Bring Me the Head of Alfredo Garcia

8. Juni 2016 at 13:18

 

 

© United Artists

 

 

 

„Listen. The church cuts off the feet, fingers, any other goddamn thing from the saints, don’t they? Well, what the hell? Alfredo’s our saint. He’s the saint of our money, and I’m gonna borrow a piece of him.“

 

 

 

Alfredo Garcia hat die falsche Frau geschwängert, nämlich die Tochter des Großgrundbesitzers El Jefe. Also erlässt dieser eine Belohnung in Höhe von 1.000.000 Dollar auf dessen Kopf. Als der abgewrackte Barpianist Bennie eher zufällig erfährt, dass Garcia schon längst tot ist, wittert er die große Chance, endlich seinem trostlosen Leben entkommen zu können, denn scheinbar kaum jemand außer ihm weiß davon. So macht er sich mit seiner Geliebten Elita an seiner Seite und bewaffnet mit einer Machete auf die Suche nach dem Grab des Alfredo Garcia, doch die Konkurrenz schläft nicht…

 

Nach einer kleinen Schaffenspause, bedingt aus den verschiedensten Gründen, melde ich mich nach einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Liste nun auch endlich wieder mit einer Rezension zurück. Einer Rezension zu einem der Filme aus eben jener Liste, ein Film, dessen Bekanntheitsgrad ungerechtfertigter Weise bei weitem nicht so hoch ist, wie es verdient wäre, ein Film, der trotzdem zu meinen Lieblingen gehört. Die Rede ist von Sam Peckinpahs nihilistischem Spätwerk, von seiner Abkehr vom ihn anwidernden Zirkus namens Hollywood, von Bring Me the Head of Alfredo Garcia (dessen Titel ich der Einfachheit halber fortan mit Alfredo Garcia abkürzen werde). Denn obwohl Peckinpah zuvor mit The Wild Bunch, Straw Dogs, Junior Bonner, Getaway und Pat Garrett & Billy the Kid (alle übrigens sehr zu Empfehlen) fünf erfolgreiche Filme hatte, fühlte er sich nie wirklich wohl in Hollywood und hatte bei beinahe allen seiner Filme immer Probleme mit Produzenten und Filmstudios. Selbst sein größter Erfolg The Wild Bunch entsprach so nie ganz seinen Vorstellungen und nach den aus seiner Sicht desaströsen Dreharbeiten zu Pat Garrett & Billy the Kid, an deren Ende der Film massiv umgeschnitten und Peckinpahs künstlerische Vision in seinen Augen verstümmelt wurde, beschloss er, fortan kein solches Risiko mehr einzugehen und nur noch allein und so unabhängig wie möglich  zu arbeiten, um nie wieder die vollständige künstlerische Kontrolle abgeben zu müssen. Die Idee zu Alfredo Garcia war schnell geboren und um sie zu finanzieren, wandte sich Peckinpah an seinen Freund Martin Baum, der zuvor eine eigene kleine Produktionsfirma gegründet und einen Verleih-Deal mit United Artists abgeschlossen hatte. Das Projekt bekam grünes Licht und so wurde Alfredo Garcia als Low-Budget-Produktion mit einem Budget von 1,5 Millionen Dollar vollständig in Mexiko realisiert, stellte also ein überschaubares Risiko für alle Beteiligten dar. So wurde Alfredo Garcia der nach eigenen Angaben einzige Film, den Peckinpah so drehen und schneiden konnte, wie er es wünschte, kommerziell jedoch der vielleicht größte Flop seiner Karriere und fast die gesamte US-Filmkritik nannte den Film eine Katastrophe. Diverse ausgesprochen schädliche, öffentliche Eskapaden des zu dem Zeitpunkt schweren Alkoholikers Peckinpah führten dann dazu, dass United Artists das Interesse an dem Film verlor und ihn recht schnell wieder aus den Kinos zurückzog. Seinen heutigen Liebhaberstatus unter Filmfreunden wie mir sollte Alfredo Garcia erst viel später erlangen. Oder um den Filmkritiker Roger Ebert zu zitieren: „Ein Meisterwerk – ein seltsam eigenartiges, bizarres Meisterwerk, welches einige Zuschauer wohl abstoßen wird, aber auch ein sehr langes Leben haben wird.“ Er sollte Recht behalten.

 

 

 

„There ain’t nothing sacred about a hole in the ground or the man that’s in it. Or you. Or me.“

 

 

 

Ohne jeden Zweifel kann man Alfredo Garcia als Peckinpahs Herzens – und Lieblingsprojekt bezeichnen, lässt es doch sogar autobiografische Tendenzen in seiner Lesart zu. So kämpft Bennie doch ebenso wie Peckinpah gegen ein verkrustetes System, rebelliert gegen fragwürdige Obrigkeiten, und beide sollten letztlich an diesem Kampf zu Grunde gehen. Überhaupt erfährt die Figur des Bennie eine interessante wie ungewöhnliche Charakterentwicklung im Verlauf seiner Odyssee quer durch Mexiko. Anfangs noch eher als einer dieser geradezu klassischen, sympathischen Verlierertypen gezeichnet, einer, der zwar ständig strauchelt und fällt, aber auch immer wieder aufsteht und es erneut versucht, einer, der dennoch an sein Glück glaubt („Nobody loses all the time.“) und selbst im Niedergang noch seine Würde zu bewahren versucht, wird Bennie mit zunehmender Laufzeit auch zunehmend unsympathischer. Er wird zu einem Getriebenen, zunächst von Gier, später dann von Rache, einer, der irgendwann an den Punkt kommen wird, an dem er seinen eigenen Anblick im Spiegel nicht mehr wird ertragen können, zerfressen von Schuld, doch zu diesem Zeitpunkt ist längst jegliches Mitleid für ihn beim Zuschauer verflogen. Das Geld wird zum einzig Heiligen, alles andere ist nichts mehr wert. Wenn Bennie und Elita in einer der vielleicht berührendsten und ganz seltenen zarten Szenen unter einem Baum sitzen auf dem Weg zu Alfredos Grab, dann werden ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe und Vorstellungen so deutlich, wie sie kaum deutlicher werden könnten. Es ist die einzige Szene im Film, die von etwas anderem, vielleicht von Hoffnung künden könnte. Elita will singen, eine Bar eröffnen, sich langsam, aber sicher und allen Risiken und Problemen trotzend eine Existenz aufbauen. Bennie will den Kopf und das Geld – koste es, was es wolle. Und es kostet viel. Später dann, wenn Bennie Alfredos Grab ausheben wird um sich dessen Kopf zu holen, dann ist das der Moment, in dem dieses sehr zarte und fragile Geflecht zwischen ihm und Elita vollends zerbrechen wird, und das einzige, was vielleicht jemals eine Chance gehabt hätte, kaputt gehen wird, unwiderruflich, unwiederbringlich. Danach wird es nur noch immer bizarrer, Bennie immer verzweifelter. Unterwegs quer durch Mexiko, auf dem Weg zu seinem Bestimmungsort, um seine Belohnung zu kassieren, mit welcher alles gut werden soll, was schon lange nicht mehr gut werden kann, beginnt er, sich mit Alfredos Kopf, den er in einem Sack auf dem Beifahrersitz transportiert, zu unterhalten, später gar regelrecht anzufreunden. Der Tod wird zum Sinnbild allen Daseins. Mit dem Tod kann man reden, mit den Lebenden nicht. Nicht mit den Verwandten Alfredos, die den Kopf wieder haben wollen, um ihn zu begraben, nicht mit den amerikanischen Kopfgeldjägern, die nur die eine Million Dollar wollen und sonst nichts. Nicht mit Elita, die ein anderes Leben wollte. Bennie bleibt letztlich nur noch Alfredo.

 

Selbst im ohnehin schon starken Schaffen eines Sam Peckinpah nimmt Alfredo Garcia eine Ausnahmestellung ein. Neben Elementen des klassischen Road-Movie verbindet er ebenso gekonnt Action- und Thrillerbestandteile mit denen des Western, erschafft dramatische Momente und erzählt eine melancholische Liebesgeschichte. All das verschmilzt Peckinpah zu einem schmutzigen Film voller Blut, Schweiß und Tränen, desillusionierend und nihilistisch, geradezu verstörend zynisch und dennoch seltsam hoffnungsvoll, denn selbst in den schlimmsten Momenten findet Peckinpah immer wieder Platz für Wehmut und Schönheit. Alfredo Garcia ist weniger spektakulär und zeigefreudig inszeniert als beispielsweise noch The Wild Bunch, dafür aber auch deutlich düsterer und atmosphärischer. Die raue Gewalt entsteht hier nicht durch balletartig inszenierte Zeitlupenaufnahmen von Schusswunden und Sterbenden, nicht durch Peckinpahs so gern benutzte und perfektionierte Schnitt/Gegenschnitt-Technik, sondern vielmehr allein durch die bleischwere Verzweiflung der Geschichte selbst. In meinen Augen ist Alfredo Garcia der stärkste Film im Schaffen von Sam Peckinpah, sein Abgesang auf und gleichzeitig seine Abkehr von Amerika im Allgemeinen und Hollywood im Besonderen und zweifellos ein Fingerzeig dessen, wozu Peckinpah fähig gewesen wäre, hätte man ihn nach seinen Vorstellungen arbeiten lassen. Ein raues, düsteres und erstaunlich nihilistisches Meisterwerk, welches völlig zu Unrecht bereits zur Stunde seiner Geburt viel zu schnell in Vergessenheit geriet und auch heute leider noch immer nicht die Anerkennung erfährt, welche es verdient hat.

 

9 von 10 ausgesetzten Kopfgeldern

 

 

Bone Tomahawk

30. Januar 2016 at 17:27

 

 

© RLJ Entertainmant

 

 

 

„Pain is how your body talks to you. You’d do well to listen to it.“

 

 

 

Als kannibalische Höhlenbewohner eines nachts die friedliche Kleinstadt Bright Hope überfallen und eine junge Frau sowie einen Deputy verschleppen, machen sich vier Männer auf den Weg in deren Territorium, um die beiden Geiseln um jeden Preis zu befreien. So begeben sich der Sheriff, sein stellvertretender Deputy, der Ehemann der Entführten und ein Revolverheld auf die beschwerliche Reise zu einem abgelegen und komplexen Höhlensystem, nicht  ahnend, welch unvorstellbare Dinge dort auf sie warten…

 

Mit seinem Regiedebüt Bone Tomahawk verknüpft der Schriftsteller, Drehbuchautor und Musiker S. Craig Zahler den klassischen Western mit handfesten Elementen des Horrorfilms. Diese Kombination ist gar nicht mal so selten, wie man auf den ersten Blick vielleicht vermuten würde, aber die wenigsten dieser Filme funktionieren auch wirklich gut. Zur Hochphase des Italo-Western wurde mit solchen und ähnlichen Versatzstücken gerne mal experimentiert und Filme wie Töte, Django (Se Sei Vivo Spara) von Giulio Questi oder Satan der Rache (E Dio disse a Caino…) von Antonio Margheriti entstammen dieser Zeit. Der australische Film Ravenous mit Guy Pearce und Robert Carlyle in den Hauptrollen hat mit Kannibalismus sogar das gleiche Thema wie Bone Tomahawk, auch wenn hier der Schwerpunkt etwas anders gelagert ist und das Grauen nicht der Wildnis entspringt, sondern der Zivilisation. Im erweiterten Kreis tummeln sich dann noch Filme wie From Dusk Till Dawn von Robert Rodriguez, John Carpenters Vampires oder Near Dark von Kathryn Bigelow, die sich als eindeutige Horrorfilme verstehen und lediglich mit Elementen des Western spielen. Bone Tomahawk ist über weite Strecken ein ganz klassischer Western und keineswegs der wilde Genremix, den man hinter seiner Story vielleicht erwarten würde. Zahler lässt sich sehr viel Zeit, etabliert und entwickelt in aller Ruhe erst einmal die Protagonisten seiner Geschichte und entfaltet das Setting. Der Hauptaugenmerk der Erzählung liegt ganz eindeutig auf der anstrengenden, entbehrungsreichen und gefährlichen Reise der vier Männer in das Gebiet der Troglodyten genannten Kannibalen, die selbst von Indianern gemieden und gefürchtet werden. Ein geradezu typisches Thema also für klassische Western, die Entführung unschuldiger Kleinstadtbewohner durch vornehmlich indianische Wilde und die daran anknüpfende Reise einer Gruppe von Helden mit deren Rettung als Ziel, aber Zahler weiß gekonnt hier mit Versatzstücken zu spielen und immer wieder diese eigentlich doch recht starre Erzählstruktur aufzubrechen und abwechslungsreich zu gestalten. So bedient er beispielsweise oft einen etwas eigenwilligen Humor, der sich überwiegend in den Dialogen der Protagonisten niederschlägt, vor allem der von Richard Jenkins herrlich verkörperte Deputy namens Chicory weiß hier immer wieder irritierende Pointen zu setzen mit seiner zerstreuten und fahrigen Art. Auch der Rest der Gruppe setzt sich aus altbekannten Stereotypen des Westerngenre zusammen, der raue, aber gutmütige Sheriff Franklin Hunt, der liebende und zu allem entschlossene Ehemann in Form von Arthur O´Dwyer und letztlich der zynische und abgebrühte Revolverheld  John Brooder. Das aber fällt kaum ins Gewicht oder stört, weil diese archetypischen Charaktere zum einen mit Kurt Russell, Patrick Wilson, Matthew Fox und Richard Jenkins gelungen besetzt sind und zum anderen die Interaktion und Dynamik innerhalb dieser Gruppe so manches Highlight setzen kann und mit lakonischem Humor zu unterhalten weiß. Zudem sorgen zahlreiche unliebsame Begegnungen und Hindernisse auf der beschwerlichen Reise in das abgelegene Gebiet der Troglodyten dafür, dass Bone Tomahawk in dieser Phase trotz seiner langsamen und ausladenden Erzählweise nie langweilig wird. So sind dann auch rund drei Viertel des Filmes bereits verstrichen, bis die Männer erstmals in feindliches Gebiet vordringen und auf die kannibalischen Höhlenbewohner treffen. Dann aber ziehen sowohl das Tempo als auch der Grad der Härte drastisch an und die letzte halbe Stunde liefert Gewalteskapade um Gewalteskapade, so grimmig und brutal, dass es beinahe schon deplatziert wirkt. Plötzlich wirft Bone Tomahawk sämtliche Langsamkeit über Bord und schafft es zu einem rasanten Spektakel aus Blut, Innereien und abgetrennten Gliedmaßen zu mutieren und das mit reichlich expliziter Gewalt versehene Finale wird zu einem brachialen und mitreißenden Kampf ums nackte Überleben, so kompromisslos wie erbarmungslos. Eine etwas rasantere Erzählweise und die eine oder andere Straffung im Mittelteil hätten dem Film vielleicht ganz gut getan, hätte man so doch noch etwas mehr Potential aus dieser Idee pressen können, dennoch wird es nie wirklich langweilig und so gewinnt das brachiale Finale deutlich an Wucht und Wirkung.

 

Bone Tomahawk ist lange Zeit ein langsam erzählter und durch und durch klassisch inszenierter Western voller archetypischer, aber keineswegs flacher oder eindimensionaler Charaktere, der erst im letzten Viertel kippt und sein eigentliches, blutbesudeltes Gesicht zeigt. Dann erst geht es ans Eingemachte, das aber dafür umso drastischer, das Warten und Ausharren zahlt sich spätestens im Finale auch für den Splatter affinen Filmfreund aus. Bis dahin funktioniert Bone Tomahawk auch als Western sehr gut und weiß sich punktuell durchaus auch abzuheben. Am Ende ensteht eine kleine Genreperle, behäbig wie gleichermaßen räudig und dreckig, irgendwo zwischen dem klassischen Westernkino eines John Ford und dem hinterhältigen Terrorkino eines Wes Craven. Der Schwarze Falke (The Searchers) trifft auf The Hills Have Eyes, wenn man so will.

 

7,5 von 10 gebrochenen Beinen

 

 

The Hateful Eight

28. Januar 2016 at 17:30

 

 

© The Weinstein Company

 

 

 

„One of them fellas is not what he says he is…“

 

 

 

Ein gewaltiger Schneesturm im tiefsten Herzen von Wyoming zwingt acht Fremde Unterschlupf in einer abgelegenen Holzhütte zu suchen. So kommt es, dass der ehemalige Nordstaaten-Offizier Major Marquis Warren, der Kopfgeldjäger John „The Hangman“ Ruth, dessen Gefangene Daisy Domergue, der neue Sheriff von Red Rock, Chris Mannix, der britische Henker Oswaldo Mobray, der Cowboy Joe Gage, der ehemals konförderierte General Sandy Smithers und letztlich der Mexikaner Bob, auf engstem Raum miteinander eingesperrt sind und schnell wird deutlich, dass dieses Zusammentreffen kaum zufälliger Natur sein kann…

 

Vorab muss ich erwähnen, dass ich The Hateful Eight in seiner sogenannten Road Show-Fassung sehen konnte, also als analoge Ultra Panavision 70mm Kopie, welche sich nicht nur in Laufzeit und Bildformat von der digitalen Kinofassung erheblich unterscheidet, sondern auch in Struktur, Aufbau und Dramaturgie. Nicht nur kann in der analogen Fassung die Bildsprache im korrekt gezeigten, extra breiten Seitenverhältnis von 2,76:1 ihre volle Pracht entfalten, durch die Ouvertüre und die bewusst sehr geschickt platzierte Intermission entwickelt sich ein völlig anderer erzählerischer Rhythmus. Kann man nun als kindische Spielerei abtun, tatsächlich aber funktioniert diese heute etwas ungewohnt anmutende Erzählstruktur ganz hervorragend, ändern sich doch Tempo und Dynamik nach der Intermission deutlich. Quentin Tarantinos nun mehr achter Film ist nach Django Unchained erneut ein Western geworden und war sein Vorgänger noch eine Art Fingerübung für den Regisseur, dann ist The Hateful Eight sein Glanzstück. Wo Django Unchained eine geradezu comichaft überhöhte Collage aus unzähligen, verschiedensten Versatzstücken war, ist sein jüngstes Werk mit einem deutlich düsteren Grundton ausgestattet, durch und durch pessimistisch und deutlich eigenständiger in seiner Struktur. Zwar wird auch hier nicht auf Zitate, Anspielungen und Querverweise sowie teils absurde Gewalteskapaden verzichtet, aber Tarantino scheint sich zunehmend von seinen Anfängen zu entfernen und sich als ernstzunehmender Künstler zu emanzipieren. The Hateful Eight fällt auch ein wenig aus dem Rahmen seines bisherigen Schaffens, nicht nur, weil es sein vielleicht eigenständigstes Werk ist. Die ausladend schwelgerische und dennoch sehr präzise Bildsprache und die messerscharfen, fein geschliffenen, oft nicht weniger ausladenden Dialoge sind bekanntermaßen ein Markenzeichen von Tarantino, aber hier übertrifft er sich selbst. Gerade das gesprochene Wort ist von zentraler Bedeutung in diesem Reigen aus Misstrauen, Verrat, Paranoia, Hass, Gier, offenem Rassismus und Gewalt, er lebt viel von der Macht der Sprache, von all den bedeutungsschweren Monologen und Dialogen, die nur scheinbar abdriften und ins Leere laufen und bei denen sich zuhören lohnt, auch wenn es sich um vermeintliches Schwadronieren handelt. Insgesamt treibt Tarantino seinen Film überhaupt sehr ausladend und bedächtig voran, beinahe schon gemächlich, und so ist beinahe die halbe Laufzeit von 187 Minuten verstrichen, bis alle Figuren in diesem theaterähnlichen Mikrokosmos etabliert sind. Es ist überaus faszinierend zu beobachten, wie er seine Charaktere geschickt und präzise positioniert und in Stellung bringt, Allianzen bildet und ebenso schnell wieder zu Staub zerfallen lässt, und so mit jeder verstreichenden Minute die Spannung erhöht als würde er Schach spielen mit den Protagonisten seines Filmes. Die feinen Einzelheiten all der kleinen und großen Gefechte und Konflikte, die sich im Laufe der Handlung immer mehr offenbaren, schlagen sich auch nicht nur im gesprochenen Wort nieder, sondern auch in der grandios arrangierten Bildsprache, wenn Tarantino immer wieder das gesamte Bildfeld in Breite und Tiefe nutzt, um Gruppenbildung und Konfrontation zu visualisieren. In solchen Momenten gehen Bild und Wort in The Hateful Eight eine nahezu perfekte Symbiose ein.

 

 

 

„You only need to hang mean bastards, but mean bastards you need to hang.“

 

 

 

Auch die Charaktere sind ausnahmslos fantastisch geschrieben und hervorragend umrissen, erwecken sie doch anfangs noch den Eindruck, ausgesprochen formelhaft, klischeebeladen und eindimensional zu sein, aber nach und nach dekonstruiert Tarantino all diese Stereotypen, bricht sie auf und lässt teilweise überraschend komplexe Figuren zum Vorschein kommen. Ein Panoptikum der Selbstdarsteller offenbart sich in der Holzhütte im Schneesturm, voller Lügner, Falschspieler, Scharlatanen und windigen Opportunisten. Gut und Böse, Schwarz und Weiß, richtig und falsch, all diese Begriffe existieren nicht in dieser kleinen, abgeschlossenen Welt aus Hass und Gewalt, und Helden gibt es dort erst recht nicht. Allerdings gelingt Tarantino das Kunststück, keinen seiner oftmals nur sehr schwer zu durchschauenden Charakter der Lächerlichkeit preiszugeben, in dem sie zu bloßen zweckdienlichen Karikaturen verkommen. Jeder hat seine Bedeutung und jeder hat seine Motivation und immer sind diese, wenn denn erkennbar, auch nachvollziehbar. Überhaupt ist nichts in diesem Film auch das, was es zu sein scheint. Lüge, Täuschung und Ablenkung sind bedeutende und tragende Elemente der Handlung, nie kann sich der Zuschauer auch nur über irgendetwas im Film sicher sein. Das gilt sogar für die grundlegende Erzählstruktur, wenn nach der Intermission und somit in der zweiten Hälfte von The Hateful Eight sich auch diese ändert, dynamischer wird, das Tempo die Schlagzahl erhöht und der Gewaltgrad drastisch anzieht. Einige wirklich bizarre Gewaltspitzen tauchen plötzlich auf, völlig überzogen und grotesk spritzen die Blutfontänen an die Wände, aber auch das ist nur einer von vielen Kunstgriffen des Regisseurs, die vom wesentlichen Kern des Filmes ablenken. Welcher das ist, das muss man schon selbst herausfinden.

 

Oberflächlich betrachtet ist The Hateful Eight ein langweiliger und zäher Film voller ermüdender Dialoge und in die Länge gezogener Szenen und Einstellungen. Man muss schon etwas genauer hinschauen, um letztlich zu erkennen, wie gut er eigentlich doch ist. Ein wortgewandtes und bildgewaltiges Werk von Tarantino, aber auch sein bisher sperrigstes und exzessivstes und somit ein Film, der sicherlich vielen nur bedingt gefallen dürfte. Es mag manchmal anstrengend erscheinen, all dem zu folgen, aber es lohnt sich zweifellos, sich auf den Film einzulassen. Ich will mich noch nicht gänzlich festlegen, denn Tarantinos Filme offenbaren oftmals auch erst nach mehrmaligem Anschauen ihre nicht immer ganz offenkundigen Qualitäten, aber möglicherweise ist The Hateful Eight sein bisher bester Film geworden. Sein kompromisslosester ist er in jedem Fall.

 

8,5 von 10 Mexikanern namens Bob

 

 

Slow West

23. Januar 2016 at 17:37

 

 

© A24/Lionsgate UK

 

 

 

„That kid was a wonder. He saw things differently. To him, we were in a land of hope and good will.“

 

 

 

Der 16jährige Jay Cavendish hat seine Heimat Schottland verlassen um in Amerika nach seiner großen Liebe Rose zu suchen. Als er zufällig auf den erfahrenen und rauen Silas trifft, bietet er ihm Geld, um ihn für den Rest seiner Reise zu leiten und zu beschützen. Was Jay nicht ahnt: beide haben das gleiche Ziel, wenn auch Silas eine andere Motivation hat, denn auf Rose und ihren Vater ist ein Kopfgeld von 2000 Dollar wegen Mordes ausgesetzt, welches er nur zu gerne einstreichen würde. So machen sich die beiden auf den beschwerlichen Weg Richtung Westen….

 

Viele gute Beiträge zum Thema Western kamen in den letzten Jahren nicht aus Amerika, dem traditionellen Ursprung und Heimatland dieses Genre, sondern oft aus dem Ausland. The Salvation kam aus Dänemark, The Proposition aus Australien und Das finstere Tal gar aus Österreich. So ist es auch wenig verwunderlich, dass Slow West das Spielfilmdebüt des Briten John Maclean ist, der zwar bereits zwei Kurzfilme gedreht hat, ansonsten aber eher als Mitglied der Indieband The Beta Band bekannt ist, und in Neuseeland gedreht wurde. Ich muss zugeben, einen sehr seltsamen Neo-Western hat er da abgeliefert, vielleicht sogar einen der seltsamsten Western, die ich je gesehen habe, und das meine ich nicht im negativen Sinne. Oberflächlich betrachtet bedient sich Maclean für Slow West bei geradezu klassischen Erzählstrukturen des Western, angefangen bei den archetypischen Charakteren und deren Entwicklung über die Reise von A nach B mit klarem Ziel und allerhand Begegnungen und Hindernissen bis hin zum bleihaltigen Shootout im Finale. Bei genauerer Betrachtung fällt allerdings schnell auf, das Maclean vielmehr mit all diesen Motiven und Mechanismen spielt, sie unterwandert und hin und wieder sogar regelrecht torpediert, indem er vielen Szenen einen bewusst eigenartig entrückten Impuls verleiht. Meist sind es Kleinigkeiten, die zunächst kaum auffallen, aber ein Gefühl der Irritation hinterlassen, manchmal aber auch ganz offensichtlich deplatzierte Szenen, die schon beinahe slapstickartigen Charakter haben oder wirken, als wären sie direkt einem Road Runner-Cartoon entsprungen. Maclean nutzt viele solcher kleinen kreativen Einfälle und inszenatorischen Kniffe und dekonstruiert so letztlich sogar das sonst sehr starre und unflexible Erzählmuster des klassischen amerikanischen Western. Insgesamt wirkt der Film dadurch seltsam verschoben und kippt immer mal wieder in geradezu traumhafte und eigenartig mystisch überhöhte Momente, die das erzählerische Korsett aufbrechen. Allein der Drehort Neuseeland trägt erheblich dazu bei, liefert er doch wunderschöne und entrückte Landschaftsaufnahmen, die aber alle nicht so recht zu einem klassischen Western passen wollen, zu farbenfroh präsentiert sich dort alles. Auch die Charakterzeichnung schlägt in eine ähnliche Kerbe, denn Jay und Silas könnten kaum unterschiedlicher sein und sich trotzdem ähneln. Jay ist ein hoffnungsloser Romantiker, ein Träumer, der planlos seiner großen Liebe hinterher reist, unbedarft, unschuldig und voller Naivität. Man wundert sich regelrecht darüber, wie der Junge allein überhaupt so weit kommen konnte, ohne sein vorzeitiges Ende zu finden. Eine Rolle, die Kodi Smit-McPhee hervorragend auszufüllen weiß. Ihm gegenüber steht der vom abermals tollen Michael Fassbender verkörperte Silas, ein abgeklärtes und erfahrenes Raubein, wortkarg und einsilbig, ein klassischer Western-Antiheld voller Zynismus, der hinter jedem Stein den nächsten Banditen vermutet und erst schießt und dann Fragen stellt oder lieber gleich nur schießt und gar keine Fragen stellt.

 

Trotz einer Laufzeit von nur 84 Minuten ist Slow West ausgesprochen bedächtig, aber auch durchgängig spannend erzählt, und seine auf grausame Art und Weise poetische Geschichte wird zu einer faszinierenden bis skurrilen Odyssee durch den Wilden Westen, die mit einem wirklich hervorragenden Rhythmus glänzen kann und mit ihrem bitteren und sehr zynischen Schluss ein Ende findet, welches sich ganz hervorragend in den hoffnungslosen Grundton des Films einfügt. Slow West ist ein seltsam entrückter Western und mutet zuweilen etwas unwirklich an, aber genau das macht seine Stärke und Faszination aus, und hat man es erst einmal durchschaut, dann macht es viel Spaß Maclean dabei zuzusehen, wie er grundlegende Mechanismen eines der wohl klassischsten Filmgenre überhaupt dekonstruiert, mit anderen Elementen anreichert und so etwas eigenwillig neues erschafft.

 

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