Coen-Retrospektive #7: The Big Lebowski (1998)

10. März 2018 at 15:06

 

 

© Gramercy Pictures/PolyGram Filmed Entertainment

 

 

 

„Let me explain something to you. Um, I am not „Mr. Lebowski“. You’re Mr. Lebowski. I’m the Dude. So that’s what you call me. You know, that or, uh, His Dudeness, or uh, Duder, or El Duderino if you’re not into the whole brevity thing.“

 

 

 

Alles beginnt mit einer Verwechslung, wenn zwei Schlägertypen dem Dude die Tür eintreten und nach irgendwelchem Geld fragen. Nur: dieser Lebowski ist eben nicht DER Lebowski und so endet dieser Gewaltakt mit einem bepinkelten Teppich. Das ist der Auftakt zu einer nur schwerlich zu beschreibenden Odyssee, die hier vielleicht auch gar nicht unbedingt groß umrissen werden muss, ist sie doch schön längst ein fester Bestandteil der Popkultur geworden.

 

Eigentlich mag ich das Wörtchen „Kult“ nicht sonderlich, wird es doch nur allzu oft leidlich bemüht wie inflationär gebraucht, allem halbwegs „kultverdächtigem“ vorschnell wie ein vermeintlich bedeutsamer Stempel aufgedrückt und ist letztlich kaum mehr als eine leere Phrase. Aber ob nun Kult hin oder her, zweifellos ist der Dude inzwischen zu einer Ikone der Popkultur geworden, die Film gewordene Alternative für all diejenigen, welche sich den Anforderungen des modernen Lebens nur bedingt gewachsen fühlen. Oder sich ihnen einfach nicht anpassen wollen. Dem Dude jedoch wäre diese Form der Verehrung und Anerkennung wohl eher unangenehm, denn er macht ja nichts, ist einfach so wie er ist, lebt sein kleines Leben so vor sich hin… Bowling, White Russians, ein bisschen Gras, ein heißes Bad und Walgesänge. Und doch: vielleicht sollte jeder von uns hin und wieder mal den ganz persönlichen Dude in sich entdecken. Wir können nämlich viel von ihm lernen. Nach ihrem Debüt Blood Simple ist The Big Lebowski wieder so sehr ein Film Noir, wie es die Coens eben können und einzig The Man Who Wasn´t There wird das später nochmal toppen, aber dazu dann mehr, wenn es soweit ist. The Big Lebowski jedenfalls ist durch und durch Noir, aber dennoch nicht wirklich dunkel und fühlt sich insgesamt viel leichter an als ihr bisheriges Schaffen, episodischer, bunter, musikalischer.

 

Die Geschichte rund um die Scheinentführung einer untreuen Ehefrau und dem nicht weniger vorgetäuschten Versuch des Ehemannes, sie mit Hilfe eines scheinbar völlig Ahnungslosen aus den Fängen ihrer Entführer wieder zu befreien, ist letztlich eigentlich (wie oft im Film Noir) kaum mehr als Nebensache und weniger von Bedeutung, wird aber dennoch von den Coens kunstvoll ausufernd, mit zahlreichen Wendungen und einem kaum zu überschauenden Figureninventar erzählt, nur um sich am Ende einfach in Luft aufzulösen. Es erfordert großes erzählerisches Können, eine solch komplexe Story zu entwickeln, dabei aber zugleich etwas völlig anderes zu erzählen und am Ende den Zuschauer trotz eines geradezu aufreizend kurzen wie knappen Finales nicht zu verlieren. Und als würde das nicht schon reichen, schöpfen die Coens aus ihrem scheinbar unendlich großen Fundus an Ideen und reichern all das mit musicalartigen Traumsequenzen an, etablieren mit Sam Elliot (ganz wunderbar!) einen Cowboy als geisterhaften Erzähler und zelebrieren ganz viel Bowlingromantik. Überhaupt ist die Bowlingbahn ein ganz zentraler Ort für The Big Lebowski und wie die Coens das ganze dortige Treiben einfangen, wie Roger Deakins und seine Kamera all diese großen kleinen Leute einfangen, sie beinahe schon stilisiert, wie sie an ihren Gesichtern vorbei fährt, das ist ganz großes Kino und in der Winzigkeit all dieser Details annähernd perfekt. Hier kommen dann auch wieder die Faszination und Liebe der Coens für den amerikanischen Durchschnittstypen zum Tragen, welche sich als Motiv immer wieder durch ihre Filme zieht, aber nie zu einem zynischen Herabblicken verkommt. Und dann sind da noch all diese wundervollen, erinnerungswürdigen und sich immer wieder im Kreis drehenden und dennoch nicht weniger brillanten Dialoge: zum Niederknien. Beinahe jeder Satz ist zitierfähig und in der Popkultur aufgegangen. Das liest jetzt vielleicht nicht jeder gern, aber ich frage mich schon länger, warum ein Quentin Tarantino immerzu für seine Dialoge so verehrt wird, wo doch die Coens diese Disziplin perfektioniert haben. 

 

Der Dude, Walter und Donny sind die drei vielleicht schönsten Figuren, welche die Coens jemals entwickelt haben. Jeff Bridges hält als ruhender Pol alles zusammen und John Goodman poltert von einem Ausbruch zum nächsten, wirkt aber dennoch mehr wie liebenswerter Elefant, der seine Kraft nicht einzuschätzen weiß.Und dann ist da noch Donny: wir wissen so gut wie nichts über ihn – wo er herkommt, was ihn antreibt, woher er den Dude und Walter kennt und was ihn bei ihnen bleiben lässt – und dennoch gelingt es Steve Buscemi mit lauter Kleinigkeiten und ganz wenigen Blicken und Gesten in seinem Schauspiel diese tragische Figur mit Leben zu füllen. Ein seltsam eigenschaftsloser Mitläufer, der dennoch ein wichtiger Teil dieses schrägen Trios ist, obwohl niemand so recht weiß, warum eigentlich. Er wirkt etwa dümmlich, hat nicht wirklich etwas zu erzählen oder gar beizutragen, gibt insgesamt eine eher traurige Gestalt ab und schaut oft etwas ziellos ins Nichts, als könne er dem Geschehen gerade nicht so recht folgen. Gewalt und deren Ausübung sind oftmals integrale Bestandteile ihrer Filme, doch in The Big Lebowski gibt es oft nur die bloße Androhung von Gewalt und tatsächlich nicht einen einzigen Mord. Dennoch gibt es einen Tod, einen besonders unglücklichen wie tragischen, auf einem Parkplatz vor einem Bowlingcenter, ohne Fremdeinwirkung durch einen Herzanfall. Donny ist weg, einfach so. Das ist bitter und macht einem bewusst, dass es Menschen gibt, die nicht so viel Glück im Leben haben wie manch andere, Menschen die einfach nur da sind, auch wenn sich nicht immer ganz erschließt, warum. All die Donnies dieser Welt: erst, wenn sie nicht mehr da sind, dann fällt auf, dass sie da waren, wenn sie plötzlich schmerzhaft fehlen.

 

10 von 10 White Russians in der Badewanne

 

 

Coen-Retrospektive #1: Blood Simple (1984)

18. Februar 2018 at 23:22

 

 

© Circle Films

 

 

 

„Never point a gun at anyone, unless you mean to shoot him and if you shoot him, you better make sure he’s dead. Because if he ain’t dead, he’s gonna get up and try to kill you.“

 

 

 

Ray arbeitet in der Bar des schmierigen Marty. Dieser ist zwar mit Abby verheiratet, doch Ray liebt sie und sie ihn auch. Die beiden beginnen eine Affäre, nachdem Abby beschlossen hat, Marty endgültig zu verlassen, doch Marty ahnt etwas und beauftragt den zwielichtigen Privatdetektiv Loren Visser damit, Abby zu beschatten und falls möglich Beweisfotos zu machen. Schnell wachsen Wut und Hass in Marty und bringen ihn zu einem für alle Beteiligten gefährlichen Entschluss.

 

Blut ist hier das Leitmotiv. All dieses Blut. Auf dem Boden einer versifften Bar. Auf der Rückbank eines Autos, in einem Badezimmer. Es lässt sich nicht sehr gut entfernen, kommt immer wieder durch die Handtücher durch, will einfach nicht versickern oder sich abwaschen lassen. Ein Mahnmal. Schuldig ist hier irgendwie jeder, frei von Sünde wohl niemand. Blood Simple ist der Auftakt zur heute noch andauernden Karriere eines der wohl bekanntesten Brüderpaare des amerikanischen Kinos, wenn die Coen-Brüder klassische Motive und Erzählstrukturen des Film Noir auf ihren Kern verdichten und auf ein sehr begrenztes Setting sowie eine überschaubare Anzahl an Figuren reduzieren. Mit sehr limitierten Mitteln begeben sie sich mit Blood Simple knietief in die Traditionen des Film Noir und erzählen von einer Liebesgeschichte, welche schrecklich schief geht, sobald der schnöde Mammon ins Spiel kommt. Untreue, Betrug, Verrat, Missverständnisse, Mord – das volle Programm. Jede Handlung zieht ungeahnte und stellenweise schier unglaubliche Konsequenzen nach sich.

 

Selten trifft man auf ein derart ausgereiftes wie abgeklärtes und gleichermaßen stilsicheres wie souveränes Regiedebüt. Pechschwarz, kompromisslos und stellenweise derart spannend inszeniert, dass es einem die Kehle zuschnürt, wird das tragische Geschehen von Kameramann Barry Sonnenfeld  in kargen wie gleichsam faszinierenden Bildern voller Hitze, Blut, Liebe und Verrat eingefangen und ganz ruhig und langsam, ja geradezu quälend bedächtig erzählt. Die Besetzung rund um Stan Getz, Dan Hedaya, Frances McDormand und M.Emmet Walsh erweist sich als nahezu perfekt und der Score von Carter Burwell ist traumhaft schön in seinem finsteren Minimalismus. Dazu gesellt sich ein Talent der beiden Brüder, welches sie im Laufe ihrer Karriere noch weiter perfektionieren sollten, denn sie entpuppen sich bereits in ihrem Debüt als ausgesprochen präzise Beobachter menschlicher Unzulänglichkeiten und verstehen es wie kaum jemand sonst, das ganze  Drama all dieser Existenzen durch den Genre-Blick festzuhalten und die alltägliche Jämmerlichkeit auf die große Leinwand zu bringen. Komisch wie tragisch, vor allem aber auch hässlich wie schön. Jeder neue Morgen bringt nur wieder die bittere Erkenntnis, dass eh nur wieder alles so beschissen bleibt wie zuvor.

 

8 von 10 Blutflecken auf der Rückbank

 

 

Too Late

11. Dezember 2016 at 17:26

 

 

© Foe Killer Films

 

 

 

„A movie about a missing woman… and a lost man.“

 

 

 

Privatdetektiv Mel Sampson erhält einen Anruf von einer alten Freundin, die ihn nach Jahren plötzlich um Hilfe und ein sofortiges Treffen bittet. Mel macht sich gleich auf den Weg, erreicht den vereinbarten Treffpunkt jedoch und kann Dororthy nur noch tot auffinden. Also macht er es sich zur Aufgabe, den Mörder zu finden und den Fall aufzuklären. Eine erste Spur führt in ein Strip-Lokal in Los Angeles.

 

Jean-Luc Godard sagte einmal sinngemäß: all you need to make a movie is a gun and a girl. Beides hat Too Late zu bieten und noch so einiges mehr als das. Ich bin eher zufällig bei Netflix über diese kleine Perle gestolpert, war neugierig und durfte schließlich einen der für mich besten Filme des Jahres entdecken. Das Regiedebüt des mir bisher gänzlich unbekannten Dennis Hauck ist tief im Genre des Film Noir verwurzelt und die Hauptfigur des Mel Sampson vereint viele Merkmale der klassischen Hard Boilded Private Eyes wie Philip Marlowe, Sam Spade oder Jack Gittes, versehen mit einem Spritzer Jeff Lebowski. Geradezu archetypisch für sein Genre, eher durchschnittlich, nicht besonders gut aussehend, rauchend und trinkend. Zwar trägt er einen Revolver mit sich, zieht aber eine Schlägerei jederzeit vor. Too Late ist einer sehr kleine Independent-Produktion mit wahnsinnig schmalem Budget und es ist umso erstaunlicher, was für ein fiebrig treibendes Kleinod da erstanden ist. Gefilmt hat Hauck seinen ersten Langfilm vollständig auf 35mm Techniscope Filmmaterial, was den Film seltsam zeitlos und gleichzeitig irgendwo tief in einem Los Angeles der 70er Jahren verortet wirken lässt. Besonders reizvoll wird Too Late letztlich vor allem dadurch, dass der Film in fünf jeweils 22 minütigen Abschnitten gedreht wurde, von denen jeder für sich ein einziger Longtake ist, vollkommen ohne offensichtliche oder versteckte Schnitte oder ähnliche technische Tricks und Kniffe. Um das ganze dann erzählerisch auf die Spitze zu treiben, sind diese fünf Abschnitte auch nicht chronologisch angeordnet, sondern Too Late springt viel lieber auf seiner eigenen Zeitlinie immer wieder hin und her, vor und zurück. Der dadurch unweigerlich entstehende episodenhafte Charakter des Filmes wird aber zu keiner Sekunde konfus oder verwirrend, auch wenn die Sprünge anfangs etwas eigenartig anmuten. Dem einen oder anderen mag da vielleicht Tarantino in den Sinn kommen, aber das Regiedebüt von Dennis Hauck ist von einer Klarheit und Präzision, die ihres gleichen sucht und lässt ihn mit einem Low Budget-Film weit billiger als damals Reservoir Dogs ganz schön alt aussehen. So sind auch die Dialoge makellos geschrieben, überhaupt ist das ganze Drehbuch von einer beeindruckend schlichten Eleganz, einfach gehalten, aber unglaublich effektiv und fantastisch umgesetzt. Sehr viel von dieser grazilen Würde, welche der ganze Film ausstrahlt, fällt auf John Hawkes zurück, der seinen Mel Sampson mit so viel zärtlicher Melancholie versieht, dass es eine wahre Freude ist, ihn in jeder seiner Szenen zu beobachten. Er macht aus einem, wenn auch persönlichen, aber doch eher gewöhnlichen Vermisstenfall, die intime Reise eines Mannes auf der Suche nach Wiedergutmachung vergangener Fehler und Taten. Wenn Mel Dorothys Leiche findet, dann braucht es keinen Gegenschuss, denn Hawkes Gesicht allein reicht völlig aus um einfach alles nötige auszudrücken. So ist Too Late letztlich auch ein Film über Menschen, die es nicht immer leicht haben, die sich so durchschlagen, Ausgestoßene und Außenseiter, gesellschaftliche Randerscheinungen, mit denen das Leben es nicht immer gut meint. Menschen, die manchmal auch einfach vom Leben verschluckt werden so wie Dorothy, Verlierer vielleicht, ja, aber in Würde und mit einem guten Herzen. Oder zumindest dem Versuch, sich beides irgendwie zu bewahren.

 

Too Late gehört für mich zweifellos zu den ganz großen Überraschungen des Filmjahres 2016. Ein sehr kleiner Film, dafür aber mit umso größerer Wirkung auf mich, die auch nachhaltig zu bestehen weiß. Soweit ich das überblicken kann, gibt es dieses beeindruckende Kleinod bisher lediglich in digitaler Form bei diversen Streaming-Portalen, eine physische Veröffentlichung konnte ich bisher nicht erblicken. Das ist schade, denn ich würde mir Too Late nur allzu gern ins heimische Filmregal stellen.

 

8,5 von 10 Filmabenden im Drive-In-Kino

 

 

The Nice Guys

23. Oktober 2016 at 16:47

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

 

„You’re the world’s worst detective.“

 

 

 

Das Los Angeles im Jahre 1977. Vor diesem Hintergrund kreuzen sich die Wege von Jackson Healy und Holland March. Healy ist ein bezahlter Knochenbrecher und der Mann für Grobe, Holland March ein eher weniger erfolgreicher Privatdetektiv mit Alkoholproblem und alleinerziehender Vater. Der eine soll das Verschwinden einer jungen Frau aufklären, der andere ihn davon abbringen. Doch der Fall scheint größer zu sein als gedacht und schnell gerät Healy ins Visier von Killern. Letztlich tun sich die beiden zusammen um gemeinsam einer Spur zu folgen, die tief in die Porno-Industrie zu führen scheint…

 

Shane Black, die geistige Triebfeder des Buddy-Humors. Sicher, schon 1982 verfilmte Walter Hill mit 48 Hrs. ein Skript von Roger Spottiswoode, schickte Eddie Murphy und Nick Nolte auf eine witzige wie actionreiche Hatz durch San Francisco und erschuf so etwas wie den Prototypen des Buddy-Movie. Aber Shane Black schrieb die Drehbücher zu allen vier Filmen der unsterblichen Lethal Weapon-Reihe, dem grandiosen Last Boy Scout, zu  Last Action Hero und Tödliche Weihnachten, und drehte den tollen Kiss Kiss Bang Bang. Iron Man 3 mochte ich auch eben für diese Art von Humor, kann man aber auch durchaus vernachlässigen. Und nun liefert er mit The Nice Guys seine dritte Regiearbeit ab, bleibt seiner bisherigen Rezeptur treu und verlässt sich nach wie vor auf seine gewohnten Trademarks. Zum Glück, kann man da nur sagen, zum Glück. Wie schon in Kiss Kiss Bang Bang ist die Mischung aus zum Teil brutaler Action, schwarzem Humor und gelegentlichem Slapstick nahezu perfekt ausbalanciert und baut vielmehr auf unfreiwillige und spontane Komik als auf aufgesetzte Gags und Oneliner aus dem Lehrbuch. Die Chemie zwischen den beiden Protagonisten funktioniert ganz hervorragend und in diesem Aspekt muss sich The Nice Guys kein bisschen hinter so tollen Duos wie Gibson/Glover (Lethal Weapon), Downey, jr./Kilmer (Kiss Kiss Bang Bang), Willis/Wayans (Last Boy Scout), Stallone/Russell (Tango & Cash), De Niro/Grodin (Midnight Run) oder Nolte/Murphy (48 hrs.) verstecken. Russell Crowe als herrlich schmieriger Berufsschläger mit Herz erinnert an eine leicht verlotterte, in die Jahre gekommene Version seiner Figur aus L.A. Confidential, und harmoniert ganz wunderbar mit Ryan Gosling als im Grunde ständig betrunkener, abgezockter, aber eher unfähiger Privatschnüffler. In Hautfarbe, Geschlecht oder sozialer Status unterscheiden sich die beiden nicht, das für Buddy-Movies so typische Gefälle zwischen den beiden Protagonisten entsteht in The Nice Guys eher durch Kompetenz und Arbeitsethos. Die Vorgehensweise von Holland March grenzt oft beinahe schon an Betrug, er kassiert Honorare gern doppelt von ahnungslosen Rentnern und überlegt ständig, wie sich noch mehr Geld aus seinen Klienten herausholen lässt, immer auf der Suche nach dem nächsten Drink. Da muss auch schon mal seine kleine Tochter Holly das Auto fahren, weil Holland nicht mehr dazu in der Lage ist. Dagegen wirkt Jackson Healy nur oberflächlich brutal, hat sein Herz aber am rechten Fleck und versucht trotz seiner Profession als Knochenbrecher Gutes zu tun und aus diesem Zusammenspiel entwickeln sich herrliche Dialoge, pointierter Witz und absurder Slapstick. Die Story selbst ist noir-typisch verschachtelt erzählt und verknüpft extrem viele Fäden, von denen einige auch einfach ins Leere laufen und vollkommen bedeutungslos sind für den weiteren Verlauf. Überhaupt ist die eigentliche Story eher weniger von Bedeutung und in diesem übersteigerten Gestus gibt sich The Nice Guys auch als leicht parodistische Verbeugung vor dem klassischen Film Noir, dessen Inhalte auch oft weniger im Vordergrund stehen. So taumeln Holland March und Jackson Healy auch mehr oder weniger ahnungslos durch die Ereignisse, haben meist keinen Schimmer was läuft, reagieren nur statt zu agieren und oftmals ist es allein der Zufall, der ihnen hilft, denn nennenswerte Ermittlungsergebnisse erzielen die beiden eher selten. Auch optisch ist der Film ein Vergnügen mit einem herrlich bunten und abgedrehten Setdesign, welches ein authentisches 70er Jahre-Feeling aufkommen lässt. Funky und dreckig zugleich, auf der einen Seite abgedrehte Parties, exzentrisch und grell, auf der anderen Seite das L.A. der späten 70er, im Film ein schmutziger, verkommener Moloch, dessen Strassen von Korruption, Gewalt und Pornografie geprägt sind. Die Action ist kompetent und druckvoll genug inszeniert und wirkt mit all ihren Schießereien, Autostunts, Explosionen und old school-Schlägereien erfrischend bodenständig und geerdet in ihrem rohen Charme. Lediglich die eine oder andere digital bearbeitete Szene sticht ein klein wenig unangenehm hervor, aber das fällt auf die gesamte Laufzeit von rund zwei Stunden kaum ins Gewicht.

 

Mit The Nice Guys bleibt Shane Black seiner über die Jahre hinweg immer mehr verfeinerten Rezeptur für Buddy-Movies treu und kennt man seine Drehbücher oder seinen Film Kiss Kiss Bang Bang, dann weiß man, was man kriegt mit seinem neuesten Streich. Abermals ist die Balance aus Action, Gewalt, schwarzem Humor, Slapstick und pointierten Wortgefechten annähernd perfekt und die beiden Protagonisten harmonieren ganz hervorragend miteinander. The Nice Guys ist wunderbares, leicht schmieriges und irre unterhaltsames Genre-Kino und bildet den idealen Gegenpart zu Kiss Kiss Bang Bang für ein abendfüllendes Double Feature.

 

8 von 10 Typen namens Chet