Punisher: War Zone (2008)

1. November 2018 at 21:20

 

 

© Lionsgate Films/Marvel Studios/Quelle: IMDb

 

 

 

Sometimes I would like to get my hands on God.“

 

 

 

Bereits seit sechs Jahren wütet der Punisher und dezimiert die Unterwelt. Als es einer großen Mafia-Familie an den Kragen gehen soll, da überlebt nicht nur Billy Russoti schwer entstellt, Frank Castle erschießt auch einen Undercover-Agenten des FBI. Russoti sinnt fortan auf Rache, doch nicht nur der Punisher selbst rückt in seinen Blick, auch die Familie des Spitzels soll beseitigt werden. Ein blutiger Krieg beginnt.

 

Punisher: War Zone von der in Deutschland geborenen Regisseurin Lexi Alexander ist bereits der dritte Anlauf einer filmischen Aufarbeitung des erbarmungslosen Vigilanten und endlich auch die erste, welcher es gelingt, den Kern der Vorlage auch wirklich zu treffen. War Zone zeigt Frank Castle als genau das, was er ist: eine effiziente, erbarmungslose, skrupellose und alles andere als heldenhafte Tötungsmaschine mit ganz eigenem moralischen Kompass, erfüllt von Todessehnsucht und auf einer niemals enden wollenden Mission mit dem alleinigen Ziel endlich sterben zu dürfen. Zwar blitzen immer mal wieder zersplitterte Fragmente eines früheren Lebens auf, doch all das ist schon viel zu weit weg. So ist dann letztlich auch der eigentliche Star die absurd hohe Gewalt, mit welcher der Abschaum in einer Flut aus Blut aus den Straßen und Städten gespült wird.

 

Ideologisch darf man das nicht hinterfragen, denn da lässt sich kaum etwas schön reden, wenn mehrfach betont wird, wie ineffektiv das Rechtssystem ist, wenn Gnade und Resozialisierung keine Option darstellen und wenn Kriminelle lieber an Ort und Stelle gleich hingerichtet werden. Doch so brutal der Film auch ist, in der extrem überhöhten Comicästhetik wirkt das alles nur selten wirklich grausam und kann kaum ernst genommen werden. War Zone versteht sich vielmehr als B-Movie der 80er Jahre, kommt total überzogen und absurd überzeichnet daher und erliegt nicht dem Fehler, die Figur des Punishers allzu ernst zu nehmen, wenn stattdessen genau diese gnadenlose Überhöhung geradezu zelebriert wird. Auch die hochgradig stilisierte Optik ist ein klarer Verweis auf den comichaften Ursprung des Punishers und zugleich eine visuelle Abkehr vom noch halbwegs realistisch gehaltenem Film von Jonathan Hensleigh aus 2004.

 

Letztlich ist dann War Zone auch stimmiger im Gesamtbild als der tonal doch sehr wankelmütige Vorgänger. Lexi Alexander und ihr Team sind sich völlig im Klaren darüber, was sie da tun, wie sie es tun und was sie wollen. Der Punisher wird hier ernst genug genommen, aber gerade nicht zu ernst. War Zone ist nicht tiefgründig, intelligent oder gar moralisch valide, aber er ist in seinem ureigenem Genre-Verständnis geradezu ehrlich. Dazu ist Ray Stevenson als Frank Castle/Punisher eine hervorragende – meiner Meinung nach die bisher beste – Besetzung und glänzt wortkarg durch grimmigen Stoizismus der ganz besonderen Art, zynisch, skrupellos und brutal effizient in seinem Tun. Und auch das zweiteilige Gegenstück bestehend aus dem gestörten Billy Russoti/Jigsaw und seinem noch viel mehr gestörten Bruder Loony Bin Jim kann mehr als überzeugen, wenn Dominic West und Doug Hutchison in diesem immer weiter eskalierendem Wahnsinn geradezu aufgehen und sich immer wieder gegenseitig in neue Höhen des Irrsinns pushen. Alles in allem ist War Zone eine Mordsgaudi, die moralischen Blickwinkeln zwar zu keiner Sekunde stand halten kann, sich dem aber auch sehr wohl bewusst ist und sich als reine und ursprüngliche Verfilmung einer ultra brutalen Comicreihe sieht. Nicht mehr und nicht weniger.

 

7 von 10 gnadenlosen Exekutionen

 

 

Lo chiamavano Jeeg Robot (2015)

8. April 2018 at 18:02

 

© Lucky Red

 

 

Der Kleinkriminelle Enzo befindet sich gerade auf der Flucht vor der Polizei durch verwinkelte römische Gassen und entscheidet sich für ein Versteck im Fluss Tiber. Dumm nur, dass dort augenscheinlich radioaktiver Abfall entsorgt wurde und er damit in Kontakt kommt. Schon bald muss er feststellen, dass sein Körper sich verändert und er scheinbar übermenschliche Kraft entwickelt hat. Als er diese Kräfte nutzt, um einen Geldautomaten aufzubrechen, landet ein Video von ihm im Internet, welches die Aufmerksamkeit des Mafiosi Zingaro auf sich zieht.

 

Da muss also erst ein kleiner Superheldenfilm aus Italien kommen und frischen Wind in schrecklich festgefahrene Strukturen bringen, um den Genre-Größen aus Übersee mal kurz zu zeigen, dass man solche Geschichten auch anders erzählen kann. Ich gebe zu, dass mich Jeeg Robot ausgesprochen positiv überraschen konnte, allerdings war meine Erwartungshaltung verhältnismäßig gering, klang der Plot zumindest auf dem Papier für mich doch verdächtig trashig. Aber weit gefehlt: der erste Langfilm vom italienischen Regisseur Gabriele Mainetti funktioniert ganz hervorragend, weil er seinen erzählerischen Fokus geschickt verschiebt und bestimmte Motive und Mechanismen des Genres aushebelt oder gar gleich ganz unterwandert.

 

Zwar erzählt Jeeg Robot einerseits eine ganz gewöhnliche Origin-Story, misst aber andererseits den unfreiwillig erworbenen Kräften des Protagonisten in Gestalt des Kleinkriminellen Enzo erfrischend wenig Bedeutung bei und befasst sich stattdessen viel lieber mit dem emotionalen Innenleben seiner Figuren. So kann also von einem effektgeladenen Spektakel kaum die Rede sein, wenn vielmehr nicht nur die persönliche Entwicklung von Enzo im Mittelpunkt steht, sondern eben auch jene von Alessia, welche ohnehin eine der Stärken des Filmes ist: wie Ilenia Pastorelli diese fragile Figur verkörpert, das ist schon recht beeindruckend. Schnell wird sie zum emotionalen Herzstück des Filmes und nicht nur wegweisend für Enzo, der anhand der Beziehung zu ihr auch seine eigenen Gefühle auf den Prüfstein stellen muss, sondern auch für den Zuschauer, welcher fortan versucht, irgendwie aus dieser kindlich anmutenden Frau und ihrem seltsam wirren Innenleben schlau zu werden.

 

Natürlich sieht man Jeeg Robot sein eher schmales Budget auch immer mal wieder an, aber insgesamt macht Regisseur Mainetti das schon sehr geschickt in seiner Inszenierung, indem oftmals die Action eben gerade nicht im Mittelpunkt steht und wenn doch, dann wird das gekonnt umschifft, so dass sich sein Film wirklich selten arg schwachen Effekten ergeben muss. Überhaupt hat Jeeg Robot insgesamt einen stark italienischen Einschlag und orientiert sich visuell herzlich wenig an etwaigen großen Genre-Brüdern, wenn vor allem Rom selbst eine nicht zu verachtende Rolle im Film spielt und viel Lokalkolorit einbringt: enge, verwinkelte Gassen abseits der üblichen Touristen-Attraktionen, schmutzige Randbezirke, ja, sogar das Derby Lazio – Roma finden ihren Platz im Geschehen und all das setzt so der Ewigen Stadt ein modernes Denkmal.

 

Zudem hat Mainetti immer wieder wirklich hübsche Ideen und findet schöne Bilder wie zum Beispiel in der Szene mit Enzo und Alessia in seiner Wohnung, wenn sie dort via Beamer die Serie Kōtetsu Jīgu schauen und plötzlich beide Welten miteinander verschmelzen. Oder wenn Enzo erstmals seine Superkräfte für sich entdeckt und dabei die ganze Zeit ein Porno im Hintergrund läuft. Das sind kleine Widerhaken, die all das doch sehr menschlich wirken lassen und den Film merklich erden. Die Welt rund um Enzo ist überhaupt insgesamt voller wunderbarer, teils winziger Details, wirkt dadurch greifbarer und man spürt deutlich, dass man sich hier doch sehr viele Gedanken gemacht hat und viel Herzblut und Leidenschaft hat einfließen lassen. Das ist es dann letztlich auch, was Jeeg Robot für mich so reizvoll macht, denn der Film hat eindeutig etwas, was ich oft innerhalb seines Genre schmerzlich vermisse: Herz, Seele und eine Vision. Jeeg Robot lässt mich etwas fühlen. Und das kann ich nicht von sonderlich vielen Filmen über Superhelden behaupten.

 

8 von 10 Joghurts beim Porno gucken

 

 

Scott Pilgrim vs. the World

28. September 2017 at 23:43

 

 

© Universal Pictures

 

 

 

„An epic of epic epicness.“

 

 

 

Scott Pilgrim ist ein mustergültiger Slacker. Anfang 20, ohne Job, gammelt er sich Tag für Tag durch sein Leben in Toronto, datet ein Schulmädchen und probt immerzu mit seiner Band Sex Bob-omb für den großen Durchbruch, als plötzlich die geheimnisvolle Schönheit Ramona Flowers in sein Leben platzt. Sie ist buchstäblich das Mädchen seiner Träume, doch bevor er mit ihr zusammen sein kann, muss er sich noch mit ihren sieben teuflischen Ex-Lovern rumschlagen.

 

Ich platze mit meiner Meinung gleich einfach mal so heraus: Edgar Wright ist ein meisterhafter Regisseur, Scott Pilgrim vs. the World ist der Beweis und dieser Text eine Liebeserklärung an sein zweifellos stärkstes Werk. Seine Verfilmung des sechsteiligen Comics von Bryan Lee O´Malley ist ein permanent Popkultur referenzierendes Monster, ein visuell einzigartiges Feuerwerk der Ideen, ein Wanderer zwischen den unterschiedlichsten medialen Kunstformen, dem es mühelos gelingt all seine Einflüsse zu bündeln und ein vollkommen für sich stehendes Gesamtkunstwerk zu erschaffen. Und wie Wright die Geschichte erzählt, wie er die Gedanken – und Gefühlswelt seines Protagonisten direkt und ungefiltert auf die Leinwand überträgt und den Zuschauer daran teilhaben lässt, das zeugt von unglaublich profunder Kenntnis der letzten vierzig Jahre Popkultur – von Pac Man über Mangas bis hin zu zeitgenössischem Indierock – sowie einer schier immensen Lust daran, mit dieser Kenntnis zu spielen und einem unglaublich guten Gespür für Tempo und Timing. Visuell ist das alles unfassbar eindrucksvoll und geradezu überbordend kreativ umgesetzt, wenn sich die verschiedensten Erzählformen munter vermischen, wenn 80er Jahre Videospiel-Ästhetik auf Comicwelten trifft, wenn sich der Film frech und schamlos Dinge erlaubt, vor denen auf Filmhochschulen stets gewarnt wird, dann bricht Scott Pilgrim vs. the World buchstäblich den filmischen Horizont auf. Was mich aber abseits all dieser audiovisuellen Pracht, all der wundervollen Ideen und Einfällen auf der erzählerischen Ebene und all dieser nerdigen Detailverliebtheit noch am allermeisten fasziniert und begeistert, das ist der so schlichte wie zu gleich schöne Kern der Geschichte. Wenn man nämlich all diesen Popkultur-Wahnsinn, die inszenatorischen Tricks und Kniffe und den visuellen Budenzauber einfach mal außen vor lässt und beiseite wischt, dann offenbart sich tief im Innern von Scott Pilgrim vs. the World ein roter Faden, welcher zu keiner Sekunde aus den Augen gelassen wird. Denn letztlich erzählt Edgar Wright mit seinem Film nicht mehr und nicht weniger als die vielleicht älteste Geschichte der Menschheit: Junge trifft Mädchen, Junge verliebt sich in Mädchen. So einfach, so universell. Und bei all dem kreativen Feuerwerk, welches er nahezu permanent entfacht, verliert er nie das Gespür für seine Figuren und drosselt gezielt das erzählerische Tempo um der Romanze zwischen Scott und Ramona genügend Freiraum und Luft zum atmen zu geben. Der Cast erledigt dann den Rest und füllt den Film mit Leben und lässt seine Liebesgeschichte erst richtig glaubwürdig erscheinen. Und auch bis in kleinere Nebenrollen ist der Film wahnsinnig gut besetzt und kann mit Namen wie Chris Evans, Anna Kendrick, Brie Larson, Jason Schwartman, Brandon Routh oder Kieran Culkin um sich werfen. Sogar Thomas Jane und Clifton Collins, jr. dürfen kurz für einen ausgesprochen witzigen Cameo-Auftritt vorbeischauen. Aber das Herz von Scott Pilgrim vs. the World sind Michael Cera und die wundervolle Mary Elizabeth Winstead. Und seien wir doch mal ehrlich: wie könnte man sich nicht in Ramona Flowers verlieben?

 

Natürlich ist sich Edgar Wright vollkommen im klaren darüber, dass er allein aufgrund der Art und Weise, wie er seine Geschichte erzählt, große Teile des Publikums nicht erreichen wird. Dafür ist vieles an Scott Pilgrim vs. the World einfach zu weit weg vom Mainstream, vieles einfach zu sehr auf bestimmte Nischen der Popkultur fixiert. Das schöne aber ist: es ist ihm egal. Wright zelebriert das alles so voller Enthusiasmus, dass man das Gefühl bekommt, er hätte den Film auch nur für sich allein gemacht. Schon die Cornetto-Trilogie (Shaun of the Dead, Hot Fuzz, The World´s End) war sehr gut und zeugte vom scheinbar grenzenlosen Genre-Wissen ihres Regisseurs, aber Scott Pilgrim vs. the World treibt das alles frech wie versiert auf die Spitze und katapultiert den Film damit tief in mein Nerd-Herz. Baby Driver habe ich leider noch nicht sehen können, bin aber sehr, sehr gespannt darauf, was sich Mr. Wright hier wieder alles hat einfallen lassen. Seine Vision von Ant-Man hätte ich übrigens auch nur allzu gern gesehen.

 

9 von 10 Extraleben

 

 

Dredd

30. November 2016 at 19:26

 

 

© Lionsgate

 

 

 

„America is an irradiated wasteland. Within it lies a city. Outside the boundary walls, a desert. A cursed earth. Inside the walls, a cursed city, stretching from Boston to Washington D.C. An unbroken concrete landscape. 800 million people living in the ruin of the old world and the mega structures of the new one. Mega blocks. Mega highways. Mega City One. Convulsing. Choking. Breaking under its own weight. Citizens in fear of the street. The gun. The gang. Only one thing fighting for order in the chaos: the men and women of the Hall of Justice. Juries. Executioners. Judges.“

 

 

 

In der Zukunft sind weite Teile Amerikas zu nuklearen Wüsten verbrannt, doch gibt es noch gigantische Städte wie Mega City One, einem riesigen Moloch an der Ostküste, der sich von Boston aus bis nach Washington, D.C. ausgebreitet hat und rund 800 Millionen Einwohner zählt. Um in diesem kochenden Schmelztiegel das Gesetz aufrecht zu erhalten und Gewalt und Verbrechen Einhalt zu gebieten, gibt es die sogenannten Judges, Verbrechensbekämpfer und Jury, Richter und vollstreckende Exekutive in Personalunion. Einer dieser Judges ist der legendäre Dredd, der mit einer neuen Rekrutin einen mehrfachen Mord in dem 200 Stockwerke umfassenden Hochhaus Peach Trees aufklären soll. Scheinbar ein Routinefall, doch steht Peach Trees unter der Kontrolle von Drogenbaronin Ma-Ma, die keine Judges innerhalb ihres Einflussbereiches dulden kann, den Gebäudekomplex kurzer Hand vollständig abriegelt und die beiden Judges zum Abschuss freigibt.

 

Ein häufig gemachter Fehler in der Rezeption von Dredd ist die irrige Annahme, es mit einem Remake des Filmes von 1995 zu tun zu haben, in welchem noch Sylvester Stallone die Rolle des Judge Dredd übernahm. Das ist faktisch schlicht und ergreifend falsch, denn sowohl Judge Dredd von Danny Cannon als auch jetzt Dredd von Pete Travis sind Verfilmungen eines Comics, der erstmals 1977 als Teil der britischen Anthologie 2000 A.D. in Erscheinung getreten ist. Insofern sind beide Filme als eigenständig zu betrachten und beziehen sich in keinster Weise aufeinander, sondern lediglich auf eine gemeinsame Vorlage, die sie unterschiedlich versuchen aufzuarbeiten und die auf völlig verschiedene Art und Weise funktionieren. Tatsächlich kommt Dredd dann auch seiner gezeichneten Vorlage deutlich näher als noch Judge Dredd siebzehn Jahre zuvor, bei dem seine Macher scheinbar relativ wenig Vertrauen in seinen Ursprung hatten, reicherten sie ihren Film doch mehr oder weniger wahllos mit zahlreichen Elementen an, die dem Geist der Comics geradezu widersprüchlich entgegenlaufen und deren Essenz letztlich so sehr verwässern, dass Judge Dredd meist nur noch als launiges Sylvester Stallone-Vehikel wahrgenommen wird. Dredd hingegen ist in seiner enormen Gewaltdarstellung und seinem rohen Zynismus dem faschistoiden Grundgedanken hinter den Comics deutlich näher und zeigt sehr deutlich, wie filmische Comic-Adaptionen abseits von Marvel und Co. eben auch noch aussehen können: kurz und schmerzlos auf den Punkt inszeniert ohne unnötige Spielereien, atmosphärisch sehr nah an seiner Vorlage und gänzlich verzichtend auf Origin Stories, Subplots und potentielle Fortsetzungen oder Spin Offs. Dredd ist geradlinig, schnörkellos und erzählerisch sehr einfach gehalten, hat kein Gramm Fett zuviel auf den Rippen und die Hintergrundgeschichte der Judges und ihren Mega Cities ist denkbar verknappt und auf das Allernötigste reduziert. Die Welt von Dredd bleibt eine vage, grob umrissene Skizze, Politik und Grundsatzdebatten über Ethik und Moral des faschistoiden Justiz- und Gesellschaftssystems werden anderswo geführt, jedenfalls nicht in den neunzig Minuten dieses Films, es ist eine Welt des ununterbrochenen, zur Normalität gewordenen Ausnahmezustandes, in der es für den Titelhelden nur zwei Dinge in Relation zu setzen gibt: das Verbrechen und das Gesetz, aus denen sich die Kausalitäten des Urteilsspruchs und der Vollstreckung ableiten. Nichts anderes ist von Belang. Eine Hand voll gesprochener Zeilen aus dem Off und einige Bilder einer gewaltigen Betonwüste inmitten menschenfeindlicher Ödnis zu Beginn des Filmes reichen vollkommen aus, um alle Karten auf den Tisch zu legen. Dredd beleuchtet keine ganze Welt, betreibt kein umfassendes Worldbuilding, sondern konzentriert sich vielmehr auf eine Momentaufnahme dieser Welt, ein scheinbar willkürlich ausgewähltes Einzelbild aus dieser postapokalyptischen Szenerie und macht dieses zu seinem Thema, aber gerade das ist seine große Stärke. Eben jenes gigantische Hochhaus, Peach Trees, bietet mit seinen weit in den Himmel empor ragenden Stockwerken, seinen dreckigen wie tristen Betonfassaden und dem zentralen Atrium nicht nur eine visuell reizvolle Kulisse, sondern wirkt darüberhinaus glaubwürdig genug, um der eigentlichen Geschichte einen handfesten Unterbau zu geben. Und ja, der Vergleich zu dem ganz ähnlich konzipierten The Raid drängt sich durchaus auf, aber Dredd ist dem indonesischen Action-Spektakel von 2011 dann doch nicht so sehr ähnlich, dass man die Messlatte nun unbedingt anlegen müsste, denn es ist eben kein Martial Arts-Ballet, es gibt keine Minuten langen, virtuos inszenierten Kampfsequenzen, nur gewaltige wie dreckige Schießereien und Kugeln, die in Körper einschlagen und zerfetzte Löcher hinterlassen. Gerade durch die zeitlupenartigen, durch die neuartige Droge Slo-Mo bedingten Verfremdungseffekte erhält das ganze dann auch eine vollkommen eigene Ästhetik der Gewalt, wenn Blutfontänen schlierenartig durch den Raum wabern und zerfetztes Gewebe umher fliegt. Pete Travis´ Film ist folglich sehr brutal geraten, roh und nihilistisch, aber das braucht es auch, um eben jene faschistoiden Züge des Systems hinter den Judges überhaupt erst anzudeuten. Darüber hinaus aber ist sein Dredd auch visuell sehr faszinierend geraten und hat zweifellos den einen oder anderen beeindruckenden Effekt zu bieten. Karl Urban verkörpert den scheinbar unendlichen Stoizismus und beinahe schon widerlichen Zynismus der Hauptfigur unfassbar gut und wirkt wie ein junger Clint Eastwood unter diesem Helm, welchen er dankbarer Weise und im Gegensatz zu Judge Dredd von 1995 niemals abnimmt, würde ihn das doch der grundlegenden Idee berauben, auch nur Teil einer gesichtslosen, maschinengleichen und anonymen Masse zu sein, die ihre ganz eigenen Regeln konsequent durchsetzt. Ihm gegenüber steht Lena Headey als Madeline Madrigal aka Ma-Ma, die den meisten wohl bekannt sein dürfte für ihre Rolle als Cersei Lannister in der Serie Game of Thrones. Ansonsten sticht bis auf Domhnall Gleeson in einer zu der Zeit eher winzigen Rolle noch Olivia Thirlby als Dredd´s neue Rekrutin mit übersinnlichen Fähigkeiten hervor, die, zwar als Mutantin stigmatisiert, dennoch einem Eignungstest als Judge unterzogen wird und die ihre spätere damsel in mistress-Lage nicht nur völlig ohne die Hilfe ihres männlichen Kollegen ganz allein aufzulösen weiß, sondern gleich auch noch dem verwundeten Dredd aus der Patsche hilft.

 

Dredd ist ein roher und kompromissloser Actioner, beinahe schon nihilistisch, enorm geradlinig und schnörkellos erzählt und steht somit seiner geistigen Vorlage deutlich näher als noch die Verfilmung von 1995. Wer in ihm nicht mehr als nur eine sinnlose Aneinanderreihung immer brutaler werdender Szenen sieht, glorifizierte Gewalt nur um ihrer selbst willen und vollkommen ohne Distanz, der hat entweder nicht richtig hingesehen oder erst gar nichts anderes sehen wollen, denn unter seiner zynischen Oberfläche verhandelt Dredd schon noch ein wenig mehr als man auf den ersten Blick vermuten würde. Davon ab funktioniert er einfach ganz wunderbar als Gegenentwurf zu all den zu Tode optimierten und glatt gebügelten Comicverfilmungen, die das moderne Blockbuster-Kino quasi im Alleingang für sich vereinnahmt haben. Oder um Dredd zu zitieren: „Negotiation’s over. Sentence is death.“

 

7,5 von 10 Hot Shots aus dem Lawgiver