Bone Tomahawk

30. Januar 2016 at 17:27

 

 

© RLJ Entertainmant

 

 

 

„Pain is how your body talks to you. You’d do well to listen to it.“

 

 

 

Als kannibalische Höhlenbewohner eines nachts die friedliche Kleinstadt Bright Hope überfallen und eine junge Frau sowie einen Deputy verschleppen, machen sich vier Männer auf den Weg in deren Territorium, um die beiden Geiseln um jeden Preis zu befreien. So begeben sich der Sheriff, sein stellvertretender Deputy, der Ehemann der Entführten und ein Revolverheld auf die beschwerliche Reise zu einem abgelegen und komplexen Höhlensystem, nicht  ahnend, welch unvorstellbare Dinge dort auf sie warten…

 

Mit seinem Regiedebüt Bone Tomahawk verknüpft der Schriftsteller, Drehbuchautor und Musiker S. Craig Zahler den klassischen Western mit handfesten Elementen des Horrorfilms. Diese Kombination ist gar nicht mal so selten, wie man auf den ersten Blick vielleicht vermuten würde, aber die wenigsten dieser Filme funktionieren auch wirklich gut. Zur Hochphase des Italo-Western wurde mit solchen und ähnlichen Versatzstücken gerne mal experimentiert und Filme wie Töte, Django (Se Sei Vivo Spara) von Giulio Questi oder Satan der Rache (E Dio disse a Caino…) von Antonio Margheriti entstammen dieser Zeit. Der australische Film Ravenous mit Guy Pearce und Robert Carlyle in den Hauptrollen hat mit Kannibalismus sogar das gleiche Thema wie Bone Tomahawk, auch wenn hier der Schwerpunkt etwas anders gelagert ist und das Grauen nicht der Wildnis entspringt, sondern der Zivilisation. Im erweiterten Kreis tummeln sich dann noch Filme wie From Dusk Till Dawn von Robert Rodriguez, John Carpenters Vampires oder Near Dark von Kathryn Bigelow, die sich als eindeutige Horrorfilme verstehen und lediglich mit Elementen des Western spielen. Bone Tomahawk ist über weite Strecken ein ganz klassischer Western und keineswegs der wilde Genremix, den man hinter seiner Story vielleicht erwarten würde. Zahler lässt sich sehr viel Zeit, etabliert und entwickelt in aller Ruhe erst einmal die Protagonisten seiner Geschichte und entfaltet das Setting. Der Hauptaugenmerk der Erzählung liegt ganz eindeutig auf der anstrengenden, entbehrungsreichen und gefährlichen Reise der vier Männer in das Gebiet der Troglodyten genannten Kannibalen, die selbst von Indianern gemieden und gefürchtet werden. Ein geradezu typisches Thema also für klassische Western, die Entführung unschuldiger Kleinstadtbewohner durch vornehmlich indianische Wilde und die daran anknüpfende Reise einer Gruppe von Helden mit deren Rettung als Ziel, aber Zahler weiß gekonnt hier mit Versatzstücken zu spielen und immer wieder diese eigentlich doch recht starre Erzählstruktur aufzubrechen und abwechslungsreich zu gestalten. So bedient er beispielsweise oft einen etwas eigenwilligen Humor, der sich überwiegend in den Dialogen der Protagonisten niederschlägt, vor allem der von Richard Jenkins herrlich verkörperte Deputy namens Chicory weiß hier immer wieder irritierende Pointen zu setzen mit seiner zerstreuten und fahrigen Art. Auch der Rest der Gruppe setzt sich aus altbekannten Stereotypen des Westerngenre zusammen, der raue, aber gutmütige Sheriff Franklin Hunt, der liebende und zu allem entschlossene Ehemann in Form von Arthur O´Dwyer und letztlich der zynische und abgebrühte Revolverheld  John Brooder. Das aber fällt kaum ins Gewicht oder stört, weil diese archetypischen Charaktere zum einen mit Kurt Russell, Patrick Wilson, Matthew Fox und Richard Jenkins gelungen besetzt sind und zum anderen die Interaktion und Dynamik innerhalb dieser Gruppe so manches Highlight setzen kann und mit lakonischem Humor zu unterhalten weiß. Zudem sorgen zahlreiche unliebsame Begegnungen und Hindernisse auf der beschwerlichen Reise in das abgelegene Gebiet der Troglodyten dafür, dass Bone Tomahawk in dieser Phase trotz seiner langsamen und ausladenden Erzählweise nie langweilig wird. So sind dann auch rund drei Viertel des Filmes bereits verstrichen, bis die Männer erstmals in feindliches Gebiet vordringen und auf die kannibalischen Höhlenbewohner treffen. Dann aber ziehen sowohl das Tempo als auch der Grad der Härte drastisch an und die letzte halbe Stunde liefert Gewalteskapade um Gewalteskapade, so grimmig und brutal, dass es beinahe schon deplatziert wirkt. Plötzlich wirft Bone Tomahawk sämtliche Langsamkeit über Bord und schafft es zu einem rasanten Spektakel aus Blut, Innereien und abgetrennten Gliedmaßen zu mutieren und das mit reichlich expliziter Gewalt versehene Finale wird zu einem brachialen und mitreißenden Kampf ums nackte Überleben, so kompromisslos wie erbarmungslos. Eine etwas rasantere Erzählweise und die eine oder andere Straffung im Mittelteil hätten dem Film vielleicht ganz gut getan, hätte man so doch noch etwas mehr Potential aus dieser Idee pressen können, dennoch wird es nie wirklich langweilig und so gewinnt das brachiale Finale deutlich an Wucht und Wirkung.

 

Bone Tomahawk ist lange Zeit ein langsam erzählter und durch und durch klassisch inszenierter Western voller archetypischer, aber keineswegs flacher oder eindimensionaler Charaktere, der erst im letzten Viertel kippt und sein eigentliches, blutbesudeltes Gesicht zeigt. Dann erst geht es ans Eingemachte, das aber dafür umso drastischer, das Warten und Ausharren zahlt sich spätestens im Finale auch für den Splatter affinen Filmfreund aus. Bis dahin funktioniert Bone Tomahawk auch als Western sehr gut und weiß sich punktuell durchaus auch abzuheben. Am Ende ensteht eine kleine Genreperle, behäbig wie gleichermaßen räudig und dreckig, irgendwo zwischen dem klassischen Westernkino eines John Ford und dem hinterhältigen Terrorkino eines Wes Craven. Der Schwarze Falke (The Searchers) trifft auf The Hills Have Eyes, wenn man so will.

 

7,5 von 10 gebrochenen Beinen

 

 

The Hateful Eight

28. Januar 2016 at 17:30

 

 

© The Weinstein Company

 

 

 

„One of them fellas is not what he says he is…“

 

 

 

Ein gewaltiger Schneesturm im tiefsten Herzen von Wyoming zwingt acht Fremde Unterschlupf in einer abgelegenen Holzhütte zu suchen. So kommt es, dass der ehemalige Nordstaaten-Offizier Major Marquis Warren, der Kopfgeldjäger John „The Hangman“ Ruth, dessen Gefangene Daisy Domergue, der neue Sheriff von Red Rock, Chris Mannix, der britische Henker Oswaldo Mobray, der Cowboy Joe Gage, der ehemals konförderierte General Sandy Smithers und letztlich der Mexikaner Bob, auf engstem Raum miteinander eingesperrt sind und schnell wird deutlich, dass dieses Zusammentreffen kaum zufälliger Natur sein kann…

 

Vorab muss ich erwähnen, dass ich The Hateful Eight in seiner sogenannten Road Show-Fassung sehen konnte, also als analoge Ultra Panavision 70mm Kopie, welche sich nicht nur in Laufzeit und Bildformat von der digitalen Kinofassung erheblich unterscheidet, sondern auch in Struktur, Aufbau und Dramaturgie. Nicht nur kann in der analogen Fassung die Bildsprache im korrekt gezeigten, extra breiten Seitenverhältnis von 2,76:1 ihre volle Pracht entfalten, durch die Ouvertüre und die bewusst sehr geschickt platzierte Intermission entwickelt sich ein völlig anderer erzählerischer Rhythmus. Kann man nun als kindische Spielerei abtun, tatsächlich aber funktioniert diese heute etwas ungewohnt anmutende Erzählstruktur ganz hervorragend, ändern sich doch Tempo und Dynamik nach der Intermission deutlich. Quentin Tarantinos nun mehr achter Film ist nach Django Unchained erneut ein Western geworden und war sein Vorgänger noch eine Art Fingerübung für den Regisseur, dann ist The Hateful Eight sein Glanzstück. Wo Django Unchained eine geradezu comichaft überhöhte Collage aus unzähligen, verschiedensten Versatzstücken war, ist sein jüngstes Werk mit einem deutlich düsteren Grundton ausgestattet, durch und durch pessimistisch und deutlich eigenständiger in seiner Struktur. Zwar wird auch hier nicht auf Zitate, Anspielungen und Querverweise sowie teils absurde Gewalteskapaden verzichtet, aber Tarantino scheint sich zunehmend von seinen Anfängen zu entfernen und sich als ernstzunehmender Künstler zu emanzipieren. The Hateful Eight fällt auch ein wenig aus dem Rahmen seines bisherigen Schaffens, nicht nur, weil es sein vielleicht eigenständigstes Werk ist. Die ausladend schwelgerische und dennoch sehr präzise Bildsprache und die messerscharfen, fein geschliffenen, oft nicht weniger ausladenden Dialoge sind bekanntermaßen ein Markenzeichen von Tarantino, aber hier übertrifft er sich selbst. Gerade das gesprochene Wort ist von zentraler Bedeutung in diesem Reigen aus Misstrauen, Verrat, Paranoia, Hass, Gier, offenem Rassismus und Gewalt, er lebt viel von der Macht der Sprache, von all den bedeutungsschweren Monologen und Dialogen, die nur scheinbar abdriften und ins Leere laufen und bei denen sich zuhören lohnt, auch wenn es sich um vermeintliches Schwadronieren handelt. Insgesamt treibt Tarantino seinen Film überhaupt sehr ausladend und bedächtig voran, beinahe schon gemächlich, und so ist beinahe die halbe Laufzeit von 187 Minuten verstrichen, bis alle Figuren in diesem theaterähnlichen Mikrokosmos etabliert sind. Es ist überaus faszinierend zu beobachten, wie er seine Charaktere geschickt und präzise positioniert und in Stellung bringt, Allianzen bildet und ebenso schnell wieder zu Staub zerfallen lässt, und so mit jeder verstreichenden Minute die Spannung erhöht als würde er Schach spielen mit den Protagonisten seines Filmes. Die feinen Einzelheiten all der kleinen und großen Gefechte und Konflikte, die sich im Laufe der Handlung immer mehr offenbaren, schlagen sich auch nicht nur im gesprochenen Wort nieder, sondern auch in der grandios arrangierten Bildsprache, wenn Tarantino immer wieder das gesamte Bildfeld in Breite und Tiefe nutzt, um Gruppenbildung und Konfrontation zu visualisieren. In solchen Momenten gehen Bild und Wort in The Hateful Eight eine nahezu perfekte Symbiose ein.

 

 

 

„You only need to hang mean bastards, but mean bastards you need to hang.“

 

 

 

Auch die Charaktere sind ausnahmslos fantastisch geschrieben und hervorragend umrissen, erwecken sie doch anfangs noch den Eindruck, ausgesprochen formelhaft, klischeebeladen und eindimensional zu sein, aber nach und nach dekonstruiert Tarantino all diese Stereotypen, bricht sie auf und lässt teilweise überraschend komplexe Figuren zum Vorschein kommen. Ein Panoptikum der Selbstdarsteller offenbart sich in der Holzhütte im Schneesturm, voller Lügner, Falschspieler, Scharlatanen und windigen Opportunisten. Gut und Böse, Schwarz und Weiß, richtig und falsch, all diese Begriffe existieren nicht in dieser kleinen, abgeschlossenen Welt aus Hass und Gewalt, und Helden gibt es dort erst recht nicht. Allerdings gelingt Tarantino das Kunststück, keinen seiner oftmals nur sehr schwer zu durchschauenden Charakter der Lächerlichkeit preiszugeben, in dem sie zu bloßen zweckdienlichen Karikaturen verkommen. Jeder hat seine Bedeutung und jeder hat seine Motivation und immer sind diese, wenn denn erkennbar, auch nachvollziehbar. Überhaupt ist nichts in diesem Film auch das, was es zu sein scheint. Lüge, Täuschung und Ablenkung sind bedeutende und tragende Elemente der Handlung, nie kann sich der Zuschauer auch nur über irgendetwas im Film sicher sein. Das gilt sogar für die grundlegende Erzählstruktur, wenn nach der Intermission und somit in der zweiten Hälfte von The Hateful Eight sich auch diese ändert, dynamischer wird, das Tempo die Schlagzahl erhöht und der Gewaltgrad drastisch anzieht. Einige wirklich bizarre Gewaltspitzen tauchen plötzlich auf, völlig überzogen und grotesk spritzen die Blutfontänen an die Wände, aber auch das ist nur einer von vielen Kunstgriffen des Regisseurs, die vom wesentlichen Kern des Filmes ablenken. Welcher das ist, das muss man schon selbst herausfinden.

 

Oberflächlich betrachtet ist The Hateful Eight ein langweiliger und zäher Film voller ermüdender Dialoge und in die Länge gezogener Szenen und Einstellungen. Man muss schon etwas genauer hinschauen, um letztlich zu erkennen, wie gut er eigentlich doch ist. Ein wortgewandtes und bildgewaltiges Werk von Tarantino, aber auch sein bisher sperrigstes und exzessivstes und somit ein Film, der sicherlich vielen nur bedingt gefallen dürfte. Es mag manchmal anstrengend erscheinen, all dem zu folgen, aber es lohnt sich zweifellos, sich auf den Film einzulassen. Ich will mich noch nicht gänzlich festlegen, denn Tarantinos Filme offenbaren oftmals auch erst nach mehrmaligem Anschauen ihre nicht immer ganz offenkundigen Qualitäten, aber möglicherweise ist The Hateful Eight sein bisher bester Film geworden. Sein kompromisslosester ist er in jedem Fall.

 

8,5 von 10 Mexikanern namens Bob

 

 

Slow West

23. Januar 2016 at 17:37

 

 

© A24/Lionsgate UK

 

 

 

„That kid was a wonder. He saw things differently. To him, we were in a land of hope and good will.“

 

 

 

Der 16jährige Jay Cavendish hat seine Heimat Schottland verlassen um in Amerika nach seiner großen Liebe Rose zu suchen. Als er zufällig auf den erfahrenen und rauen Silas trifft, bietet er ihm Geld, um ihn für den Rest seiner Reise zu leiten und zu beschützen. Was Jay nicht ahnt: beide haben das gleiche Ziel, wenn auch Silas eine andere Motivation hat, denn auf Rose und ihren Vater ist ein Kopfgeld von 2000 Dollar wegen Mordes ausgesetzt, welches er nur zu gerne einstreichen würde. So machen sich die beiden auf den beschwerlichen Weg Richtung Westen….

 

Viele gute Beiträge zum Thema Western kamen in den letzten Jahren nicht aus Amerika, dem traditionellen Ursprung und Heimatland dieses Genre, sondern oft aus dem Ausland. The Salvation kam aus Dänemark, The Proposition aus Australien und Das finstere Tal gar aus Österreich. So ist es auch wenig verwunderlich, dass Slow West das Spielfilmdebüt des Briten John Maclean ist, der zwar bereits zwei Kurzfilme gedreht hat, ansonsten aber eher als Mitglied der Indieband The Beta Band bekannt ist, und in Neuseeland gedreht wurde. Ich muss zugeben, einen sehr seltsamen Neo-Western hat er da abgeliefert, vielleicht sogar einen der seltsamsten Western, die ich je gesehen habe, und das meine ich nicht im negativen Sinne. Oberflächlich betrachtet bedient sich Maclean für Slow West bei geradezu klassischen Erzählstrukturen des Western, angefangen bei den archetypischen Charakteren und deren Entwicklung über die Reise von A nach B mit klarem Ziel und allerhand Begegnungen und Hindernissen bis hin zum bleihaltigen Shootout im Finale. Bei genauerer Betrachtung fällt allerdings schnell auf, das Maclean vielmehr mit all diesen Motiven und Mechanismen spielt, sie unterwandert und hin und wieder sogar regelrecht torpediert, indem er vielen Szenen einen bewusst eigenartig entrückten Impuls verleiht. Meist sind es Kleinigkeiten, die zunächst kaum auffallen, aber ein Gefühl der Irritation hinterlassen, manchmal aber auch ganz offensichtlich deplatzierte Szenen, die schon beinahe slapstickartigen Charakter haben oder wirken, als wären sie direkt einem Road Runner-Cartoon entsprungen. Maclean nutzt viele solcher kleinen kreativen Einfälle und inszenatorischen Kniffe und dekonstruiert so letztlich sogar das sonst sehr starre und unflexible Erzählmuster des klassischen amerikanischen Western. Insgesamt wirkt der Film dadurch seltsam verschoben und kippt immer mal wieder in geradezu traumhafte und eigenartig mystisch überhöhte Momente, die das erzählerische Korsett aufbrechen. Allein der Drehort Neuseeland trägt erheblich dazu bei, liefert er doch wunderschöne und entrückte Landschaftsaufnahmen, die aber alle nicht so recht zu einem klassischen Western passen wollen, zu farbenfroh präsentiert sich dort alles. Auch die Charakterzeichnung schlägt in eine ähnliche Kerbe, denn Jay und Silas könnten kaum unterschiedlicher sein und sich trotzdem ähneln. Jay ist ein hoffnungsloser Romantiker, ein Träumer, der planlos seiner großen Liebe hinterher reist, unbedarft, unschuldig und voller Naivität. Man wundert sich regelrecht darüber, wie der Junge allein überhaupt so weit kommen konnte, ohne sein vorzeitiges Ende zu finden. Eine Rolle, die Kodi Smit-McPhee hervorragend auszufüllen weiß. Ihm gegenüber steht der vom abermals tollen Michael Fassbender verkörperte Silas, ein abgeklärtes und erfahrenes Raubein, wortkarg und einsilbig, ein klassischer Western-Antiheld voller Zynismus, der hinter jedem Stein den nächsten Banditen vermutet und erst schießt und dann Fragen stellt oder lieber gleich nur schießt und gar keine Fragen stellt.

 

Trotz einer Laufzeit von nur 84 Minuten ist Slow West ausgesprochen bedächtig, aber auch durchgängig spannend erzählt, und seine auf grausame Art und Weise poetische Geschichte wird zu einer faszinierenden bis skurrilen Odyssee durch den Wilden Westen, die mit einem wirklich hervorragenden Rhythmus glänzen kann und mit ihrem bitteren und sehr zynischen Schluss ein Ende findet, welches sich ganz hervorragend in den hoffnungslosen Grundton des Films einfügt. Slow West ist ein seltsam entrückter Western und mutet zuweilen etwas unwirklich an, aber genau das macht seine Stärke und Faszination aus, und hat man es erst einmal durchschaut, dann macht es viel Spaß Maclean dabei zuzusehen, wie er grundlegende Mechanismen eines der wohl klassischsten Filmgenre überhaupt dekonstruiert, mit anderen Elementen anreichert und so etwas eigenwillig neues erschafft.

 

7 von 10 Pfeilen in der Hand

 

 

Vampires

4. November 2015 at 19:26

 

 

 

Vampires (1998)
Vampires poster Rating: 6.1/10 (40,443 votes)
Director: John Carpenter
Writer: John Steakley (novel), Don Jakoby (screenplay)
Stars: James Woods, Daniel Baldwin, Sheryl Lee, Thomas Ian Griffith
Runtime: 108 min
Rated: R
Genre: Action, Horror, Thriller
Released: 30 Oct 1998
Plot: A vengeful vampire slayer must retrieve an ancient Catholic relic that, should it be acquired by vampires, will allow them to endure sunlight.

 

 

 

„Well, first of all, they’re not romantic. Its not like they’re a bunch of fuckin‘ fags hoppin‘ around in rented formal wear and seducing everybody in sight with cheesy euro-trash accents, all right? Forget whatever you’ve seen in the movies: they don’t turn into bats, crosses don’t work. Garlic? You wanna try garlic? You could stand there with garlic around your neck and one of these buggers will bend you fucking over and take a walk up your strada-chocolata WHILE he’s suckin‘ the blood outta your neck, all right? And they don’t sleep in coffins lined in taffata. You wanna kill one, you drive a wooden stake right through his fuckin‘ heart.“

 

 

 

Jack Crow ist der Anführer einer gut ausgebildeten, bestens ausgerüsteten und von der katholischen Kirche finanzierten und unterstützten Gruppe von Vampirjägern, die Tag für Tag Jagd auf die Blutsauger machen und deren Nester ausheben. Als sie eines Tages ein solches Nest zwar erfolgreich ausräuchern, entwischt ihnen dennoch der sehr alte und sehr mächtige Vampirfürst Valek. Aus Rache schlachtet dieser beinahe alle von Crows Männern ab, woraufhin dieser sich neu formieren und ein neues Team zusammenstellen muss, um die Fährte wieder aufzunehmen, denn Valek scheint auf der Suche nach einem vermeintlich verschollenen, heiligen Relikt zu sein, mit dem ein uraltes Ritual vollzogen werden soll, um dem Vampir nahezu grenzenlose Macht zu verleihen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt für Jack Crow und seine Leute…

 

Ein Stück weit ist mir Vampires auch ein kleines, persönliches Anliegen. 1998 sogar persönlich im Kino gesehen (werde ich nie vergessen: ein spätabendliches Doublefeature zusammen mit dem ersten Blade), hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht wirklich eine Ahnung, was da für ein räudiges, versifftes und blutiges Spektakel auf mich zukommen würde. Und ich hatte einen Heidenspaß an dem Film, wirklich, ich war hellauf begeistert und habe das schwer gefeiert. Und den habe ich bis heute, den Spaß, ich sehe Vampires immer wieder gern, und ich finde, der Film kommt oft viel schlechter weg als er eigentlich ist, weshalb ich mich berufen fühle, hier mal ein paar Worte über ihn zu verlieren… Der Film von John Carpenter, seines Zeichens Altmeister und Pionier des Horrorgenre, basiert sehr lose auf dem Roman Vampire$ von John Steakley und ist stilistisch ganz den Mechanismen des Western unterworfen, angereichert mit massig Horrorelementen und verfeinert mit einer Prise Roadmovie, ein wilder und bisweilen kruder Mix, der sich zwar komisch anhören mag, letztlich aber doch erstaunlich gut funktioniert. Gerade die Mischung aus Western und Horror ist nun beileibe keine neue Idee, dennoch bleibt sie hier in ihrer staubtrockenen und ausgesprochen zynischen Ausführung reizvoll. Carpenter entspinnt ein großartiges und unverschämt unterhaltsames Mosaik aus unzähligen kleinen Versatzstücken, Anspielungen, Zitaten und Genreverweisen, alles war irgendwann schon einmal da und kommt dem geneigten Zuschauer bekannt vor, aber dennoch ist das Gesamtergebnis vollkommen eigenständig. Handwerklich betrachtet ist Vampires sicher nicht Carpenters bester Film, phasenweise nicht mal ein besonders guter, gerade der Mittelteil hat seine Längen und zieht sich ein wenig, da wäre mehr Kompaktheit doch besser gewesen, das Drehbuch leidet unter dramaturgischen Schwächen und einer etwas zu dick aufgetragenen Machoattitüde und die Handlung ist manchmal geradezu haarsträubend unlogisch, aber der Film macht einfach wahnsinnig viel Spaß. James Woods als Jack Crow ist einfach großartig, wie er in Jeans und Lederjacke durch die staubige Einöde stapft, überall seinen ätzenden Zynismus versprüht und Arschtritte verteilt. So gnadenlos überzeichnet sein Charakter auch ist, so charismatisch wirkt er, ausgestattet mit seinen ganz eigenen moralischen Wertvorstellungen, vielleicht etwas archaisch, ein bisschen aus der Zeit gefallen, aber ganz eindeutig ein geradezu archetypischer Antiheld, entsprungen aus unzähligen Western. Crow und seine Mitstreiter sind keine strahlenden Helden mit weißer Weste auf dem Pfad des Guten, sie sind gebrochene Männer, Getriebene, unbarmherzig und skrupellos bei der Suche nach immer weiteren Vampirnestern, die es auszuheben gilt. Ihre Welt ist aus den Fugen geraten, sie wissen um die Existenz dieser dunklen Kreaturen und haben Dinge gesehen, die normale Menschen nicht glauben würden. Das macht sie zu Ausgestoßenen, unfähig, ein gewöhnliches Leben zu führen, sie sind isoliert von der normalen Welt, kein Teil mehr von ihr und das werden sie auch nie wieder sein, und Isolation ist häufig ein sehr dominantes Thema in den Filmen von John Carpenter.

 

Vampires ist im Grunde kein wirklich guter Film und auch bei weitem nicht Carpenters bester, aber in jedem Fall ist er besser, als er oft gemacht wird und diese krude Mischung aus Western, Roadmovie und Vampirhorror ist einfach irre unterhaltsam und macht wahnsinnig viel Spaß. Zweifelsohne kein Carpenter, der Maßstäbe setzt und ganze Genre definiert wie einst Halloween oder The Thing, und ausgestattet mit zahlreichen handwerklichen und dramaturgischen Mängeln, aber in jedem Fall ein derber, geradliniger und staubiger Film mit einer knochentrockenen Atmosphäre, den ich immer wieder gerne sehe.

 

7 von 10 Vampirschädeln auf der Motorhaube