Solo: A Star Wars Story (2018)

13. Oktober 2018 at 11:53

 

 

© Walt Disney Motion Pictures Productions/Quelle: IMDb

 

 

 

I don’t like it, I don’t agree with it, but I accept it.“

 

 

 

Wegen Ungehorsams von der imperialen Pilotenakademie geschmissen kommt Han Solo die Möglichkeit gerade recht, sich einer Gaunerbande rund um den väterlich charismatischen Beckett anzuschließen. Der nächste große Coup soll der Überfall auf einen Zug werden, der randvoll mit dem wertvollen Kraftstoff Coaxium beladen ist.

 

Die Produktionsgeschichte rund um Solo: A Star Wars Story hat ja Schlimmstes vermuten lassen: die Gerüchte über einen Schauspiel-Trainer am Set für Alden Ehrenreich, die Entlassung von Phil Lord und Christopher Miller (21/22 Jump Street, The Lego Movie) als Regisseur-Duo, Ron Howard als vermeintliche Rettung in der Not und unzählige Nachdrehs. Dazu kam Solo zu einem Zeitpunkt ins Kino, als zumindest ich noch mit Episode VIII zu kämpfen hatte und noch gar nicht so recht wieder in Star Wars-Stimmung war. Aber rückblickend muss ich zugeben, dass die erwartete Katastrophe letztlich ausblieb. Sicherlich hat Solo mit so manchen Problemen zu kämpfen, wenn gerade das erste Drittel erzählerisch eher holprig und verhalten daher kommt und das Drehbuch von Lawrence und Jonathan Kasdan zu sehr damit beschäftigt ist, all die bekannten Plot-Points der Vita von Solo nach und nach abzuhaken. Das ist Fan-Service der plumpen Art und dazu noch nicht mal immer wirklich zündend.

 

Es dauert zwar etwas, doch mit dem Einführen neuer, frischer Figuren zieht auch im Film das Tempo merklich an und Solo beginnt sich mehr und mehr von seinem erzählerischen Korsett zu lösen und auf eigenen Pfaden zu wandeln, auf denen dann auch meist dessen Stärken liegen. Ein paar Wendungen gerade gegen Ende sind vielleicht etwas zu viel des Guten, nicht jeder Gag zündet auch, das Finale gestaltet sich als merkwürdig unspektakulär und es braucht seine Zeit, doch letztlich findet Solo seinen Rhythmus und seine Balance und unterm Strich bekam ich ein unterhaltsames, kurzweiliges Gauner-Abenteuer im Star Wars-Universum, welches manchmal mehr Firefly als Star Wars ist. Und der Zug-Heist war wirklich toll inszeniert und Donald Glover als Lando Calrissian mit seiner lässigen wie charmanten Eleganz eine Wucht. Wenn man sich selbst ein wenig von Erwartungshaltungen und dem Star Wars-Universum lösen kann und Solo spätestens ab der Hälfte auch zu sich selbst findet, dann kann das alles schon echt Spaß machen.

 

6,5 von 10 Umhängen in Landos Kabine

 

 

 

 

Coen-Retrospektive #12: No Country for Old Men (2007)

27. März 2018 at 18:41

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© Mirimax Films/Paramount Vintage

 

 

 

„The crime you see now, it’s hard to even take its measure. It’s not that I’m afraid of it. I always knew you had to be willing to die to even do this job – not to be glorious. But I don’t want to push my chips forward and go out and meet something I don’t understand. You can say it’s my job to fight it, but I don’t know what it is anymore. More than that, I don’t want to know. A man would have to put his soul at hazard. He would have to say, „O.K., I’ll be part of this world“.“

 

 

 

Eigentlich wollte Llewelyn Moss nur auf die Jagd gehen, doch als er mitten in der texanischen Wüste auf die Überreste eines augenscheinlich schief gegangenen Drogendeals inklusive einem großen Haufen Geld stößt, da trifft er die folgenschwere Entscheidung, das Geld einfach mitzunehmen. Das wiederum ruft den mysteriösen wie eiskalten Killer Anton Chigurh auf den Plan, welcher das Geld zurück holen soll. Ist er erst einmal mit von der Partie, kommt es zu einer schrecklichen Eskalation der Gewalt, der auch der in die Jahre gekommene Sheriff Ed Tom Bell nichts entgegenzusetzen hat.

 

Ich glaube, ich werde nie vergessen, wie ich damals nach No Country for Old Men aus dem Kino kam: sprachlos und von dem Gefühl beseelt, so eben pure Kinomagie erlebt zu haben. Wie ein eiskalter, tief schwarzer und alles Licht verschlingender Monolith ragt dieses Monstrum von Film aus dem Schaffen der Coen-Brüder heraus. Zutiefst existenzialistisch ist diese Geschichte rund um Jäger und Beute, um Schicksal und Entscheidungen. Alles was wir tun, das hat auch immer Konsequenzen. Schon ganz am Anfang, zu Beginn vom Erstling Blood Simple, da erklärt der schmierige Privatdetektiv Loren Visser aus dem Off dem Zuschauer: „But what I know about is Texas, an‘ down here… you’re on your own.“ No Country for Old Men sollte diese Erkenntnis perfekt auf den Punkt bringen: jeder hier steht ganz für sich allein. Der zwölfte Film der Coens ist zweifellos der (vorläufige) absolute Höhepunkt ihrer Karriere und eine geradezu bestechend logische Konsequenz aus ihrer nun mehr Jahrzehnte andauernden Entwicklung, eine thematisch, atmosphärisch und philosophisch vollkommen stringente Fortführung von Fargo und The Man Who Wasn´t There. In allen drei Filmen geht es um mehr oder weniger völlig normale Männer, vom Schicksal vielleicht nicht immer begünstigt, aber sicherlich nicht bestraft, die kriminell werden und damit einfach alles aufs Spiel setzen. Ihre Entscheidungen treffen sie in vollem Bewusstsein möglicher Konsequenzen und riskieren nicht nur leichtfertig und durchdrungen von ungeahnter Selbstüberschätzung ihre Leben, sondern auch die ihrer Lieben, ihrer Freunde, ihrer Verwandten. Und mehr noch: durch ihre Entscheidungen verlassen sie quasi die menschliche Gesellschaft mit all ihren Normen und Werten, drehen ihr den Rücken zu und leiten dadurch ihr Ende ein.

 

No Country for Old Men ist auch innerhalb des Oeuvre der Coens durch den annähernd vollständigen und sehr auffälligen Verzicht auf den sonst so typischen skurrilen, mal tiefschwarzen, dann wieder cartoonesk überdrehten Humor ausgezeichnet. Wirklich zu lachen gibt es hier herzlich wenig, im texanisch-mexikanischen Grenzland mit seiner erdrückenden Weite und schroffen Kargheit, wo die gnadenlos brennende Sonne schon zum Feind werden kann. Roger Deakins liefert hinter der Kamera eine seiner vielleicht besten Arbeiten und fängt das Geschehen in staubigen wie dreckigen, vor Hitze geradezu flirrenden und dazu noch unglaublich präzisen Bildern ein und inszeniert Menschen gern als winzig kleine, verlorene Punkte in breiten Totalen der Wüste. Gesprochen wird in dieser rauen Welt kaum und No Country for Old Men ist der wohl Dialog-ärmste Film der Coen-Brüder, kann dafür aber mit ihren bisher besten Zeilen glänzen: an jeder Ecke lauern Sätze zum Niederknien, die man auswendig lernen oder sich gleich auf den Körper tätowieren will. Entsprechend ist das erzählerische Tempo ungemein zurückgenommen, oft nur auf das Nötigste reduziert und tonal fühlte ich mich immer wieder an Sam Peckinpahs Meisterwerk Bring Me the Head of Alfredo Garcia erinnert. Die Präzision, mit der die Coens ihre Figuren zeichnen, verschlägt einem die Sprache. Wie wenig Pinselstriche sie brauchen, um Moss, Bell und Chigurh mit ausgefeilten Konturen zu versehen, wie wenig es braucht, um diese Figuren greifbar zu machen, ist schlicht beeindruckend und zeugt vom grandiosen erzählerischen Gespür der Brüder.

 

Für mich ist letztlich auch die Figur des Sheriff Ed Tom Bell der Schlüssel zum Film, er dient uns als Ankerpunkt, schlägt eine Brücke zwischen uns sowie Moss und Chigurh und bildet eine erzählerische Klammer, indem Prolog und Epilog ihm gehören und er über Gegenwart und Vergangenheit, über Vergänglichkeit, Gewalt, Alter und Fortschritt reflektieren kann. Die Richtung ist klar: Man kann sich auf nichts verlassen, ist immerzu auf sich allein gestellt, muss jederzeit mit allem rechnen, denn das Leben nimmt keine Rücksicht auf unsere Vorstellungen. Nicht einmal Anton Chigurh – in seiner vollkommenen Beharrlichkeit kaum weniger als der Tod selbst, ausgestattet mit seinen ganz eigenen Prinzipien jenseits irgendeiner übergeordneten Moral und von Javier Bardem mit einer atemberaubend furchterregenden Präzision verkörpert – kann sich sicher sein und sein Schicksal ereilt ihn letztlich aus dem toten Winkel. Viel wird in No Country for Old Men gestorben, doch oft nur seltsam beiläufig und ohne den Zuschauer als Zeugen. Moss und seine Schwiegermutter erwischt es quasi off screen und wir erleben nur die grausigen Auswirkungen. Über Carla Jean und ihr Schicksal wissen wir sogar noch weniger und  können allenfalls spekulieren. Manch anderen erwischt es sehenden Auges, wieder andere hinterrücks und ahnungslos und einige wenige kommen davon. Letztlich haben wir vielleicht nicht immer Einfluss auf die Dinge, die passieren, aber zumindest tragen wir mit unseren Entscheidungen zu ihrem Verlauf bei. Wir müssen die Konsequenzen unserer Entscheidungen nehmen wie sie kommen, denn ihnen auszuweichen, das Schicksal austricksen zu wollen, das bringt nur weitere, schlimmere Konsequenzen mit sich. Llewelyn Moss entscheidet sich für das Geld: mit eben allen daraus resultierenden Konsequenzen, doch erst seine Flucht vor ihnen in Gestalt von Chigurh macht alles nur noch schlimmer. Nicht nur für ihn, sondern vor allem auch für zahlreiche Unbeteiligte. There are no clean getaways.

 

10 von 10 noch kalten Gläsern Milch

 

 

Planet der Affen: Survival (War for the Planet of the Apes)

15. August 2017 at 12:48

 

 

© 20th Century Fox

 

 

 

„I did not start this war. I offered you peace. I showed you mercy. But now you’re here. To finish us off…“

 

 

 

Zwei Jahre nach dem Verrat durch Koba befinden sich Caesar und sein Stamm immer noch im Krieg mit den Menschen. Als durch einen weiteren Verrat der Rückzugsort der Affen tief im Wald von Colonel McCullough und dessen Soldaten angegriffen wird und Caesar einen tragischen persönlichen Verlust erleiden muss, wird auch ihm klar, dass seine Vision einer friedlichen Ko-Existenz endgültig gescheitert ist. So macht er sich zusammen mit seinen Vertrauten Maurice, Rocket und Luca auf den Weg, um die Basis der Menschen zu finden und den Colonel ein letztes Mal persönlich zu konfrontieren.

 

Was 2011 mit Planet der Affen: Prevolution (Rise of the Planet of the Apes) begann, das findet nun sechs Jahre später mit Planet der Affen: Survival (War for the Planet of the Apes) seinen würdigen Abschluss und knüpft zugleich ganz zart eine Verbindung zum Originalfilm von 1968. Wer hätte gedacht, dass sich die Prequel-Trilogie mit zum besten entwickelt, was das moderne Blockbusterkino zu bieten hat? Denn letztlich zeigen die Filme, wie Kino mit großem Budget im Zeitalter von Franchise-Filmen, stetiger Reboots, Remakes und Pre- und Sequels eben auch funktionieren kann. Caesar ist älter geworden, sein Fell ergraut langsam und sein Glaube an eine friedliche Ko-Existenz zwischen Affen und Menschen ist einer stetig wachsenden Kriegsmüdigkeit gewichen. Sein stoisches wie unermüdliches Bestreben nach Frieden muss sich auch wegen persönlicher Verluste nun egoistischen Zielen unterordnen und auch Koba findet noch immer Widerhall in seinen Gedanken. Ein grandioser Dreiakter der Figurenentwicklung ist das, welchen die gesamte Trilogie etabliert und an dem auch Andy Serkis großen Anteil hat. Natürlich stammen die Protagonisten auf Seite der Affen aus dem Computer, doch man muss nur Caesar in die Augen schauen um Leid, Schmerz, Wut und Trauer in ihnen zu erkennen. Noch mehr als in den Filmen zuvor erzählt Regisseur Matt Reeves Survival als Gleichnis voller biblischer Motive: so ist das, was für die Menschheit die Apokalypse bedeutet für die Affen nicht weniger als ihr Exodus. Sie suchen nicht den Krieg gegen die Menschen, sondern vielmehr eine neue Heimat um in Ruhe und Frieden leben zu können. Caesar verhandelt für sein Volk, der Colonel bestraft mit Zwangsarbeit und Nahrungsentzug und lässt Affen kreuzigen und wird schlussendlich von einer Plage heimgesucht. Aber nicht alle narrativen Konstrukte entspringen biblischer Motive, auch diverse klassische Hollywood-Filme werden als visuelle und erzählerische Referenzpunkte angesteuert: egal, ob Die Brücke am Kwai, Wege zum Ruhm, Gesprengte Ketten, Schindlers Liste oder Apocalypse Now. Auch wenn dieser kleine Verweis durchaus auch etwas weniger plakativ hätte ausfallen können, (ich sag nur: Ape-ocalypse Now), channelt doch Woody Harrelson als McCullough seinen inneren Marlon Brando und wandelt auf den Spuren eines dem Wahnsinn anheim gefallenen Colonel Kurtz. Holocaust und Vietnamkrieg sind ganz offensichtlich thematisch angeschnitten und schwere Brocken, aber obwohl Bildsprache und Metaphern eher weniger subtil ausfallen, verhebt sich Matt Reeves damit keineswegs und lädt den auch so schon düsteren Handlungsbogen nur noch weiter mit Leid und Elend auf. Dazu passt auch ganz hervorragend, dass Survival sehr ruhig erzählt ist und größere Actionsequenzen eher punktuell, dafür aber umso effektiver eingesetzt werden. Über weite Strecken ist der erzählerische Ton noch düsterer als in Revolution, und sogar die Gags des Comic relief-artigen Sidekicks Bad Ape wirken eher weniger lächerlich und deplatziert, sondern vielmehr wie kleine Entlastungen bei all der Ernsthaftigkeit. Survival sieht sich eher als Drama mit Actionelementen statt als Kriegsactioner, nur kurz vor der Ziellinie wird er einen Hauch zu aufgesetzt melodramatisch, doch das kann ich problemlos verzeihen, sind doch die voran gehenden 130 Minuten einfach zu gelungen.

 

Survival ist zwar nicht der stärkste Film der Trilogie, wohl aber der zweitstärkste und ein würdiger Abschluss der Reihe. Besonders angenehm finde ich, dass Caesars Geschichte nicht nur über drei Filme hinweg hervorragend entwickelt, sondern dass sie tatsächlich auch auserzählt wird. Matt Reeves zweiter Film zur Reihe nach Revolution ist der wohl düsterste und bedrückendste Teil, der zudem erstaunlich zurückhaltend erzählt wird. Am Ende wird zwar etwas zu dick aufgetragen und Survival hat auch kleinere Momente des Leerlaufs und hätte durchaus 15 bis 20 Minuten kürzer ausfallen können, ist aber insgesamt ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie man ein Blockbuster-Budget eben auch verwenden kann.

 

8,5 von 10 Häufchen Affenkot