Too Late

11. Dezember 2016 at 17:26

 

 

© Foe Killer Films

 

 

 

„A movie about a missing woman… and a lost man.“

 

 

 

Privatdetektiv Mel Sampson erhält einen Anruf von einer alten Freundin, die ihn nach Jahren plötzlich um Hilfe und ein sofortiges Treffen bittet. Mel macht sich gleich auf den Weg, erreicht den vereinbarten Treffpunkt jedoch und kann Dororthy nur noch tot auffinden. Also macht er es sich zur Aufgabe, den Mörder zu finden und den Fall aufzuklären. Eine erste Spur führt in ein Strip-Lokal in Los Angeles.

 

Jean-Luc Godard sagte einmal sinngemäß: all you need to make a movie is a gun and a girl. Beides hat Too Late zu bieten und noch so einiges mehr als das. Ich bin eher zufällig bei Netflix über diese kleine Perle gestolpert, war neugierig und durfte schließlich einen der für mich besten Filme des Jahres entdecken. Das Regiedebüt des mir bisher gänzlich unbekannten Dennis Hauck ist tief im Genre des Film Noir verwurzelt und die Hauptfigur des Mel Sampson vereint viele Merkmale der klassischen Hard Boilded Private Eyes wie Philip Marlowe, Sam Spade oder Jack Gittes, versehen mit einem Spritzer Jeff Lebowski. Geradezu archetypisch für sein Genre, eher durchschnittlich, nicht besonders gut aussehend, rauchend und trinkend. Zwar trägt er einen Revolver mit sich, zieht aber eine Schlägerei jederzeit vor. Too Late ist einer sehr kleine Independent-Produktion mit wahnsinnig schmalem Budget und es ist umso erstaunlicher, was für ein fiebrig treibendes Kleinod da erstanden ist. Gefilmt hat Hauck seinen ersten Langfilm vollständig auf 35mm Techniscope Filmmaterial, was den Film seltsam zeitlos und gleichzeitig irgendwo tief in einem Los Angeles der 70er Jahren verortet wirken lässt. Besonders reizvoll wird Too Late letztlich vor allem dadurch, dass der Film in fünf jeweils 22 minütigen Abschnitten gedreht wurde, von denen jeder für sich ein einziger Longtake ist, vollkommen ohne offensichtliche oder versteckte Schnitte oder ähnliche technische Tricks und Kniffe. Um das ganze dann erzählerisch auf die Spitze zu treiben, sind diese fünf Abschnitte auch nicht chronologisch angeordnet, sondern Too Late springt viel lieber auf seiner eigenen Zeitlinie immer wieder hin und her, vor und zurück. Der dadurch unweigerlich entstehende episodenhafte Charakter des Filmes wird aber zu keiner Sekunde konfus oder verwirrend, auch wenn die Sprünge anfangs etwas eigenartig anmuten. Dem einen oder anderen mag da vielleicht Tarantino in den Sinn kommen, aber das Regiedebüt von Dennis Hauck ist von einer Klarheit und Präzision, die ihres gleichen sucht und lässt ihn mit einem Low Budget-Film weit billiger als damals Reservoir Dogs ganz schön alt aussehen. So sind auch die Dialoge makellos geschrieben, überhaupt ist das ganze Drehbuch von einer beeindruckend schlichten Eleganz, einfach gehalten, aber unglaublich effektiv und fantastisch umgesetzt. Sehr viel von dieser grazilen Würde, welche der ganze Film ausstrahlt, fällt auf John Hawkes zurück, der seinen Mel Sampson mit so viel zärtlicher Melancholie versieht, dass es eine wahre Freude ist, ihn in jeder seiner Szenen zu beobachten. Er macht aus einem, wenn auch persönlichen, aber doch eher gewöhnlichen Vermisstenfall, die intime Reise eines Mannes auf der Suche nach Wiedergutmachung vergangener Fehler und Taten. Wenn Mel Dorothys Leiche findet, dann braucht es keinen Gegenschuss, denn Hawkes Gesicht allein reicht völlig aus um einfach alles nötige auszudrücken. So ist Too Late letztlich auch ein Film über Menschen, die es nicht immer leicht haben, die sich so durchschlagen, Ausgestoßene und Außenseiter, gesellschaftliche Randerscheinungen, mit denen das Leben es nicht immer gut meint. Menschen, die manchmal auch einfach vom Leben verschluckt werden so wie Dorothy, Verlierer vielleicht, ja, aber in Würde und mit einem guten Herzen. Oder zumindest dem Versuch, sich beides irgendwie zu bewahren.

 

Too Late gehört für mich zweifellos zu den ganz großen Überraschungen des Filmjahres 2016. Ein sehr kleiner Film, dafür aber mit umso größerer Wirkung auf mich, die auch nachhaltig zu bestehen weiß. Soweit ich das überblicken kann, gibt es dieses beeindruckende Kleinod bisher lediglich in digitaler Form bei diversen Streaming-Portalen, eine physische Veröffentlichung konnte ich bisher nicht erblicken. Das ist schade, denn ich würde mir Too Late nur allzu gern ins heimische Filmregal stellen.

 

8,5 von 10 Filmabenden im Drive-In-Kino

 

 

The Nice Guys

23. Oktober 2016 at 16:47

 

 

© Warner Bros. Pictures

 

 

 

„You’re the world’s worst detective.“

 

 

 

Das Los Angeles im Jahre 1977. Vor diesem Hintergrund kreuzen sich die Wege von Jackson Healy und Holland March. Healy ist ein bezahlter Knochenbrecher und der Mann für Grobe, Holland March ein eher weniger erfolgreicher Privatdetektiv mit Alkoholproblem und alleinerziehender Vater. Der eine soll das Verschwinden einer jungen Frau aufklären, der andere ihn davon abbringen. Doch der Fall scheint größer zu sein als gedacht und schnell gerät Healy ins Visier von Killern. Letztlich tun sich die beiden zusammen um gemeinsam einer Spur zu folgen, die tief in die Porno-Industrie zu führen scheint…

 

Shane Black, die geistige Triebfeder des Buddy-Humors. Sicher, schon 1982 verfilmte Walter Hill mit 48 Hrs. ein Skript von Roger Spottiswoode, schickte Eddie Murphy und Nick Nolte auf eine witzige wie actionreiche Hatz durch San Francisco und erschuf so etwas wie den Prototypen des Buddy-Movie. Aber Shane Black schrieb die Drehbücher zu allen vier Filmen der unsterblichen Lethal Weapon-Reihe, dem grandiosen Last Boy Scout, zu  Last Action Hero und Tödliche Weihnachten, und drehte den tollen Kiss Kiss Bang Bang. Iron Man 3 mochte ich auch eben für diese Art von Humor, kann man aber auch durchaus vernachlässigen. Und nun liefert er mit The Nice Guys seine dritte Regiearbeit ab, bleibt seiner bisherigen Rezeptur treu und verlässt sich nach wie vor auf seine gewohnten Trademarks. Zum Glück, kann man da nur sagen, zum Glück. Wie schon in Kiss Kiss Bang Bang ist die Mischung aus zum Teil brutaler Action, schwarzem Humor und gelegentlichem Slapstick nahezu perfekt ausbalanciert und baut vielmehr auf unfreiwillige und spontane Komik als auf aufgesetzte Gags und Oneliner aus dem Lehrbuch. Die Chemie zwischen den beiden Protagonisten funktioniert ganz hervorragend und in diesem Aspekt muss sich The Nice Guys kein bisschen hinter so tollen Duos wie Gibson/Glover (Lethal Weapon), Downey, jr./Kilmer (Kiss Kiss Bang Bang), Willis/Wayans (Last Boy Scout), Stallone/Russell (Tango & Cash), De Niro/Grodin (Midnight Run) oder Nolte/Murphy (48 hrs.) verstecken. Russell Crowe als herrlich schmieriger Berufsschläger mit Herz erinnert an eine leicht verlotterte, in die Jahre gekommene Version seiner Figur aus L.A. Confidential, und harmoniert ganz wunderbar mit Ryan Gosling als im Grunde ständig betrunkener, abgezockter, aber eher unfähiger Privatschnüffler. In Hautfarbe, Geschlecht oder sozialer Status unterscheiden sich die beiden nicht, das für Buddy-Movies so typische Gefälle zwischen den beiden Protagonisten entsteht in The Nice Guys eher durch Kompetenz und Arbeitsethos. Die Vorgehensweise von Holland March grenzt oft beinahe schon an Betrug, er kassiert Honorare gern doppelt von ahnungslosen Rentnern und überlegt ständig, wie sich noch mehr Geld aus seinen Klienten herausholen lässt, immer auf der Suche nach dem nächsten Drink. Da muss auch schon mal seine kleine Tochter Holly das Auto fahren, weil Holland nicht mehr dazu in der Lage ist. Dagegen wirkt Jackson Healy nur oberflächlich brutal, hat sein Herz aber am rechten Fleck und versucht trotz seiner Profession als Knochenbrecher Gutes zu tun und aus diesem Zusammenspiel entwickeln sich herrliche Dialoge, pointierter Witz und absurder Slapstick. Die Story selbst ist noir-typisch verschachtelt erzählt und verknüpft extrem viele Fäden, von denen einige auch einfach ins Leere laufen und vollkommen bedeutungslos sind für den weiteren Verlauf. Überhaupt ist die eigentliche Story eher weniger von Bedeutung und in diesem übersteigerten Gestus gibt sich The Nice Guys auch als leicht parodistische Verbeugung vor dem klassischen Film Noir, dessen Inhalte auch oft weniger im Vordergrund stehen. So taumeln Holland March und Jackson Healy auch mehr oder weniger ahnungslos durch die Ereignisse, haben meist keinen Schimmer was läuft, reagieren nur statt zu agieren und oftmals ist es allein der Zufall, der ihnen hilft, denn nennenswerte Ermittlungsergebnisse erzielen die beiden eher selten. Auch optisch ist der Film ein Vergnügen mit einem herrlich bunten und abgedrehten Setdesign, welches ein authentisches 70er Jahre-Feeling aufkommen lässt. Funky und dreckig zugleich, auf der einen Seite abgedrehte Parties, exzentrisch und grell, auf der anderen Seite das L.A. der späten 70er, im Film ein schmutziger, verkommener Moloch, dessen Strassen von Korruption, Gewalt und Pornografie geprägt sind. Die Action ist kompetent und druckvoll genug inszeniert und wirkt mit all ihren Schießereien, Autostunts, Explosionen und old school-Schlägereien erfrischend bodenständig und geerdet in ihrem rohen Charme. Lediglich die eine oder andere digital bearbeitete Szene sticht ein klein wenig unangenehm hervor, aber das fällt auf die gesamte Laufzeit von rund zwei Stunden kaum ins Gewicht.

 

Mit The Nice Guys bleibt Shane Black seiner über die Jahre hinweg immer mehr verfeinerten Rezeptur für Buddy-Movies treu und kennt man seine Drehbücher oder seinen Film Kiss Kiss Bang Bang, dann weiß man, was man kriegt mit seinem neuesten Streich. Abermals ist die Balance aus Action, Gewalt, schwarzem Humor, Slapstick und pointierten Wortgefechten annähernd perfekt und die beiden Protagonisten harmonieren ganz hervorragend miteinander. The Nice Guys ist wunderbares, leicht schmieriges und irre unterhaltsames Genre-Kino und bildet den idealen Gegenpart zu Kiss Kiss Bang Bang für ein abendfüllendes Double Feature.

 

8 von 10 Typen namens Chet

 

 

Trance

3. Oktober 2016 at 11:59

 

 

© Fox Searchlight Pictures

 

 

 

„Do you want to remember, or do you want to forget?“

 

 

 

Der Kunstauktionator Simon ist Teil eines groß angelegten Gemäldediebstahls, wird dabei jedoch schwer am Kopf verletzt und kann sich in Folge dessen nicht mehr daran erinnern, wo er das Goya-Gemälde Flug der Hexen versteckt hat. Die Diebesbande rund um ihren Anführer Franck ist davon natürlich nicht begeistert und als Folter und Medikamente nicht den gewünschten Effekt erzielen, greift man als letzten Ausweg zu Hypnose. So soll die Therapeutin Elizabeth die verschollenen Erinnerungen wieder zu Tage fördern, doch je tiefer sie in Simons Unterbewusstsein vordringt, desto stärker vermischen sich seine Grenzen zwischen Realität und Illusion.

 

Oh Danny Boy. Ich möchte meine erneute Sichtung von Trance auch zum Anlass nehmen, um mal ein paar Gedanken über das Kino des Danny Boyle zu verlieren, den ich für einen oftmals sträflich unterschätzten und viel zu wenig beachteten Regisseur halte. Inhaltlich und thematisch lässt sich der Brite nämlich in keine Schublade stecken und springt mit seinen Filmen gerne wild durch allerlei Genre,  jedoch prägt seine Werke immer sein ganz eigener, unverkennbarer Stil, sehr modern, visuell aufregend und immer stark am Puls der Zeit. Aber aus irgendeinem mir nicht ganz ersichtlichen Grund wird Boyle trotz einer enormen Dichte an wirklich guten Filmen, angefangen bei Trainspotting und The Beach, über 28 Days Later und Sunshine, Slumdog Millionaire und 127 Hours bis hin zu eben Trance und zuletzt Steve Jobs, nicht so wahrgenommen, wie sein konstant hohes Niveau es eigentlich erwarten lassen würde. Irgendwie bewegt er sich immer ein wenig unter dem Radar oder, wie er selbst es ausdrückt: „I learned that what I’m better at is making stuff lower down the radar. Actually, ideally not on the radar at all.“

 

Was anfangs noch schwungvollen Schrittes mit einem direkt an das Publikum gerichteten Kommentar seitens James McAvoy als leichtgängiges Gaunerstück daherkommt, das verzerrt Danny Boyle schon bald zu einem wilden, psychedelischen Trip, in dessen Verlauf die Grenzen zwischen Realität und Illusion schon bald zu verschwimmen beginnen, bis sie sich letztlich vollkommen auflösen. Wenn Trance auf der thematischen Ebene die Beschaffenheit unserer Realität und wie wir diese wahrnehmen hinterfragt und auf den Prüfstein stellt, dann ist der Film gar nicht so weit entfernt von Inception, wie man vielleicht glauben möchte. Während jedoch Christopher Nolan seine in immer tiefer liegende Traumebenen absteigenden Schachzüge sorgsam vorbereitet und sauber ausführt, damit der Zuschauer nie völlig den Überblick verliert und der Orientierungslosigkeit anheim fällt, kümmert sich Danny Boyle nicht im geringsten um die Etablierung einer solchen inneren Logik und lässt uns viel lieber immer tiefer in diesen Strudel aus Wahrheit, Lüge, Suggestion und Einbildung fallen. Viel eher spürt man in jedem Moment die reine Lust am Fabulieren des waghalsigen Plots, der sich nicht eine Sekunde lang groß um eben erwähnte innere Logik schert und ganz eindeutig keinerlei Interesse an der geradezu mathematischen Präzision eines Inception hat. Bereits der Durchbruch der Vierten Wand gleich zu Beginn von Trance ist elementar bedeutsam, spricht doch McAvoy direkt in die Kamera und erzählt dem Zuschauer von berühmten, geraubten Kunstwerken. Eines davon ist ein Rembrandt, in dessen Bildmitte sich der Künstler selbst hinein gemalt hat, und dort sitzt er und sieht seinen Betrachter ebenso an wie uns Simon in diesem Moment, und dennoch geht er in der Gesamtbetrachtung leicht unter. Diese paradoxe Struktur wird zum Leitmotiv des Filmes und fortan geht es immer auch um die Frage: was sieht man, was nicht und welche Bedeutung misst man dem bei. In welchem Gemälde befinden wir uns eigentlich? Und ist Simon der Betrachter oder schon Teil des Kunstwerks?

 

Trance ist ein vollkommenes Kunstprodukt und eine ganz klare Abkehr vom Alltagsrealismus. Nichts in diesem Film ist dem Zufall überlassen und einer schöpferischen Logik unterworfen, welche sich durch und durch der puren Ästhetik des digitalen Kinos verschrieben hat. Und diese reizt Danny Boyle auch bis an ihre Grenzen aus und erschafft ein geradezu psychedelisches Verwirrspiel um Sein und Schein, Trug und Wahrheit, einen surrealen wie elektrisierenden Heist-Thriller mit reichlich Anleihen an den Film Noir. Trance ist sicherlich nicht Boyles bester Film, aber er weiß sehr wohl um dessen Stärken und Schwächen, versteht diese gekonnt zu nutzen und erschafft so einen modernen, pulsierenden Reigen rund um Realität, Wahrnehmung und verschütteten Erinnerungen, welcher nicht dem Fehler erliegt, alles erklären zu wollen, aber gleichzeitig auch nie so verworren und undurchsichtig wird, dass man ihm nicht mehr folgen könnte. Letztlich sind unsere Erinnerungen ein Teil unserer Persönlichkeit und gleichzeitig auch nur Abbilder der Wirklichkeit. Sie können uns trügen, sich im Laufe der Zeit verfälschen oder uns gar völlig in die Irre führen, aber wir brauchen die Gewissheit, dass sie uns zu dem machen, was wir sind. Sind unsere Erinnerungen gefälscht, dann sind wir es auch.

 

8 von 10 Schlüsseln im Wandschrank

 

 

True Detective – Staffel 2

21. März 2016 at 17:39

 

 

© HBO

 

 

 

„We get the world we deserve.“

 

 

 

Als Ben Caspere, der City Manager der fiktiven kalifornischen Kleinstadt Vinci, ermordet aufgefunden wird, werden gleich drei verschiedene Dienststellen mit dem Fall betraut. Detective Ray Velcoro von der Polizei Vinci, Detective Ani Bezzerides aus Ventura County und Paul Woodraugh von der California Highway Patrol müssen nun gemeinsam ermitteln. Zudem hat auch noch der Gangster Frank Semyon großes Interesse an dem Mord, denn ihn verbindet mit Caspere ein großer Immobiliendeal, der Semyon viel Geld gebracht und den Weg in die Legalität geebnet hätte, nun aber zu platzen droht und ihn ruinieren könnte. Je weiter die drei Polizisten und mit seinen Mitteln auch Semyon in diesem Fall vordringen, so größer scheint sich ein komplexes Gewirr aus Politik, Korruption, Gier und Mord nach und nach auszubreiten. Schnell kommt die Frage auf, ob überhaupt jemand ernsthaft Interesse daran hat, den Mord aufzuklären…

 

Wagen wir doch einmal einen Ausflug in die Welt der Serien. Ich bekenne mich dazu, dass ich die hochgelobte und preisgekrönte erste Staffel von True Detective annähernd perfekt finde und diese acht Episoden für mich das beste sind, das seit langer Zeit über den Bildschirm flimmerte. Inhaltlich hin und wieder vielleicht mit der einen oder anderen Länge versehen, stilistisch aber zweifellos überragend und Maßstäbe setzend, wie gute und intelligente TV-Unterhaltung aussehen kann. Dazu noch zwei schauspielerische Hochkaräter als Darsteller, eine morbid-düstere, drückende Atmosphäre mit frischem Südstaatenszenario, das Drehbuch von Nic Pizzolatto, ein exzellenter Soundtrack und das (rückblickend ohne jeden Zweifel geniale) Wagnis, alle acht Episoden mit Cary Fukunaga durchgängig von nur einem Regisseur inszenieren zu lassen, und schon war die Fernsehlandschaft um eine wahre Perle reicher. Nun also haben wir Staffel 2 im Handel, ich konnte es mir natürlich nehmen lassen, sie mir anzusehen und möchte nun ein klein wenig Bilanz ziehen.

 

Der Fairness halber muss erwähnt werden, dass True Detective von Anfang an als Anthologie gedacht war und jede Staffel in sich abgeschlossen sein und für sich selbst stehen würde. Insofern ist es im Grunde nicht gerecht, beide Staffeln direkt miteinander zu vergleichen, aber ich bin da ehrlich und gebe zu, dass das nur schwer bis gar nicht möglich ist, auch wenn wirklich nichts außer dem Drehbuchautor  beide miteinander verbindet. Regie, Schauspieler, Setting, Story, alles ist anders, alles ist neu. Trotzdem will ich versuchen, Staffel 2 so neutral wie möglich und losgelöst von ihrer Vorgängerin zu betrachten, auch wenn mir das vermutlich nicht immer ganz gelingen wird und der geradezu monolithische Schatten der ersten Staffel kaum zu leugnen ist. Alles neu also, alles auf Anfang, alles auf Null. Die offensichtlich größten Neuerungen betreffen Cast und Setting. Nach Detective Rust Cohle und Detective Marty Hart, den beiden Hauptfiguren der ersten Staffel, wurde der Cast nun auf vier handlungsrelevante Figuren aufgestockt. Zudem entführt uns Staffel 2 von dem mythisch-entrückten Setting der Südstaaten hinein in den schmutzigen, urbanen Realismus des Molochs L.A. und dessen fiktiver Anliegerstadt Vinci. Bedingt durch die zahlenmäßige Vergrößerung der Protagonisten wird zwangsläufig auch die Story deutlich komplexer. Da wird es auch schon einmal recht schnell in den ersten ein oder zwei Episoden zu einem Problem, dass dem geneigten Zuschauer in der Etablierung des Szenarios sehr viele Informationen auf einmal auf sehr engem Raum präsentiert werden und gerne mal die Übersicht verloren geht. Namen, Orte, Beziehungen, Ereignisse, gerade zu Beginn ist der Plot doch sehr verdichtet und kompakt und die erzählerische Balance stimmt noch nicht so ganz, was sich jedoch im weiteren Verlauf der Handlung ein wenig relativiert. Auch fällt auf, dass sich die Figuren charakterlich sehr gleichen, alles sind ähnlich traumatisiert, haben ähnliche tiefe Narben in ihren Seelen und Leichen im Keller. Egal, ob Velcoro, Bezzerides oder Woodraugh, alle haben das eine oder andere finstere Geheimnis, welches sie mit sich herum schleppen müssen und das sie früher oder später einholen wird. Selbst oder gerade Frank Semyon ist da keine Ausnahme, den zudem noch eine alte Geschichte mit Velcoro verbindet.

 

 

 

„Pain is inexhaustible. It´s only people that get exhausted.“

 

 

 

Inszenatorisch ist das alles auf hohem Niveau, da kann man kaum meckern, und obwohl insgesamt sechs Regisseure die acht Episoden unter sich aufteilen, ist eine erzählerische Stringenz klar erkennbar. Zahlreiche Motive und Anklänge an die Welt des (Neo) Noir sind nur allzu offensichtlich und werden mit einem guten Schuss David Lynch-Ästhetik vermischt, was an und für sich gut funktioniert und einen eigenständigen Look kreiert. Allerdings fehlt es mir ein wenig an dieser morbiden Faszination, die das Setting der ersten Staffel noch auf mich ausübte, was aber natürlich rein subjektives Empfinden und meiner grundsätzlichen Vorliebe für die Südstaaten als Szenario geschuldet ist. Das Finale der vierten Episode ist ganz ähnlich dem in Staffel 1 ein wenn auch nicht ganz so eindrucksvoll inszeniertes, aber doch sehr starkes Stück Serie, dessen Qualität die gesamte Staffel nicht immer halten kann. Allerdings gibt es dann erst einmal einen irgendwie eigenartig harten Schnitt und die Ereignisse machen zeitlich einen guten Sprung nach vorne. Schon wieder sieht man sich mit allerhand neuen Informationen konfrontiert und muss erst einmal all das inhaltlich einordnen. Wohin die Reise nun hingehen soll ist zunächst einmal nicht ganz klar, zumal unsere vier Hauptfiguren versetzt, nicht mehr im Dienst oder im Falle von Frank Semyon doch wieder in alte Verhaltensweisen verfallen sind und der eigentlich ursprüngliche Mordfall eine Zeit lang kaum bis gar nicht mehr Thema ist. Das Tempo wird bis kurz vor Schluss ein wenig raus genommen und gerade das Staffelfinale in Form von Folge acht ist mit einer Laufzeit von rund 90 Minuten dann doch zu lang geraten, bietet zuviel unnützes Füllmaterial und schleppt allerhand unnötigen Ballast mit sich herum. Überhaupt ist das eines von in meinen Augen zwei ganz großen Problem der zweiten Staffel von True Detective, dass der Zuschauer beinahe über die gesamte Laufzeit mit Informationen gefüttert wird, bei denen nie wirklich klar ist, ob sie nun relevant und wichtig sind für den weiteren Handlungsverlauf oder eben nicht. Zudem ist die Story an sich einfach ein bisschen zu umständlich konstruiert und um eine oder zwei Ecken zuviel gedacht, wodurch immer wieder der Fokus verloren geht. Nie kann man als Zuschauer sicher sein, ob das aktuelle Geschehen nun von Bedeutung ist oder nicht, aber das Drehbuch nutzt das nicht als bewusst irreführendes Element, es ist einfach zu voll gestopft mit Nebensächlichkeiten, legt permanent Fährten aus, die schnell wieder in Vergessenheit geraten und ist zumindest in dieser Hinsicht oftmals seltsam schwammig inszeniert, so als hätte sich Nic Pizzolatto bis zum Schluss noch alle Optionen offen halten wollen. Ich selbst empfand es als ein wenig frustrierend, wenn ich Folge für Folge am dem Fall mitdenke, versuche, alle Puzzleteile einzusammeln und zusammenzusetzen, um das Gesamtbild zu enthüllen, und am Ende feststellen muss, dass drei Viertel der Puzzleteile wertlos waren und die eigentliche Auflösung verhältnismäßig banal und eher zufällig um die Ecke kommt. Ein in meinen Augen weiteres, recht schwerwiegendes Problem der zweiten Staffel sind die enorm klischeehaft geschriebenen Charaktere. Ich werde da jetzt nicht ins Detail gehen, das müsst ihr schon selbst erledigen, aber allein die Figur des Paul Woodraugh ist buchstäblich ein Klischee auf zwei Beinen in nahezu jeglicher Hinsicht und zudem noch inhaltlich weitestgehend absolut nutzlos. Und auch Velcoro, Bezzerides und Semyon sind mal mehr, mal weniger doch arg klischeebelastet. Von diversen völlig überzeichneten Nebenfiguren mal ganz zu schweigen, das grenzt phasenweise schon auch ans Lächerliche. Auch die Figurenentwicklung an sich empfinde ich nicht immer als gelungen und gänzlich konsequent und die Auflösung aller Ereignisse konnte mich auch nur bedingt befriedigen. Oberflächlich erscheint das Ende als zynisch und stimmig, aber genauer betrachtet war mir der Schluss bei mindestens einer Figur schlichtweg zu dumm und bei einer anderen einfach nicht konsequent genug.

 

Unterm Strich liest sich das jetzt vielleicht wie ein Verriss, aber das soll es nun auch nicht sein. Die zweite Staffel von True Detective bietet solide inszenierte Krimikost, die wohl überwiegend darunter zu leiden hat, dass True Detective drauf steht. Allerdings sollte man vielleicht für eine weitere, dritte Staffel Drehbuchautor Nic Pizzolatto den einen oder anderen Co-Autor an die Seite stellen, der ihn zu Gunsten der erzählerischen Balance ein wenig bremst. Schon in Staffel eins war so manches plump geschrieben, aber dort konnte Cary Fukunaga als Regisseur noch so einiges wieder ausbügeln. Letztlich will der Plot der zweiten Staffel zuviel und bietet zu wenig, verliert sich allzu oft in Nebensächlichkeiten und streut Hinweise, die ebenso schnell wieder in Vergessenheit geraten wie sie urplötzlich auf der Bildfläche erscheinen. Grundsätzlich sind Story, Setting und Figuren durchaus interessant, aber Pizzolatto denkt einfach zu umständlich und konstruiert einen riesigen Überbau, der für den Kern der Handlung unnötig ist. Kurz noch zur besseren Einordnung meiner Gewichtung: die erste Staffel bekommt von mir trotz einiger Längen und Makel dennoch 10 von 10, die zweite ist immer noch gute Unterhaltung, aber auch nicht annähernd in den Sphären ihrer Vorgängerin, denn insgesamt fiel es mir schwerer in die zwar komplexe, aber mitunter auch verworrene Story hinein zukommen und auch diese sogartige Faszination der ersten Staffel wollte sich nicht bei mir einstellen.

 

7 von 10 Lektionen in Kindererziehung