In a Valley of Violence

4. Juli 2017 at 12:26

 

 

© Focus World

 

 

 

„You talk too much.“

 

 

 

Paul ist auf dem Weg Richtung Süden, nach Mexiko, und auf der Flucht vor seiner Vergangenheit, als er in dem kleinen Kaff Denton einen kurzen Aufenthalt einlegen muss. Im hiesigen Saloon gerät er mit dem Heißsporn Gilly aneinander und schlägt ihn kurzerhand aus Notwehr bewusstlos. Was er nicht weiß ist, dass Gilly der Sohn des Marshalls ist. Dieser legt Paul nahe, den Ort zu verlassen und niemals wieder zu kommen, doch Gilly und seinen Männern reicht das nicht und so reiten sie ihm nach um sich zu rächen. Ein folgenschwerer Fehler für alle Beteiligten, wie sich herausstellen soll.

 

The House of the Devil, Cabin Fever 2, The Innkeepers, seine Beiträge zu den Anthologien V/H/S und The ABCs of Death sowie einige Folgen von Serien wie Outcast, Scream oder Wayward Pines mag ich durchaus gern und Ti West versteht sein Handwerk als Genre-Regisseur. Mehr noch als sein stark ausgeprägtes Bewusstsein für gängige Genre-Mechanismen jedoch hat er darüber hinaus auch die Fähigkeit bewiesen, eben jene Mechanismen zu transzendieren. Umso spannender ist nun In a Valley of Violence, begibt sich West doch hierfür erstmalig aus dem Horror-Genre heraus und sucht sich für seinen nächsten Film mit einem Western ausgerechnet ein Genre aus, welches von starren wie festen Konventionen kaum stärker beherrscht sein könnte. Ein Genre, welchem heutzutage ja immer nur zu gern nachgesagt wird, es wäre zumindest überholt, wenn nicht gar bereits tot. Dem kann ich mich nun wirklich nicht anschließen und Filme wie Bone Tomahawk, The Salvation oder Slow West beweisen in meinen Augen recht deutlich, dass das Genre in den letzten Jahren durchaus produktiv war und Gutes hervorgebracht hat. Und auch hier zeigt West überdeutlich, dass er das Genre an sich nicht nur liebt, sondern es auch verstanden hat, in dem er nicht einfach blindlings und willkürlich imitiert, sondern vielmehr etwas Eigenständiges erschafft. In a Valley of Violence ist auf den ersten Blick so sehr klassisch inszeniert, dass man ihn beinahe für kaum mehr als eine weitere, beliebige Aufwärmung altbekannter Klischees halten könnte, doch West geht über die Grenzen des traditionellen Genres hinaus und lässt in seinem Film viel lieber den urtypischen amerikanischen Western mit dem Schmutz und Dreck des Italo-Western kollidieren. Allein die Titelsequenz ist nicht nur den ikonischen einiger Italo-Western nachempfunden, auch der Score ist dem von Ennio Morricone nicht unähnlich, aber dennoch eigenständig genug. Ethan Hawkes Figur des Paul (immerhin hat der Protagonist einen Namen) ist seiner Figur in Die Glorreichen Sieben nicht sonderlich unähnlich. Er versteht das Handwerk des Tötens, hat aber genug davon unzählige Indianer abzuschlachten, ist desillusioniert, will nicht mehr als in Mexiko in Ruhe ein friedliches Leben führen und gerät doch wieder nur in einen Strudel aus Gewalt. Diese Prämisse ist ein geradezu klassischer Westernstoff, den Ti West sehr schön schnörkellos und geradlinig in Szene setzt und einen sehr angenehmen und im besten Sinne altmodischen Film erschafft. Die Handlung wird ohne große Umschweife voran getrieben, Nebenhandlungen etwa sucht man hier vergeblich, und die Figuren sind klar definiert. Überraschungen sollte man also nicht erwarten, aber West zeigt mit In a Valley of Violence, dass er auch außerhalb seines bisherigen angestammten Genre hervorragend funktioniert. Man darf gespannt sein, was der Mann in Zukunft noch so alles an Projekten in Angriff nehmen wird.

 

Mit In a Valley of Violence beweist Regisseur Ti West abermals, dass er es ausgesprochen gut versteht, einzelne Genre-Mechanismen zu erkennen, zu isolieren und neu zu ordnen. So entsteht ein allenfalls oberflächlich klischeehafter Beitrag zum nur zu gern totgesagten Western, der bei näherer Betrachtung genügend Eigenständigkeit aufzuweisen hat, um nicht als blinde Kopie bekannter Ikonographien durchzugehen. Ethan Hawke – im Übrigen ein Schauspieler, den ich immer sehr schätze, der selbst gern mal eher kleinere Genre-Filme wie Daybreakers, Predestination oder Brooklyn´s Finest bevölkert und der meiner Meinung nach immer sehr unterschätzt wird – steht die Rolle des (nicht ganz) namenlosen, wortkargen Drifters ganz hervorragend und die innere Zerrissenheit seiner Figur versteht er nachvollziehbar zu verkörpern. Ihm gegenüber steht John Travolta als in die Jahre gekommener Marshall, der auch ambivalenter angelegt ist, als man anfangs vermuten würde. Ihn hab ich seit Jahren nicht mehr so gut aufgelegt erlebt und auch er schafft es, die moralischen Implikationen seiner Figur gelungen abzubilden. Insgesamt ist In a Valley of Violence ein rundum gelungener Genrebeitrag, kein großer Wurf, das sicher nicht, aber einfach ein geradlinig inszenierter Western, der eigenständig genug bleibt, um nicht als Klischee durchzugehen. Ein einfach gehaltener Film, der angenehm altmodisch inszeniert ist, durchgängig spannend bleibt und letztlich doch ein wenig mehr ist als nur die Summe seiner Teile.

 

7 von 10 Blechnäpfe voller Wasser

 

 

Firefly – Eine Liebeserklärung

15. Juni 2017 at 12:44

 

 

© Fox Televison

 

 

 

„Take my love, take my land / Take me where I cannot stand / I don’t care, I’m still free / You can’t take the sky from me / Take me out to the black / Tell ‚em I ain’t comin‘ back / Burn the land and boil the sea / You can’t take the sky from me / There’s no place I can be / Since I found serenity / But you can’t take the sky from me.“

 

 

 

Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich schon die vierzehn Episoden der Serie Firefly gesehen habe. Ein Dutzend Mal? Eher öfter. Vermutlich sogar deutlich öfter. Dabei stieß ich 2005 mehr über Umwege auf dieses funkelnde Juwel am Serienhimmel, als ich damals ohne großes Vorwissen den zugehörigen Film Serenity im Kino sah. Es war sofort um mich geschehen und ich hatte mich in dieser Welt verloren. Als ich danach erfuhr, dass Serenity eigentlich nur als Abschluss für die nach nur einer Staffel eingestellten Serie Firefly gedacht war, da war mir sofort klar, dass ich noch viel tiefer in dieses Universum eintauchen wollte. Ich liebe diese Mischung aus Science Fiction, Jahrhunderte fortgeschrittener Technik und Zivilisation und den archaischen, westerntypischen Elementen und Riten einer eigentlich längst vergessenen Welt. Vieles speist sich aus dem faszinierenden Gedanken, dass die Zukunft keineswegs auch Fortschritt bedeuten muss. Zumindest nicht für jeden, nicht für die Vergessenen. Sicher ist diese Form der Genre-Kombination nichts neues oder gar revolutionäres, aber die unfassbare Detailverliebtheit, die Joss Whedon, seines Zeichens der kreative Kopf hinter Firefly, für sein Herzensprojekt an den Tag legt, die findet so schnell sicher nicht ihres gleichen. Ein solch detailliertes, ausfüllendes und allumfassendes Worldbuilding voller überquellendem Ideenreichtum ist mir bisher nur sehr, sehr selten untergekommen. Whedon entwirft scheinbar mit Leichtigkeit in seinem 26. Jahrhundert eine lebendige Welt voller Kneipenschlägereien, Shootouts, Saloons, Bordellen, Warlords, Ganoven jeglicher Couleur, Duellen, Viehdieben, Pferde, Trinkgelage und Überfällen auf Züge gleichermaßen wie Raumschiffe, hochmoderne Städte, Raumanzüge, kannibalischen Weltraumnomaden, weitentfernten Planeten und Terraforming. Allein die Sprache weiß zu faszinieren, ein stimmiges wie zunächst fremdartiges Gebräu aus Englisch und Chinesisch, den beiden Amtssprachen dieses Universums, welches im alltäglichen Gebrauch gerne auch ein buntes Kauderwelsch ergibt, in das man sich als Zuschauer erst ein wenig einhören muss. Aber die Lebhaftigkeit dieser Welt wird dadurch nur um so mehr unterstrichen und greifbarer.

 

Der Mensch hat das All besiedelt und sich neue Lebensräume geschaffen, die alte Erde existiert längst nur noch in Erinnerungen, die wenigsten kennen sie wirklich. Aber diese Expansion hat ihren Preis und neue Planeten wollen unter großen Mühen an die menschlichen Bedürfnisse angepasst werden. Analog zur Besiedelung des Wilden Westens braucht es hierzu vor allem Mut, Muskelkraft und Menschen, beseelt vom Pioniergeist. Es herrschen raue Sitten und es gilt das Recht des Stärkeren. Es gibt zwar eine starke Staatsmacht – die Allianz der Vereinigten Planeten – aber die weiter entfernten Planeten, die Außenbereiche ihres Einflussgebietes, stehen nur bedingt unter ihrer Kontrolle und oft sind es Warlords oder größere Verbrecherkonglomerate, die stattdessen ganze Landstriche oder gar Monde beherrschen. Und in genau diesen Randzonen des besiedelten Universums versucht sich die Besatzung der Serenity – ein kleines, veraltetes Transportschiff der Firefly-Klasse – mit kleineren Diebstählen und Überfällen über Wasser zu halten und gleichzeitig möglichst unter dem Radar der Allianz zu bleiben. Captain Malcolm Reynolds nimmt so manch heiklen Auftrag an, um seine Crew durchzubringen. Ein bisschen Schmuggelware hier, ein Zugüberfall da, manchmal auch etwas Hehlerei oder ein Diebstahl, hin und wieder sogar der völlig legale Transport von Passagieren oder Vieh, kaum etwas lässt Mal unversucht. Zynisch mutet er an, etwas distanziert, altmodisch, mit seinem ganz eigenen Moralkodex ausgestattet und immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, aber am Ende des Tages liegt ihm seine Crew sehr am Herzen. Egal, ob seine rechte Hand Zoë Washburne, die bereits Jahre zuvor im Vereinigungskrieg auf der Seite der Browncoats Schulter an Schulter mit ihm im Gefecht stand, ob Hoban „Wash“ Washburne, seines Zeichens der Pilot der Serenity und Ehemann von Zoë, ob Kaywinnit Lee „Kaylee“ Frye, die Mechanikerin des Schiffes oder Jayne Cobb, der Mann fürs Grobe, ein Knochenbrecher, etwas stumpf, aber loyal, auch wenn es vielleicht nicht immer ganz den Anschein erweckt, für jeden von ihnen würde Mal durchs Feuer gehen und umgekehrt. Dazu gesellen sich recht früh in der mehr oder weniger Folgen übergreifenden Staffel die dauerhaften Passagiere Shepherd Derrial Book, ein christlicher Geistlicher auf Missionsreise, Dr. Simon Tam und dessen Schwester River sowie die Companion – eine gesellschaftlich voll akzeptierte und sozial sehr angesehene Art von Luxushure – Inara Serra, die zudem mehr mit Mal zu verbinden scheint, als zunächst angenommen. Letztlich sind es Simon und seine Schwester, die den Anstoß zur Rahmenhandlung geben, hat er doch River über Umwege aus den Fängen der Allianz befreit, die in einer geheimen Einrichtung mysteriöse Experimente mit ihr anstellte, und findet schließlich Zuflucht auf der Serenity, wo er fortan auch als Bordarzt vermehrt zum Einsatz kommt.

 

 

© Fox Televison

 

 

Firefly erschien zu einem Zeitpunkt auf der Bildfläche, als das Science Fiction-Genre im Serienformat und auch abseits davon ein wenig müde geworden war und zu sehr im eigenen Saft schmorte und verpasste dem angestaubten Genre einen gewaltigen Tritt in den Hintern, wirft Whedon doch kurzer Hand einfach den pseudo-mythischen bis staatstragenden Ballast der Konkurrenz zu Gunsten von Charme, Witz und reichlich Hemdsärmeligkeit ohne zu zögern über Bord und erschafft eine faszinierende Welt voller interessanter und spannender Charaktere. Und diese sind dann neben dem Setting für mich auch der entscheidende Schlüssel zu meinem Herzen: Alle tragenden Figuren, also überwiegend die Crew der Serenity, sind zwar ein zusammengewürfelter Haufen, aber sie sind wahnsinnig liebenswert geschrieben und herrlich authentisch gespielt. So unterschiedlich sie sind, so gleichberechtigt existieren sie nebeneinander, so einzigartig ist jeder für sich von ihnen. Einen Lieblingscharakter auswählen könnte ich nicht, höchstens nach Stimmungslage. Und Joss Whedon nimmt sie wichtig und gibt ihnen Raum sich zu entwickeln. Jeder hat seine Geschichte, sein Päckchen zu tragen, hat seine ganz eigenen Wünsche, Träume und Sehnsüchte, die sich die Serie auch keineswegs scheut zu thematisieren. Und schließlich wachsen sie einem ans Herz, was auch der Grund dafür ist, warum man so sehr während all ihrer Abenteuer mit ihnen mitfiebert. Das alles in Kombination mit ganz hervorragend geschriebenen Dialogen, welche die Bandbreite von subtiler Ironie, situationsbedingtem Wortwitz, dem nötigen Ernst und ausreichend Dramatik mühelos beherrschen, ergibt so unfassbar viel Potential für zukünftige Abenteuer, was die frühe und plötzliche Absetzung nur noch unverständlicher erscheinen lässt als sie ohnehin schon ist.

 

Über die Gründe für die frühzeitige Absetzung gibt es viele Theorien, die Wahrheit aber werden wir ohnehin nie erfahren. Tatsache ist, dass Fox Firefly von Anfang an sehr wie ein ungeliebtes Stiefkind behandelte. Die Folgen wurden nicht chronologisch ausgestrahlt, Sendezeiten immer wieder verschoben, es gab kaum bis keine Werbung und für Sportevents ließ man es gern gleich ganz ausfallen. Wenn dann zwangsläufig die Quoten entsprechend schlecht ausfallen, dann wird argumentiert: es gefällt den Zuschauern nicht, also weg damit. Und so wurde Firefly letztlich nie vollständig ausgestrahlt, an eine Fortsetzung war ohnehin nicht zu denken und es verschwand still und leise in der Versenkung. Nur in Vergessenheit geriet die Serie nicht, denn dafür war ihre Fanbase schon zu groß und Mundpropaganda sowie die Heimkinoauswertung besorgten das übrige. Immerhin gab es noch einen würdigen Abschluss in Form des Kinofilmes Serentiy. Es kursiert zwar immer mal wieder das Gerücht, dass sich jemand, möglicherweise Netflix, die Rechte sichern, sich der Serie erneut annehmen und sie zurück auf den Bildschirm bringen würde, aber wenn ich darüber nachdenke, dann bin ich mir gar nicht so sicher, ob ich das überhaupt noch wollen würde. Jetzt, nach all den Jahren, wo ich die Absetzung verarbeitet habe, da ist die Angst zu groß, der Mythos könnte beschädigt werden. Und auch so lebt er weiter, der Geist der Serenity, in all den Conventions, in Fanprojekten, in Kurzfilmen, in Inside Jokes oder meinetwegen auch durch das Brettspiel. Joss Whedon hat mit Firefly einen ganz eigenen, sehr besonderen Kosmos erschaffen, anders als alles andere, einen Ort, voller wundervoller und liebenswerte Figuren, an den ich immer wieder gern zurückkehre und das auch weiterhin immer wieder tun werde. Und eines ist vollkommen klar: Nathan Fillion ist die coolste Sau unter der Sonne!

 

10 von 10 … ach egal, ich liebe diese Serie einfach

 

 

Die Glorreichen Sieben

2. März 2017 at 12:52

 

 

  © MGM

 

 

 

„What we lost in the fire, we found in the ashes.“

 

 

 

Der brutale wie rücksichtslose Grundbesitzer Bartholomew Bogue vergrößert sein Land mit eiserner Faust. Sein neuestes Objekt sind die Grundstücke der Bewohner von Rose Creek und um die anliegende Goldmine ausbeuten zu können, bietet er den Leuten zunächst einen Spottpreis weit unter Wert für ihr Land. Als das nicht funktioniert, braucht es Gewalt, um die Siedler zu vertreiben. In ihrer Not wendet sich die Witwe Emma Cullen an den erfahrenen Kopfgeldjäger Sam Chisolm, der eine schlagkräftige Truppe zusammen stellt, um den gemeinsamen Kampf gegen Bogue und seine Männer aufzunehmen.

 

Überall nur noch Remakes, Reboots, Sequels oder Prequels. Hollywood generiert keine eigenen Ideen mehr, erschafft nichts eigenständiges mehr. Ein schöner Satz, der leicht in den Wortschatz der Kulturpessimisten aufgenommen werden kann. Allerdings geht selbst mir – der dem hollywood´schen Remake-Wahn sonst eigentlich auch eher kritisch gegenüber eingestellt ist  – inzwischen diese Diskussion auf die Nerven, denn es gibt sie durchaus, die Ideen, auch in Hollywood, man muss sich nur als Film interessierter Mensch manchmal einfach auch auf die Suche nach ihnen begeben und sich mit dem Medium auch auseinander setzen. Auf dem Silbertablett neben der heimischen Couch jedenfalls werden sie sicher nicht serviert werden. Insofern soll es an dieser Stelle auch gar nicht darum gehen, zumal man das dem neuen Film von Antoine Fuqua auch gar nicht zum Vorwurf machen kann, ist doch bereits der 1960 von John Sturges gedrehte Die Glorreichen Sieben mit Yul Brunner und Steve McQueen in den Hauptrollen auch nur ein Remake von Akira Kurosawas Die Sieben Samurai aus dem Jahre 1954. Auch würde ich Fuquas Version der sieben Samurai nur bedingt als Western wahrgenommen sehen. Sicher bedient er sich dem Setting und dem Look dieses Genre mit seiner oftmals sehr einfach gehaltenen Struktur, weist ansonsten aber höchstens oberflächliche und eher kaum typische Merkmale auf und wirkt auf mich vielmehr wie ein Actionfilm im Gewand eines Western. Spätestens im überaus bleihaltigen Finale offenbart sie dann Die Glorreichen Sieben als reinrassiger Actioner voller leicht ironischem Augenzwinkern und angenehm dosiertem Humor. Das liegt meist vor allem an der wunderbar funktionierenden Kombination aus Denzel Washington und Chris Pratt, denn die Chemie zwischen den beiden stimmt einfach, ähnlich wie damals bei Yul Bunner und Steve McQueen – von denen wir ja heute wissen, dass sie sich so gar nicht leiden konnten, wenn die Kamera aus war, und Brunner den jungen und frechen McQueen als Bedrohung für seinen eigenen Status betrachtete.

 

Auch der übrige Cast weiß zu überzeugen und besticht durch enorme ethnische Vielfalt, wenn ein Nordstaatler, ein Südstaatler, ein Mexikaner, ein Chinese, ein Indianer, ein Kanadier und ein Europäer gemeinsam Seite an Seite zu den Waffen greifen. Und die sind auch alle toll besetzt mit Ethan Hawke (den ich eigentlich immer gern sehe und sehr schätze), Vincent D´Onofrio, Byung-hun Lee (an dieser Stelle bitte nicht wieder das reflexartige „White-washing“ Gemaule, bloß weil der Chinese von einem Koreaner verkörpert wird – man kann es auch übertreiben), Manuel Garcia-Rulfo und Martin Sensmeier. Allerdings leidet auch Die Glorreichen Sieben an einem für solche Ensemble getriebenen Filme oftmals recht typischen Problem, wenn einfach nicht jeder einzelne der geradezu archetypischen Charaktere auch genügend Raum bekommt um sich entfalten zu können. Vor allem der von Martin Sensmeier verkörperte Indianer Red Harvest hat mit mangelnder Screentime und einer kaum erklärten Motivation für sein Handeln zu kämpfen. Auch die einzelnen Rekrutierungen der fünf Mitstreiter im Kampf gegen Bogue fallen mir oft zu kurz aus und wirken seltsam gehetzt. Da hätte ich mir mehr gewünscht, gerade auch, weil Sturges Film da eine deutlich besser Balance findet. Dennoch bleibt Fuqua seinem bisherigen Arbeitsethos treu und inszeniert sein jüngstes Werk abermals geradlinig, schnörkellos und ganz im Sinne des von ihm gewohnten Kino des Exzesse. Allerdings fällt Die Glorreichen Sieben für seine Verhältnisse geradezu zahm aus. Gestorben wird hier zwar viel und reichlich, gern auch spektakulär in Szene gesetzt, aber der offensichtliche Mangel an Blut fällt nicht nur schnell ins Auge, es drückt auch ein wenig die sonst eher gelungene Atmosphäre.

 

Letztlich sehe ich Antoine Fuquas neuesten Film weniger als Remake, sondern eher als eine weitere, leicht abgewandelte Adaption eines bestehenden Stoffes, die in einem ganz ähnlichen Verhältnis zu Sturges Film steht wie Walter Hills Last Man Standing zu Sergio Leones Für eine Handvoll Dollar: am Ende lässt sich in beiden Fällen alles auf Akira Kurosawa zurückführen. Fuqua jedoch legt seinen Schwerpunkt wie Walter Hill auch deutlich stärker auf die Action und die kann sich einfach sehen lassen. Dazu bietet er uns interessante Charaktere, die zwar etwas besser ausgearbeitet und in Szene gesetzt sein könnten, aber nichts desto trotz zu unterhalten wissen und sehr gut miteinander harmonieren. Das ist dann auch letzten Endes ein schönes Fazit: Die Glorreichen Sieben ist trotz seiner teils offensichtlichen Schwächen einfach unterhaltsam und macht Spaß! Nicht mehr und nicht weniger.

 

7 von 10 alles niedermähenden Gatlin Guns

 

 

Bring Me the Head of Alfredo Garcia

8. Juni 2016 at 13:18

 

 

© United Artists

 

 

 

„Listen. The church cuts off the feet, fingers, any other goddamn thing from the saints, don’t they? Well, what the hell? Alfredo’s our saint. He’s the saint of our money, and I’m gonna borrow a piece of him.“

 

 

 

Alfredo Garcia hat die falsche Frau geschwängert, nämlich die Tochter des Großgrundbesitzers El Jefe. Also erlässt dieser eine Belohnung in Höhe von 1.000.000 Dollar auf dessen Kopf. Als der abgewrackte Barpianist Bennie eher zufällig erfährt, dass Garcia schon längst tot ist, wittert er die große Chance, endlich seinem trostlosen Leben entkommen zu können, denn scheinbar kaum jemand außer ihm weiß davon. So macht er sich mit seiner Geliebten Elita an seiner Seite und bewaffnet mit einer Machete auf die Suche nach dem Grab des Alfredo Garcia, doch die Konkurrenz schläft nicht…

 

Nach einer kleinen Schaffenspause, bedingt aus den verschiedensten Gründen, melde ich mich nach einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Liste nun auch endlich wieder mit einer Rezension zurück. Einer Rezension zu einem der Filme aus eben jener Liste, ein Film, dessen Bekanntheitsgrad ungerechtfertigter Weise bei weitem nicht so hoch ist, wie es verdient wäre, ein Film, der trotzdem zu meinen Lieblingen gehört. Die Rede ist von Sam Peckinpahs nihilistischem Spätwerk, von seiner Abkehr vom ihn anwidernden Zirkus namens Hollywood, von Bring Me the Head of Alfredo Garcia (dessen Titel ich der Einfachheit halber fortan mit Alfredo Garcia abkürzen werde). Denn obwohl Peckinpah zuvor mit The Wild Bunch, Straw Dogs, Junior Bonner, Getaway und Pat Garrett & Billy the Kid (alle übrigens sehr zu Empfehlen) fünf erfolgreiche Filme hatte, fühlte er sich nie wirklich wohl in Hollywood und hatte bei beinahe allen seiner Filme immer Probleme mit Produzenten und Filmstudios. Selbst sein größter Erfolg The Wild Bunch entsprach so nie ganz seinen Vorstellungen und nach den aus seiner Sicht desaströsen Dreharbeiten zu Pat Garrett & Billy the Kid, an deren Ende der Film massiv umgeschnitten und Peckinpahs künstlerische Vision in seinen Augen verstümmelt wurde, beschloss er, fortan kein solches Risiko mehr einzugehen und nur noch allein und so unabhängig wie möglich  zu arbeiten, um nie wieder die vollständige künstlerische Kontrolle abgeben zu müssen. Die Idee zu Alfredo Garcia war schnell geboren und um sie zu finanzieren, wandte sich Peckinpah an seinen Freund Martin Baum, der zuvor eine eigene kleine Produktionsfirma gegründet und einen Verleih-Deal mit United Artists abgeschlossen hatte. Das Projekt bekam grünes Licht und so wurde Alfredo Garcia als Low-Budget-Produktion mit einem Budget von 1,5 Millionen Dollar vollständig in Mexiko realisiert, stellte also ein überschaubares Risiko für alle Beteiligten dar. So wurde Alfredo Garcia der nach eigenen Angaben einzige Film, den Peckinpah so drehen und schneiden konnte, wie er es wünschte, kommerziell jedoch der vielleicht größte Flop seiner Karriere und fast die gesamte US-Filmkritik nannte den Film eine Katastrophe. Diverse ausgesprochen schädliche, öffentliche Eskapaden des zu dem Zeitpunkt schweren Alkoholikers Peckinpah führten dann dazu, dass United Artists das Interesse an dem Film verlor und ihn recht schnell wieder aus den Kinos zurückzog. Seinen heutigen Liebhaberstatus unter Filmfreunden wie mir sollte Alfredo Garcia erst viel später erlangen. Oder um den Filmkritiker Roger Ebert zu zitieren: „Ein Meisterwerk – ein seltsam eigenartiges, bizarres Meisterwerk, welches einige Zuschauer wohl abstoßen wird, aber auch ein sehr langes Leben haben wird.“ Er sollte Recht behalten.

 

 

 

„There ain’t nothing sacred about a hole in the ground or the man that’s in it. Or you. Or me.“

 

 

 

Ohne jeden Zweifel kann man Alfredo Garcia als Peckinpahs Herzens – und Lieblingsprojekt bezeichnen, lässt es doch sogar autobiografische Tendenzen in seiner Lesart zu. So kämpft Bennie doch ebenso wie Peckinpah gegen ein verkrustetes System, rebelliert gegen fragwürdige Obrigkeiten, und beide sollten letztlich an diesem Kampf zu Grunde gehen. Überhaupt erfährt die Figur des Bennie eine interessante wie ungewöhnliche Charakterentwicklung im Verlauf seiner Odyssee quer durch Mexiko. Anfangs noch eher als einer dieser geradezu klassischen, sympathischen Verlierertypen gezeichnet, einer, der zwar ständig strauchelt und fällt, aber auch immer wieder aufsteht und es erneut versucht, einer, der dennoch an sein Glück glaubt („Nobody loses all the time.“) und selbst im Niedergang noch seine Würde zu bewahren versucht, wird Bennie mit zunehmender Laufzeit auch zunehmend unsympathischer. Er wird zu einem Getriebenen, zunächst von Gier, später dann von Rache, einer, der irgendwann an den Punkt kommen wird, an dem er seinen eigenen Anblick im Spiegel nicht mehr wird ertragen können, zerfressen von Schuld, doch zu diesem Zeitpunkt ist längst jegliches Mitleid für ihn beim Zuschauer verflogen. Das Geld wird zum einzig Heiligen, alles andere ist nichts mehr wert. Wenn Bennie und Elita in einer der vielleicht berührendsten und ganz seltenen zarten Szenen unter einem Baum sitzen auf dem Weg zu Alfredos Grab, dann werden ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe und Vorstellungen so deutlich, wie sie kaum deutlicher werden könnten. Es ist die einzige Szene im Film, die von etwas anderem, vielleicht von Hoffnung künden könnte. Elita will singen, eine Bar eröffnen, sich langsam, aber sicher und allen Risiken und Problemen trotzend eine Existenz aufbauen. Bennie will den Kopf und das Geld – koste es, was es wolle. Und es kostet viel. Später dann, wenn Bennie Alfredos Grab ausheben wird um sich dessen Kopf zu holen, dann ist das der Moment, in dem dieses sehr zarte und fragile Geflecht zwischen ihm und Elita vollends zerbrechen wird, und das einzige, was vielleicht jemals eine Chance gehabt hätte, kaputt gehen wird, unwiderruflich, unwiederbringlich. Danach wird es nur noch immer bizarrer, Bennie immer verzweifelter. Unterwegs quer durch Mexiko, auf dem Weg zu seinem Bestimmungsort, um seine Belohnung zu kassieren, mit welcher alles gut werden soll, was schon lange nicht mehr gut werden kann, beginnt er, sich mit Alfredos Kopf, den er in einem Sack auf dem Beifahrersitz transportiert, zu unterhalten, später gar regelrecht anzufreunden. Der Tod wird zum Sinnbild allen Daseins. Mit dem Tod kann man reden, mit den Lebenden nicht. Nicht mit den Verwandten Alfredos, die den Kopf wieder haben wollen, um ihn zu begraben, nicht mit den amerikanischen Kopfgeldjägern, die nur die eine Million Dollar wollen und sonst nichts. Nicht mit Elita, die ein anderes Leben wollte. Bennie bleibt letztlich nur noch Alfredo.

 

Selbst im ohnehin schon starken Schaffen eines Sam Peckinpah nimmt Alfredo Garcia eine Ausnahmestellung ein. Neben Elementen des klassischen Road-Movie verbindet er ebenso gekonnt Action- und Thrillerbestandteile mit denen des Western, erschafft dramatische Momente und erzählt eine melancholische Liebesgeschichte. All das verschmilzt Peckinpah zu einem schmutzigen Film voller Blut, Schweiß und Tränen, desillusionierend und nihilistisch, geradezu verstörend zynisch und dennoch seltsam hoffnungsvoll, denn selbst in den schlimmsten Momenten findet Peckinpah immer wieder Platz für Wehmut und Schönheit. Alfredo Garcia ist weniger spektakulär und zeigefreudig inszeniert als beispielsweise noch The Wild Bunch, dafür aber auch deutlich düsterer und atmosphärischer. Die raue Gewalt entsteht hier nicht durch balletartig inszenierte Zeitlupenaufnahmen von Schusswunden und Sterbenden, nicht durch Peckinpahs so gern benutzte und perfektionierte Schnitt/Gegenschnitt-Technik, sondern vielmehr allein durch die bleischwere Verzweiflung der Geschichte selbst. In meinen Augen ist Alfredo Garcia der stärkste Film im Schaffen von Sam Peckinpah, sein Abgesang auf und gleichzeitig seine Abkehr von Amerika im Allgemeinen und Hollywood im Besonderen und zweifellos ein Fingerzeig dessen, wozu Peckinpah fähig gewesen wäre, hätte man ihn nach seinen Vorstellungen arbeiten lassen. Ein raues, düsteres und erstaunlich nihilistisches Meisterwerk, welches völlig zu Unrecht bereits zur Stunde seiner Geburt viel zu schnell in Vergessenheit geriet und auch heute leider noch immer nicht die Anerkennung erfährt, welche es verdient hat.

 

9 von 10 ausgesetzten Kopfgeldern