Trance

3. Oktober 2016 at 11:59

 

 

© Fox Searchlight Pictures

 

 

 

„Do you want to remember, or do you want to forget?“

 

 

 

Der Kunstauktionator Simon ist Teil eines groß angelegten Gemäldediebstahls, wird dabei jedoch schwer am Kopf verletzt und kann sich in Folge dessen nicht mehr daran erinnern, wo er das Goya-Gemälde Flug der Hexen versteckt hat. Die Diebesbande rund um ihren Anführer Franck ist davon natürlich nicht begeistert und als Folter und Medikamente nicht den gewünschten Effekt erzielen, greift man als letzten Ausweg zu Hypnose. So soll die Therapeutin Elizabeth die verschollenen Erinnerungen wieder zu Tage fördern, doch je tiefer sie in Simons Unterbewusstsein vordringt, desto stärker vermischen sich seine Grenzen zwischen Realität und Illusion.

 

Oh Danny Boy. Ich möchte meine erneute Sichtung von Trance auch zum Anlass nehmen, um mal ein paar Gedanken über das Kino des Danny Boyle zu verlieren, den ich für einen oftmals sträflich unterschätzten und viel zu wenig beachteten Regisseur halte. Inhaltlich und thematisch lässt sich der Brite nämlich in keine Schublade stecken und springt mit seinen Filmen gerne wild durch allerlei Genre,  jedoch prägt seine Werke immer sein ganz eigener, unverkennbarer Stil, sehr modern, visuell aufregend und immer stark am Puls der Zeit. Aber aus irgendeinem mir nicht ganz ersichtlichen Grund wird Boyle trotz einer enormen Dichte an wirklich guten Filmen, angefangen bei Trainspotting und The Beach, über 28 Days Later und Sunshine, Slumdog Millionaire und 127 Hours bis hin zu eben Trance und zuletzt Steve Jobs, nicht so wahrgenommen, wie sein konstant hohes Niveau es eigentlich erwarten lassen würde. Irgendwie bewegt er sich immer ein wenig unter dem Radar oder, wie er selbst es ausdrückt: „I learned that what I’m better at is making stuff lower down the radar. Actually, ideally not on the radar at all.“

 

Was anfangs noch schwungvollen Schrittes mit einem direkt an das Publikum gerichteten Kommentar seitens James McAvoy als leichtgängiges Gaunerstück daherkommt, das verzerrt Danny Boyle schon bald zu einem wilden, psychedelischen Trip, in dessen Verlauf die Grenzen zwischen Realität und Illusion schon bald zu verschwimmen beginnen, bis sie sich letztlich vollkommen auflösen. Wenn Trance auf der thematischen Ebene die Beschaffenheit unserer Realität und wie wir diese wahrnehmen hinterfragt und auf den Prüfstein stellt, dann ist der Film gar nicht so weit entfernt von Inception, wie man vielleicht glauben möchte. Während jedoch Christopher Nolan seine in immer tiefer liegende Traumebenen absteigenden Schachzüge sorgsam vorbereitet und sauber ausführt, damit der Zuschauer nie völlig den Überblick verliert und der Orientierungslosigkeit anheim fällt, kümmert sich Danny Boyle nicht im geringsten um die Etablierung einer solchen inneren Logik und lässt uns viel lieber immer tiefer in diesen Strudel aus Wahrheit, Lüge, Suggestion und Einbildung fallen. Viel eher spürt man in jedem Moment die reine Lust am Fabulieren des waghalsigen Plots, der sich nicht eine Sekunde lang groß um eben erwähnte innere Logik schert und ganz eindeutig keinerlei Interesse an der geradezu mathematischen Präzision eines Inception hat. Bereits der Durchbruch der Vierten Wand gleich zu Beginn von Trance ist elementar bedeutsam, spricht doch McAvoy direkt in die Kamera und erzählt dem Zuschauer von berühmten, geraubten Kunstwerken. Eines davon ist ein Rembrandt, in dessen Bildmitte sich der Künstler selbst hinein gemalt hat, und dort sitzt er und sieht seinen Betrachter ebenso an wie uns Simon in diesem Moment, und dennoch geht er in der Gesamtbetrachtung leicht unter. Diese paradoxe Struktur wird zum Leitmotiv des Filmes und fortan geht es immer auch um die Frage: was sieht man, was nicht und welche Bedeutung misst man dem bei. In welchem Gemälde befinden wir uns eigentlich? Und ist Simon der Betrachter oder schon Teil des Kunstwerks?

 

Trance ist ein vollkommenes Kunstprodukt und eine ganz klare Abkehr vom Alltagsrealismus. Nichts in diesem Film ist dem Zufall überlassen und einer schöpferischen Logik unterworfen, welche sich durch und durch der puren Ästhetik des digitalen Kinos verschrieben hat. Und diese reizt Danny Boyle auch bis an ihre Grenzen aus und erschafft ein geradezu psychedelisches Verwirrspiel um Sein und Schein, Trug und Wahrheit, einen surrealen wie elektrisierenden Heist-Thriller mit reichlich Anleihen an den Film Noir. Trance ist sicherlich nicht Boyles bester Film, aber er weiß sehr wohl um dessen Stärken und Schwächen, versteht diese gekonnt zu nutzen und erschafft so einen modernen, pulsierenden Reigen rund um Realität, Wahrnehmung und verschütteten Erinnerungen, welcher nicht dem Fehler erliegt, alles erklären zu wollen, aber gleichzeitig auch nie so verworren und undurchsichtig wird, dass man ihm nicht mehr folgen könnte. Letztlich sind unsere Erinnerungen ein Teil unserer Persönlichkeit und gleichzeitig auch nur Abbilder der Wirklichkeit. Sie können uns trügen, sich im Laufe der Zeit verfälschen oder uns gar völlig in die Irre führen, aber wir brauchen die Gewissheit, dass sie uns zu dem machen, was wir sind. Sind unsere Erinnerungen gefälscht, dann sind wir es auch.

 

8 von 10 Schlüsseln im Wandschrank

 

 

True Detective – Staffel 2

21. März 2016 at 17:39

 

 

© HBO

 

 

 

„We get the world we deserve.“

 

 

 

Als Ben Caspere, der City Manager der fiktiven kalifornischen Kleinstadt Vinci, ermordet aufgefunden wird, werden gleich drei verschiedene Dienststellen mit dem Fall betraut. Detective Ray Velcoro von der Polizei Vinci, Detective Ani Bezzerides aus Ventura County und Paul Woodraugh von der California Highway Patrol müssen nun gemeinsam ermitteln. Zudem hat auch noch der Gangster Frank Semyon großes Interesse an dem Mord, denn ihn verbindet mit Caspere ein großer Immobiliendeal, der Semyon viel Geld gebracht und den Weg in die Legalität geebnet hätte, nun aber zu platzen droht und ihn ruinieren könnte. Je weiter die drei Polizisten und mit seinen Mitteln auch Semyon in diesem Fall vordringen, so größer scheint sich ein komplexes Gewirr aus Politik, Korruption, Gier und Mord nach und nach auszubreiten. Schnell kommt die Frage auf, ob überhaupt jemand ernsthaft Interesse daran hat, den Mord aufzuklären…

 

Wagen wir doch einmal einen Ausflug in die Welt der Serien. Ich bekenne mich dazu, dass ich die hochgelobte und preisgekrönte erste Staffel von True Detective annähernd perfekt finde und diese acht Episoden für mich das beste sind, das seit langer Zeit über den Bildschirm flimmerte. Inhaltlich hin und wieder vielleicht mit der einen oder anderen Länge versehen, stilistisch aber zweifellos überragend und Maßstäbe setzend, wie gute und intelligente TV-Unterhaltung aussehen kann. Dazu noch zwei schauspielerische Hochkaräter als Darsteller, eine morbid-düstere, drückende Atmosphäre mit frischem Südstaatenszenario, das Drehbuch von Nic Pizzolatto, ein exzellenter Soundtrack und das (rückblickend ohne jeden Zweifel geniale) Wagnis, alle acht Episoden mit Cary Fukunaga durchgängig von nur einem Regisseur inszenieren zu lassen, und schon war die Fernsehlandschaft um eine wahre Perle reicher. Nun also haben wir Staffel 2 im Handel, ich konnte es mir natürlich nehmen lassen, sie mir anzusehen und möchte nun ein klein wenig Bilanz ziehen.

 

Der Fairness halber muss erwähnt werden, dass True Detective von Anfang an als Anthologie gedacht war und jede Staffel in sich abgeschlossen sein und für sich selbst stehen würde. Insofern ist es im Grunde nicht gerecht, beide Staffeln direkt miteinander zu vergleichen, aber ich bin da ehrlich und gebe zu, dass das nur schwer bis gar nicht möglich ist, auch wenn wirklich nichts außer dem Drehbuchautor  beide miteinander verbindet. Regie, Schauspieler, Setting, Story, alles ist anders, alles ist neu. Trotzdem will ich versuchen, Staffel 2 so neutral wie möglich und losgelöst von ihrer Vorgängerin zu betrachten, auch wenn mir das vermutlich nicht immer ganz gelingen wird und der geradezu monolithische Schatten der ersten Staffel kaum zu leugnen ist. Alles neu also, alles auf Anfang, alles auf Null. Die offensichtlich größten Neuerungen betreffen Cast und Setting. Nach Detective Rust Cohle und Detective Marty Hart, den beiden Hauptfiguren der ersten Staffel, wurde der Cast nun auf vier handlungsrelevante Figuren aufgestockt. Zudem entführt uns Staffel 2 von dem mythisch-entrückten Setting der Südstaaten hinein in den schmutzigen, urbanen Realismus des Molochs L.A. und dessen fiktiver Anliegerstadt Vinci. Bedingt durch die zahlenmäßige Vergrößerung der Protagonisten wird zwangsläufig auch die Story deutlich komplexer. Da wird es auch schon einmal recht schnell in den ersten ein oder zwei Episoden zu einem Problem, dass dem geneigten Zuschauer in der Etablierung des Szenarios sehr viele Informationen auf einmal auf sehr engem Raum präsentiert werden und gerne mal die Übersicht verloren geht. Namen, Orte, Beziehungen, Ereignisse, gerade zu Beginn ist der Plot doch sehr verdichtet und kompakt und die erzählerische Balance stimmt noch nicht so ganz, was sich jedoch im weiteren Verlauf der Handlung ein wenig relativiert. Auch fällt auf, dass sich die Figuren charakterlich sehr gleichen, alles sind ähnlich traumatisiert, haben ähnliche tiefe Narben in ihren Seelen und Leichen im Keller. Egal, ob Velcoro, Bezzerides oder Woodraugh, alle haben das eine oder andere finstere Geheimnis, welches sie mit sich herum schleppen müssen und das sie früher oder später einholen wird. Selbst oder gerade Frank Semyon ist da keine Ausnahme, den zudem noch eine alte Geschichte mit Velcoro verbindet.

 

 

 

„Pain is inexhaustible. It´s only people that get exhausted.“

 

 

 

Inszenatorisch ist das alles auf hohem Niveau, da kann man kaum meckern, und obwohl insgesamt sechs Regisseure die acht Episoden unter sich aufteilen, ist eine erzählerische Stringenz klar erkennbar. Zahlreiche Motive und Anklänge an die Welt des (Neo) Noir sind nur allzu offensichtlich und werden mit einem guten Schuss David Lynch-Ästhetik vermischt, was an und für sich gut funktioniert und einen eigenständigen Look kreiert. Allerdings fehlt es mir ein wenig an dieser morbiden Faszination, die das Setting der ersten Staffel noch auf mich ausübte, was aber natürlich rein subjektives Empfinden und meiner grundsätzlichen Vorliebe für die Südstaaten als Szenario geschuldet ist. Das Finale der vierten Episode ist ganz ähnlich dem in Staffel 1 ein wenn auch nicht ganz so eindrucksvoll inszeniertes, aber doch sehr starkes Stück Serie, dessen Qualität die gesamte Staffel nicht immer halten kann. Allerdings gibt es dann erst einmal einen irgendwie eigenartig harten Schnitt und die Ereignisse machen zeitlich einen guten Sprung nach vorne. Schon wieder sieht man sich mit allerhand neuen Informationen konfrontiert und muss erst einmal all das inhaltlich einordnen. Wohin die Reise nun hingehen soll ist zunächst einmal nicht ganz klar, zumal unsere vier Hauptfiguren versetzt, nicht mehr im Dienst oder im Falle von Frank Semyon doch wieder in alte Verhaltensweisen verfallen sind und der eigentlich ursprüngliche Mordfall eine Zeit lang kaum bis gar nicht mehr Thema ist. Das Tempo wird bis kurz vor Schluss ein wenig raus genommen und gerade das Staffelfinale in Form von Folge acht ist mit einer Laufzeit von rund 90 Minuten dann doch zu lang geraten, bietet zuviel unnützes Füllmaterial und schleppt allerhand unnötigen Ballast mit sich herum. Überhaupt ist das eines von in meinen Augen zwei ganz großen Problem der zweiten Staffel von True Detective, dass der Zuschauer beinahe über die gesamte Laufzeit mit Informationen gefüttert wird, bei denen nie wirklich klar ist, ob sie nun relevant und wichtig sind für den weiteren Handlungsverlauf oder eben nicht. Zudem ist die Story an sich einfach ein bisschen zu umständlich konstruiert und um eine oder zwei Ecken zuviel gedacht, wodurch immer wieder der Fokus verloren geht. Nie kann man als Zuschauer sicher sein, ob das aktuelle Geschehen nun von Bedeutung ist oder nicht, aber das Drehbuch nutzt das nicht als bewusst irreführendes Element, es ist einfach zu voll gestopft mit Nebensächlichkeiten, legt permanent Fährten aus, die schnell wieder in Vergessenheit geraten und ist zumindest in dieser Hinsicht oftmals seltsam schwammig inszeniert, so als hätte sich Nic Pizzolatto bis zum Schluss noch alle Optionen offen halten wollen. Ich selbst empfand es als ein wenig frustrierend, wenn ich Folge für Folge am dem Fall mitdenke, versuche, alle Puzzleteile einzusammeln und zusammenzusetzen, um das Gesamtbild zu enthüllen, und am Ende feststellen muss, dass drei Viertel der Puzzleteile wertlos waren und die eigentliche Auflösung verhältnismäßig banal und eher zufällig um die Ecke kommt. Ein in meinen Augen weiteres, recht schwerwiegendes Problem der zweiten Staffel sind die enorm klischeehaft geschriebenen Charaktere. Ich werde da jetzt nicht ins Detail gehen, das müsst ihr schon selbst erledigen, aber allein die Figur des Paul Woodraugh ist buchstäblich ein Klischee auf zwei Beinen in nahezu jeglicher Hinsicht und zudem noch inhaltlich weitestgehend absolut nutzlos. Und auch Velcoro, Bezzerides und Semyon sind mal mehr, mal weniger doch arg klischeebelastet. Von diversen völlig überzeichneten Nebenfiguren mal ganz zu schweigen, das grenzt phasenweise schon auch ans Lächerliche. Auch die Figurenentwicklung an sich empfinde ich nicht immer als gelungen und gänzlich konsequent und die Auflösung aller Ereignisse konnte mich auch nur bedingt befriedigen. Oberflächlich erscheint das Ende als zynisch und stimmig, aber genauer betrachtet war mir der Schluss bei mindestens einer Figur schlichtweg zu dumm und bei einer anderen einfach nicht konsequent genug.

 

Unterm Strich liest sich das jetzt vielleicht wie ein Verriss, aber das soll es nun auch nicht sein. Die zweite Staffel von True Detective bietet solide inszenierte Krimikost, die wohl überwiegend darunter zu leiden hat, dass True Detective drauf steht. Allerdings sollte man vielleicht für eine weitere, dritte Staffel Drehbuchautor Nic Pizzolatto den einen oder anderen Co-Autor an die Seite stellen, der ihn zu Gunsten der erzählerischen Balance ein wenig bremst. Schon in Staffel eins war so manches plump geschrieben, aber dort konnte Cary Fukunaga als Regisseur noch so einiges wieder ausbügeln. Letztlich will der Plot der zweiten Staffel zuviel und bietet zu wenig, verliert sich allzu oft in Nebensächlichkeiten und streut Hinweise, die ebenso schnell wieder in Vergessenheit geraten wie sie urplötzlich auf der Bildfläche erscheinen. Grundsätzlich sind Story, Setting und Figuren durchaus interessant, aber Pizzolatto denkt einfach zu umständlich und konstruiert einen riesigen Überbau, der für den Kern der Handlung unnötig ist. Kurz noch zur besseren Einordnung meiner Gewichtung: die erste Staffel bekommt von mir trotz einiger Längen und Makel dennoch 10 von 10, die zweite ist immer noch gute Unterhaltung, aber auch nicht annähernd in den Sphären ihrer Vorgängerin, denn insgesamt fiel es mir schwerer in die zwar komplexe, aber mitunter auch verworrene Story hinein zukommen und auch diese sogartige Faszination der ersten Staffel wollte sich nicht bei mir einstellen.

 

7 von 10 Lektionen in Kindererziehung

 

 

Inherent Vice

7. Juli 2015 at 13:14

 

 

 

Inherent Vice (2014)
Inherent Vice poster Rating: 6.8/10 (36251 votes)
Director: Paul Thomas Anderson
Writer: Paul Thomas Anderson (written for the screen by), Thomas Pynchon (based on the novel by)
Stars: Joanna Newsom, Katherine Waterston, Joaquin Phoenix, Jordan Christian Hearn
Runtime: 148 min
Rated: R
Genre: Crime, Drama, Mystery
Released: 9 Jan 2015
Plot: In 1970, drug-fueled Los Angeles private investigator Larry "Doc" Sportello investigates the disappearance of a former girlfriend.

 

 

 

„And least askable of all, how passionately did she really feel about old Mickey? Doc knew the likely reply, „I love him“, what else? With the unspoken footnote that the word these days was being way too overused.”

 

 

 

Los Angeles, 1970. Der im Grunde ständig bekiffte Privatdetektiv Larry „Doc“ Sportello erhält Besuch von seiner Ex-Freundin Shasta. Er soll ihren Liebhaber, den Immobilienmogul Mickey Wolfman ausfindig machen, denn Shasta glaubt, dass seine Frau und deren Lover ihn nicht nur um sein Vermögen erleichtern, sondern ihn auch in die Psychatrie bringen wollen. Doc nimmt widerwillig an und beginnt mit seinen Ermittlungen, doch der Fall scheint deutlich komplexer und undurchdringlicher als ursprünglich gedacht…

 

Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Benicio Del Toro, Owen Wilson, Eric Roberts, Reese Witherspoon, Martin Short… die Besetzung, die Regisseur Paul Thomas Anderson für sein neuestes Werk, eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Thomas Pynchon, auffährt, ist schlicht beeindruckend. Anderson hat nicht besonders viele Filme in seiner Vita, aber dafür sind sie fast immer ganz besondere Erlebnisse, egal, ob Boogie Nights, Magnolia, There Will Be Blood oder The Master, sie alle sind faszinierende und elektrisierende Filme, die den Zuschauer immer auf ihre ganz eigene Art und Weise zu fesseln wissen. Und Inherent Vice reiht sich da mühelos ein, im Kern eine ganz klassische Detektivgeschichte des Film Noir, ein Derivat aus The Big Sleep, Chinatown und The Big Lebowski. Aber eben nur im Kern, ist die Oberfläche erst einmal durchbrochen, offenbaren sich dort völlig andere Welten, mit jeder weiteren Handlungs – und Bedeutungsebene wird die Story immer komplexer und undurchdringlicher. Genüsslich macht Anderson eine Nebenhandlung nach der anderen auf, schichtet Subplot auf Subplot, bis die Story so überladen mit Handlungselementen und Figuren ist, dass sich der Zuschauer ebenso wenig in diesem Dickicht zu Recht findet wie Doc Sportello selbst. Inherent Vice ist ein erzählerisches Meisterwerk, das ins Nichts führt, voller Wendungen, falscher Fährten und doppelten Böden, Flashbacks und Halluzinationen, bald schon vermischen sich Rausch und Realität, Wahnvorstellung und Wirklichkeit werden untrennbar und sind kaum noch zu unterscheiden, und plötzlich wird irgendwann klar, dass man die ganze Zeit über an der Nase herumgeführt wird und die Handlung absolut nebensächlich ist und lediglich als Vehikel dient, viel wichtiger ist der Fluss der Bilder und Stimmungen. Und genau das bringt mich zu der Überzeugung, dass man den Film nicht nur öfter schauen kann, sondern sogar muss, um all die feinen Nuancen und Facetten entdecken zu können, die beim ersten Mal untergehen, weil man so sehr versucht einer verschachtelten Story zu folgen, die eigentlich nicht von Bedeutung ist, vielmehr muss sich der Betrachter vom narrativen Element lösen.

 

 

 

„Well, it’s dark and lonely work but somebodies gotta do it right?”

 

 

 

So ist es auch nicht die Handlung, die den erzählerischen Rahmen bildet, sondern die Stimme aus dem Off, das Voice-Over der jungen Sortilège, die Doc Sportellos Geschichte in Worte fasst und als roter Faden dient, auch wenn es etwas nebulös bleibt, welche Rolle ihr in diesem psychedelischen Treiben zukommt. Dennoch ist sie es, die uns als Zuschauer an die Hand nimmt und durch diese Welt führt, scheinbar ohne jemals aktiv an den Ereignissen beteiligt zu sein. Und diese Welt hat es in sich, sie ist bevölkert von bizarren und skurrilen Figuren, die sich zum Teil im Minutentakt die Klinke in die Hand geben. Da ist zum einen natürlich unser „Held“ Doc Sportello, dauerhaft stoned und immer irgendwie leicht neben der Spur, da sind aber auch der ultrareaktionäre und brutale Cop Christian F. „Bigfoot“ Bjornsen, ein Klischee auf zwei Beinen mit seinem militärischen Bürstenhaarschnitt und seiner großen Freude an Bürgerrechtsverletzungen, oder Sportellos Freund, der auf Seerecht spezialisierte Anwalt Sauncho Smilax, seine Ex-Freundin Shasta Fay Hepworth oder eine gewisse Japonica Fenway, es gibt mit Drogen dealende Zahnärzte und Juden, die lieber Nazis wären und sich deswegen mit Nazis umgeben, drogensüchtige Saxophonspieler auf Entzug in doppelten Rollen… die kuriosesten menschlichen Existenzen tauchen auf, kreuzen Docs Weg und verschwinden oft genau so schnell wieder wie sie aufgetaucht sind… allein all die obskuren Namen sind ein Genuss.

 

Doc Sportello scheint auf den ersten Blick ebenfalls nur ein weiteres Klischee zu sein und sämtliche gängigen Stereotypen zu erfüllen, aber das trifft es nicht ganz, denn nicht selten werden eben jene Klischees aufgegriffen, es wird mit ihnen gespielt, sie werden unterwandert oder gar ganz ignoriert. Auch wenn Joaquin Phoenix`Performance hier gänzlich anders, viel entspannter und zurückgelehnter angelegt ist wie noch in Andersons The Master, ist sie dennoch nicht weniger beeindruckend. Er verkörpert all die kleinen Facetten seiner Figur absolut glaubwürdig, den bekifften Hippie ebenso wie den Privatdetektiv, und steht wie der Dude in The Big Lebowski irgendwie ein bisschen über den Dingen, er scheint nichts zu ernst zu nehmen, aber auch nichts zu leicht. Es macht wahnsinnig viel Spaß, Phoenix bei seiner verspulten Darbietung zu zuschauen. Aber auch Josh Brolin als „Bigfoot“ Bjornsen liefert hier eine beeindruckende Vorstellung, seit No Country for Old Man hab ich ihn nicht mehr so gut erlebt, und auch seine Figur erliegt dank seinem Spiel nicht völlig den Klischees, die ihr inne wohnen, auch er spielt zwischendurch damit, kokettiert mit ihnen, hebelt sie aus. Beide Figuren verkörpern auch zwei Extreme ihrer Zeit, Doc der liberale und sich treiben lassende Hippie und Bigfoot, der ultrareaktionäre Hardliner, beides Relikte und durch den Wandel der Zeit vom Aussterben bedroht, harte Drogen und die Manson-Morde zerstören den Traum der freien Liebe, und die rüden Polizeimethoden sind nicht länger gefragt. So ist ihre Beziehung zu einander durch eine seltsame Mischung aus Ablehnung, Freundschaft, Respekt und Paranoia geprägt. Der Rest der Darstellerriege ist nicht wesentlich schlechter als die beiden, aber oft haben ihre Figuren recht wenig Screentime, und dennoch bleiben ihre meist skurrilen Auftritte im Gedächtnis haften. Abgerundet wird dieser psychedelische Reigen durch wirklich grandiose Dialoge, bei denen es sich manchmal sogar lohnt zweimal hinzuhören, weil gerne mal mehr hinter den Worten steckt als man annehmen würde, einer ordentlichen Portion Zynismus und wohldosierten Spitzen tiefschwarzen Humors, der so durchaus auch von den Coen-Brüdern stammen könnte.

 

Inherent Vice ist eine seltsame Mischung aus Detektiv-Story und schwarzer Komödie, Kifferhumor trifft auf Film Noir, ein in seiner Inszenierung durch und durch altmodischer Film, angelehnt an die alten Klassiker, aber dennoch absolut eigenständig. Das Setting des 1970er Los Angeles ist hervorragend eingefangen und auch der überaus gelungene Soundtrack trägt seinen Teil dazu bei. Paul Thomas Anderson hat hier einen verschlungenen Trip durch eine bizarre Welt voller skurriler Figuren erschaffen, der zum mehrmaligen Schauen einlädt, ja, geradezu dazu nötigt, ein erzählerisches Glanzstück, das seine wahre Schönheit erst dann wirklich offenbart, wenn man seine Mechanismen durchschaut hat. Aber keine Angst, Inherent Vice funktioniert auch als simple Detektivgeschichte sehr gut.

 

8 von 10 japanischen Pfannkuchen

 

 

 

Sin City: A Dame to Kill For

15. Mai 2015 at 22:05

 

 

 

Sin City: A Dame to Kill For (2014)
Sin City: A Dame to Kill For poster Rating: 6.6/10 (80798 votes)
Director: Frank Miller, Robert Rodriguez
Writer: Frank Miller, Frank Miller (graphic novels)
Stars: Mickey Rourke, Jessica Alba, Josh Brolin, Joseph Gordon-Levitt
Runtime: 102 min
Rated: R
Genre: Crime, Thriller
Released: 22 Aug 2014
Plot: Some of Sin City's most hard-boiled citizens cross paths with a few of its more reviled inhabitants.

 

 

 

„Sin City’s where you go in with your eyes open, or you don’t come out at all.”

 

 

 

Neun Jahre ist es jetzt her seit Robert Rodriguez letztem Abstecher in die düstere Welt der Comics von Frank Miller, seit wir zum ersten Mal einen Blick auf den verkommenen Moloch Basin City werfen konnten. Sin City war neuartig, aufregend und faszinierend, wie die Quintessenz aller Noir und Hard Boiled – Filme – und Stories gebündelt in zwei Stunden Laufzeit, voller völlig kaputter Figuren, ohne Moral oder Skrupel. Visualisierung und Erzählstruktur waren beinahe schon revolutionär, der extrem stilisierte und ästhetische Schwarz/Weiß-Look passte perfekt zu den verkommenen Charakteren und deren Geschichten. Marv, Dwight, Hartigan, sie alle waren düstere Gestalten, die einen mehr, die anderen weniger, aber alle waren sie gebrochene Männer, die etwas verloren hatten.

 

Um mein Urteil vorweg zunehmen und mich kurz zu halten: Sin City: A Dame to Kill For kann da nicht annähernd mithalten, ist über weite Strecken sogar schlicht und ergreifend überflüssig. Es mangelt an allen Ecken und Enden an guten Ideen und Geschichten, sie sind vielmehr absolut belanglos und wissen zu keiner Sekunde den Zuschauer zu packen oder in sich hineinzuziehen. Spannung kommt kaum auf, dafür bleibt alles viel zu oberflächlich, es fehlt mir das Schmutzige des ersten Teils, hier wirkt vieles einfach nur lieblos und vor allem viel zu glatt. So gut wie nichts, was den ersten Teil noch ausgemacht hatte lässt sich im zweiten wiederfinden. Auch kommt es Sin City: A Dame to Kill For nicht zu Gute, dass er als Prequel und Sequel zugleich ausgelegt ist, die ständigen Sprünge im Vergleich zu den Geschichten des ersten Films, gerade in Bezug auf Marv, stiften nur zusätzlich Verwirrung und führen letztlich dazu, dass der Film seine innere Logik nicht aufrecht erhalten kann. Die Inszenierung wirkt längst nicht mehr so räudig wie vor neun Jahren, viele Szenen kommen erstaunlich billig daher und doch sehr künstlich, das war in Sin City noch deutlich anders. Zudem wird der Einsatz der Farbkontraste derart inflationär betrieben, dass er völlig seine Wirkung einbüßt, was schade ist, waren das doch sonst punktuell sehr effektive Momente. Eva Green gibt die unterkühlte und manipulative Femme Fatale routiniert und darf ein paar Mal nackt durchs Bild laufen, langweilt aber auch sehr schnell. Der Rest des Cast gibt sich erstaunlich wenig Mühe und die rar gesäten interessanten Charaktere verkommen bis auf Marv und mit Abstrichen noch Dwight zu nutzlosem Beiwerk, ihr Potential wird kaum genutzt. Überhaupt bleiben die Figuren diesmal, obwohl teils die gleichen wir im Vorgängerfilm, sehr flach und blass, es gibt einfach keinen Grund mehr, mit ihnen noch mitzufiebern, sie erreichen den Zuschauer zu keinem Zeitpunkt, sie lassen einen kalt.

 

Vielleicht hat das Konzept Sin City wirklich nur für einen Film funktioniert und ist verbraucht. 300: Rise of an Empire hatte ja mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Vielleicht ist der Reiz des Neuartigen verpufft. Vielleicht war auch der Abstand von neun Jahren einfach zu groß, wer weiß. Auf jeden Fall ist Sin City: A Dame to Kill For vor allem eines, er ist langweilig. Langweilig und absolut entbehrlich, eine durch und durch überflüssige und unnötige Fortsetzung, die höchstens noch am Status des Vorgängers rüttelt.

 

2 von 10 gebrochenen Fingern