassen und Hargrave versteht sein Handwerk zweifellos: Kämpfe sind stark auf Wirkung ausgelegt, kommen wuchtig und druckvoll daher und sind meist ungeschönt in Szene gesetzt. Auch die teils ausufernden Shootouts bieten reichlich Highlights. Selbst die im modernen Actionfilm inzwischen scheinbar unverzichtbare minutenlange Plansequenz im Mittelteil darf nicht fehlen und stellt sicherlich einen der Höhepunkte. Die Kamera von Newton Thomas Sigel (Drive, Bohemian Rhapsody) ist immer ganz nah dran am Geschehen, läuft aber zugleich nie Gefahr den Fokus zu verlieren und vermag den Kampfszenen Tempo und Dringlichkeit zu verleihen ohne das der Überblick verloren geht. Dazu ist das Sounddesign ziemlich knackig geraten und unterstützt die ohnehin schon drückende, treibende Action nur noch mehr.

 

In Extraction schwingt ein leiser Nachklang von John Wick, The Raid und Man on Fire mit. All das ist zweifellos nicht neu, aber zumindest über weite Strecken solide bis stark umgesetzt und durchaus packend inszeniert. Am Ende findet sich sogar eine kleine, aber hübsche filmische Klammer, wenn wir die Hauptfigur so verlassen, wie wir sie mehr oder weniger auch kennengelernt haben. Nur die allerletzte Szene, die hätte ich nicht mehr gebraucht.

 

7 von 10 zweckentfremdeten Rechen

 

 

A Walk Among the Tombstones (2014)

13. November 2019 at 18:04

 

 

© Universal Pictures/Quelle: IMDb

 

 

 

I do favors for people, and in return, they give me gifts. So, what can I do for you?“

 

 

 

Matt Scudder ist Ex-Cop, trockener Alkoholiker und Privatermittler ohne Lizenz. Als der Drogendealer Kenny Kristo ihn damit beauftragt, die Mörder seiner Frau zu finden, da wird ihm im Zuge seiner Recherchen schnell klar, dass sie keineswegs das einzige Opfer ist.

 

People are afraid of all the wrong things. Mit seiner erst zweiten Regiearbeit nach The Lookout (2007) verfilmt der eher als Drehbuchautor bekannte Scott Frank (Logan, Out of Sight, Get Shorty) einen Roman von Lawrence Block. A Walk Among the Tombstones ist geradlinig und schnörkellos in seiner Narrative, inhaltlich eher schlicht geraten und kommt gänzlich ohne überraschende Wendungen aus. Das erzählerische Tempo ist angenehm zurück genommen und erfrischend altmodisch. Einen weiteren Spät-Rache-Actioner im Stile eines 96 Hours sollte man also nicht erwarten, denn A Walk Among the Tombstones glänzt mehr durch eine dichte Atmosphäre und eine gelungene Ästhetik als durch Action und hektische Schnitte. Frank zeichnet eine graue, trostlose, kalte und schmutzige Welt ohne Hoffnung, zu der dann auch ganz hervorragend das Setting eines abseitigen New York jenseits allzu bekannter Plätze passt.

 

Die Figuren sind moralisch ambivalent und eine simple Unterteilung in Gut und Böse findet nicht statt. Strahlende Saubermänner kennt A Walk Among the Tombstones nicht und zerrt mitunter recht ordentlich am moralischen Kompass des Zuschauers. Liam Neeson verkörpert den gebrochenen Einzelkämpfer mit der genau richtigen Mischung aus Melancholie und Würde irgendwo zwischen Verletzlichkeit und Entschlossenheit. Auch der Rest vom Cast rund um David Harbour, Boyd Holbrook und Dan Stevens kann sich sehen lassen. Das Hard Boiled/Neo Noir – Krimidrama mag seinem Genre vielleicht nichts Neues hinzuzufügen, doch die einnehmende Stilistik, die dichte Atmosphäre, das zurückgenommene erzählerische Tempo und ein schneidend spannendes Finale heben A Walk Among the Tombstones ordentlich über Durchschnitt. Erst in der allerletzten Szene vermag die Sonne die graue Wolkendecke zu durchbrechen. Hoffnung? Vielleicht. Wer weiß. Black Hole Sun…

 

7 von 10 sauber verpackten Leichenteilen

 

 

Hellboy (2019)

5. November 2019 at 14:44

 

 

© Lionsgate/Quelle: IMDb

 

 

 

It’s not going to work, you know, cause I’m a Capricorn and you’re fucking nuts!“

 

 

 

Die einst von König Arthus persönlich getötete Hexe Nimue wartet seit Ewigkeiten auf ihre Chance zur Rückkehr. Doch zunächst müssen ihre sechs Körperteile in ganz England gesucht und wieder zusammen geführt werden. Einzig Hellboy und sein Team können den Untergang der Welt jetzt noch verhindern.

 

Eines vorab: ich bin großer Fan der beiden Filme von Guillermo del Toro, aber ein dritter Teil von ihm und mit Ron Perlman als Hellboy hat einfach nicht sein sollen. Nun also die Neuausrichtung des von mir ebenfalls geschätzten Neil Marshall (Dog Soldiers, The Descent, Doomsday, Centurion), welche sich näher an den Comics aus der Feder von Mike Mignola orientieren sollte. Dankenswerter Weise verzichtet Hellboy auf die bereits bekannte Origin-Story seines Titelhelden und reißt diese lediglich in kurzen Rückblenden erneut an. Marshall verfolgt inszenatorisch einen anderen Ansatz als seiner Zeit noch Del Toro, wenn aus fantasievoll märchenhaftem Flair grell-lautes Genrekino wird. So findet sich auch deutlich weniger von Charme und Eleganz vergangener Zeiten und Hellboy ist spürbar dreckiger, rauer, blutiger, weniger verspielt und ziemlich stumpf geraten.

 

Die episodenhafte Story rund um die Wiedererweckung der Hexe Nimue ist vollkommen nebensächlich, kaum der Rede wert und dient bloß als lose Verknüpfung der mal mehr, mal weniger isolierten Set-Pieces und Actionszenen. Hellboy eilt in halsbrecherischem Tempo sprunghaft von Setting zu Setting, wirkt oftmals hektisch und überfrachtet, manchmal geradezu lückenhaft, und bombardiert den Zuschauer im Minutentakt mit seinen kruden Kreaturen und überraschend derben Gewaltspitzen. Der Film will einfach zu viel und ist letztlich zu wenig. Durch diese permanente In die Fresse-Attitüde ist Hellboy ein prolliges Großmaul von Film ohne erkennbare Zwischentöne, vollgestopft mit Einfällen und Ideen, welche nie auch nur im Ansatz Zeit bekommen sich zu entfalten.

 

Hellboy dürfte schnell vergessen sein, doch in seinen rund zwei Stunden Laufzeit wurde ich trotz all der teils massiven Probleme (eine Story zum Vergessen, profillose Figurenzeichnung, mäßige bis schlechte Effekte, teils schwache Darsteller und eine wenig vorteilhafte Produktionsgeschichte) immerhin durchgängig unterhalten und Langeweile machte sich keine breit bei mir. Ich kann es selbst kaum glauben, aber Hellboy hat mir tatsächlich Spaß gemacht. Was ich von so manchen anderen Comicverfilmungen nicht unbedingt behaupten kann.

 

6 von 10 Anfällen von übersinnlicher Migräne

 

 

Sleepless – Eine tödliche Nacht

28. August 2017 at 12:00

 

 

© Open Road Films

 

 

 

Der korrupte Cop Vincent Downs begeht einen folgenschweren Fehler, als er zusammen mit seinem Partner Sean den falschen Drogentransport überfällt und ausraubt. Die 25 Kilo Kokain gehören dem Casinobesitzer Stanley Rubino, der einen Deal mit dem Gangsterboss Rob Novak hat und die Drogen dringend so bald wie möglich zurück haben muss. Um Downs unter Druck setzen zu können, lässt Rubino dessen Sohn Thomas entführen und so entbrennt für alle Beteiligten ein Rennen um die Zeit.

 

Der in der Schweiz geborene und in Deutschland aufgewachsene Regisseur Baran bo Odar konnte 2014 mit dem deutschen Hacker-Thriller Who Am I durchaus Beachtung finden und zog so die Aufmerksamkeit Hollywoods auf sich: nicht nur soll Who Am I nun für den amerikanischen Markt adaptiert werden, ihm wurde auch die Regie für Sleepless angeboten, ein Remake des französischen Thrillers Nuit blanche von Frédéric Jardin. Inszenatorisch geht Odar für sein Remake nun jedoch andere Wege als Jardin in seinem beinahe schon klaustrophobisch aufgebauten Thriller, der mit einem ausgeprägten Gespür für die dynamische Nutzung seiner verschachtelten Räumlichkeiten glänzt, und rückt lieber die dominantere Action in den Fokus. So ist Sleepless innerhalb strenger Genrekonventionen solide und routiniert umgesetzt, kann aber leider auch kaum mehr zeigen, als man es nicht schon an anderen Stellen besser gesehen hätte, kommt nie über mehr als bloßen Durchschnitt hinaus und kann seinem Genre keine neuen Aspekte abringen oder gar hinzufügen. Die inhaltliche Ebene bleibt überschaubar, der Plot ist flach und Wendungen der Story lassen sich für das geübte Auge schon recht früh erahnen und das abschließende Finale wirkt doch ein wenig überkonstruiert, aber zumindest visuell ist Sleepless durchaus ansprechend. Sein Handwerk jedenfalls versteht Odar, auch wenn ihm eine stilisierte Hochglanzoptik deutlich wichtiger ist als der Inhalt. Die Filme von Michael Mann scheinen in seinem Schaffen ein recht deutlicher Bezugspunkt zu sein und gelegentlich musste ich bei Sleepless zum Bespiel an Collateral denken (und das nicht nur wegen Jamie Foxx). Statt auf wackelige Kamerabilder setzt Odar auf die klassisch schnörkellose Ästhetik des 80er Action/Thriller-Kinos und verpflanzt diese in die Moderne, und vor allem die zeitlich stark komprimierte Hetzjagd durch die Nacht in den Neon glitzernden Straßen von Las Vegas erinnert an Collateral, in Bezug auf die begrenzte Räumlichkeit auch an Snake Eyes von Brian De Palma.

 

Abschließend bleibt die Erkenntnis, dass Sleepless zwar routiniert und solide inszeniert ist, aber auch nichts zu bieten hat, was man nicht schon kennen würde. Odar ruht sich sehr auf etablierten und bewährten Motiven und Klischees aus und lässt seine filmischen Vorbilder deutlich erkennen, ohne jedoch eine eigene Note hinzufügen zu können. Klassischer Fall von: kann man gucken, muss man aber nicht. Alles andere als ein Rohrkrepierer, aber auch kaum mehr als bloßes Mittelmaß in seinem Genre.

 

6 von 10 versteckten Drogenpäckchen