The Loved Ones

10. August 2015 at 16:02

 

 

 

The Loved Ones (2009)
The Loved Ones poster Rating: 6.7/10 (23832 votes)
Director: Sean Byrne
Writer: Sean Byrne
Stars: Xavier Samuel, Robin McLeavy, Victoria Thaine, Jessica McNamee
Runtime: 84 min
Rated: R
Genre: Horror, Thriller
Released: 4 Nov 2010
Plot: When Brent turns down his classmate Lola's invitation to the prom, she concocts a wildly violent plan for revenge.

 

 

 

„The trick is not to go too far. Just enough to break through the skull.”

 

 

 

Prom Night. Der Abschlussball. Das vielleicht wichtigste gesellschaftliche Ereignis im Leben eines amerikanischen Teenagers. Oder australischen, wie in diesem Fall. Als der durch den Unfalltod seines Vaters traumatisierte Brent die Frage der schüchternen Lola, ob er sie zum Abschlussball begleiten wolle, leichtfertig mit dem Hinweis auf seine Freundin Holly abtut, hat er nicht die geringste Ahnung, was er damit auslöst. Denn Lola hat sich in Brent verliebt, kann mit dieser Zurückweisung ganz und gar nicht gut umgehen, lässt ihr Objekt der Begierde kurzerhand von ihrem sie vergötternden Daddy entführen und plant ihren ganz eigenen, privaten Abschlussball. Eine lange Nacht voller Schmerz steht dem an einen Stuhl gefesselt Brent bevor, als er wieder zu sich kommt und Lola´s Gesicht erblickt….

 

Einen kleinen, aber wirklich fiesen und manchmal geradezu niederträchtigen Beitrag zum australischen Kino liefert Drehbuchautor und Regisseur Sean Byrne hier mit seinem Regiedebüt ab. Aller Achtung, da wird nicht lang gefackelt und munter drauf los gefoltert. The Loved Ones aber als weiteren, schnöden Vertreter des Torture Porn (ein Genre übrigens, das mich in der Regel über alle Maßen langweilt) einfach abzutun, wäre viel zu kurz gegriffen, denn der Film hat tatsächlich mehr zu bieten, als seine Exposition vermuten lassen würde. Es beginnt schon damit, dass die Erzählweise des Films erfrischend wenig formelhaft daherkommt und die Figuren  erstaunlich gut ausgearbeitet und weit weg sind von den üblichen schablonenhaften Klischees, die dieses Genre sonst so bevölkern. The Loved Ones räumt seinen Charakteren trotz der mehr als überschaubaren Laufzeit von 84 Minuten genug Platz ein, dass sie genügend Tiefe entwickeln können, um sich aus dem Einheitsbrei zumindest abheben zu können. Brent ist nicht der typische, arrogante und oberflächliche High School-Schönling, da steckt mehr dahinter, der Tod seines Vaters hat ihn aus der Bahn geworfen und traumatisiert, er ist innerlich zerrissen und von Schuldgefühlen geplagt. Auch sein Freund Jamie und dessen Ballbegleitung Mia entspringen keineswegs dem Plotbaukasten für zweitklassige Horrorfilme, nicht einmal die eindeutig schwer gestörte Lola und ihr gruseliger Vater sind nur nach Schema F konzipiert. Zugegeben, sonderlich innovativ ist die Idee hinter The Loved Ones sicher nicht, das liegt klar auf der Hand, aber Byrne würzt das ganze an den richtigen Stellen mit einem wirklich tiefschwarzen Humor, so dass selbst die schlimmsten Szenen des Films in ihrer schockierenden Wirkung immer auch etwas abgefedert werden. Einige Momente wirken geradezu absurd komisch, wodurch Byrne den Grad der Gewalt jedesmal auch wieder bricht, und man als Zuschauer manchmal gar nicht so recht weiß, ob man jetzt lachen soll oder darf oder doch lieber nicht. Leider geht dem Plot im letzten Drittel ein wenig die Luft aus und einige Wendungen der Story wirken zu konstruiert und überzogen. Das ist schade, denn bis dahin macht The Loved Ones seine Sache wirklich gut und weiß vor allem durch die mehr als nur überzeugende und phasenweise doch recht verstörende Performance der mir bisher unbekannten Robin McLeavy zu überzeugen. Dem Mädel möchte ich wirklich nicht im Dunkeln begegnen, und wenn ich so drüber nachdenke, auch nicht bei Tageslicht. Ihr Daddy steht dem aber in nichts nach, auch wenn sein Part etwas weniger dominant ausfällt, Lola hat da eindeutig die Hosen an und Daddy würde alles für seine kleine Prinzessin tun. In diesen Kontext passen auch die mal mehr, mal weniger subtilen inzestuösen Andeutungen und runden dieses seltsame Tochter-Vater-Gespann ab.

 

Unterm Strich gelingt es Regisseur Sean Byrne mit seinem Debüt The Loved Ones aus dem Mittelmaß des Horrorgenre hervorzustechen, auch weil der Film seine Gewalteskapaden immer wieder durch eine ordentliche Portion schwarzen Humor unterwandert. Story und Figuren sind angenehm wenig schablonenhaft und auch, wenn der Handlungsbogen zum Ende hin ein wenig konstruiert gerät, so reißen das die überdurchschnittlichen schauspielerischen Leistungen wieder raus. Ein weiterer, gelungener Beitrag der Australier zum modernen Horrorkino, den man keineswegs der Einfachheit halber dem Torture Porn zuordnen sollte, denn das wird dem Film nicht gerecht.

 

6 von 10 zweckentfremdeten Bohrmaschinen

 

 

 

 

Kingsman: The Secret Service

27. Juli 2015 at 19:59

 

 

 

Kingsman: The Secret Service (2014)
Kingsman: The Secret Service poster Rating: 7.9/10 (215068 votes)
Director: Matthew Vaughn
Writer: Jane Goldman (screenplay), Matthew Vaughn (screenplay), Mark Millar (comic book "The Secret Service"), Dave Gibbons (comic book "The Secret Service")
Stars: Adrian Quinton, Colin Firth, Mark Strong, Jonno Davies
Runtime: 129 min
Rated: R
Genre: Action, Adventure, Comedy
Released: 13 Feb 2015
Plot: A spy organization recruits an unrefined, but promising street kid into the agency's ultra-competitive training program, just as a global threat emerges from a twisted tech genius.

 

 

 

Manners maketh man. Do you know what that means? Then let me teach you a lesson.”

 

 

 

Die Kingsmen sind eine geheime Spionage-Organisation, die von London aus weltweit operiert, um den Weltfrieden sicher zu stellen. Sie agieren vollkommen ungebunden durch Grenzen, Regierungen oder ähnliche Restriktionen und unbemerkt von der Öffentlichkeit. Moderne Ritter der Tafelrunde und formvollendete Gentlemen, deren Decknamen wie Lancelot, Galahad, Arthur oder Merlin dann auch eben dieser Artus-Sage entspringen. Als einer aus ihren Reihen bei einem Einsatz ums Leben kommt, soll ein Nachfolger auserkoren werden, und Harry „Galahad“ Hart sieht großes Potential in dem Straßenjungen Gary „Eggsy“ Unwin. Dieser muss sich jedoch zunächst einem knallharten Auswahlprogramm stellen und die Konkurrenz ist nicht ohne. Gleichzeitig taucht der exzentrische und größenwahnsinnige Milliardär Richmond Valentine plötzlich auf der Bildfläche auf und scheint seinen ganz eigenen Plan zu verfolgen, um das Problem der Überbevölkerung endgültig zu lösen….

 

Mit Kingsman: The Secret Service hat Regisseur Matthew Vaughn nach Kick-Ass nun schon zum zweiten Mal einen Comic von Mark Millar adaptiert. Zwischendurch verhalf er der X-Men-Reihe mit seinem überaus gelungenem Reboot First Class zu neuem und frischem Glanz, der Mann kennt sich also aus in der Welt der Comics und man spürt bei allen seinen Filmen deutlich, dass er auch wirklich liebt, was er da tut. Schon sein Debüt Layer Cake gab 2004 dem Genre des britischen Gangsterfilms neue Impulse und verhalf keinem geringeren als Daniel Craig endgültig zum Durchbruch und damit auch zu seiner Rolle als James Bond. Insofern ist es irgendwie auch ein wenig ironisch, dass sich sein neuester Film dann als waschechte Parodie und Hommage in einem auf all die alten Agentenfilme entpuppt. Der Kreis schließt sich, wenn man so will. Und ganz ehrlich, so viel kann ich euch schon mal verraten: Kingsman hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Irgendwie ging der Film völlig zu Unrecht ein bisschen unter, was schade ist, gehört er doch bisher zu meinen Highlights des Jahres, und wem Kick-Ass noch zu zahm war, der kommt hier definitiv auf seine Kosten. Auf rotzfreche und gleichzeitig dennoch ungemein charmante Art und Weise vermischt Kingsman die Gewalt und die Anarchie aus Kick-Ass mit dem Witz und der Eleganz der alten James Bond-Filme, verpasst dem ganzen einen gehörigen Schuss The Avengers (Mit Schirm, Charme und Melone…. nicht das Marvel Kasperletheater… 😉 ) und einem winzigen Hauch Men In Black, wenn es um Eggsy´s Ausbildung geht. Klingt abgedreht, ist es auch, aber dazu erstaunlich homogen und es funktioniert ganz hervorragend. Vaughn gelingt hier eine nahezu perfekte Mischung aus Parodie und Hommage an eine Zeit, als Agentenfilme noch lustig und haarsträubend weit hergeholt sein durften und nicht todernst und bedeutungsschwanger sein mussten, sein Film ist hemmungslos überdreht, aber nie respektlos seinen Vorlagen gegenüber, er ist voller absurder und bizarrer Einfälle, aber gleichzeitig auch herrlich selbstironisch und kommt mit einem fetten Augenzwinkern daher.

 

 

 

„Do you like spy movies, Mr. DeVere?”

 

„Nowadays, they’re all a little serious for my taste. But the old ones… marvelous. Give me a far-fetched theatrical plot any day.”

 

 

 

Zudem spielt Kingsman auf ausgesprochen gekonnte Art und Weise mit einer Metaebene, die man so in einem solchen Film kaum vermuten würde, der Plot ist voller Anspielungen, Referenzen und Zitate auf Vorbilder, mal etwas offensichtlicher, mal etwas weniger, und verbindet das ganze mit Verweisen auf die heutige Zeit (Stichwort: Happy Meal). Matthew Vaugh scheut sich auch absolut nicht, einen ebenso grandios inszenierten wie völlig übertriebenen, beinahe fünfminütigen Gewaltexzess in seinen Film zu integrieren, ja, diesen sogar hemmungslos auszukosten und zu zelebrieren, unterlegt mit dem Song Freebird der Band Lynyrd Skynyrd. Angesichts des Kontexts Ironie pur. Ständig wird über Filme gesprochen oder es werden welche zitiert, meist sogar ganz explizit, völlig anders als bei Tarantino zum Beispiel, der eher seine Bilder sprechen lässt und so seinen Vorbildern huldigt, aber Kingsman schafft es, dass das zu keiner Sekunde lächerlich oder aufgesetzt wirkt. Übertrieben, ja, aber immer auch liebevoll charmant. Selbst klassische Lyrik kommt zum Einsatz, Harry Hart zitiert nur zu gern Ernest Hemingway oder William Horman, der Film flankiert das dann aber auch immer wieder mit Filmzitaten oder Zeilen aus Rapsongs. Ebenso spannend ist auch anfangs der (im englischen Originalton noch stärker hervortretende, aber auch nicht immer wirklich zu verstehende) Spagat zwischen Hart´s geschliffenem britischen Akzent und Eggsy´s Gossenslang. So ist auch die Besetzung des Harry Hart mit keinem geringeren als Colin Firth absolut gelungen, so passend wie gleichzeitig völlig gegen den Strich gecastet, den perfekten englischen Gentleman verkörpert er mühelos und sprühend vor Charme, aber so hat man ihn dennoch garantiert noch nie erlebt. Dazu gesellen sich mit Michael Caine und Mark Strong noch zwei weitere Hochkaräter des englischen Films, wenn auch ihre Rollen doch bedeutend kleiner ausfallen. Der noch völlig unbekannte Taron Egerton gibt als Gary „Eggsy“ Unwin zwischen Gosse und Abendgarderobe wandelnd ebenfalls eine gute Leistung ab, die noch etwas besser angesichts der Tatsache ausfällt, dass Kingsman erst sein zweiter Film überhaupt ist. Das heimliche Highlight ist dann aber die Performance von Samuel L. Jackson als größenwahnsinniger Bösewicht in allerbester Bondmanier. Sein Richmond Valentine ist ein regelrechter Superschurke, eine absurde Mischung aus Ernst Stavro Blofeld, Mark Zuckerberg, Steve Jobs, Kanye West und einem zickigen Kind, garniert mit einem grandiosen Sprachfehler, den man tatsächlich nie über hat. Dass er kein Blut sehen kann, ohne sich zu übergeben, aber Berge von Leichen hinterlässt, oder Cheeseburger mit edlem Wein kombiniert, das sind nur einige seiner eigenwilligen Marotten. Beinahe alle Szenen mit seiner Anwesenheit führen unwillkürlich zu Schmunzlern und Lacher und Samuel L. Jackson war schon lange nicht mehr so unterhaltsam ohne zu nerven.

 

Kingsman: The Secret Service ist durch und durch eine absolute Überraschung, der Film ist rotzfrech, durchgängig unterhaltsam und gelegentlich wirklich witzig, gerade auch weil er manchmal hemmungslos überdreht daherkommt. Eine wirklich gelungene Hommage an die alten Agentenfilme, stellenweise eine regelrechte Parodie, die ihre Vorbilder aber nie der Lächerlichkeit preisgibt. Ein hohes Tempo, schlagkräftige Dialoge und die eine oder andere absurd brutale Szene ergeben hier einen Film, der wirklich wahnsinnig viel Spaß macht und leider bisher ein wenig untergegangen ist. Für mich auf jeden Fall zusammen mit Mad Max: Fury Road, John Wick und Inherent Vice ein klares Highlight bisher in diesem Kinojahr.

 

8 von 10 kugelsicheren Regenschirmen

 

 

 

Inherent Vice

7. Juli 2015 at 13:14

 

 

 

Inherent Vice (2014)
Inherent Vice poster Rating: 6.8/10 (36251 votes)
Director: Paul Thomas Anderson
Writer: Paul Thomas Anderson (written for the screen by), Thomas Pynchon (based on the novel by)
Stars: Joanna Newsom, Katherine Waterston, Joaquin Phoenix, Jordan Christian Hearn
Runtime: 148 min
Rated: R
Genre: Crime, Drama, Mystery
Released: 9 Jan 2015
Plot: In 1970, drug-fueled Los Angeles private investigator Larry "Doc" Sportello investigates the disappearance of a former girlfriend.

 

 

 

„And least askable of all, how passionately did she really feel about old Mickey? Doc knew the likely reply, „I love him“, what else? With the unspoken footnote that the word these days was being way too overused.”

 

 

 

Los Angeles, 1970. Der im Grunde ständig bekiffte Privatdetektiv Larry „Doc“ Sportello erhält Besuch von seiner Ex-Freundin Shasta. Er soll ihren Liebhaber, den Immobilienmogul Mickey Wolfman ausfindig machen, denn Shasta glaubt, dass seine Frau und deren Lover ihn nicht nur um sein Vermögen erleichtern, sondern ihn auch in die Psychatrie bringen wollen. Doc nimmt widerwillig an und beginnt mit seinen Ermittlungen, doch der Fall scheint deutlich komplexer und undurchdringlicher als ursprünglich gedacht…

 

Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Benicio Del Toro, Owen Wilson, Eric Roberts, Reese Witherspoon, Martin Short… die Besetzung, die Regisseur Paul Thomas Anderson für sein neuestes Werk, eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Thomas Pynchon, auffährt, ist schlicht beeindruckend. Anderson hat nicht besonders viele Filme in seiner Vita, aber dafür sind sie fast immer ganz besondere Erlebnisse, egal, ob Boogie Nights, Magnolia, There Will Be Blood oder The Master, sie alle sind faszinierende und elektrisierende Filme, die den Zuschauer immer auf ihre ganz eigene Art und Weise zu fesseln wissen. Und Inherent Vice reiht sich da mühelos ein, im Kern eine ganz klassische Detektivgeschichte des Film Noir, ein Derivat aus The Big Sleep, Chinatown und The Big Lebowski. Aber eben nur im Kern, ist die Oberfläche erst einmal durchbrochen, offenbaren sich dort völlig andere Welten, mit jeder weiteren Handlungs – und Bedeutungsebene wird die Story immer komplexer und undurchdringlicher. Genüsslich macht Anderson eine Nebenhandlung nach der anderen auf, schichtet Subplot auf Subplot, bis die Story so überladen mit Handlungselementen und Figuren ist, dass sich der Zuschauer ebenso wenig in diesem Dickicht zu Recht findet wie Doc Sportello selbst. Inherent Vice ist ein erzählerisches Meisterwerk, das ins Nichts führt, voller Wendungen, falscher Fährten und doppelten Böden, Flashbacks und Halluzinationen, bald schon vermischen sich Rausch und Realität, Wahnvorstellung und Wirklichkeit werden untrennbar und sind kaum noch zu unterscheiden, und plötzlich wird irgendwann klar, dass man die ganze Zeit über an der Nase herumgeführt wird und die Handlung absolut nebensächlich ist und lediglich als Vehikel dient, viel wichtiger ist der Fluss der Bilder und Stimmungen. Und genau das bringt mich zu der Überzeugung, dass man den Film nicht nur öfter schauen kann, sondern sogar muss, um all die feinen Nuancen und Facetten entdecken zu können, die beim ersten Mal untergehen, weil man so sehr versucht einer verschachtelten Story zu folgen, die eigentlich nicht von Bedeutung ist, vielmehr muss sich der Betrachter vom narrativen Element lösen.

 

 

 

„Well, it’s dark and lonely work but somebodies gotta do it right?”

 

 

 

So ist es auch nicht die Handlung, die den erzählerischen Rahmen bildet, sondern die Stimme aus dem Off, das Voice-Over der jungen Sortilège, die Doc Sportellos Geschichte in Worte fasst und als roter Faden dient, auch wenn es etwas nebulös bleibt, welche Rolle ihr in diesem psychedelischen Treiben zukommt. Dennoch ist sie es, die uns als Zuschauer an die Hand nimmt und durch diese Welt führt, scheinbar ohne jemals aktiv an den Ereignissen beteiligt zu sein. Und diese Welt hat es in sich, sie ist bevölkert von bizarren und skurrilen Figuren, die sich zum Teil im Minutentakt die Klinke in die Hand geben. Da ist zum einen natürlich unser „Held“ Doc Sportello, dauerhaft stoned und immer irgendwie leicht neben der Spur, da sind aber auch der ultrareaktionäre und brutale Cop Christian F. „Bigfoot“ Bjornsen, ein Klischee auf zwei Beinen mit seinem militärischen Bürstenhaarschnitt und seiner großen Freude an Bürgerrechtsverletzungen, oder Sportellos Freund, der auf Seerecht spezialisierte Anwalt Sauncho Smilax, seine Ex-Freundin Shasta Fay Hepworth oder eine gewisse Japonica Fenway, es gibt mit Drogen dealende Zahnärzte und Juden, die lieber Nazis wären und sich deswegen mit Nazis umgeben, drogensüchtige Saxophonspieler auf Entzug in doppelten Rollen… die kuriosesten menschlichen Existenzen tauchen auf, kreuzen Docs Weg und verschwinden oft genau so schnell wieder wie sie aufgetaucht sind… allein all die obskuren Namen sind ein Genuss.

 

Doc Sportello scheint auf den ersten Blick ebenfalls nur ein weiteres Klischee zu sein und sämtliche gängigen Stereotypen zu erfüllen, aber das trifft es nicht ganz, denn nicht selten werden eben jene Klischees aufgegriffen, es wird mit ihnen gespielt, sie werden unterwandert oder gar ganz ignoriert. Auch wenn Joaquin Phoenix`Performance hier gänzlich anders, viel entspannter und zurückgelehnter angelegt ist wie noch in Andersons The Master, ist sie dennoch nicht weniger beeindruckend. Er verkörpert all die kleinen Facetten seiner Figur absolut glaubwürdig, den bekifften Hippie ebenso wie den Privatdetektiv, und steht wie der Dude in The Big Lebowski irgendwie ein bisschen über den Dingen, er scheint nichts zu ernst zu nehmen, aber auch nichts zu leicht. Es macht wahnsinnig viel Spaß, Phoenix bei seiner verspulten Darbietung zu zuschauen. Aber auch Josh Brolin als „Bigfoot“ Bjornsen liefert hier eine beeindruckende Vorstellung, seit No Country for Old Man hab ich ihn nicht mehr so gut erlebt, und auch seine Figur erliegt dank seinem Spiel nicht völlig den Klischees, die ihr inne wohnen, auch er spielt zwischendurch damit, kokettiert mit ihnen, hebelt sie aus. Beide Figuren verkörpern auch zwei Extreme ihrer Zeit, Doc der liberale und sich treiben lassende Hippie und Bigfoot, der ultrareaktionäre Hardliner, beides Relikte und durch den Wandel der Zeit vom Aussterben bedroht, harte Drogen und die Manson-Morde zerstören den Traum der freien Liebe, und die rüden Polizeimethoden sind nicht länger gefragt. So ist ihre Beziehung zu einander durch eine seltsame Mischung aus Ablehnung, Freundschaft, Respekt und Paranoia geprägt. Der Rest der Darstellerriege ist nicht wesentlich schlechter als die beiden, aber oft haben ihre Figuren recht wenig Screentime, und dennoch bleiben ihre meist skurrilen Auftritte im Gedächtnis haften. Abgerundet wird dieser psychedelische Reigen durch wirklich grandiose Dialoge, bei denen es sich manchmal sogar lohnt zweimal hinzuhören, weil gerne mal mehr hinter den Worten steckt als man annehmen würde, einer ordentlichen Portion Zynismus und wohldosierten Spitzen tiefschwarzen Humors, der so durchaus auch von den Coen-Brüdern stammen könnte.

 

Inherent Vice ist eine seltsame Mischung aus Detektiv-Story und schwarzer Komödie, Kifferhumor trifft auf Film Noir, ein in seiner Inszenierung durch und durch altmodischer Film, angelehnt an die alten Klassiker, aber dennoch absolut eigenständig. Das Setting des 1970er Los Angeles ist hervorragend eingefangen und auch der überaus gelungene Soundtrack trägt seinen Teil dazu bei. Paul Thomas Anderson hat hier einen verschlungenen Trip durch eine bizarre Welt voller skurriler Figuren erschaffen, der zum mehrmaligen Schauen einlädt, ja, geradezu dazu nötigt, ein erzählerisches Glanzstück, das seine wahre Schönheit erst dann wirklich offenbart, wenn man seine Mechanismen durchschaut hat. Aber keine Angst, Inherent Vice funktioniert auch als simple Detektivgeschichte sehr gut.

 

8 von 10 japanischen Pfannkuchen

 

 

 

Eternal Sunshine of the Spotless Mind (Vergiss mein nicht!)

10. Mai 2015 at 15:40

 

 

 

Eternal Sunshine of the Spotless Mind (2004)
Eternal Sunshine of the Spotless Mind poster Rating: 8.4/10 (561,264 votes)
Director: Michel Gondry
Writer: Charlie Kaufman (story), Michel Gondry (story), Pierre Bismuth (story), Charlie Kaufman (screenplay)
Stars: Jim Carrey, Kate Winslet, Gerry Robert Byrne, Elijah Wood
Runtime: 108 min
Rated: R
Genre: Drama, Romance, Sci-Fi
Released: 19 Mar 2004
Plot: When their relationship turns sour, a couple undergoes a procedure to have each other erased from their memories. But it is only through the process of loss that they discover what they had to begin with.

 

 

 

“How happy is the blameless vestal’s lot!
The world forgetting, by the world forgot.
Eternal sunshine of the spotless mind!
Each pray’r accepted, and each wish resign’d.”

 

 

 

Obwohl Joel und Clementine kaum unterschiedlicher sein könnten, er schüchtern, introvertiert und eher rational veranlagt, sie impulsiv, spontan, ein bisschen verrückt und manchmal etwas launenhaft, sind sie seit zwei Jahren ein Paar mit allen Höhen und Tiefen. Bis Clementine Joel nach einem Streit verlässt, endgültig und mit aller Konsequenz, lässt sie sich doch von Dr.Mierzwiack durch dessen neuartige Methode sämtliche Erinnerungen an ihn aus dem Gedächtnis löschen. Als Joel davon erfährt, bricht seine Welt vollends zusammen, wollte er sie doch eigentlich noch um eine zweite Chance bitten, und jetzt erkennt sie ihn nicht einmal mehr. Erst ungläubig, dann verletzt und wütend, will er es ihr gleich tun und sucht seinerseits Dr. Mierzwiack auf, um Clementine ebenfalls für immer zu vergessen. Während dieser Prozedur der Löschung seiner Erinnerung an sie durchlebt er viele Momente ihrer gemeinsamen zwei Jahre erneut und muss erkennen, dass er sie eigentlich gar nicht vergessen will und dass er sie immer noch liebt, doch es ist ihm nicht möglich, sich bemerkbar zu machen und den Prozess aufzuhalten…

 

Eternal Sunhine of the Spotless Mind – welch wundervoller Titel, vor allem in Bezug auf das eingangs zitierte Gedicht Eloisa to Abelard von Alexander Pope, aus dem diese Zeilen stammen. Lässt der deutsche Titel dagegen – Vergiss mein nicht! – doch nur wieder eine weitere oberflächliche, dümmliche und kitschige Liebesgeschichte der Marke Hollywood erwarten, könnte man damit kaum weiter daneben liegen. Auch Jim Carrey in der Hauptrolle lässt nur falsche Vermutungen anstellen und führt in eine völlig verkehrte Richtung. Der Mann hat schon mehrfach bewiesen, dass er sehr viel mehr kann als nur Grimassen ziehen, man denke da nur an The Truman Show oder Man on the Moon, in denen er eindrucksvoll sein schauspielerisches Talent unter Beweis stellt, es gerät nur allzu gern in Vergessenheit. Kate Winslet? Es hat vielleicht auch jetzt noch nicht jeder mitbekommen, dass sie sich inzwischen zu einer wirklich tollen Schauspielerin entwickelt hat, 2004 aber sicher kaum jemand. Viele Vorzeichen verweisen also in eine völlig falsche Richtung, könnten unter Umständen sogar abschreckend wirken, drängt sich doch ein bisschen der Verdacht auf, es hier nur mit einer weiteren geistlosen romantischen Komödie zutun zu haben. Stattdessen aber ist Eternal Sunshine of the Spotless Mind eine wunderschöne und zutiefst berührende Geschichte über Lieben und Entlieben, über Vergessen und Erinnern, darüber, was uns als Menschen ausmacht und was uns zu den Menschen gemacht hat, die wir sind.

 

 

 

„You look at a baby, and it’s so pure and so free and so clean. And adults are, like, this mess of sadness…and… phobias.”

 

 

 

Drehbuchautor Charlie Kaufmann und Regisseur Michel Gondry sind ein traumhaftes Team, wie sie Joel´s Innenleben zum Ausdruck bringen, seine Gedanken, Gefühle, Träume, Hoffnungen, Wünsche, Ängste und Erinnerungen, so plastisch, so nachvollziehbar und so surreal zugleich, das ist ohne jeden Zweifel meisterhaft. Charlie Kaufman ist sowas wie der Drehbuchgott für Independent-Regisseure und nicht gerade bekannt dafür, Geschichten zu schreiben, welche die breite Masse der Kinogänger begeistern, dafür sind die von ihm verarbeiteten Ideen einfach zu verrückt. Drehbücher zu Filmen wie Being John Malkovich oder Adaption und eben auch Eternal Sunshine of the Spotless Mind sind skurril, abgedreht und verschachtelt, aber eben auch immer sehr präzise und mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitet. Mittelwege oder Kompromisse gibt es bei Kaufman nicht, er biedert sich keinem Publikum an, das seine Ideen ohnehin nicht nachvollziehen könnte, dem ist er sich durchaus bewusst, auch dem, dass er aneckt, aber es ist ihm vollkommen gleichgültig. Geschichten für den Mainstream überlässt er bereitwillig anderen. In dem Franzosen Michel Gondry hat er für Eternal Sunshine of the Spotless Mind einen Regisseur an der Seite, der es ganz wunderbar versteht, wo Kaufman mit seinen Geschichten hin will und das dann auch noch in wunderschön berauschende Bilder zu übersetzen weiß. Die Zusammenarbeit der beiden war zwar nach einer Reihe von Musikvideos sein erster Spielfilm, aber bereits hier zeigt sich diese enorme Verspieltheit in der Inszenierung, die spätere Filme wie Science of Sleep, Be Kind Rewind oder Der Schaum der Tage auszeichnen.

 

Eternal Sunshine of the Spotless Mind ist dann auch schlicht und ergreifend großartig inszeniert, mit wahnsinnig viel Gespür für Details und vor allem auch für Stimmungen. Obwohl die Story nicht chronologisch erzählt wird, hat man zu jeder Zeit in den einzelnen Szenen das Gefühl, nur anhand der jeweiligen Stimmung genau zu wissen, in welchem Stadium sich die Beziehung von Joel und Clementine gerade befindet. Ein großer Teil des Films spielt in Joel´s Kopf, in seiner Gedankenwelt, seinen Erinnerungen, aber eben nicht alles, ein kleiner Subplot wird parallel dazu in der Realität erzählt, aber immer wieder vermischen sich diese verschiedenen Erzählstränge. Das Gefüge der Bewusstseinsebenen ist chaotisch, Wirklichkeit, Träume, Erinnerungen und Rückblenden verwischen zu einem großen Ganzen, Personen werden scheinbar willkürlich hin und her teleportiert und tauchen plötzlich an Orten auf, an denen sie gar nicht sein können, Gesichter verblassen zusehends oder verschwinden gleich ganz, die Bild – und Tonspuren werden häufig voneinander abgekoppelt, man sieht das eine, hört aber etwas völlig anderes, Joel wechselt in seinem Kopf Raum und Zeit nach Belieben, er wandelt wie Alice durch das Wunderland seiner Erinnerungen. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der völlige Verzicht auf CGI, das heißt es gibt nicht einen einzigen computeranimierten Effekt in Eternal Sunshine of the Spotless Mind. Angesichts der ungewöhnlichen und enorm kreativen Inszenierung ist das absolut verblüffend, aber diese Flut von Bildern wird tatsächlich ganz altmodisch und von Hand zum Leben erweckt, was den Film dann auch seinen ganz eigenen, seltsam entrückten Charme haben lässt und einfach ganz wunderbar ins Gesamtbild passt.

 

 

 

„ What a loss to spend that much time with someone, only to find out that she’s a stranger.”

 

 

 

So wie die Chemie zwischen Charlie Kaufman und Michel Gondry hinter der Kamera absolut stimmig ist, so magisch ist sie vor der Kamera zwischen Jim Carrey und Kate Winslet. Sie verkörpern Joel und Clementine mit all ihren kleinen Macken und Fehlern so wunderbar authentisch, sie wirken herrlich echt und aus dem Leben gegriffen, sind menschlich durch und durch und man kann sich auch ein bisschen wiedererkennen in den beiden. Genau das macht Eternal Sunshine of the Spotless Mind erfrischend anders und gänzlich frei von Kitsch, so kann der Film überhaupt erst richtig funktionieren, denn das schafft großes Identifikationspotential. Joel und Clementine sind eben kein sonst so typisch und oberflächlich gezeichnetes Paar, wie man es doch oft aus Hollywood und seinen romantischen Komödien gewohnt ist. Sie sind nicht besonders interessant oder besonders schön, sie sind nicht reich, haben keine schicken Wohnungen und keine tollen Autos, sie sind absolut durchschnittlich mit all ihren Wünschen und Träumen, ihren Ängsten und Sorgen und ihrem Schmerz

 

Eternal Sunshine of the Spotless Mind ist ein wirklich grandioser Film, wunderschön und berührend umgesetzt, ohne dabei auch nur eine Sekunde lang kitschig zu sein. Er ist charmant, witzig, traurig, komplex, anspruchsvoll und befremdlich zugleich, sprudelt nur so über vor hemmungslos kreativen und verrückten Ideen und Einfällen und seine nicht chronologische Erzählstruktur zwingt den Zuschauer zu einem gewissen Maß an Aufmerksamkeit. Ein Plädoyer für das Erinnern, das bewusste Erinnern, und gegen das Vergessen, denn nichts ist nur gut oder nur schlecht, und all diese Dinge, all unsere Erlebnisse machen uns zu genau den Menschen, die wir heute sind. Sie sind ein Teil von uns, die guten und schlechten Erinnerungen, das werden sie immer sein und jede von ihnen hat ihre Berechtigung. Jeder halbwegs denkende und fühlende Mensch sollte Eternal Sunshine of the Spotless Mind mal gesehen haben.

 

10 von 10 gelöschten Erinnerungen